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Die Rolle des Auswärtigen Amtes und der Reichswehr im deutsch-amerikanischen Militäraustausch in der Weimarer Republik.

Konflikt oder Kooperation?

Bachelorarbeit 2012 38 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Neuere Geschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Forschungsstand.
1.2 Quellenlage.

2. Außenpolitische Lage und das Auswärtige Amt
2.1 Wandel und Reform des Auswärtigen Amtes.
2.2 Die Botschafter in den USA

3. Die Reichswehr
3.1 Kontrolle durch die IMKK
3.2 Führungspersonen der Reichswehr

4. Verhältnis zwischen den USA und der Weimarer Republik

5. Deutsch-amerikanischer Militäraustausch
5.1 Der deutsch-sowjetische Militäraustausch im Vergleich..
5.2 Maßgebliche Personen der Militärkooperationen

6. Kooperation oder Konflikt zwischen RW und AA?

7. Fazit

8. Abkürzungsverzeichnis

9. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Wertende Bezeichnungen für die Zeitspanne der Weimarer Republik sind so zahlreich wie unterschiedlich. Besonders geläufig sind u.a. Beschreibungen wie die „Goldenen Zwanziger“, die „gescheiterte Republik“, oder „Keimzelle des Nationalsozialismus“. Keiner dieser Titel wird der WR in ihrer Gesamtheit gerecht, aber hat vermutlich, abhängig von der Perspektive, richtige Ansätze. Zweifelsfrei spielt bei jeder Staatsform die Perspektive der politischen Außendarstellung eine gewichtige Rolle und besonders nach einer Weltkriegsniederlage. Somit hatte das Auswärtige Amt die verantwortungsvolle und komplizierte Aufgabe, die Interessen des ersten demokratischen deutschen Staates auf diplomatischer Ebene zu repräsentieren. In dieser Arbeit geraten die militärischen Interessen der Weimarer Republik, vertreten durch die Reichswehr, in den Fokus. Um dem Rahmen dieser Untersuchung nicht zu sprengen, sind Wehrverbände wie der Stahlhelm oder inoffizielle Freikorpstruppen von der Untersuchung weitestgehend ausgenommen und das Hauptaugenmerk auf die staatliche Reichswehr gerichtet. Sowohl das Auswärtige Amt als auch die Reichswehr sind mit unterschiedlichen Aufgaben wichtige Bestandteile des neuen Staates und trotz verschiedener Aufgabenbereiche auf Zusammenarbeit angewiesen, um den Staat einheitlich und souverän repräsentieren zu können. Folglich bilden den thematischen und zeitlichen Rahmen die Außen- und Militärpolitik des Deutschen Reiches bzw. der Weimarer Republik nach der Unterzeichnung der Versailler Verträge bis zum Ende der Amtszeit des deutschen Botschafters in Washington Friedrich von Prittwitz und Gafron im Jahre 1933.

Die Rollen und Interessen der beiden Institutionen sollen anhand von geeigneten Quellen näher erläutert werden. Sowohl beim Auswärtigen Amt, als auch bei der Reichswehr anhand relevanter Aktenbestände , Schriftverkehr von Militärs und Funktionären und durch Selbstzeugnisse. Der Ausgangspunkt für die Fragestellungen in dieser Arbeit soll der kaum erforschte, illegale und zeitnah nach der Gründung der Republik einsetzende Militäraustausch zwischen dem Deutschen Reich und den Vereinigten Staaten von Amerika sein. Bereits während der Friedensverhandlungen entstanden zwischen den Militärs der USA und Deutschlands intensive Beziehungen und Kooperationen, die schließlich 1922 begannen und bis 1932/33 anhielten. Von diesem Punkt ausgehend sollen die Interessenkonflikte und Übereinstimmungen zwischen den erwähnten Institutionen untersucht und erläutert werden. Des Weiteren wird die versteckte Militärkooperation zwischen der Weimarer Republik und den USA mit dem vergleichsweise gut erforschten Militäraustausch mit der Sowjetunion verglichen, um Konstante bei Personen und Vorgehensweisen oder nennenswerte

Unterschiede festzustellen. Die grundlegenden Untersuchungsobjekte sind in dieser Arbeit die jeweiligen Ziele, deren Nutzen und Wahrnehmung der beiden Institutionen zu den knapp erläuterten Vorgängen.

