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Tiere in der Therapie

Hunde und Pferde helfen Patienten mit Schizophrenie, Autismus und Depression

Fachbuch 2013 135 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Carola Fingerhut (2007): Therapeutisches Reiten mit schizophren erkrankten Patienten
Einleitung
Die Krankheit Schizophrenie
Pferde als Therapie
Das Pferd als Interaktions- und Kommunikationspartner
Das therapeutische Setting
Erfahrungsmöglichkeiten während der Reittherapie
Rehabilitation durch Therapeutisches Reiten
Fazit
Literaturverzeichnis

Stefanie Schmidt (2009): Hundegestützte Therapie bei Kindern mit Autismus
Vorwort
Einführung Autismus
Mensch-Tier-Beziehung
Formen tiergestützter Intervention
Hundegestützte Verhaltenstherapie
Reflektion
Literaturverzeichnis

Angelika Brück (2010): Heilpädagogische bewegungsorientierte Begleitung mit dem Pferd bei an Depression erkrankten Menschen mit Assistenzbedarf
Vorwort
Einleitung
Problembeschreibung
Theorien
Hypothesen
Bewegung und heilpädagogisches Reiten
Trainingskonzept
Ziele
Methodisch-didaktische Prinzipien
Heilpädagogische Erfassung der Personen
Beschreibung des Prozessverlaufes
Reflexion
Beschreibung der Institution
Quellenangaben und Hilfsmittel

Einzelpublikationen

Carola Fingerhut (2007): Therapeutisches Reiten mit schizophren erkrankten Patienten

Einleitung

Die therapeutische Arbeit mit dem Pferd habe ich während meines BPS II auf dem Birkenhof in Bad Wildungen, einem Zentrum für Therapeutisches Reiten und Bewegungstherapie, kennen gelernt.

Die einzigartige Beziehung zwischen Mensch und Pferd und die daraus resultierenden therapeutischen Erfolge haben mich sehr fasziniert. Es war mein Wunsch, dieses Thema weiter zu vertiefen, was mich schließlich zu dieser Studienarbeit veranlasst hat.

Auch die eingeschränkte wissenschaftliche Erfassbarkeit des Therapeutischen Reitens hat mich sehr gereizt. Das, was auf dem Pferd wirklich vorgeht und was letztendlich auch förderlich für die Persönlichkeit der psychisch Kranken ist, lässt sich mit Worten nur eingeschränkt beschreiben und stellt meist nur eine subjektive Schilderung des Geschehens dar. Dennoch werde ich den Versuch wagen, das Therapeutische Reiten, speziell mit schizophren erkrankten Menschen, darzustellen. Eine schizophrene Erkrankung lässt sich natürlich auch durch Therapeutisches Reiten nicht heilen, allerdings führt diese Therapieform zu teilweise beachtlichen Erfolgen. „Die Möglichkeit der Behandlung der „Therapieresistenten“ und „Unerreichbaren“ mit Hilfe des Pferdes und die damit verbundene Linderung der Symptome und Verbesserung der Lebensqualität stellen die Domäne des Therapeutischen Reitens bei der Therapie chronisch schizophrener Patienten dar.“[1]

Meine Angaben in dieser Studienarbeit beziehen sich hauptsächlich auf die Sonderhefte zum Thema Therapeutisches Reiten, herausgegeben vom Deutschen Kuratorium für Therapeutisches Reiten. Ergänzend werde ich noch Literatur von Schmauß, Kupper-Heilmann, Greiffenhagen und Gäng hinzuziehen.

Die Krankheit Schizophrenie

Eine detaillierte Beschreibung dieser Krankheit ist aus Gründen des Umfangs dieser Studienarbeit leider nicht möglich, daher folgt nur ein kurzer Überblick der wichtigsten Merkmale.

Die Schizophrenie ist eine ernste und für die Betroffenen sehr einschneidende und lebensverändernde psychische Erkrankung. Die Patienten sind zeitweise nicht in der Lage, zwischen Wahn und Wirklichkeit zu unterscheiden. Angst vor Auflösung und ein gestörtes Gefühl des eigenen Selbst stehen im Vordergrund.

Weltweit erkrankt etwa 1 % der Bevölkerung mindestens einmal im Leben an einer Schizophrenie. Männer und Frauen sind davon gleich häufig betroffen, Männer erkranken im Durchschnitt etwas früher.

Die Symptome der schizophrenen Erkrankung gliedern sich in

1. Störungen des Denkens
2. Störungen des Gefühls
3. Störungen des Wollens, Handelns und des Ich-Erlebens
4. akzessorische Symptome.

Letzteres beinhaltet Störungen der äußeren Wahrnehmung, wie z.B. Licht- und Farbenüberempfindlichkeit, auch kann sich die Sensibilität gegenüber Geräuschen, Gerüchen und Geschmack drastisch erhöhen, das Zeiterleben kann verloren gehen. Die Patienten leiden unter Verfolgungswahn, Halluzinationen und sozialem Rückzug, aber auch unter dem Verlust kognitiver Fähigkeiten. Sie werden unaufmerksam, haben Gedächtnisprobleme und Schwierigkeiten, vorausschauend zu planen. Die Intelligenz der Patienten ist dabei nicht betroffen.[2]

Jede Schizophrenie verläuft individuell verschieden und erfordert auch immer eine individuelle Behandlung. Bei einigen Patienten zeigen sich nach einer Psychose nie wieder schizophrene Symptome, andere Formen der Schizophrenie treten in Schüben auf, dazwischen finden sich keine Krankheitsanzeichen. Bei einem chronischen Verlauf treten die akuten Symptome eher in den Hintergrund. Die Patienten weisen häufig eine ausgeprägte negative Symptomatik auf, die durch eine auffallende Verminderung des Antriebs, des Interesses und der Psychomotorik, sowie durch Gefühlsverarmung und sozialen Rückzug gekennzeichnet ist. Somit lassen sich bei einem längerfristigen Krankheitsverlauf nicht nur im psychopathologischen Bereich, sondern auch im sozialen Umfeld des Erkrankten Beeinträchtigungen feststellen. In den Bereichen Selbstversorgung, Kommunikation und Freizeitverhalten sind ebenfalls meist massive Einschränkungen zu beobachten, was nicht selten zum sozialen Abstieg der Betroffenen führt.[3]

Pferde als Therapie

Schon seit dem Altertum ist die wohltuende Wirkung des Reitens für Körper, Geist und Seele bekannt. Das Therapeutische Reiten nutzt diesen Effekt erst seit einigen Jahrzehnten zur Linderung und Heilung psychosozialer Störungen und körperlicher Erkrankungen.[4] Das Pferd bietet eine Besonderheit gegenüber anderen Tieren, die therapeutisch eingesetzt werden. Die Arbeit auf dem Pferd findet in direktem Körperkontakt statt, zudem ähneln die Bewegungen des Pferdes dem menschlichen Gang.[5]

