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Gentrification. Modelle, aktuelle Forschungsdiskussion, Beispiele

Seminararbeit 2010 15 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Bevölkerungsgeographie, Stadt- u. Raumplanung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Gentrification
2.1 Allgemeine Prozessbeschreibung
2.1.1 .1 Definition
2.1.2 .1 Dimensionen
2.1.3 .1 Historische Entwicklung
2.2 Aufwertungsprozess
2.2.1 Voraussetzungen
2.2.2 Akteure der Gentrification
2.2.2.1 Klassifikation der Akteure
2.2.2.2 Kritik an der Klassifikation
2.2.3 1. Verlaufsmodelle
2.2.3.1 Allgemeines zu den Verlaufsmodellen
2.2.3.2 Verlaufsmodell der Gentrification
2.2.3.3 Kritik an Verlaufsmodellen
2.2.4 1. Erklärungsmodelle
2.2.4.1 Nachfrageorientierte Theorie
2.2.4.2 Angebotsorientierte Theorie
2.2.5 1. Folgen
2.3 Aktuelle Forschungsdiskussion

3 Beispiele
3.1 Kreuzberg - Berlin
3.2 Park Slope, Brooklyn - New York

4 Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

Das Phänomen der Gentrification ist in Expertenkreisen schon seit längerer Zeit ein gängiger Begriff. Seit einigen Jahren beschäftigt sich nun auch vermehrt die breite Ö ffentlichkeit mit diesem Prozess. Grund dafür ist die Ausbreitung von Gentrificationprozessen auf internationaler Ebene und die damit zunehmende mediale Aufmerksamkeit, politische und stadtplanerische Relevanz und die Bedeutung in sozialräumlicher Hinsicht. Gentrification gilt zudem als eines der Hauptthemen in der stadtgeographischen Forschung und erfordert daher genauere Betrachtung und Untersuchung.

2 Gentrification

Im Folgenden werde ich versuchen den Begriff Gentrification unter möglichst ausreichenden Gesichtspunkten zu erschließen.

2.1 Allgemeine Prozessbeschreibung

Zuerst werde ich den Prozess generell behandeln, bezüglicher seiner Definition, seiner Dimensionen und seiner historischen Entwicklung.

2.1.1 Definition

In den 1950er Jahren gewann ein Phänomen in der Veränderung der Wohnungsstruktur Londons zunehmend Aufmerksamkeit. 1964 wird dieser Prozess unter dem Namen Gentrification bekannt und gewinnt im Laufe der Zeit internationale Bedeutung. Ruth Glass, die Namensgeberin definiert diesen Prozess wie folgt:

„One by one, many of the working class quarters of London have been invaded by the middle class - upper and lower. Shabby, modest mews and cottages - two rooms up and two down - have been taken over, when their leases have expired, and have become elegant, expensive residences. Larger Victorian houses, downgraded in an earlier or recent period - which were used as lodging houses or were otherwise in multiple occupation - have been upgraded once again. Nowadays, many of these houses are being subdivided into costly flats or 'houselets' (in terms of the new real estate snob jargon). The current social status and value of such dwellings are frequently in inverse realtion to their seize, and in any case enormously inflated by comparison with previous levels in their neighborhoods. Once this process of 'gentrification' starts in a district, it goes on rapidly until all or most of the original working class occupiers are displaced, and the wohle social character of the district is changed.” (G LASS 1964, S. X viii)

Im Laufe der Zeit kamen vermehrt neue Definitionen hinzu, welche von solitären bis hin zu holistischen Begriffsbestimmungen reichen. Es gibt jedoch zwei Kriterien, welche in der Großzahl der Definitionen aufgeführt werden. Zum einen der Zuzug von statushöherer Bevölkerung, welche sich durch ein höheres bis sehr hohesökonomisches (finanzielle Mittel), kulturelles (Bildung) und soziales (Netzwerke) Kapital auszeichnet. Häufig wird diese statushöhere Bevölkerung auch als neue Mittelklasse bezeichnet. Bei vielen Autoren wird dieser Zuzug von statushöherer Bevölkerung durch eine Verdrängung der statusniedrigeren Bevölkerung ergänzt. Der soziale Austausch muss aber nicht zwingend in Verbindung mit Verdrängung stehen. Das zweite Definitionsmerkmal besteht darin, dass Gentrification ausschließlich in Bestandsquartieren vorkommt, also in Gebieten mit bestehender Bebauung, mit dem Ziel der Aufwertung der Gebäude. (G LATTER 2007, S. 8 f.) G LATTER formuliert im Bezug auf diese zwei Hauptmerkmale die Definition, dass Gentrification „den Zuzug statushöherer Bevölkerung in Bestandsquartiere” (G LATTER 2006, S. 157) umfasst.