In welchem Ausmaß war das Auswärtige Amt über die Militärkooperationen informiert bzw. involviert und wie waren die Reaktionen?

Führte die Reichswehr eine eigenmächtige Außenpolitik und was versprach sie sich von dem raschen Versuch der Wiederaufrüstung?

Allgemein stellt sich abschließend die Frage, was die Regierung und deren Ämter aus dem in die Katastrophe und Niederlage des Ersten Weltkriegs führenden, prägnanten Militarismus in der Gesellschaft gelernt hatte?

1.1 Forschungsstand

In der Geschichtsforschung nimmt die Zeit der Weimarer Republik, zwischen zwei Weltkriegen gelegen und die erste deutsche demokratische Republik, ein bedeutsames Forschungsfeld in der Neuesten Geschichte ein. Dementsprechend ist die Literatur zu diesem Themenbereich sowohl zahlreich als auch facettenreich. Lediglich die Außenpolitik der Weimarer Republik spielte in der Forschung lange Zeit nur eine kleine Rolle, da die deutsche Geschichtswissenschaft in den sechziger und siebziger Jahren eine Wende zur "Gesellschaftsgeschichte" vollzog, die eine Vernachlässigung des gesamten Forschungsfelds Außenpolitik und internationale Beziehungen zur Folge hatte.1 Dennoch sind wenige aufschlussreiche Überblickswerke, welche auch der Außenpolitik Beachtung schenken, vorhanden. Die aktuellsten und bedeutendsten Beiträge stammen von Gottfried Niedhart2, Eberhard Kolb3, Ursula Büttner4, Peter Krüger5 und Hans Mommsen6. Aufgrund unterschiedlicher Gewichtungen von außenpolitischen Faktoren, wie z.B. die Verzahnung mit der Innenpolitik, ergeben diese Werke einen überwiegend gelungenen Gesamtüberblick. Zudem gibt es wenige, aber sehr hilfreiche Arbeiten, die die Entwicklung des Auswärtigen Amtes zu jener Zeit untersuchen: Kurt Doß7 und Klaus Schwabe8 waren für diese Arbeit besonders wichtig. Dagegen ist die Literaturanzahl üppiger, die sich u.a. auch mit den außenpolitischen Beziehungen zu den Vereinigten Staaten auseinandersetzt. Dabei finden die

Werke von Manfred Berg9, Werner Link10, Hans-Jürgen Schröder11 und Michael Wala12 Verwendung. Um als Vergleich die Beziehungen zur Sowjetunion heranziehen zu können, benötigt es die Forschungsergebnisse aus dem Sammelwerk von Gottfried Niedhart13 und die Monographie von Manfred Zeidler14. Im Vergleich zur Außenpolitik und dem AA nimmt die Reichswehr einen wesentlich größeren Raum in der Forschungsliteratur ein. Mit Führungskräften der RW beschäftigen sich die Werke von Walter Görlitz15 und Heiner Möllers16. Diese Studien waren wichtig, um die Perspektiven der Entscheidungsträger in der RW erfahren zu können. Über den Zustand und der Situation der RW nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg und während der Weimarer Republik handeln die Arbeiten von Michael Geyer17, Ulrich Gundelach18, Karl Nuß19, Michael Salewski20, Wohlfeil Rainer21, Wolfram Wette22 und Rüdiger Bergien23. Der Ausgangspunkt dieser Arbeit, der deutsch-amerikanische Militäraustausch, ist bisher kaum in den Mittelpunkt der Forschung geraten und findet lediglich in den Werken, der bereits erwähnten Autoren Michael Geyer und insbesondere Michael Wala, die benötigte Aufmerksamkeit.