Begriffsdefinition „Therapeutisches Reiten“

In Deutschland werden unter dem Begriff „Therapeutisches Reiten“ drei Funktionsbereiche zusammengefasst:

- „die Hippotherapie, welche eine spezielle krankengymnastische, ärztlich verordnete und überwachte bewegungstherapeutische Maßnahme auf dem Pferd ist, die sich der Bewegungen des Pferdes als therapeutisches Medium bedient
- der Behindertenreitsport, welcher sportfähigen behinderten Menschen, gegebenenfalls mit individuellen Hilfsmitteln, alle Formen des Reitsports [...] ermöglicht und
- das heilpädagogische Reiten und Voltigieren, welches eine individuelle Förderung über das Medium Pferd in Einzel- oder Gruppenarbeit zum Gegenstand hat.“[6]

Die Unterteilung in die drei Funktionsbereiche dient dazu, bestimmte Schwerpunkte zu verdeutlichen und wissenschaftlich zu erfassen. Jedoch sollten diese drei Bereiche nicht isoliert betrachtet werden, sondern ineinander übergreifen und so einen ganzheitlichen Therapieansatz ermöglichen.

„Heute werden unter dem Begriff ‚Heilpädagogisches Reiten und Voltigieren’ pädagogische, psychologische, psychotherapeutische, rehabilitative und soziointegrative Angebote mit Hilfe des Pferdes bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen verschiedener Behinderungen und Störungen zusammengefaßt. Dabei steht nicht die reitsportliche Ausbildung, sondern die individuelle Förderung über das Medium Pferd im Vordergrund, d. h. vor allem eine günstige Beeinflussung der Entwicklung, des Befindens und des Verhaltens. Im Umgang mit dem Pferd wird der Mensch ganzheitlich angesprochen: körperlich, geistig, emotional und sozial“[7]

In der hier vorliegenden Arbeit werden die Begriffe „therapeutisches Reiten“ und „heilpädagogisches Reiten“ synonym verwandt.

Kontraindikationen

Neben den geläufigen physischen Kontraindikationen, wie z. B. bestimmte Wirbelsäulenerkrankungen oder Allergien, sind als psychische Kontraindikationen zum heilpädagogischen Reiten mit schizophren erkrankten Patienten nur akute psychotische Schübe, mit Verlust jeglichen Realitätsbezugs, Katatonie sowie eine hohe Fremdgefährdung zu nennen. Es ist allerdings noch relativ unerforscht, wie weit man mit akut wahnhaften Patienten gehen kann. Dagegen hat sich als positiv bewährt, Patienten in akuten Zuständen als Zuschauer zum Reiten mitzunehmen, da das Pferd und das lebhafte Geschehen dazu beitragen, den Patienten in der Realität zu halten. Es liegt jedoch die Befürchtung nahe, dass ein solcher Patient die Arbeit mit dem Pferd in seinen Wahn integrieren könnte. Die Arbeit auf dem Pferd löst nach bisherigen Erfahrungen keine Wahnerlebnisse aus.[8]

Das Pferd als Interaktions- und Kommunikationspartner

Das Pferd nimmt den Menschen an, egal in welcher Verfassung er sich befindet. Es ist nicht sein Ziel, dass der Mensch sich verändert, denn es kennt keinen Erfolgszwang oder ideelle Ziele. „Wohl aber hat es, allein durch die dichte Symbolik, die sich um das Pferd rankt, und durch die jahrhundertealte Erfahrung im Umgang mit den Menschen ein immenses Potential, den Menschen hinter seinem Krankheitsbild zu berühren.“[9] Auch kann es dem Therapeuten helfen, den Patienten mit allen Facetten seiner Krankheit zu akzeptieren.

Durch seine ruhige und gelassene Art erleichtert das Pferd dem Patienten den Einstieg in die Therapie (Schwellenangst) und hat durch seine direkten und deutlichen Reaktionen einen wirksamen Aufforderungscharakter. Passives Verhalten wird unmöglich, da das Reiten im Wesentlichen eine Frage des Gleichgewichts darstellt. Es kann auf und mit dem Pferd viel physische Nähe ohne Angst vor Grenzverlust erlebt werden, das Pferd verliert seine Grenzen keinesfalls und kennt auch keine Gegenübertragung. Weiterhin ist das Therapeutische Reiten gerade für übertherapierte und therapieresistente Patienten interessant, da es einen starken Kontrast zu herkömmlichen Therapien darstellt und „Veränderung durch Anders-Tun“[10] bewirken kann.

Besondere Eigenschaften des Pferdes

Das Pferd wurde vom Menschen in einer jahrtausendelangen gemeinsamen Geschichte domestiziert und als Reittier, Lastenträger und Zugtier genutzt, was dazu beigetragen hat, dass das Pferd zu einem sehr verlässlichen und geeigneten Freund des Menschen in Bezug auf die Rittigkeit und das angeborene Temperament wurde. Es zeichnet sich durch Wachsamkeit und Beobachtungsfähigkeit aus, die Reaktion auf Gefahr ist überwiegend die Flucht, nur selten reagiert es aggressiv.[11] „Zu den besonderen Eigenschaften gehören die Größe, der Bewegungsfluss mit dem gangtypischen Impuls auf das Becken des Reiters in der Sattellage, die Frequenz der Schrittfolge und die schwingende, bei einem geeigneten Pferd wenig stoßende Bewegung mit dem Reiter.“[12]

Im Bewegungsdialog zeichnet sich das Pferd durch einen dreidimensionalen Schwingungsrhythmus aus, der auf den Menschen im Reitsitz übertragen wird und mit dem menschlichen Gang eng verwandt ist. Die Selbstbalance des Pferdes fördert „im Sinne eines Biofeedbacks“[13] die Balancefähigkeit des Reiters. Im Bewegungsdialog wird über das Zusammenspiel der Hilfen eine Verständigung zwischen Mensch und Pferd ermöglicht. Zu den besonderen Eigenschaften des Pferdes zählt auch das herdentypische Verhalten, das ich aber im nachfolgenden Kapitel ausführlicher behandeln werde.[14]

Verhaltensschema des Pferdes

Das Pferd ist ein Herdentier und lebt in einer hierarchisch strukturierten Gruppe. Es ordnet sich dem ranghöchsten Tier unter und erlebt durch es Schutz und Geborgenheit. Das Leittier ist jedoch nicht das stärkste Pferd der Gruppe, sondern eines, das durch seine Erfahrung und Eigenschaften möglichst viel für das Überleben der Gruppe beisteuert. Das Pferd fühlt sich also durch das dominierende (nicht rivalisierende!) Tier geschützt und schließt sich somit auch gern dem souveränen Menschen an. „Als souverän empfindet das Pferd den ruhigen, selbstbewussten Menschen, der Verantwortung für sein Tun übernimmt, nicht aber den kämpfenden, aggressiven oder den abhängigen, sich aus Furcht anpassenden Menschen (das deckt sich mit dem Autonomiebestreben der Therapieform der humanistischen Psychologie).“[15]

Ein unter artgerechten Bedingungen gehaltenes Pferd sieht den Menschen als ranghöheres Wesen an und stuft ihn in seine soziale Ordnung ein. Auf dieser Grundlage steht der Effekt des Therapeutischen Reitens, welcher sich aus konfrontierenden, spiegelnden und auch erzieherischen Aspekten zusammensetzt.