2.1.2 Dimensionen

Der Prozess der Gentrifizierung erstreckt sichüber vier Dimensionen, die soziale, bauliche, kommerzielle und symbolische. Die soziale Dimension beschreibt den Zuzug einer statushöheren Bevölkerung und den damit verbundenen sozialen Wandel. Die bauliche Dimension erstreckt sichüber die Ä nderungen der Beschaffenheit der Bausubstanz, der Miet- und Immobilienpreise, der Eigentümerstruktur und des Wohnumfeldes. Zur kommerziellen Dimension zählt der Nutzungswandel, welcher eine Veränderung der Anzahl der Geschäfte und der Branchen- und Angebotsstruktur mit sich bringt. Die symbolische Dimensionen beschreibt den Imagewandel und die allgemeine Bedeutung des Raums. (G LATTER 2006, S. 159 f.)

2.1.3 Historische Entwicklung

Im historischen Sinne kann man sagen, dass die Gentrificationprozesse im Laufe der Zeit in drei Wellen abliefen. Die Übergänge zwischen den Wellen sind fließend. Die erste Welle, beginnend in den 1950er Jahren und endend Anfang der 1970er Jahre, ist geprägt durch eher sporadische Gentrifizierungsprozesse in vornehmlich kleinen Nachbarschaften im Osten der USA und im Westen von Europa. Die Aufwertung lag hier vor allem noch inöffentlicher Hand, welche das Ziel verfolgte den Verfall von Nachbarschaften aufzuhalten.

Der Übergang der ersten in die zweite Welle ist geprägt durch den Erwerb von Eigentum durch die Gentrifier, bedingt durch die niedrigen Grundstückswerte.

Die zweite Welle beginnt Ende der 1970er Jahre. In dieser Phase kommt es zu einer Verstärkung und Zunahme der Gentrificationprozesse. Vier Merkmale sind für diese Phase charakteristisch. Als erstes Merkmal ist die erneute Investition in bereits gentrifizierte Gebiete zu nennen. Neben den gründerzeitlichen werden nun außerdem auch gewerbliche Gebäude gentrifiziert. Zweites Merkmal ist die Verselbstständigung der Gentrification durch private Investoren, welche zusätzlich durch Staat und Kommunen gefördert werden. Als drittes Merkmal ist der zunehmende Widerstand gegen die Gentrificationprozesse und die Gentrifier zu nennen. Das vierte Merkmal ist schließlich noch das gezielte Ansiedeln von Pionieren und dadurch die Generierung eines gentrifizierbaren Szeneviertels.

Der Übergang der zweiten zur dritten Welle wird auch häufig als „Degentrification” bezeichnet, da die Aufwertungsprozesse sich verlangsamen oder gar aufhören. Grund hierfür ist der Konjunkturrückgang Ende der 1980er Jahre.

Im Zuge der dritten Welle, ab den 90igern, nehmen die Gentrifizierungsprozesse wieder zu.

Es kommt vermehrt zu einer Beteiligung von professionellen Investoren, die sie in den Aufwertungsmaßnahmen die Möglichkeit sehen Profit zu machen. Die Rolle des Staats als beeinflussender Faktor nimmt zu. (G LATTER 2006, S.158 f.), (L EES ; S LATER ; W YLY 2008, S. 174 ff.)

2.2 Aufwertungsprozess

Gentrification bedeutet immer eine Aufwertung auf allen vier Dimensionen. Die aktiven Akteure der Gentrification sind die Pioniere und Gentrifier. Sie sind Teil der Aufwertung und prägen den Prozessverlauf. Dieser Verlauf, dessen Auslöser und die Gründe von Aufwertungsprozessen werden in verschiedenen Modellen erklärt. Entscheidend ist aber zunächst, welche Voraussetzungen gegeben sein müssen, damit esüberhaupt zur Gentrifizierung kommt.

2.2.1 Voraussetzungen

Nicht jedes Gebiet kann als Grundlage für Gentrificationprozesse dienen. Es gibt spezifische Gebiete und Baustrukturen, die als Basis in Frage kommen. Grundvoraussetzung ist, dass es sich um Bestandsquartiere handelt. Nach G LATTER sind folgende Gebiete gentrificationfähig: „historische Altstädte, ehemalige Arbeiterwohnviertel, ehemalige kleinbürgerliche Mischgebiete (Wohnen/Gewerbe), ehemals großbürgerliche Wohnviertel (highresidential gentrification), ehem. Brach- und Industrieflächen inkl. ehem. Hafengebiete (new-build gentrification: brownfield-devel. Loft-conservation, waterfront-devel. harbour devel. army-base devel.), ländliche Siedlungen (rural gentrification)” (G LATTER 2007, S. 9)

2.2.2 Akteure der Gentrification

Im Folgenden werde ich die verschiedenen Akteursgruppen, welche Teil des Prozesses sind, genauer differenzieren. Man unterscheidet in der Regel drei verschiedene Gruppen: die Pioniere, die Gentrifier und die Ansässigen.