1.2 Quellenlage

Die Anzahl an relevanten Quellen zu dieser Thematik verhält sich in den jeweiligen Institutionen recht unterschiedlich. Zum einen sind die Akten des Auswärtigen Amts sehr gut aufgearbeitet, zugänglich und ermöglichen aufschlussreiche Erkenntnisse über die damaligen Verhältnisse innerhalb des Ministeriums. Zum anderen sind leider viele Militärakten aus der Weimarer Zeit im Laufe des Zweiten Weltkrieges in Deutschland zerstört worden und somit hierzulande kaum Quellen über den deutsch-amerikanischen Militäraustausch vorhanden. Ein Großteil der aussagekräftigsten Quellen befindet sich verhältnismäßig schwer zugänglich in Washington. Folglich stammen die Quellen für diese Arbeit mehrheitlich aus den Beständen des AA24 und eines Quellenbandes von Wolfgang Elz25. Zudem fanden Selbstzeugnisse wie Memoiren26 und öffentliche Stellungnahmen27 Verwendung. Allerdings war bei der Verwertung aufgrund des Einflusses sozialer Erwartung Vorsicht geboten. Memoiren erweisen sich für die behandelten Fragen zu Reichswehr als wenig hilfreich, da diese eher einen verfälschenden Charakter und die Intention haben, den Lebenslauf der betroffenen Personen in ein besseres Licht zu rücken. Beispielhaft ist die spannendste Phase der Militärgeschichte der Zwischenkriegszeit zwischen 1924 und 1931 von den meisten Memoiren ausgeblendet, zumal die meisten Offiziere jegliche Verantwortung auf General Hans von Seeckt schoben28.