Einen psychisch oder physisch kranken Menschen erkennt das Pferd sofort und bietet Schutz, Sicherheit und Geborgenheit, so wie es das auch in der Herde bei rangniedrigeren Tieren oder Fohlen tut. Im Laufe der Therapie steigt der kranke Mensch bei Besserung seines Leidens in der Hierarchie immer weiter auf, bis er schließlich die ranghöhere Position übernehmen kann.

Therapiepferde

Grundsätzlich sind für das Therapeutische Reiten alle Pferderassen geeignet, sofern sie sich durch einen stabilen Charakter und Nervenstärke sowie Ausdauer, Genügsamkeit und Trittsicherheit auszeichnen und speziell für die Therapie ausgebildet wurden. Wichtig ist dabei, dass es sich um ungebrochene und unverdorbene Pferde handelt, möglichst auch unkastriert, um die ganzheitliche „Natur der Psyche“[16] zu erhalten.

Weiterhin ist es sinnvoll, für verschiedene Krankheitsgrade und -bilder unterschiedliche Pferdetemperamente einzusetzen. Ein stabiles, ruhiges Pferd eignet sich besonders für gebrechliche, schwache Patienten, für die ein einfaches „Getragenwerden“ gewünscht wird, wohingegen temperamentvollere und edlere Pferde, die eher heikel, aber dennoch verlässlich reagieren, für konfrontierende Therapien genutzt werden sollten.

In der Therapie hat das Pferd die Rolle eines tragenden Parts zur Unterstützung der Therapie oder auch eine „Funktion als Eisbrecher, Aufrüttler, personifizierte Empathie [...] im Therapieverlauf“[17] oder auch die Bedeutung eines Co-Therapeuten und Beziehungspartners.

Pferde sind hochbegabte Tiere, die über eine spezielle Ausbildung ein überaus feines Zusammenspiel mit dem Therapeuten ermöglichen, was erstaunliche Möglichkeiten für die Therapie eröffnen kann. Sie sind somit ein hervorragender Mediator zwischen Therapeut und Patient, jedoch sind sie zweifelsohne von der fachlichen Ausbildung und den individuellen Erfahrungen des Therapeuten abhängig.[18]

Das therapeutische Setting

Das therapeutische Reiten sollte nicht nur die Arbeit auf dem Pferd implizieren, sondern insbesondere auch die Arbeit am Boden, die Versorgung und Pflege des Pferdes, welche ebenfalls großen Einfluss auf den Therapieprozess nimmt und für einen ganzheitlichen Therapieansatz von erheblicher Bedeutung ist.

Die Arbeit am Boden beinhaltet das Kennenlernen und Wahrnehmen des Pferdes und seiner Umgebung mit allen Sinnen – also durch Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen. Das kann durch Beobachten der Pferde im Stall und auf der Weide erfolgen, aber auch bei der Versorgung und Pflege, die alle nötigen Tätigkeiten rund ums Pferd und den Reitstall mit einschließt.

Beim heilpädagogischen Reiten wird das Pferd ebenfalls mit allen Sinnen „gespürt“, der Patient muss sich leiten lassen, sich dem Führenden anvertrauen und sich dabei gleichzeitig auf sich selbst konzentrieren. Schritt für Schritt werden die Übungen gesteigert, der Patient muss selbst auf das Pferd einwirken und entsprechende Hilfen geben, nach einiger Zeit darf er die Zügel selbst in die Hand nehmen. Geschwindigkeit und Bewegungslust werden erlebt, Körpergeschicklichkeit und Psychomotorik verbessert. Heilpädagogisches Voltigieren wird in einer Gruppe mit mehreren Teilnehmern durchgeführt, was das „Wir-Gefühl“ der Patienten erhöht und sich positiv auf das Gruppenverhalten auswirkt. Begonnen wird mit einfachem Getragenwerden, nach für nach werden die Übungen anspruchsvoller – je nach Wunsch und Verfassung des Patienten.

Bei Patienten mit chronischer Schizophrenie sollte baldmöglichst eine selbständige Auseinandersetzung mit dem Pferd erfolgen, da so das Selbstbewusstsein, die Entscheidungsfähigkeit und eine wirklichkeitsnahe Selbst- und Fremdeinschätzung begünstigt wird. Das passive Getragenwerden ist bei Ich-schwachen Patienten nicht sinnvoll, da es regressionsfördernd wirkt und das wahnhafte Erleben noch verstärkt werden könnte. Wichtig ist auch der trennende Sattel zwischen Mensch und Pferd.[19]

Der therapeutische Ansatz

Die therapeutische Arbeit mit Pferden basiert in der Praxis häufig auf dem klientenzentrierten Ansatz nach Rogers. Dabei wird der Schwerpunkt auf das „nicht-wertende Annehmen und Akzeptieren des Patienten“[20] gelegt. Die Erkrankung und das Verhalten des Patienten sollten nicht als von einer Norm abweichend betrachtet werden, sondern als Charakteristik seiner Persönlichkeit angesehen werden. Das erweist sich bei einer Psychose – durch den stark realitätsfremden Inhalt; für Außenstehende nicht oder nur sehr schwer nachzuvollziehen und zu begreifen – als wohl schwierigste und trotzdem auch wichtigste Aufgabe in der Therapie. Den Pferden bereitet das keine Schwierigkeiten, sie nehmen den Menschen an, unabhängig von seiner psychischen Verfassung und jeweiligen Stimmung.[21]

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Selbstbestimmung des Patienten. Ausschließlich er bestimmt die Inhalte und Möglichkeiten der Therapie. Er sollte unbedingt selbst entscheiden, wie häufig und wie intensiv er die Nähe zum Pferd zulässt und auch ob und wann er in Interaktion mit ihm tritt. Natürlich ist es dadurch auch denkbar, dass es während der gesamten Therapie nie zum eigentlichen Reiten kommt, dennoch sollte die Selbstbestimmung des Patienten immer an erster Stelle stehen. Nur das Pferd zeigt dem Patienten dabei die Grenzen auf, der Therapeut greift allein in Gefahrensituationen ein. In einigen besonders schweren Krankheitsfällen, in denen der Patient so stark beeinträchtigt ist, dass er keine selbständigen Entscheidungen treffen kann, sollte der Therapeut stellvertretend und auch möglichst nur vorübergehend die Verantwortung für den Therapieablauf übernehmen.[22]