2.2.2.1 Klassifikation der Akteure

Der Austausch der Bevölkerung und der Wandel des Gebiets wird initiiert durch die sogenannten Pioniere. Die Pioniere sind eine Gruppe aus risikobereiten Personen, die „in verfallene Stadtquartiere ziehen und dort auf legalem oder illegalem Weg unbewohnte oder frei werdende Wohnungen mit geringstem Wohnkomfort in Besitz nehmen” . (G LATTER 2007, S. 13) Die Pioniere bevorzugen auf Grund ihrer begrenzten monetären Ressourcen günstigen Wohnraum, welcher teilweise in Eigeninitiative renoviert wird. Sie zeichnen sich durch ein hohes Bildungsniveau, geringes finanzielles Kapital und durch ein niedriges Durchschnittsalter aus. Häufigste Wohnformen sind allein, zu zweit oder in einer Wohngemeinschaft. Pioniere sind meist Studenten, Künstler, Alternative, Aussteiger und Auszubildende.

Nach der Aufwertung durch die Pioniere folgt die Gruppe der Gentrifier, welche die tatsächlichen Träger der Gentrification sind. Die Gentrifier sind eine weit weniger risikobereite Gruppe, ihre Gewichtung in Bezug auf der Auswahl ihrer Wohnung liegt eher auf Sicherheit und Wohnkomfort bis hin zu einem gewissen Bedarf an Luxus. Der Altersdurchschnitt, sowie das Einkommen der Gentrifier ist höher, als das der Pioniere. Sie zeichnen sich durch eine stärkere Arbeits- und Karriereorientierung aus. Die Wohnformen beschränken sich auf Ein- und Zweipersonenhaushalte ohne Kinder. Gentrifier sind meist YUPPIES und DINKS.

Die dritte Kategorie wird als die Alten, Anderen, Sonstigen, Alteingesessenen oder Ansässigen bezeichnet. Sie wurden bisher in der Gentrificationforschung nur wenig untersucht. Man kann hier dennoch eine grobe Unterteilung auf Grund der Altersstruktur in die Alten und die Ansässigen vornehmen. Die Alten sind Personen, welcheälter als 45 Jahre sind und eine gewisse, wenn auch unzureichende mittlere Bildung besitzen, während die Ansässigen eine inhomogene Gruppe aus circa 26 bis 45 Jahre alten Personen sind, welche sich durch einen geringen Bildungsstandard auszeichnen und meist Haushalte mit Kindern sind. (W INDZIO 2006, S.2)

2.2.2.2 Kritik an der Klassifikation

Es gibt drei Hauptkritikpunkte an der Einteilung der Akteure in diese drei Gruppen.

Als erstes das Differenzierungsproblem, welches die mangelnde detaillierte Klassifikation beinhaltet. So fordert L ANG beispielsweise eine weitere Einteilung der Pioniere nach ihrer Lebensweise. (L ANG 1998, S. 99) Zusätzlich zu den Gentrifiern führt D ANGSCHAT außerdem noch die Klasse der Ultra-Gentrifier ein, welche sich durch ein noch höheres Einkommensniveau auszeichnen und ihrerseits zur Ersetzung der Gentrifier beitragen.

(D ANGSCHAT 1991)

Das zweite Problem ist das der Rollen, welche den Akteuren zugewiesen werden. Pioniere und Gentrifier werden gemeinhin anhand ihres Zuzugpunktes definiert, somit sind die Pioniere immer vor den Gentrifiern in ein Gebiet eingezogen. Würde man die Unterscheidung jedoch nur hinsichtlich sozialer Merkmale durchführen, so kann auch der Fall auftreten, dass die Gentrifier vor den Pionieren in ein Gebiet einziehen. Deshalb sollte eine Abgrenzung der Akteure immer fallspezifisch vorgenommen werden.

Als drittes Problem zeigt sich die Außerachtlassung weiterer wichtiger Akteursgruppen, wie den Anbietern, Politikern und Planern. (G LATTER 2006, S. 161)

2.2.3 Verlaufsmodelle

Zur Erklärung des Ablaufs von Gentrificationprozessen werden Verlaufsmodelle verwendet. Im Folgenden werde ichüber Verlaufsmodelle im Allgemeinen informieren, nachfolgend ein konkretes Beispiel eines Modells darlegen und schließlich noch Kritikpunkte an Verlaufsmodellen generell anbringen.

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Details

Seiten
15
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656455653
Dateigröße
769 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v230148
Institution / Hochschule
Universität Bayreuth
Note
Schlagworte
Gentrification Stadtgeographie

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