Lade Inhalt...

Ökonomie des Terrorismus

Seminararbeit 2012 23 Seiten

VWL - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Terrorismus
2.1 Gründe und Ziele des Terrorismus
2.2 Das Kalkül terroristischer Anschläge
2.3 Terroristen als rationale Akteure

3. Ansätze der Terrorismusbekämpfung
3.1 Klassische Sicherheitspolitik
3.2 Alternative Ansätze

4. Volkswirtschaftliche Kosten von Terrorismus
4.1 Direkte Kosten am Beispiel der Attacken vom 11. September
4.2 Indirekte Kosten

5. Fazit

Abbildung 1 Grafische Darstellung des terroristischen Nutzenkalküls

Abbildung 2 Effekt von proaktiven Maßnahmen auf terroristisches Verhalten

Abbildung 3 Effekt von defensiven Maßnahmen auf terroristisches Verhalten

Abbildung 4: Substitution zwischen terroristischen Alternativen

1. Einleitung

Die Anschläge am 11. September auf das World Trade Center in New York und das Penta- gon zeigten der Welt, dass der internationale Terrorismus eine Gefahr ist, welche einer genauen Analyse bedarf. Zum einen stellt sich die Frage nach den Gründen für Terroris- mus. Terrorismus könnte aus Armut entstehen, doch wie lässt sich erklären, dass viele Selbstmordattentäter in Palästina aus eher wohlhabenden Familien stammen? Zum anderen stellt sich die Frage, warum Terroristen agieren und reagieren wie es zu beobachten ist. Der Versuch die Taten von Terroristen rational zu erklären, kann durch Mikroökonomik, mit ihrer Beschreibung des Verhaltens von Wirtschaftssubjekten, eine Antwort gegeben werden. Auch bietet sie die Möglichkeit die dynamischen Auswirkungen von Terrorismus auf das Wirtschaftsgeschehen zu beschreiben und Prognosen zu ermöglichen. Da der Kampf gegen den Terror in den letzten Jahren eher mit harten Maßnahmen bekämpft wur- de, die durchschlagenden Erfolge aber ausblieben, sind insbesondere die Implikationen interessant, welche sich aus den Erkenntnissen der Wirtschaftswissenschaften, für die Re- aktion der Staaten auf Terrorismus ergeben.

Im Rahmen der vorliegenden Seminararbeit stelle ich zuerst den Versuchen an, eine Defi- nition von Terrorismus zu finden, welche dem Umstand seiner moralischen Dualität ge- recht wird. Weiterhin werde ich die Ziele und das Kalkül des Terrorismus untersuchen, um im Anschluss eine mikroökonomisch fundierte Beschreibung des Verhaltens von Terroris- ten vorzustellen. Im nächsten Abschnitt wird die erarbeitete Mikrofundierung zur Analyse der klassischen Sicherheitspolitik eines Staates dienen und alternative Ansätze der Terro- rismusbekämpfung erläutern. Abschließend wird beispielhaft eine monetäre Abschätzung des Schadens der Anschläge vom 11. September angestellt, um dann eine generelle Unter- suchung der Wirkungskanäle von Terrorismus auf das Wirtschaftswachstum folgen zu las- sen.

2. Terrorismus

Beim Terrorismus handelt es sich um einen Begriff, der sich durch seine große emotionale und politische Aufladung auszeichnet, weshalb er sich einer einfachen Definition entzieht. Dies ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass die Rolle von Terrorismus eine ambiva- lente ist: „Des einen Terrorist ist des anderen Widerstandskämpfer“ (Entorf 2005, S. 4). Eine genaue Definition die universelle Eindeutigkeit besitzt, ist damit unmöglich. Um dennoch eine sinnvolle Erarbeitung des Themas zu ermöglichen, erscheint es zweckmäßig, eine approximative Bedeutung des Wortes „Terrorismus“ zu suchen. Wichtig hierbei ist, dass die Definition von einer großen, heterogenen Gruppe geteilt wird, um so eine mög- lichst allgemeingültige, objektive Bedeutung des Wortes zu erhalten. Hierbei erscheint es sinnvoll innerhalb der Vereinten Nationen nach einer Definition zu suchen, da hier eine möglichst heterogene Gruppe bei einer Definition miteinbezogen ist. Ausgehend vom Um- stand der starken subjektiven Bedeutung des Wortes erscheint es nicht verwunderlich, dass die Vereinten Nationen nie eine rechtlich bindende Definition von Terrorismus verab- schiedet haben (Anan 2005). Dennoch ist es gelungen einen Minimalkonsens als Arbeits- definition zu verabschieden, welche eine gesonderte Unterscheidung von Terrorismus von anderen Straftaten ermöglicht:

“Criminal acts intended or calculated to provoke a state of terror in the general pub- lic, a group of persons or particular persons for political purposes are in any cir- cumstance unjustifiable, whatever the considerations of a political, philosophical, ideological, racial, ethnic, religious or any other nature that may be invoked to jus- tify them” (A/RES/51/210 (1996) - Measures to Eliminate International Terrorism).

Demnach zeichnet Terrorismus nicht nur der Versuch der Durchsetzung politischer Ziele, sondern insbesondere den Versuch, Angst und Schrecken in der Öffentlichkeit oder in Tei- len der Bevölkerung zu erzeugen, als besondere Eigenart gegenüber normalen Gewaltver- brechen aus. Die explizite Erwähnung des Versuchs der Erzeugung von Angst und Schre- cken in der Öffentlichkeit nicht nur in der Arbeitsdefinition der Vereinten Nationen, son- dern auch in den Legaldefinitionen verschiedener Staaten (beispielhaft: StGB; United Sta- tes Code oder China1 ), lässt diesem Punkt besondere Bedeutung zukommen. Bedeutsam ist auch die Unterscheidung ob es sich um nationalen Terrorismus, also Terrorismus von Ter- rorgruppen die im eigenen Land agieren, oder um internationalen Terrorismus handelt. Liegt es im ersten Falle alleine im Entscheidungsspielraum der Regierung des Landes, wie sie auf Terrorismus reagieren will, so kommt es beim internationalen Terrorismus zu Inter- dependenzen zwischen den Antiterrorismus-Strategien der bedrohten Länder (Enders und Sandler 2011).

2.1 Gründe und Ziele des Terrorismus

Die Gründe für Terrorismus sind vielfältig und daher ist es schwer einen Indikator zu wählen, der als einzige erklärende Variable dienen kann. Auch scheinen die Gründe für Terrorismus von Land zu Land verschieden zu sein, weshalb eine allgemeingültige Aussage über die Auslöser von Terrorismus nicht möglich ist. Dennoch scheint es einige Faktoren zu geben, die Terrorismus zumindest begünstigen:

1. Armut erzeugt Frustration und ein Gefühl der Ungerechtigkeit (insbesondere in Ländern mit großer Einkommensungleichheit), welche sowohl Gewalt wahrscheinlicher machen, als auch die Rekrutierung von neuen Mitgliedern und Financiers erleichtern (Schneider et al. 2010).
2. Schneller Wandel des sozialökonomischen Institutionengefüges, welcher durch ei- ne starke Veränderung des Lebensumfelds der Bevölkerung geprägt ist. Die dadurch entstehenden Zentrifugalkräfte führen im Veränderungsprozess zu einer Erosion traditioneller Werte und Ansichten und erzeugen damit eine Umfeld, das potentiell die Rekrutierung von Mitglieder für terroristische Gruppen schafft (Robi- son et al. 2006).
3. Inflexible Institutionen und politische Instabilität können Gründe für Terrorismus sein, da sie möglicherweise die Beteiligung von verschiedenen Gruppen im politischen Prozess stören oder verhindern und damit Gewalt als Mittel der politischen Durchsetzung wahrscheinlicher machen (Schneider et al. 2010). Auch scheinen politisch instabile Länder als „Schulen“ für Terroristen zu dienen (Nauro F. Campos und Martin Gassebner 2009).
4. Der Kampf der Kulturen scheint durch die Erzeugung klar trennbarer „Kampfli- nien“ ein terrorismusfördernder Faktor zu sein, da es für Terroristen einfacher wird Mitglieder zu rekrutieren, wenn sie ihre Ziele ideologisch aufladen und als Gegen- modell zu den Ideen der antagonistischen Gruppe stellen (Schneider et al. 2010).
5. Die Globalisierung könnte ein weiterer Faktor sein, da sie nicht nur institutionellen Wandel auf der Welt, insbesondere durch die kulturelle und ökonomische Domi- nanz des Westens, der damit auch die Richtung des Wandels bestimmt, auslöst, sondern auch Kosten für Transport und grenzüberschreitenden Terror senkt. Ande- rerseits führt Globalisierung auch zu einer Neuordnung der Einkommensverteilung, welche wiederum zu einer Senkung von terroristischer Aktivität führen könnte (ebenda).
6. Auch bestehen Ansteckungsgefahren für angrenzende Länder, insbesondere wenn sich lokale Gruppen zusammenschließen und dadurch Synergieeffekte entstehen, welche Kosten für terroristische Aktivitäten senken und damit den Nutzen aus eben jenen Aktivitäten steigern (ebenda).