Der situative Ansatz

Für das therapeutische Reiten mit psychisch kranken Menschen gibt es kein allgemeingültiges Konzept. Ablauf, Inhalt und Zielsetzung der Therapie müssen individuell festgelegt werden und können stark voneinander abweichen. Dabei spielt die jeweilige Verfassung der Patienten, die von Therapiestunde zu Therapiestunde stark variieren kann, die wechselnde Stimmung und Arbeitsbereitschaft der Pferde und auch der Gemütszustand des Therapeuten eine Rolle. Ein festgelegtes Konzept hat sich in der Praxis nicht bewährt, wichtig ist ein flexibler Spielraum, der Raum für die vielschichtigen situationsbedingten Interaktionen zwischen Pferd, Patient und Therapeut lässt. Vor jeder Therapiestunde sollten Informationen über das aktuelle Befinden des Patienten eingeholt werden. Dadurch ist gewährleistet, dass die Therapieziele nicht zu hoch angesetzt werden und der Tagesform des Patienten entsprechen.[23]

Die Aufgaben, die dem Patienten in der Therapie gestellt werden, müssen seinen Fähigkeiten und seinem psychischen und physischen Gesundheitszustand entsprechen. Er darf dabei nicht überfordert werden, da sonst der Erfolg der Therapie gefährdet ist. Die Konfrontation mit den Verhaltensmustern des Patienten sollte überwiegend dem Pferd überlassen werden, der Therapeut fungiert dabei nur als Vermittler und Unterstützer und hilft dem Patienten das Pferd als „Spiegel seines Verhaltens“[24] zu nutzen, die Erfahrungen mit dem Pferd bewusst zu machen, zu verarbeiten und zu internalisieren. So entstehen vielfältige therapeutisch sinnvolle und nutzbare Situationen mit einem starken Bezug zur Realität. Wichtig ist auch, dass nicht mit den Defiziten der Patienten, sondern mit den gesunden Anlagen und Eigenschaften gearbeitet wird.[25]

Erfahrungsmöglichkeiten während der Reittherapie

„Die Arbeit mit dem Pferd ermöglicht eine Fülle von Erlebnissen, die den Klienten mit sich selbst, seinen Möglichkeiten und Grenzen innerhalb seiner Bezugssysteme konfrontieren. Das Pferd ist dabei lebendige Realität. Es wird anziehend und furchterregend, warm und weich, aber auch stark und groß, annehmend und tragend als auch abweisend herunterwerfend, beruhigend wie anregend erlebt.“[26]

Die Beziehung zwischen Mensch und Pferd läuft meist in verschiedenen Phasen ab, in denen sich die Patienten unterschiedlich entwickeln. Der Erstkontakt wird von jedem unterschiedlich erlebt und hängt von den jeweiligen Vorkenntnissen und dem Entwicklungsstand ab. Kinder entdecken Pferde anders als Jugendliche oder Erwachsene. Dabei werden Neugierde und Faszination genauso erlebt wie Angst und Respekt. Häufig sind im Beziehungserleben Projektion und Identifikation erkennbar, wobei Pferden zuweilen menschliche Eigenschaften zugeschrieben werden. Unbewusste Wünsche nach Freiheit und Vitalität bewirken eine Übertragung dieser Wünsche auf das Pferd.[27]

Psychisch Kranken, besonders schizophren Erkrankten, fällt es aufgrund ihrer Symptomatik und auch durch erlebte Negativerfahrungen mit ihrer Krankheit und der Umwelt meist sehr schwer, Beziehungen einzugehen, Konflikte konstruktiv zu lösen sowie Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Sie erkennen häufig ihre eigenen Bedürfnisse nicht und können keinen Bezug zum eigenen Körper herstellen. Ihre Freizeit zu gestalten fällt ihnen schwer.

Zur Bewältigung dieser Schwierigkeiten wird die Versorgung der Pferde sowie das Reiten und Voltigieren heilpädagogisch-therapeutisch eingesetzt. Die Patienten bekommen die Möglichkeit, beim Umgang mit den Pferden Nähe und Kontakt zu einem Lebewesen zu erfahren, das völlig frei von Vorurteilen auf sie eingeht. Das Pferd wird somit zu einem Objekt der Regression, anhand dessen Gefühle und Empfindungen nacherlebt werden können. Dabei können die Patienten lernen, auch die Ängste gegenüber ihrer Umwelt in Vertrauen umzuwandeln. Zugleich verlangt das Pferd beim Reiten und auch bei der Versorgung die ganze Aufmerksamkeit der Patienten. Dadurch bietet sich die Möglichkeit durch zunehmende Übernahme von Verantwortung für das Wohlbefinden des Pferdes diese Verhaltensweisen auch auf das alltägliche Leben zu übertragen. Beim Reiten oder Voltigieren wird die Selbst- und Fremdwahrnehmung geschult, da es nötig ist, sich zu konzentrieren, die Balance zu halten und, falls erforderlich, auch aktiv zu handeln. Derartige Selbsterfahrungen im Umgang mit und auf dem Pferd helfen den Patienten Selbstvertrauen aufzubauen. „Verloren geglaubte Fähigkeiten des sozialen Handelns, der Gefühlswahrnehmungen und die eigene Leistungsfähigkeit [...]“[28] werden wiedergefunden und stabilisiert, fehlende Fähigkeiten neu erworben und behinderte Verhaltensweisen korrigiert.[29]

Die Beziehung zwischen Mensch und Pferd

Die Beziehung zwischen Mensch und Pferd hat für die Therapie eine fundamentale Bedeutung und ist einer zwischenmenschlichen Beziehung sehr ähnlich. Das Pferd ist ein verlässlicher Partner und nimmt in der Therapie die Rolle des Motivierenden ein.[30]

Als soziales Herdentier sucht das Pferd den Kontakt zum Menschen, dieser kann jedoch selbst entscheiden, ob und wie innig er den Kontakt zulässt. Nähe wird über Körperkontakt signalisiert, durch Berühren und Berührtwerden zeigt das Pferd Zuwendung. Abgrenzung wird durch Abwenden, Widerstand und Scheuen zum Ausdruck gebracht. Die Reaktion des Pferdes ist immer eindeutig und kann an seinem Körper und seinem Verhalten abgelesen werden, ein Pferd kann seine Gefühle nicht verbergen oder manipulieren.[31]

Gäng (2003) vergleicht die Beziehung zwischen Mensch und Pferd mit der klientenzentrierten Körperarbeit und Gesprächsführung nach Rogers. Danach zeigt das Pferd an seinem Verhalten unbewusst die von Rogers dargestellte Grundhaltung bestehend aus Empathie, Akzeptanz und Kongruenz. Empathie wird von beiden Seiten durch gegenseitiges Erfassen und Verstehen erlebt. Akzeptanz zeigt sich an der durchweg positiven Einstellung des Pferdes zum Menschen. Kongruenz lässt sich am Verhalten des Pferdes erkennen, das innere Erleben, die Gefühle und Emotionen seines Gegenübers widerzuspiegeln.[32]