2. Außenpolitische Lage und das Auswärtige Amt

Die Außenpolitik und somit das AA befanden sich nach dem Ende des Ersten Weltkrieges in einer beklemmenden und komplexen Situation. Der außenpolitische Handlungsspielraum war äußerst beschränkt durch die Reglementierung der Siegermächte und der zeitweise sehr instabilen politischen Lage der jeweiligen Regierung. Deutschland befand sich mit dem Aufbau einer Republik in einer neuen politischen Epoche, aber musste trotz aller innenpolitischen Hindernisse der neu entstandenen außenpolitischen Lage, mit den Vereinigten Staaten als neue Weltmacht, gerecht werden und seinen Platz in der neuen Weltordnung suchen. Diesem Wandel mussten, wenn auch vergleichsweise milde, ebenso die Strukturen und das Ansehen des Auswärtigen Amtes Rechnung tragen. Die Vertreter der deutschen Außenpolitik bildeten traditionsgemäß eine überwiegend aristokratische Elite und gerieten in der neuen Republik in den Verdacht, fanatische Anhänger der Monarchie zu sein. Allerdings kam es aus pragmatischen Gründen nicht zum großen Umbruch innerhalb des Personalwesens des Ministeriums. Aufgrund der hohen Anforderungen an die Repräsentanten hinsichtlich Fach-, Sprach- und Kulturkenntnissen vertrauten auch weiterhin die Bürger- und Arbeiterparteien einen Großteil der Außenpolitik den alten Eliten und der Oberschicht an.29 Trotz der Abschaffung der Privilegien für den Adel fanden zu Beginn der WR neue Gesellschaftskreise beruflich den Weg nur schwer in das Amt. Es ist sogar festzustellen, dass das Diplomatische Korps über die gesamte Zeit der Weimarer Republik beispielhaft für das Beharrungsvermögen einer Elite war, auch wenn es nach dem Ersten Weltkrieg zu einem Generationswechsel kam.30 Peter Krüger fand für diese Entwicklung eine sehr prägnante Beschreibung. "Diplomat zu sein, galt in der Weimarer Republik trotz mancher herausfordernder Infragestellung als Inbegriff der Zugehörigkeit zu Elite[...] um so mehr, wenn man sie näher bestimmt und den auswärtigen Dienst als eine besonders traditions- und prestigebetonte unter den politischen Führungsgruppen auffasst, genauer als eigene Gruppierung innerhalb der Funktionseliten staatlich-politischen Handelns."31 Trotz dieser adeligen Kontinuität hinsichtlich der Personalauswahl für das AA mussten Strukturreformen dem politischen Wandel gerecht werden. Die Bürokratie des Auswärtigen Amtes erfuhr eine gewisse Modernisierung, indem es sich von einer "Standes- zur Funktionselite" wandelte und sich sowohl der Welt der Wirtschaft öffnete, als auch Dienste von international anerkannten Persönlichkeiten und Organisationen in Anspruch nahm.32 Insbesondere die im nachfolgenden Gliederungspunkt näher erläuterte Schülersche Reform hatte den Zweck, die Kompetenzen auf Wirtschafts-und Sozialebene nachhaltig zu verbessern. Auch hinsichtlich des außenpolitischen Auftretens und Taktierens erfuhr das AA in der Weimarer Republik einen Wandel und passte sich dem internationalen Geschehen an. Die internationalen Rahmenbedingungen und die Versuche, auf diese verändernd einzuwirken, prägten nachhaltig die politische Entwicklung der Weimarer Republik und stellen einen Neuansatz in der deutschen Außenpolitik gegenüber dem wilhelminischen Deutschland dar.33 Grundsätzlich hatte das Streben nach der Revision des Versailler Friedensvertrags einen bestimmenden Charakter für die Außenpolitik der existenten WR. Lediglich der Umfang und die Mittel zu Erreichung der Revisionsziele bildeten Streitpunkte. Dieses Ziel hatte Deutschland mit den ehemaligen Verbündeten wie Ungarn und Bulgarien gemein, da alle territoriale Verluste erlitten hatten. Dies war die Voraussetzung für eine neue politische Zusammengehörigkeit.34

Allerdings empfanden es die deutschen Regierungskoalitionen und das AA als weitaus vielversprechender, die Kooperation mit den beiden Großmächten Sowjetunion und den Vereinigten Staaten von Amerika zu suchen, um die revisionistischen Ziele zu erreichen, da beide Länder immer stärker in die Weltgeschicke eingriffen. Allerdings waren beide weder Unterzeichner des Versailler Vertrages noch Mitglieder des Völkerbundes.35 Hierfür ist u.a. der Vertrag von Rapallo bezeichnend, der für großes internationales Aufsehen sorgte. Der Vertrag vom 16. April 1922 zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion steht für den ersten Anlauf einer eigenständigen Außenpolitik Deutschlands seit dem Kriegsende. Ihm ist eine Phase engerer wirtschaftlicher Kontakte und einer Zusammenarbeit zwischen Reichswehr und Roter Armee vorausgegangen.36 Der wohl bedeutendste Außenminister und somit Chef des AA war Gustav Stresemann, welcher das Amt von 1923-1929 betraute. Sowohl durch die vergleichsweise lange Amtsdauer als auch durch seine ausgeprägten charismatischen Fähigkeiten stand er charakteristisch für die Wahrnehmung deutscher Außenpolitik aus Weimar. Stresemann galt als Verfechter der „Erfüllungspolitik“, aber hatte ebenso die Revision der Versailler Verträge und der Wiederherstellung Deutschlands als Großmacht im Fokus. Die Außenpolitik der Ära Stresemann bestand aus der Verbindung von Verständigung mit den Siegermächten und Rückkehr Deutschlands zum Status einer souveränen Großmacht. Dabei sollte die Erfüllung des Versailler Vertrags und seine Revision aufeinander bezogen werden.37 Dabei ist zu betonen, dass Stresemann ein Gegner der militärischen Revision war. Stresemann vertrat die Meinung, dass die Ziele Deutschlands nicht mehr durch militärische Machtpolitik erreicht werden konnten, sondern nur noch durch eine glaubwürdige internationale Verständigung und Zusammenarbeit.38 Mit dem Tod Stresemanns starb auch schleppend die friedliche Außenpolitik der Verständigung und mündete 1933 in der Herrschaft des Nationalsozialismus.

