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Vortrag - Toleranz im Christentum. Humanismus und Reformation

Referat (Ausarbeitung) 2011 11 Seiten

Theologie - Vergleichende Religionswissenschaft

Leseprobe

Einleitung

Wir befinden uns in der Zeit des 15. und 16. Jh. und stehen am Beginn der Neuzeit. Zwei Paradigmen sind hier für uns besonders wichtig: der Humanismus und die Reformation. Denn in dieser Zeit werden die kulturellen und gesellschaftlichen Bedingungen grundlegend verändert. Die mittelalterliche geistlich-politische Ordnung, mit den beiden Hauptaspekten der Einordnung des Menschen in eine religiös-kirchliche Denk- und Handlungsstruktur sowie der Unterordnung der weltlichen unter die geistliche Macht, wird in Frage gestellt und schliesslich aufgelöst. Zwar wurde schon früher darüber gerungen, wie z.B. im Investiturstreit des 11. Jh. aber erst beginnend mit der Renaissance kommt es zu wirklichen Umbrüchen. Ein neues Bewusstsein von Subjektivität des Menschen bildet sich heraus und alle Dinge der Welt werden jetzt objektiv betrachtet. Alles wird grundsätzlich berechen- und planbar. Es entsteht eine neue ökonomische Ordnung und Nationalstaaten bilden sich heraus. Hervorstechend ist die Entwicklung eines neuen Individualitätsverständnisses, in den beiden verschiedenen Richtungen des Humanismus und des Protestantismus: Im Humanismus herrscht die Idee der Selbstvervollkommnung aus eigener Kraft vor, ein neues Bewusstsein von menschlicher Freiheit und Würde, im Protestantismus dann die Subjektivierung des Glaubens und radikaler Selbstverantwortung vor Gott. Es kommt in dieser Zeit zu einer Pluralisierung des religiösen Lebens, Konflikten um den rechten Glauben und schliesslich zu blutigen Religionskriegen, was die neuzeitliche Geschichte massgeblich beeinflusste und die Frage nach Toleranz akut werden liess.

Humanismus

Im Humanismus kommt es zur Auffassung der Autonomie des Politischen, der Begriff Staatsräson wird bestimmend für das 16.Jh. sein. Religion kann dann nur noch instrumentelle Bedeutung haben. Für das Ziel der Staatserhaltung braucht es tugendhafte Menschen (bürgerlicher Humanismus), nach anderer Auffassung ist aber auch jedes Mittel Recht (Machiavelli). Es kommt zu Säkularisierung und Selbstbegründung durch die Vernunft. Das humanistische Denken versucht eine Universalreligion zu schaffen, die alle Menschen vereint (reduktive Einheit). Toleranz ist dabei nicht eine Forderung um der Einheit im Glauben willen, sondern gebotener Ausdruck einer durch Gottes Willen bereits bestehenden Einheit, jenseits aller Unterschiede. Eine so starke Religionskritik wie in der Renaissance, wo das religiöse Leben entkirchlicht und entdogmatisiert wurde, gibt es im Humanismus allerdings nicht. Wie gesagt konzentriert man sich auf das Verhältnis Staat-Religion und versucht eben die Menschheit in einer universalen Religion zu vereinen.

Marsilio Ficino, ein Priester um 1470 herum, präsentiert eine philosophische Religion. Echte Philosophie und wahre Religion seien identisch. Dabei gebe es ein natürliches Streben der Seele nach Gott. Für ihn ist es besser wenn Gott irgendwie angebetet wird, als überhaupt nicht, wobei aber auch nicht alle Kulte gleichen Wertes sind. Der christliche hat für ihn Vorrang.

Giovanni Pico della Mirandola, ein Schüler Ficinos, verfasste um 1485 eine allumfassende philosophisch-religiöse Synthese. Dabei berücksichtigte er alles, von den klassischen Philosophen, christlichen Theologen, jüdischer Glauben, arabische Religion, antike Mythologie bis zu Zarathustra. In seiner Konzeption ist der Mensch Mittelpunkt der Welt, aber noch unbestimmt, er kann sowohl zum Tier werden als auch zu einem göttlichen Wesen, und zwar aus eigener Kraft; ein Bildhauer seiner selbst. Trotzdem hat der Mensch auch eine Bestimmung: er soll nach dem Höchsten streben, ja selber durch die Liebe zu Gott eins mit ihm werden. Der Mensch wird hier aber noch nicht zum Herrscher über das Universum. Pico`s Toleranzbegründung ist wohl ambivalent: Zum einen ist Toleranz gegenüber allen einzelnen Lehren um der Wahrheit des Ganzen willen gefordert. Gleichzeitig ist aber klar, dass für ihn die höchste Form der Wahrheit eine christlich-neuplatonische Theologie ist. Hier zeigt sich ein immanentes Problem solcher christlich-humanistischen Reduktionsargumentation: entweder werden die Lehren der ´Anderen´ als Beitrag zur Wahrheit toleriert, wie bei Pico, oder aber als Halb- und somit auch Unwahrheit abgelehnt. Papst Innozenz VIII. verurteilte auf jeden Fall seine 900 Thesen dann als häretisch und liess Pico exkommunizieren.