Die Ziele des Terrorismus sind dabei das Erlangen von politischem Einfluss und Neu- verteilung von Eigentumsrechten und wirtschaftliche Renten (Frey und Luechinger 2004). Um diese zu erreichen verfolgen Terroristen kurzfristige strategische Ziele: (i) Die Erreichung einer großen Öffentlichkeit durch Medienaufmerksamkeit, um so auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen und/oder Angst und Schrecken zu erzeugen, (ii) die Destabilisierung der politischen Ordnung und (iii) die Schädigung der Volkswirt- schaft (Schelling 1991).

2.2 Das Kalkül terroristischer Anschläge

Der Hauptgrund für die besondere Bedeutung der Erzeugung von Schrecken in einer brei- ten Öffentlichkeit ist in der Motivation des Terrorismus selbst zu suchen: Terrorismus wird von einer kleinen Gruppe von Individuen begangen um ihre politischen Vorstellungen in der Gesellschaft umzusetzen, für die keine Mehrheit gefunden werden kann oder für deren Umsetzung ihnen eine strategische Position innerhalb des politischen oder gesellschaftli- chen Gefüges fehlt. Prinzipiell können Terrorgruppen zwischen zwei Optionen wählen: (i) der Versuch des Umsturzes der Regierung oder (ii) terroristische Attacken. Option (i) be- sitzt dabei hohe Umsetzungskosten, da zum Umsturz einer stabilen Regierung, hohe An- forderungen an verfügbare Ressourcen gestellt werden. Eine Mobilisierung dieser Res- sourcen ist entweder durch eine von großen Teilen der Bevölkerung getragenen Revolution möglich, welche einen Ausschluss relativ großer Gruppen der Bevölkerung vom politi- schen Prozess notwendig macht (es also sehr wenige Akteure in strategischen Positionen gibt, welche eine politische Beteiligung großer Teile der Bevölkerung unterdrückt) oder die Beteiligung von bereits starken politischen Akteuren, wie beispielsweise dem Militär. Diese Mobilisierung soll dann zu einer Machtübernahme benachteiligter Bevölkerungs- gruppen bzw. der Stärkung der Machtposition der beteiligten politischen Akteure führen. Da in vielen Fällen Terroristen Partikularinteressen durchsetzen wollen, sind diese Mög- lichkeiten oft keine Option. In diesem Falle besteht die Möglichkeit von Option (ii), bei welcher kleinere Anschläge verübt werden, die ein möglichst breites Publikum erreichen und damit Angst und Schrecken in der Öffentlichkeit erzeugen (Blomberg et al. 2004). Die Rolle der Verbreitung der Gewaltandrohung bzw. die Verbreitung des Wissens um An- schläge übernehmen dabei die Medien. Medien und Terrorismus vereint dabei eine fast symbiotische Verbindung, da Medien von dem gestiegenen Interesse an ihrem Informati- onsangebot profitieren und Terroristen durch sie die Möglichkeit erhalten regional be- grenzte Attacken weltweit publik zu machen. Die Einbeziehung einer großen Öffentlich- keit ermöglicht eine Umgehung einer strategischen Position innerhalb des politisch- gesellschaftlichen Gefüges oder der Mobilisierung eben dieser für eigene Partikularinteres- sen, indem sie durch Drohungen und Gewalt die Öffentlichkeit dazu bringt, Druck auf In- dividuen auszuüben, welche sich in solch einer strategischen Position befinden. In westli- chen Gesellschaften sind dies in der Regel Politiker und Parteien, welche in ihrer Funktion als policy maker einen politischen Wandel auslösen können. Bei der Abwägung, in die Forderungen der terroristischen Gruppe einzuwilligen, wird es zu einer Abwägung zwi- schen dem Schaden weiterer Terrorattacken bzw. den Kosten einer Verhinderung und den Kosten eines Entgegenkommens der politischen Akteure kommen (Enders und Sandler 2011). Die Kosten eines weiteren Schadens, welche durch eine Ablehnung der Forderun- gen entstehen können, bestehen nicht nur in dem Verlust von Leben und Eigentum, son- dern auch in der Möglichkeit eines Machtverlustes des politischen Akteurs durch eine Mit- schuldzuweisung durch die Öffentlichkeit. Hierfür sind insbesondere Demokratien anfällig, da die politischen Akteure durch einen Verlust der Zustimmung der Öffentlichkeit auch mit einem Verlust ihrer Machtposition bei den nächsten Wahlen rechnen müssen, da von ihnen insbesondere der Schutz von Leben und Eigentum ihrer Wähler erwartet wird (eben- da). Zusätzlich müssten auch die Kosten einer umfassenden Prävention mit in das Kalkül der Akteure einfließen. Demgegenüber stehen allerdings die Kosten eines Entgegenkom- mens gegenüber der Terrorgruppe, welche sich durch den Verlust des Ansehens der Regie- rung ergeben. Hierdurch können beispielsweise andere nicht strategische Akteure im Ter- rorismus eine Möglichkeit sehen, ihre Forderungen durchzusetzen (ebenda). Deutlich wird, dass (i.) Terroristen die Erreichung einer möglichst großen Öffentlichkeit und die Indukti- on von Angst und Schrecken dazu dienen, aus einer nicht strategischen Position möglichst großen Druck auf policy maker zu erzeugen, um diese zu einer Anerkennung und Berück- sichtigung ihrer politischen Ziele zu bringen und dass (ii.) politische Akteure in ihrer Rolle als policy maker ihre Reaktion auf Terrorismus einem rationalen Entscheidungskalkül un- terwerfen.