2.1 Wandel und Reform des Auswärtigen Amtes

Der Ruf nach einer Umgestaltung hinsichtlich der Organisation und Flexibilität des AA kam nicht erst nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg auf. Bereits vor und während dem Krieg gab es im Parlament einige Abgeordnete, darunter auch der spätere Außenminister Gustav Stresemann, die vor allem Anstoß an der Exklusivität des diplomatischen Berufs gaben und die wirtschaftliche Kompetenz im Auswärtigen Amt bemängelten.39 Das Ministerium wurde aber nicht von einem außenstehenden, sondern von innen durch die Anstöße des Ministerialdirektors Schüler reformiert. Schüler erarbeitete bereits gegen Ende des Ersten Weltkrieges eine Reform für eine effizientere Organisation des Ministeriums, die mit seinem Ausscheiden 1921 weitgehend umgesetzt war.40 Wie vermutliche jede Reform, fand auch diese nicht bei jedermann Zustimmung und hatte hauptsächlich in den konservativen Kreisen Gegner. Trotzdem konnten sich die Anhänger der Reform während der Weimarer Zeit mehrheitlich durchsetzen. Das Auswärtige Amt sollte aus einer Zeit, in der die höfischen Normen im internationalen Austausch weitgehend bestimmend waren, herausgeführt werden in eine Zeit, in der auch die zwischenstaatliche Politik verstärkt mit wirtschaftlichen und sozialen Fragen konfrontiert wurde.41 Dazu war es nötig, den Erwerb und die Vertretung der erforderlichen wirtschaftlichen und sozialen Kompetenzen nicht allein der Schicht des Adels zu belassen, sondern auf das in den Bereichen kompetentere Bürgertum auszuweiten. Aus diesem Grund hob die Reform Schülers u.a. die Trennung von diplomatischer und - weniger geachteter ´bürgerlicher`- konsularischer Karriere auf und erreichte damit eine Vereinheitlichung des Dienstes und Verbesserung der Aufstiegsmöglichkeiten.42 Die Folgen dieser Reform waren sowohl bei der Zuteilung der Aufgabenbereiche als auch bei der Personalentwicklung spürbar. Es kamen aufsteigende bürgerliche Führungsschichten besonders unter Stresemann beim AA in den politisch-bürokratischen Bereichen im Inneren zum Zuge, jedoch nicht sonderlich auf öffentlichkeitswirksamer Ebene.43 Daraus ist zu schließen, dass die Repräsentation des Staates noch überwiegend dem Adel überlassen, aber die hintergründige Arbeit, auch auf hoher Verwaltungsebene, den bürgerlichen Beamten zugeteilt wurde. Der Wandel im Führungspersonal ließ sich auch statistisch nachvollziehen: Zeitweise waren von 161 leitenden Beamten nur noch 39% adelig.44 Das Konzept, vermehrt auf wirtschaftliche und soziale Kompetenzen einzugehen, ging auch so weit, dass das AA außertätige Fachkräfte aus der privaten Wirtschaft vertrauensvolle Aufgaben zuwies. Als Beispiel dient der Bankier Carl Melchior, der sogar die Delegationsleitung bei der Reparationskonferenz 1931 in Basel erhielt.45 Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Reformen vor allem einen Wandel der inneren Strukturen zur Folge hatte und vermutlich in der Öffentlichkeit nicht sonderlich bemerkt wurde, da die repräsentativen und medienwirksamen Posten wie die eines Botschafters weiterhin vornehmlich mit Adeligen besetzt wurden. Anscheinend konnten die bürgerlichen Schichten mit besseren Sachkompetenzen dienen, aber waren gegenüber den adeligen Staatsdienern hinsichtlich der Präsentation auf internationalem Parkett im Nachteil.

