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The Big Bang Theory. Infotainment mit den Nerds

Fachbuch 2013 74 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhalt

„You laugh now, but wait till you need tech support!“ - Nerds und ihre Subkultur in zeitgenössischen Fernseh-serien
Einleitung
Definition des Begriffs „Nerd“
The Big Bang Theory - Nerdkultur in der Freizeitgestaltung
The IT Crowd - Nerdkultur am Arbeitsplatz
South Park- Make Love not Warcraft - Gefahren der Nerdkultur
Fazit und Ausblick
Literaturverzeichnis

The Creation of Humor in 'The Big Bang Theory". An Analysis based on Grice's
Maxims.
Introduction
Literature Review
Humor Analysis in ‘The Big Bang Theory’
Conclusion
Abbreviations
Bibliography

Infotainment am Beispiel von The Big Bang Theory
Einleitung
Infotainment
The Big Bang Theory - eine typische Sitcom?
The Big Bang Theory und Infotainment
Fazit
Literaturverzeichnis

„You laugh now, but wait till you need tech support!“ - Nerds und ihre Subkultur in zeitgenössischen Fernseh- serien

Von Charlotte Meyn, 2010

Einleitung

Mit der immer weiteren Verbreitung des Internet ist die Subkultur der sogenannten Nerds in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt. Aktuelle Modedesigner orientieren sich an Nerdklischees und statten ihre Models mit überdimensionalen Hornbrillen und ähnlichen Kleidungsstücken aus.1 Während Nerds früher als gesellschaftliche Randgruppe galten, ist es mittlerweile beinahe schon ein Trend geworden, sich selbst als Nerd zu bezeichnen.2 Dieser Gesinnungswandel ist in erster Linie ein Produkt unseres hoch technisierten Zeitalters, in dem man ohne grundsätzliche Computerkenntnisse die Anforderungen des täglichen Lebens nur noch mit Mühe bewältigen kann und in dem die Naturwissenschaften eine immer größere Rolle spielen.

Dieser Unterschied wird, wie alle gesellschaftlichen Wandlungen, auch im Fern- sehen reflektiert. In den Serien, und besonders in den Sitcoms und Kinderserien der 80er und 90er Jahre wurden Nerds meist als Randfiguren, als „comic relief“, dargestellt. Sie waren selten Sympathieträger und noch seltener Hauptfiguren. Meist handelte es sich um übertriebene, karikaturhafte Figuren wie zum Beispiel Steve Urkel aus Alle unter einem Dach. Es wurde über die Nerds gelacht, nicht mit ihnen.

In letzter Zeit hingegen hat sich dies gewandelt. In Serien wie Freaks and Geeks (in Deutschland unter dem Titel Voll daneben, voll im Leben ausgestrahlt) sind Nerds die Hauptcharaktere und auch Identifikationsfiguren für den Zuschauer.3 Eine der beliebtesten Figuren der Serie Heroes war der Nerd und Comic-Fan Hiro Nakamura. Die MTV-Zeichentrickserie Daria war eine der wenigen Sen- dungen, die einen weiblichen Nerd zur Hauptfigur machte. Auch in Sendungen, in denen dies nicht das primäre Thema ist, werden des Öfteren Themen aus der Nerdkultur behandelt. Mittlerweile hat sich also die Präsenz von Nerdkultur und Nerds im Fernsehen deutlich gewandelt, insbesondere, da in einer pluralistischen und technologieorientierten Zeit die Abgrenzung zwischen Nerd- und Mainstreamkultur immer schwerer wird.

Diese Arbeit will exemplarisch drei Beispiele der Darstellung von Nerds und Nerdkultur im zeitgenössischen Fernsehen untersuchen, die jeweils unterschied- liche Aspekte der Subkultur repräsentieren: Freizeitgestaltung, Arbeitswelt und mögliche Gefahren. Zunächst wird die Bedeutung des Begriffs „Nerd“ geklärt. Im Anschluss wird die erste Staffel der US-amerikanischen Sitcom The Big Bang Theory (insgesamt 16 Folgen) in Hinblick auf die Freizeitgestaltung von Nerds untersucht. Aus dieser stammt auch das Zitat im Titel dieser Arbeit. In Bezug auf die Arbeitswelt werden die ersten beiden Staffeln der britischen Sit- com The IT Crowd behandelt (insgesamt 12 Folgen). Die eventuellen Gefahren der Nerdkultur schließlich werden anhand der Folge Make Love, Not Warcraft der US-amerikanischen Animationsserie South Park erläutert.