Zwischenmenschliche Interaktion löst häufig Missverständnisse aus, was beim Patienten zu Unsicherheit, Ängsten oder Aggressionen führen kann. Pferde ermöglichen hier eine klare und unverschlüsselte Kommunikation, bei der Ursache und Wirkung in einem direkten, eindeutigen und leicht erkennbaren Zusammenhang stehen (Patient schreit – Pferd scheut).[33]

Das Beziehungsdreieck Pferd – Therapeut – Patient

Normalerweise ist die Beziehungsform in der therapeutischen Einzelarbeit eine Zweierbeziehung. Dagegen findet Therapeutisches Reiten immer in einem Beziehungsdreieck bestehend aus Pferd, Therapeut und Patient statt. Die trianguläre Interaktion in der Reittherapie ähnelt stark der Interaktion in der menschlichen Kindheit, dem Beziehungsdreieck Mutter – Vater – Kind, und ist als „Grundgestalt sozialen Lernens“[34] zu sehen. Sie hat Auswirkungen auf die Neuro-, Senso-, Psycho- und Soziomotorik.

„Der Therapeut fungiert als Bindeglied zur Realität und als Mittler zwischen Pferd und Patient. Ohne wertenden Kommentar weist er auf Reaktionen des Pferdes hin und ermöglicht damit dem Patienten eine eigene Reflexion und Interpretation der Vorgänge.“[35] Er hat vor allem eine beobachtende und prozessbegleitende Rolle. Er muss die Voraussetzungen schaffen, die es dem Klienten ermöglichen, sich innerhalb eines geschützten Rahmens zu bewegen. Dabei sollte das Ziel im Vordergrund stehen, dass der Patient selbst Lösungen findet, die ihm einen Entwicklungsschritt ermöglichen. Der Therapeut sollte seine Aufmerksamkeit gleichermaßen auf alle Teilnehmer der Triade richten, also auf das Pferd, den Patienten, aber auch auf sich selbst als professioneller Helfer. Er sollte die nötige Distanz wahren, mit seinen eigenen Verhaltensmustern vertraut sein und darf in Interaktion mit dem Patienten seine Gefühle nicht frei ausleben (z. B. weil er sich provoziert fühlt), damit der therapeutische Prozess eine positive Entwicklung nehmen kann.[36] Neben einer erheblichen Frustrationstoleranz, sowie einer ausgeprägten Sensibilität für die Situation sollte er über umfassende Erfahrung im Umgang mit Pferden verfügen. „Ein Psychotherapeut, der Pferde als Medium einsetzt, muß sich über persönliche Motivationen bezüglich dieser Tiere bewußt geworden sein. Er muß seine Ängste, seine Aggressionen, seinen Narzissmus, seine Körperlichkeit und seine persönlichen Grenzen in der Beziehung zu Pferden erfahren haben, um ihnen in ihrer Befähigung zu Co-Therapeuten gerecht werden zu können.“[37]

Das Pferd hat die Funktion des „Co-Therapeuten“, es kommuniziert hauptsächlich über Körpersprache, was paradoxe Inhalte ausschließt. So kann Beziehungsfähigkeit ohne Angst aufgebaut werden. Im Beziehungsdreieck ist das Pferd auf den Therapeuten angewiesen, der seine Fähigkeiten und Grenzen kennt und dazu nutzt, Rückschlüsse über den Patienten zu ziehen.[38]

In der heilpädagogischen Gruppenarbeit mit Pferden können auch Beziehungsvierecke oder auch -vielecke vorkommen. So ergeben sich laufend wechselnde Beziehungskonstellationen.

Lernprozesse mit und auf dem Pferd

Der Umgang mit und auf dem Pferd bietet für schizophren Erkrankte – vor allem durch den starken Realitätsbezug – eine optimale Basis, um verschiedene soziale Kompetenzen zu erlernen und kann wesentlich zu einer positiven Persönlichkeitsentwicklung beitragen. Die Selbst- und Fremdwahrnehmung, die Konzentrations- und Koordinationsfähigkeit, das Selbstvertrauen, die Übernahme von Verantwortung, die Rücksichtnahme auf Andere sowie die Fähigkeit zur Problemlösung werden geschult, Ängste werden abgebaut. So ergibt sich für die Patienten die Möglichkeit, eine Vielzahl von Fähigkeiten und Fertigkeiten zu erlernen, zu verbessern oder zu korrigieren, die auch für den Alltag von immenser Bedeutung sind.

Schizophren erkrankten Patienten fällt es oft schwer, die Bedürfnisse anderer und auch ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und zu formulieren. Pferde sind jedoch auf den Menschen und seine eindeutigen und unmittelbaren Signale angewiesen. Falsche oder undeutliche Signale führen zu inadäquatem Verhalten des Pferdes, es läuft beispielsweise in die verkehrte Richtung, bleibt einfach stehen oder verweigert bei zu hartem Umgang den Gehorsam. Um solche Situationen zu vermeiden und baldmöglichst reiterliche Fortschritte zu machen, sind die Patienten meist sehr motiviert, den richtigen Umgang mit Pferden zu erlernen.

Dabei ist auch die Art und Weise des Umgangs und der Signale von grundlegender Bedeutung. Jedes Pferd reagiert individuell verschieden und situationsabhängig, die jeweilige Stimmung des Pferdes spielt im Hinblick auf die Leistungsbereitschaft eine ebenso große Rolle wie beim Menschen. Die Patienten werden somit animiert, die Pferde zu beobachten, ihr Verhalten zu hinterfragen und diese Erfahrungen mit eigenen Empfindungen, Gefühlen und Erlebnissen zu vergleichen und zu reflektieren.[39]

Des Weiteren müssen Beziehungen zu den Aufgaben und Vorgängen im gesamten Stallbereich entwickelt werden und die Verantwortung dafür übernommen werden. Auftretende Probleme müssen erkannt und gelöst werden. Das stellt für schizophren Erkrankte oft ein angstbesetztes Unterfangen dar, sie werden plötzlich mit Situationen konfrontiert, in denen sie entscheiden und handeln müssen. Da die Pferde aber im Mittelpunkt stehen, werden die Patienten von ihren Ängsten abgelenkt und reagieren zum Teil unbewusst und instinktiv. Situationen, die sie sich vorher nie zugetraut hätten, werden gemeistert.

Durch schrittweise Steigerung der reiterlichen Möglichkeiten, z. B. das Aufnehmen der Zügel und die eigenständige Hilfengebung wird die Selbständigkeit und Eigenverantwortlichkeit allmählich erhöht. Diese vermehrte Übernahme von Verantwortung sowie das Erlernen und Festigen neuer Übungen beim heilpädagogischen Voltigieren haben großen Einfluss auf das Selbstwertgefühl der Patienten.