2.2 Die Botschafter in den USA

Die US-Hauptstadt Washington war neben Paris und London die wichtigste Auslandsvertretung der deutschen Außenpolitik und dementsprechend hoch war die Verantwortung für die deutschen Botschafter, für ein gutes zwischenstaatliches Verhältnis Sorge zu tragen. Am 21. März 1922 wurde Otto Wiedfeldt, ein ehemaliger Direktor der Krupp AG, auf Wunsch des damaligen Reichspräsidenten Friedrich Ebert zum ersten deutschen Botschafter in den USA nach dem Krieg ernannt. Möglicherweise war die Ernennung eines bürgerlichen Mannes aus der Wirtschaft zum Botschafter ein Versuch, den wirtschaftlichen Interessen der USA entgegenzukommen. Allerdings verlief die Amtsdauer nicht sonderlich positiv und er sollte der einzige bürgerliche Botschafter während der WR in den USA bleiben. Otto Wiedfeldt war in seiner Amtszeit an einigen Eklats beteiligt und hatte stets ein sehr angespanntes Verhältnis zu Gustav Stresemann. Einer dieser Fehltritte war sein werben in Washington um Verständnis für den Wunsch nach einer Diktatur in Deutschland, da es sich nicht um eine Restauration der Monarchie handele, sondern es nur kurzweilig eine straffere Führung bräuchte, um das Land innenpolitisch zu beruhigen.46 Wahrscheinlich sammelte er damit bei einigen Leuten aus konservativen und militärischen Kreisen in Deutschland Pluspunkte, aber begab sich auf außenpolitischer Ebene ins Abseits. Zudem beanspruchte der ehemalige Krupp-Direktor einen Sonderstatus und fasste jegliche Einmischung in die deutsche Amerikapolitik als persönliche Beleidigung auf.47 Somit war das streben Stresemanns einen neuen Botschafter einzusetzen kaum verwunderlich. Der bisherige Staatssekretär Baron Ago von Maltzan wurde zur Freude von Stresemann 1925 der Nachfolger von Otto Wiedfeldt und von der amerikanischen Öffentlichkeit freundlich empfangen.48 Trotz der Gegensätze an Sympathiezuwendungen hatten beide Botschafter etwas gemeinsam. Beide waren direkt in die deutsch-sowjetische Militärkooperation eingeschaltet, allerdings bevor sie die Weimarer Republik in den USA vertraten.49 Insofern konnten beide von den deutschen Militärs als vertrauenswürdig hinsichtlich einer Kooperation mit dem US-Militär eingestuft werden. Während seiner gesamten Amtszeit machte der Baron Ago von Maltzan sowohl aus Sicht Stresemanns, als auch der amerikanischen Funktionäre und Öffentlichkeit, eine gute Figur und wurde seinem exzellenten Ruf als „bestes Pferd im Stall des deutschen diplomatischen Dienstes“50 gerecht. Insbesondere bei der umstrittenen Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten konnte er durch umsichtiges taktieren die Politiker, die Finanzwelt und die Öffentlichkeit in den USA beruhigen.51 Allerdings verstarb der Botschafter überraschend auf einer Urlaubsreise 1927 und der Nachfolger Friedrich von Prittwitz und Gaffron sollte das Amt bis zum Ender der WR bekleiden. Prittwitz konnte auf eine sehr gute Vorarbeit seines Vorgängers und einer eher entspannten Situation zwischen den USA und der WR aufbauen. Die Entwicklung der deutsch-amerikanischen Beziehungen erreichten im Jahre 1928 wohl den höchsten Stand der Zwischenkriegszeit.52 Daran hatte auch der neue Botschafter seinen Anteil beizutragen. Zwischen dem AA und Prittwitz herrschte eine gute Zusammenarbeit und sein Verständnis für die Bedingungen der amerikanischen Politik konnte das Vertrauensverhältnis zum damaligen US-Außenminister weiter ausbauen.53 Auch seine Memoiren verdeutlichen seine umfangreiche Tätigkeit: "Von Anfang an machte ich es mir zur Regel, mindestens einmal im Monat New York zu besuchen, um mit dem Generalkonsul, den Banken in Wallstreet, der deutsch-amerikanischen Handelskammer und den großen Zeitungen in Kontakt zu bleiben."54 Trotz aller Bemühungen in Washington und der guten Basis aus dem Jahr 1928 war das freundschaftliche Verhältnis nur von relativ geringer Dauer. Mit dem Widererstarken des nationalen Militarismus und seiner abzeichnenden Manifestierung der Macht in Deutschland, kippte langsam und stetig das Verhältnis beider Staaten. Schließlich kam es im Sommer 1932, außerhalb des direkten Einflussbereiches des Botschafters, wegen fundamentaler Gegensätze bezüglich der Rüstungsfrage zu schwerwiegenden Störungen der deutsch-amerikanischen Beziehungen.55 Prittwitz vertrat trotz Gegenwind aus der Zentrale in Berlin weitestgehend die Prinzipien der Politik Stresemanns und trat schließlich aufgrund der Machterhaltung Hitlers mit einem offenen Abschiedsbrief an die New Yorker "Herald Tribune" von seinem Amt zurück.56