2.3 Terroristen als rationale Akteure

Terroristen und terroristische Organisationen sehen sich Kosten und Nutzen gegenüber: Zum einen die Erzeugung von Schrecken in einer großen Öffentlichkeit und zum anderen die Kosten, die durch einen fehlgeschlagenen Versuch, anschließende Vergeltungsmaß- nahmen oder, im Falle von Selbstmordattentätern, einen erfolgreichen Versuch, erzeugt werden. Dabei kann angenommen werden, dass die Wahl der Alternative aufgrund eines Kosten-Nutzen-Kalküls stattfindet und es sich damit bei Terroristen um rationale Akteure handelt (Enders und Sandler 1993). Bei der Rationalitätsannahme ist dabei zentral, dass nicht die Rationalität der Ziele oder Normen im Vordergrund steht, sondern die Art der Reaktion auf eben jene Änderungen der Umweltbedingungen und Risiken (Enders und Sandler 2011). Auch Selbstmordanschläge können aus Sicht des Attentäters rational sein, wobei die Begründung vielfältig ist. Zum einen könnte es sich um eine Aufopferung zum Wohle der terroristischen Gruppe sein, welche Anwärtern ein Gefühl des „Dazugehörens“ geben und durch die starke Identifizierung mit der Gruppe, die Präferenzen des Anführers übernehmen und damit nicht mehr nach ihrem eigenen Nutzenmaximum streben, sondern nach dem des Anführers. In diesem Falle ist ein Selbstmordattentat rational denkbar (Wint- robe 2002). Möglich sind aber auch altruistische Motivationen, bei welchen Eltern zu Selbstmordattentätern werden, weil sie glauben, dass diese Tat einen Wandel bewirkt, wel- cher ihren Kindern eine bessere Zukunft sichert. Dabei kann das Selbstmordattentat als eine extreme Investition in die nächste Generation verstanden werden (Azam 2005).

Abbildung 1 Grafische Darstellung des terroristischen Nutzenkalküls

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: (Frey und Luechinger 2003)

[...]


1 Wie von der South China Morning Post am 26. Oktober 2011 berichtet, arbeitet die ständiger Ausschuss des nationalen Volkskongresses an einer neuen Definition von Terrorismus. Im Wortlaut:“ … defines terrorism as activities that use violence, sabotage and threats to cause social panic, intimidation or coercion of state organs and international organisations, resulting in the injury and death of a large number of people, huge financial loss, damage to public facilities and serious damage to society. ”First anti-terror draft now under NPC scrutiny” South China Morning Post

Details

Seiten
23
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656457473
ISBN (Buch)
9783656457565
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v229928
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,3
Schlagworte
ökonomie terrorismus

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Ökonomie des Terrorismus