Im Hinblick auf das Gruppenverhalten lassen sich ebenfalls positive Veränderungen erkennen. Es müssen Absprachen getroffen werden, andere Patienten müssen mitberücksichtigt werden. In bestimmten Situationen werden Konflikte eingegangen und Kompromisse geschlossen.[40]

Analoge Kommunikation

Die Verständigung mit dem Pferd erfolgt über nonverbale Kommunikation, die stark der frühen Kommunikation zwischen Mutter und Kind ähnelt. Man spricht daher von analoger Kommunikation.[41] Ein sensibles, speziell ausgebildetes Pferd verfügt über ein außerordentliches Talent für die Wahrnehmung minimaler Ausdrucksnuancen und eignet sich somit, mangelnde oder fehlende soziale Kompetenzen zu erlernen und aufzubauen.

Bei schizophren erkrankten Patienten, besonders bei Chronifizierung der Krankheit, findet man häufig Defizite im Kommunikations- und Beziehungsverhalten. In der Therapie mit dem Pferd können in einem wechselseitigen nonverbalen Dialog, ohne Angst vor negativen Spannungen und verbalen Reaktionen, Erfahrungen gesammelt und verinnerlicht werden. Die verlässliche Zuwendung des Pferdes führt zu der prägenden Erfahrung positiven Beziehungserlebens und damit zu einem sicheren Bindungsverhalten. Das stellt die Voraussetzung dar, zukünftigen Beziehungskonstellationen und auch sich selbst Vertrauen entgegenbringen zu können. Im Laufe der Therapie können diese Erfahrungen auch in einen verbalen Dialog mit dem Therapeuten einfließen.[42]

Körperarbeit

Die Arbeit mit Pferden beinhaltet ein hohes Maß an physischen Erfahrungen, mit und auf dem Pferd kann viel körperliche Nähe erlebt werden. Balance, Gleichgewicht und Reaktionsvermögen werden verbessert, die eigene Körperwahrnehmung wird trainiert und es findet eine indirekte Konfrontation mit dem eigenen Körper statt. Beim heilpädagogischen Reiten und Voltigieren „[...] stehen der direkte Körperkontakt des Patienten mit dem Pferderumpf, das direkte Fühlen der Bewegungen des Pferderückens in den verschiedenen Gangarten (Schritt, Trab, Galopp), das vertrauensvolle Sich-Einlassen auf ein Mitschwingen vor allem des Beckens, aber auch des ganzen Körpers für den Patienten im Vordergrund.“[43]

Das passive Getragenwerden fördert „eine intensive Bewußtmachung eigener Körperlichkeit und Emotionen.“[44] Durch verschiedene Körper- und Wahrnehmungsübungen auf dem Pferd wird dem Patienten ein besonderer Zugang zum eigenen Körper eröffnet. Das Pferd spürt innere Anspannungen und Steifheit und beantwortet diese mit einer direkten Reaktion (z.B. Stehenbleiben, seitliches Verbiegen, Verkürzen der Schrittlänge), was wiederum vom Reiter unmittelbar wahrgenommen wird und entsprechend verändert werden kann.[45]

Die Haltung auf dem Pferd spiegelt das momentane psychische Befinden des Patienten wider, desolate oder ängstliche Gefühle zeigen sich durch eine eingefallene Schulterhaltung und gekrümmte Wirbelsäule. Durch den Bewegungsfluss des Pferdes in Verbindung mit verschiedenen Entspannungs-, Atem- und Gleichgewichtsübungen wird der Reiter ermutigt, seinen inneren Impulsen nachzugeben, findet mit der Zeit seine innere Mitte wieder und nimmt einen aufrechten Sitz ein. Ein permanentes Balancieren ist nötig, um die Bewegungen des Pferdes zu kompensieren und somit das Gleichgewicht zu halten. Körperliche Balance wirkt sich auch auf psychischer Ebene aus und führt zu mehr Ausgeglichenheit. Durch das Reiten mit geschlossenen Augen richtet sich die Aufmerksamkeit des Patienten auf das innere Erleben. Dadurch können innere Blockaden und Fehlhaltungen noch besser erkannt und berichtigt werden.[46]

Rehabilitation durch Therapeutisches Reiten

Therapeutisches Reiten hat bei vielen schizophren erkrankten Patienten sehr positive Auswirkungen auf die Lebensqualität und die Persönlichkeit.

Der Einfluss des Therapeutischen Reitens auf die Psychopathologie, die Minussymptomatik und das Sozialverhalten chronisch schizophrener Patienten wurde 1988/89 im Bezirkskrankenhaus Haar bei München erforscht. In einer achtwöchigen Therapie erlernten die Probanden in kleinen Gruppen die Pflege des Pferdes und selbständiges Reiten.

Alle Teilnehmer erreichten nach Abschluss der Studie das Therapieziel, niemand brach die Therapie ab. Mehr als 50 % der Teilnehmer erbrachten sogar Leistungen, die mit denen eines psychisch gesunden Reitschülers zu vergleichen sind. Dadurch wurde deutlich, dass auch mit einer schweren psychischen Erkrankung noch eine Lern- und Kontaktfähigkeit vorhanden sein kann. Ebenfalls sehr positive Veränderungen zeigten sich in den Bereichen Angst/Depression, Denkstörung und Feindseligkeit, sowie tendentiell in den Bereichen Alogie und Aufmerksamkeit. Das subjektive Befinden verbesserte sich im Durchschnitt erheblich. Weitere Langzeitbeobachtungen zeigten, dass die positiven Symptome der Patienten durch den starken Realitätsbezug schon nach wenigen Therapieeinheiten abnahmen. Bei längerfristigen Therapien konnten auch die negativen Symptome positiv beeinflusst werden, die Lebensqualität verbesserte sich deutlich. Antriebsarmut, Angst, Depression, Misstrauen, Denkstörungen und eine unrealistische Selbst- und Fremdwahrnehmung nahmen deutlich ab, die Leistungsfähigkeit steigerte sich.[47]

Eine weitere Studie befasste sich 1993 mit der Persönlichkeits- und Stimmungsänderung bei chronisch schizophrenen Patienten durch Therapeutisches Reiten. Im Vergleich mit der Verhaltenstherapeutischen Basistherapie ergab sich durch das Therapeutische Reiten eine erhebliche Verbesserung der Stimmung. Die heitere, euphorische Gestimmtheit wurde erhöht, die innere Ruhe und die wache Teilnahme an der Umwelt verstärkt. Auch auf der verbalen Ebene waren enorme Verbesserungen erkennbar.[48]

Fazit

Therapeutisches Reiten hat sich für schizophren erkrankte Patienten bewährt und ist in vielen Kliniken mittlerweile fester Bestandteil des Therapieplans.

Abschließend möchte ich nochmals die Ganzheitlichkeit des Therapeutischen Reitens verdeutlichen, der Mensch wird durch das Pferd immer auf verschiedenen Ebenen angesprochen – körperlich, geistig, emotional und sozial. Das hohe Erlebnispotential des Therapeutischen Reitens führt zu einem positiven Körpergefühl und Freude an der Bewegung, was eine überaus heilsame Wirkung auf die Psyche hat. Mit Hilfe des Pferdes können die verschiedensten Emotionen ausgelöst und wichtige Erfahrungen erlebt und verarbeitet werden. Die Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen und Erlebnissen stärkt das Ich der Patienten deutlich, soziale Kompetenzen werden aufgebaut.