[...]


1 Gottfried Niedhart, Die Außenpolitik der Weimarer Republik, München op. 2006 2 .

2 Ebd.

3 Eberhard Kolb, Deutschland 1918 - 1933. Eine Geschichte der Weimarer Republik, München 2010.

4 Ursula Büttner, Die überforderte Republik 1918-1933. Leistung und Versagen in Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur., Stuttgart 2008.

5 Peter Krüger, Die Außenpolitik der Republik von Weimar, Darmstadt 1985.

6 Hans Mommsen, Aufstieg und Untergang der Republik von Weimar, 1918-1933, Berlin 2001 2.

7 Kurt Doß, Das deutsche Auswärtige Amt im Übergang vom Kaiserreich zur Weimarer Republik. D. Schülersche Reform, Düsseldorf 1977.

8 Klaus Schwabe (Hg), Das diplomatische Korps, 1871-1954, Boppard am Rhein 1985.

9 Manfred Berg, Gustav Stresemann und die Vereinigten Staaten von Amerika. Weltwirtschaftliche Verflechtung und Revisionspolitik 1907-1929, Baden-Baden 1990 1.

10 Werner Link, Die amerikanische Stabilisierungspolitik in Deutschland 1921 - 32., Düsseldorf.

11 Hans-Jürgen Schröder, Deutschland und Amerika in der Epoche des Ersten Weltkrieges, 1900-1924, Stuttgart 1993.

12 Michael Wala, Weimar und Amerika. Botschafter Friedrich von Prittwitz und Gaffron und die deutsch- amerikanischen Beziehungen von 1927 bis 1933, Stuttgart 2001.

13 Gottfried Niedhart (Hg), Der Westen und die Sowjetunion. Einstellungen und Politik gegenüber der UdSSR in Europa und in den USA seit 1917, Paderborn 1983.

14 Manfred Zeidler, Reichswehr und Rote Armee, 1920-1933. Wege und Stationen einer ungewöhnlichen Zusammenarbeit, München 1993.

15 Walter Görlitz, Kleine Geschichte des deutschen Generalstabes., Berlin 1977 2.

16 Heiner Möllers, Reichswehrminister Otto Gessler. Eine Studie zu "unpolitischer" Militärpolitik in der Weimarer Republik, Frankfurt am Main ;, New York 1998.