Desiderius Erasmus von Rotterdam, der angesehenste Gelehrte zu Beginn des 16.Jh., vertritt die für den christlichen Humanismus charakteristischste Begründung von Toleranz. Folgende sind die wichtigsten Elemente:

- Alle Christen teilen eine zentrale Glaubenslehre, während sie sich so oft über unwichtiges streiten. Man muss zurück zu den Quellen des Evangeliums und zur ursprünglichen Lehre Christi (z.B. Feindesliebe).
- Das Unwichtige sieht er freilich als sehr weiten Begriff an, so gehören z.B. auch die Trinitätslehre oder andere scholastische Debatten dazu. Anstatt solcher hochphilosophischen Spekulationen, die nur zu Streit und Spaltung führen solle man sich auf das Wesentliche besinnen. „Du wirst nicht verdammt werden, wenn du nicht weisst, ob der vom Vater und Sohn ausgehende Geist einen oder zwei Ursprünge hat, aber du wirst der Verdammnis nicht entrinnen, wenn du nicht die Früchte des Geistes bringst, welche sind Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Langmütigkeit, Sanftmut, Glaube, Bescheidenheit, Enthaltsamkeit und Keuschheit.“
- Verengung der Ketzerdefinition: „Einst galt als Ketzer, wer von den Evangelien, den Glaubensartikeln, oder ihnen an Autorität Gleichwertigem abwich. Heute wird, wer irgendwie von Thomas von Aquino abweicht, Ketzer genannt; ja, wenn er von einem erdichteten Argument abweicht, das gestern irgendein Sophist in den Schulen ersann.“ Im Lichte dieser Rückführung auf eine im Wesentlichen ethische Lehre Christi erschien Luther nicht mehr als Häretiker. Erasmus sympathisierte in der Tat anfänglich mit Luther, kritisierte auch den Ablasshandel und päpstlichen Machtmissbrauch, wollte aber niemals mit Luthers Auffassung identifiziert werden. Schliesslich drängte man Erasmus im Laufe des Konfliktes zu einer Entscheidung und er distanzierte sich von Luther, und dessen Ablehnung der Willensfreiheit. Somit stossen wir in dieser Kontroverse auf zwei verschiedene Menschenbilder. Der freie und verantwortliche Mensch, der Gottes Hilfe bedarf im Humanismus, und der sündhafte Mensch der allein nichts kann in der Reformation.
- Sehr heftig kritisiert Erasmus Kriege und stellt dem Liebe und Friede gegenüber. Im Zentrum steht das Gebot der Nächstenliebe, das dem Menschen als Geschöpf Gottes gilt. Solche Toleranz bedeutet demnach z.B. nicht, einen Mörder als Mörder zu tolerieren, sondern als Menschen.
- Freiheit des Gewissens: Christus predigte den wahren, nicht geheuchelten Glauben. Zwang als Mittel zur Bekehrung scheidet somit aus. Vielmehr muss man jemanden mit Rhetorik, mit der Kraft des Wortes, überzeugen versuchen.

Reduktionstheologie liefert also die Begründung für Toleranz innerhalb verschiedener Strömungen im Christentum. Und die Liebe und Überzeugung durch das Wort führen zur Toleranz gegenüber Nichtchristen. Dennoch hat seine Konzeption Grenzen: die Grenzziehung von Wesentlichem zu Unwesentlichem ist ziemlich unscharf, die Ketzerdefinition also recht willkürlich. Diese müssen aber bekehrt werden. So auch die Nichtchristen: alle sind zum Volk Gottes berufen, müssen also bekehrt werden. Einen Anteil an der Wahrheit gesteht Erasmus den nicht christlichen Religionen nicht zu, vor allem die Juden werden ausgeschlossen. Konfliktparteien, die sich über Unwesentliches streiten, werden dies wohl kaum als Unwesentliches anerkennen. Somit blieb die humanistische Konzeption auch weitgehend eine Utopie.

Erasmus zieht keine Trennung zwischen politischem und geistlichem Bereich. Der Herrscher soll gleichzeitig ein guter Christ sein, durch untadelige Lebensführung seine Bürger für sich gewinnen. Die Aufgabe der Politik ist die Erziehung zum Guten, das Schaffen eines tugendhaften und christlichen Volkes. Der weltliche Herrscher kann gegen jene, die Unruhe stiften, mit Gewalt vorgehen.

Thomas Morus, ein Freund Erasmus‘, hat auch die Vision einer guten Gesellschaft, einer neuen Welt, Überwindung von materieller Ungleichheit und Gewinnstrebens. Schwerpunkt dabei ist die ökonomische Struktur. Morus befindet sich damit in der Nähe zum Kommunismus. Er ist aber realistisch und weiss die Idee als Utopie, weshalb er sein Werk auch Utopia nennt. In seinem imaginären Staat „Utopien“ herrscht Religionsfreiheit. Alle verehren auf verschieden Weisen den einen Gott. Ausschlaggebend dafür sind staatspragmatische Überlegungen. Friedliche Koexistenz von Religionen in einem Toleranzregime schwäche den Staat nicht, sondern stärke ihn. Einzig Atheisten werden nicht toleriert, weil keine Furcht vor der Strafe Gottes diese in Schranken halte. Daneben hat Morus noch zwei weitere Argumente. Erstens könne ein endliches Wesen nicht wissen, ob Gott nicht vielleicht verschiedene Weisen seiner Verehrung möchte. Und zweitens, wenn nur ein Glaube der wahre ist, werde sich dieser schon selber durchsetzen, ohne Gewalt.

[...]

Details

Seiten
11
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656456537
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v229877
Institution / Hochschule
Université de Fribourg - Universität Freiburg (Schweiz)
Note
5.5/6
Schlagworte
Religionswissenschaft Toleranz Christentum Humanismus Reformation Erasmus von Rotterdam Luther Religionskriege Neuzeit Geschichte Kirche

Autor

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Titel: Vortrag - Toleranz im Christentum. Humanismus und Reformation