Eine ebenfalls sehr positive Eigenschaft des Therapeutischen Reitens ist die Tatsache, dass auch Zugang zu Patienten gefunden werden kann, die durch andere psychotherapeutische Maßnahmen nicht erreicht werden können. Therapeutisches Reiten hat in erster Linie Freizeit-Charakter und stellt einen starken Kontrast zu gewohnten Therapieformen dar.

Demzufolge kann vielen Patienten nicht nur therapeutisch weitergeholfen werden, sondern es können auch Möglichkeiten der Freizeitgestaltung eröffnet werden, die den Kontakt zu anderen Menschen implizieren und so einer sozialen Isolation vorbeugen können.

Literaturverzeichnis

Deutsches Kuratorim für Therapeutisches Reiten (Hrsg.): die Arbeit mit dem Pferd in Psychiatrie und Psychotherapie, Sonderhefte des DKThR, 2005.

Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten (Hrsg.): Tagungsband der 3. interdisziplinären Arbeitstagung des DKThR „Die Arbeit mit dem Pferd in Psychiatrie und Psychotherapie“, Internationale Fachtagung vom 12.-13. Oktober 1995 im Bezirkskrankenhaus Haar bei München.

Gäng, Marianne: Reittherapie. München: Ernst Reinhardt Verlag, 2003

Greiffenhagen, Sylvia: Tiere als Therapie: neue Wege in Erziehung und Heilung. München: Droemer Knaur, 1991

Kupper-Heilmann, Susanne: Getragenwerden und Einflußnehmen: aus der Praxis des psychoanalytisch orientierten heilpädagogischen Reitens. Gießen: Psychosozial-Verlag, 1999.

Schmauß, Max (2002): Schizophrenie - Pathogenese, Diagnostik und Therapie. Bremen: UNI-MED, 1991.

http://www.psychiatrie.de/diagnosen/schizophrenie/

Stefanie Schmidt (2009): Hundegestützte Therapie bei Kindern mit Autismus

Vorwort

Es gibt inzwischen zahlreiche verschiedene Therapieansätze in der Arbeit mit autistischen Kindern.

In der vorliegenden Hausarbeit möchte ich mich speziell mit den Möglichkeiten hundegestützter Therapien beschäftigen.

Während hundegestützte Therapien in den USA und auch in der Schweiz und in Österreich bereits einen festen Platz haben und allgemein anerkannt werden, ist diese Form der Therapie in Deutschland noch nicht sehr weit verbreitet.

Es ist jedoch ein eindeutiger Trend in Richtung dieser neuen Therapieform zu erkennen.

Ich möchte im Folgenden versuchen, das Feld der hundegestützten Therapie näher zu erläutern und die Vorteile und Wirkungsweisen dieser Therapie aufzuzeigen.

Hierfür möchte ich vorher einen kurzen Einblick in das Störungsbild Autismus geben, sowie über die Mensch-Tier-Beziehung und die verschiedenen Formen tiergestützter Intervention.

Diese Informationen sind meiner Meinung nach wichtig, um zu verstehen, was die Therapien leisten müssen, welche Förderung speziell autistische Kinder benötigen und weshalb Tiere, speziell Hunde, hierbei behilflich sein können.

Einführung Autismus

„Imagine yourself alone in a foreign land. As you step off the bus, the local people crowd toward you, gesticulating and shouting. Their words sound like animal cries. Their gestures mean nothing to you. Your first instinct might be to fight, to push these intruders away from you; to fly, to run away from their incomprehensible demands; or to freeze, to try to ignore the chaos around you.” (Happé 1994, 94)[49]

Dieses Zitat gibt meiner Meinung nach einen guten Eindruck von der Situation autistischer Kinder. Ihre Wahrnehmung der Welt unterscheidet sich von der gesunder Menschen. Ihr Verständnis für Sprache, verbal als auch nonverbal, ist stark eingeschränkt, was zu großen Unsicherheiten im Umgang mit anderen Menschen führen kann.

Autismus zählt zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen.

Nach ICD 10 sowie DSM IV müssen bei Autismus Verhaltensauffälligkeiten in folgenden drei Bereichen vorliegen:

- qualitative Auffälligkeiten der gegenseitigen sozialen Interaktion,
- qualitative Auffälligkeiten der Kommunikation und Sprache sowie
- begrenzte repetitive und stereotype Verhaltensmuster, Interessen und Aktivitäten.[50]

Anhand dieser Definition wird bereits deutlich, dass die möglichen Auffälligkeiten nur sehr grob umschrieben sind. Autismus ist ein sehr vielschichtiges, uneinheitliches Krankheitsbild.

„Den“ Autismus gibt es nicht, da bei jedem Betroffenen sowohl andere Ausprägungsstärken als auch Auffälligkeiten und Defizite festzustellen sind. So gibt es zum einen Kinder, die in sonderpädagogischen Einrichtungen betreut werden müssen, zum anderen gibt es Kinder die recht unauffällig sind und sogar Regelschulen besuchen können.

Die Betroffenen haben Schwierigkeiten, Umweltreize zu filtern, indem sie Unwichtiges aus ihrem Aufmerksamkeitsfokus heraushalten. Dies führt unweigerlich zu einer Reizüberflutung, der die Kinder nur durch eine Abschottung von der Umwelt entkommen können.[51]

Normalerweise ist die Entwicklung eines Kindes eng verknüpft mit einer spielerischen Auseinandersetzung mit der Umwelt. Autistische Kinder haben diese Fähigkeit in der Regel jedoch nicht, sie sind keine Selbstlerner. Durch die sehr eingeschränkte und kaum auf Eigeninitiative beruhende Auseinandersetzung mit der Umwelt kommt es zu starken Entwicklungsrückständen.[52]

Wie oben bereits gesehen ist ein wichtiges Symptom bei autistischen Kindern eine erhebliche Beeinträchtigung im sozialen Bereich.

Es ist für die Kinder oft schwierig, gesellschaftliche Regeln und Normen zu verstehen, ebenso fehlt ihnen oft ein natürliches Verständnis für Gefühle, Gedanken und Intentionen anderer Menschen.[53] Auch diese Problematik ist zum Teil auf die eingeschränkte Auseinandersetzung mit der Umwelt zurückzuführen, ein großer Teil dieser Probleme beruht jedoch auf einem geringen Sprachverständnis. Nur etwa 50 – 80 % der autistischen Kinder entwickeln Sprache, wobei bei einem großen Teil der Kinder trotzdem starke Beeinträchtigungen festzustellen sind. Es ist jedoch nicht nur die verbale Sprache, die für die Kinder oft unverständlich ist, sie haben oft auch Probleme, nonverbale Signale (Gestik, Mimik, Körpersprache) richtig zu deuten oder sie gar selbst zur Kommunikation zu nutzen.[54]

[...]