17 Michael Geyer, Aufrüstung oder Sicherheit. D. Reichswehr in d. Krise d. Machtpolitik 1924-1936, Wiesbaden 1980.

18 Ulrich Gundelach, Der nationale Wehrgedanke in der Weimarer Republik. Ein Beitrag zum Militarismusproblem in Deutschland zwischen 1918 und 1933., Bonn 1977.

19 Karl Nuß, Militär und Wiederaufrüstung in der Weimarer Republik. Zur politischen Rolle und Entwicklung der Reichswehr., Berlin 1977 1.

20 Michael Salewski, Entwaffnung und Militärkontrolle in Deutschland 1919-1927., München 1966 1.

21 Rainer Wohlfeil, Reichswehr und Republik (1918-1933)., Frankfurt am Main 1970.

22 Wolfram Wette, Die deutsche militärische Führungsschicht in den Nachkriegszeiten., in: Gottfried Niedhart u. Dieter Riesenberger (Hg), Lernen aus dem Krieg? Deutsche Nachkriegszeiten, 1918 und 1945 : Beiträge zur historischen Friedensforschung, München 1992, S. 39-67.

23 Rüdiger Bergien, Die bellizistische Republik. Wehrkonsens und "Wehrhaftmachung" in Deutschland 1918- 1933, München 2012.

24 Christian Baechler u.a. (Hg), Akten zur deutschen auswärtigen Politik, Göttingen 1979.

25 Wolfgang Elz, Quellen zur Aussenpolitik der Weimarer Republik 1918-1933, Darmstadt 2007.

26 Friedrich von Prittwitz und Gaffron, Zwischen Petersburg und Washington. Ein Diplomatenleben., München 1952 1.

27 Generaloberst Hans von Seeckt, Wege deutscher Außenpolitik. Seeckts Stellungnahme zum Youngplan, zur Ostgrenzenfrage, zum Völkerbund. Sein Programm für die künftige Außenpolitik., in: Weltwirtschaftliche Gesellschaft zu Münster. 1931, S. 5-33.

28 Geyer, S. 15.

29 Peter Krüger, Struktur,Organisation und außenpolitische Wirkungsmöglichkeiten der leitenden Beamten des Auswärtigen Dienstes 1921-1933., in: Klaus Schwabe (Hg), Das diplomatische Korps, 1871-1954, Boppard am Rhein 1985, S. 101-171, hier S. 104-105.

30 Niedhart, S. 48.

31 Krüger, S. 102.

32 Niedhart, S. 49.

33 Ebd., S. 41-42.

34 Kolb, S. 51.

35 Krüger, S. 147.

36 Kolb, S. 69.

37 Niedhart, S. 18.

38 Büttner, S. 358.

39 Doß, S. 147.

40 Krüger, S. 109.

41 Doß, S. 216.

42 Krüger, S. 27.

43 Krüger, S. 116-117.

44 Ebd.

45 Doß, S. 303.

46 Berg, S. 234-235.

47 ebd., S. 240-241.

48 ebd., S. 242.

49 Wala, S. 185.

50 Berg, S. 252.

51 Ebd.

52 Ebd., S. 265.

53 Wala, S. 273.

54 Friedrich von Prittwitz und Gaffron, S. 179.

55 Wala, S. 276.

56 Ebd., S. 291-292.

Details

Seiten
38
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656461531
ISBN (Buch)
9783656461760
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v230149
Institution / Hochschule
Universität Kassel
Note
1,7
Schlagworte
rolle auswärtigen amtes reichswehr militäraustausch weimarer republik konflikt kooperation

Autor

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Titel: Die Rolle des Auswärtigen Amtes und der Reichswehr im deutsch-amerikanischen Militäraustausch in der Weimarer Republik.