[1] Scheidhacker in Dt. Kuratorium f. Therapeutisches Reiten (Hrsg.) 2005, S. 57

[2] vgl. http://www.psychiatrie.de/diagnosen/schizophrenie/

[3] vgl. Schmauß 2002, S. 84ff

[4] vgl. Greiffenhagen 1991, S. 149

[5] vgl. Kupper-Heilmann 1999, S. 12

[6] Kupper-Heilmann 1999, S. 13

[7] Gäng 1994 in Kupper-Heilmann 1999, S. 13

[8] Baum in Dt. Kuratorium f. Therapeutisches Reiten (Hrsg.) 2005, S. 39

[9] Meier-Trinkler in Dt. Kuratorium f. Therapeutisches Reiten (Hrsg.) 2005, S. 19

[10] Meier-Trinkler in Dt. Kuratorium f. Therapeutisches Reiten (Hrsg.) 2005, S. 19

[11] vgl. Klüwer 1995, Tagungsband der 3. interdisziplinären Arbeitstagung des DKThR „Die Arbeit mit dem Pferd in Psychiatrie und Psychotherapie, S. 31

[12] Klüwer 1995, Tagungsband der 3. interdisziplinären Arbeitstagung des DKThR „Die Arbeit mit dem Pferd in Psychiatrie und Psychotherapie, S. 31

[13] Klüwer 1995, Tagungsband der 3. interdisziplinären Arbeitstagung des DKThR „Die Arbeit mit dem Pferd in Psychiatrie und Psychotherapie, S. 32

[14] vgl. Klüwer 1995, Tagungsband der 3. interdisziplinären Arbeitstagung des DKThR „Die Arbeit mit dem Pferd in Psychiatrie und Psychotherapie, S. 32

[15] Meier-Trinkler in Dt. Kuratorium f. Therapeutisches Reiten (Hrsg.) 2005, S. 18

[16] Meier-Trinkler in Dt. Kuratorium f. Therapeutisches Reiten (Hrsg.) 2005, S. 20

[17] Meier-Trinkler in Dt. Kuratorium f. Therapeutisches Reiten (Hrsg.) 2005, S. 19

[18] vgl. Klüwer 1995, Tagungsband der 3. interdisziplinären Arbeitstagung des DKThR „Die Arbeit mit dem Pferd in Psychiatrie und Psychotherapie, S. 34f

[19] vgl. Brandenberger in Gäng 2003, S. 86f

[20] Breiter, Hein in Dt. Kuratorium f. Therapeutisches Reiten (Hrsg.) 2005, S. 53

[21] vgl. Meier-Trinkler in Dt. Kuratorium f. Therapeutisches Reiten (Hrsg.) 2005, S. 20

[22] vgl. Breiter, Hein in Dt. Kuratorium f. Therapeutisches Reiten (Hrsg.) 2005, S. 53

[23] vgl. Breiter, Hein in Dt. Kuratorium f. Therapeutisches Reiten (Hrsg.) 2005, S. 54

[24] Breiter, Hein in Dt. Kuratorium f. Therapeutisches Reiten (Hrsg.) 2005, S. 54

[25] vgl. Breiter, Hein in Dt. Kuratorium f. Therapeutisches Reiten (Hrsg.) 2005, S. 54f

[26] Strausfeld 1995, Tagungsband der 3. interdisziplinären Arbeitstagung des DKThR „Die Arbeit mit dem Pferd in Psychiatrie und Psychotherapie, S. 127

[27] vgl. Scheidhacker in Dt. Kuratorium f. Therapeutisches Reiten (Hrsg.) 2005, S. 22

[28] Baum, Frey in Dt. Kuratorium f. Therapeutisches Reiten (Hrsg.) 2005, S. 28

[29] vgl. Baum, Frey in Dt. Kuratorium f. Therapeutisches Reiten (Hrsg.) 2005, S. 28

[30] vgl. Brandenberger in Gäng 2003, S. 86

[31] vgl. Kupper-Heilmann 1999, S. 25f

[32] vgl. Brühwiler Senn in Gäng 2003, S. 59f

[33] vgl. Breiter in Gäng 2003, S. 74f

[34] Klüwer 1995, Tagungsband der 3. interdisziplinären Arbeitstagung des DKThR „Die Arbeit mit dem Pferd in Psychiatrie und Psychotherapie, S. 32

[35] Breiter in Gäng 2003, S. 75

[36] vgl. Vorsteher in Gäng 2003, S. 39f

[37] Scheidhacker in Dt. Kuratorium f. Therapeutisches Reiten (Hrsg.) 2005, S. 23

[38] vgl. Brandenberger in Gäng 2003, S. 86

[39] vgl. Storat in Dt. Kuratorium f. Therapeutisches Reiten (Hrsg.) 2005, S. 31

[40] vgl. Storat in Dt. Kuratorium f. Therapeutisches Reiten (Hrsg.) 2005, S. 33

[41] vgl. Greiffenhagen 1991, S. 152

[42] vgl. Klüwer 1995, Tagungsband der 3. interdisziplinären Arbeitstagung des DKThR „Die Arbeit mit dem Pferd in Psychiatrie und Psychotherapie, S. 33

[43] Scheidhacker in Dt. Kuratorium f. Therapeutisches Reiten (Hrsg.) 2005, S. 45

[44] Scheidhacker in Dt. Kuratorium f. Therapeutisches Reiten (Hrsg.) 2005, S. 58

[45] vgl. Senn in Gäng 2003, S. 60

[46] vgl. Baum in Dt. Kuratorium f. Therapeutisches Reiten (Hrsg.) 2005, S. 40f

[47] vgl. Scheidhacker 1991, Tagungsband der 3. interdisziplinären Arbeitstagung des DKThR „Die Arbeit mit dem Pferd in Psychiatrie und Psychotherapie, S. 138ff

[48] vgl. Sturm, Bäumler, Scheidhacker 1993, Tagungsband der 3. interdisziplinären Arbeitstagung des DKThR „Die Arbeit mit dem Pferd in Psychiatrie und Psychotherapie, S. 146 ff

[49] Zitiert nach: Verhaltenstherapeutisch orientierte Förderprogramme, S.1

[50] vgl. M. Hinz, S.7

[51] vgl. Praxisbuch Autismus, S. 26

[52] vgl. Praxisbuch Autismus, S. 18

[53] vgl. Ratgeber autistische Störungen, S.16

[54] vgl. Verhaltenstherapeutisch orientierte Förderprogramme, S. 24f.

Details

Seiten
135
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656448761
ISBN (Buch)
9783956870019
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v229917
Note
Schlagworte
tiere therapie hunde pferde patienten schizophrenie autismus depression

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Titel: Tiere in der Therapie