In jedem der Kapitel wird zunächst Allgemeines zur jeweiligen Serie gesagt, danach wird der Aspekt behandelt, unter dem sie jeweils untersucht wird, und schließlich wird angesprochen, inwiefern sich die Darstellung in der Serie mit der Realität decken könnte. Der letzte Punkt wird selbstverständlich bei allen drei Serien nur kurz angerissen und insbesondere in Bezug auf die Rezeption der Serie innerhalb der Subkultur betrachtet. Um eine umfassendere Darstellung der Realität der Nerdsubkultur zu bieten, wäre eine sozialwissenschaftliche Unter- suchung nötig, die den Rahmen dieser Arbeit bei Weitem sprengen würde. Die Arbeit endet mit einem kurzen Fazit und einem Ausblick auf weitere Facetten des Themas, die noch zu untersuchen sind.

Definition des Begriffs „Nerd“

Doch was ist ein Nerd überhaupt? Der Begriff ist nicht klar zu definieren. Jeder stellt sich etwas anderes darunter vor, alleine, weil es zudem in der amerikani- schen, und mittlerweile auch zunehmend in der deutschen Umgangssprache auch noch ähnliche Begriffe wie „Geek“ oder „Dork“ gibt, die nicht klar abge- grenzt werden können. Deshalb soll hier nicht versucht werden, eine allgemein- gültige Definition zu finden, sondern es sollen verschiedene Definitionen aus unterschiedlichen Quellen aufgezeigt werden, um sich dem Begriff anzunähern und gleichzeitig deutlich zu machen, dass es schwer ist, festzustellen, was ein Nerd eigentlich ist.

Der Begriff kam in den USA zunächst Anfang der 1950er Jahre auf.4 Wann genau er in die deutsche Sprache übergegangen ist, ist unklar - eine der frühesten Quellen, die ausfindig gemacht werden konnte, ist ein Artikel aus der Zeitschrift Focus, der aus dem Jahr 2000 stammt.5

Die Online-Ausgabe des Duden Wörterbuchs der Szenesprache schreibt:

Der Nerd ist ein Soziotypus der Informationsgesellschaft. Er verfügtüber herausragende Videospiel- und Computerkenntnisse und verbringt seine Freizeit vor dem Bildschirm. Durch die soziale Isolation, die der beste Freund Computer mit sich bringt, und das spezi elle unvermittelbare Wissen ist der Nerd für das Klischee des einsamen, unverstandenen Außenseiters prädestiniert.6

Umfassender ist die Definition aus einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung:

der Begriff des Nerds [...] umfasst [...] im Grunde alle, die sich in irgendeinem Feld enzyklopädisches Wissen und/oder singuläre, dem normalen Verstand nicht mehr zugängliche Expertise erworben haben - selbstverständlich auf Kosten von etwas, was man früher ein mal “ normales Sozialleben “ nannte.7

Ein anderer Artikel, ebenfalls aus der Süddeutschen Zeitung, fasst das Ganze so zusammen:

Neben den bekannten und vorhandenen Stereotypen zeichnen den Nerd vor allem drei Ei genschaften aus: soziale Vernetzung per Mausklick, Ironie und Intelligenz. [...] Nerds gel ten als hässlich und kontaktscheu, aber auch als intelligent und mächtig.8

Die letzte Definition, die hier aufgeführt werden soll, stammt aus dem OnlineMagazin Kulturbande:

Intelligent und motiviert, soviel Wissen wie m ö glich in sich aufzusaugen, [...] spezialisiert [der Nerd] sein Wissen und seinen Humor gerne auf vorwiegend pop-kulturelle Sparten wie Science Fiction, Comics, Musik, Computerprogrammierung [...] und katapultiert sich damit so manches Mal in die soziale Nische, da sein Insiderhumor und -Wissen eine nor- male soziale Interaktion erschwert und ihn ungelenk und seltsam erscheinen lässt. 9

Zusammenfassend könnte man sagen, dass ein Nerd sich durch überdurch- schnittliche Intelligenz, meist gekoppelt mit Expertenwissen auf einem (oft na- turwissenschaftlichen oder technischen) Gebiet auszeichnet, dies jedoch durch unterdurchschnittliche soziale Fähigkeiten und ein wenig ansprechendes Äuße- res kompensiert. Als stereotype Interessen eines Nerds werden zudem oft Sci- ence Fiction und Fantasy, Comics, Computerspiele etc. genannt. Während Au- ßenstehende den Begriff „Nerd“ meist eher abwertend verwenden, wird er in- nerhalb der Nerd-Subkultur als Kompliment verstanden. The Big Bang Theory - Nerdkultur in der Freizeitgestaltung Allgemeines zur Serie Die US-amerikanische Sitcom The Big Bang Theory wurde von Chuck Lorre und Bill Prady entwickelt und wird seit 2007, mittlerweile in der dritten Staffel, auf dem US-Fernsehsender CBS ausgestrahlt. In Deutschland läuft sie seit 2009 bei Pro Sieben.

Hauptfiguren der Serie sind die vier jungen Physiker Sheldon, Leonard, Howard und Rajesh, die miteinander befreundet sind und auch gemeinsam am California Institute of Technology forschen. In die Nachbarwohnung von Sheldon und Leonard zieht eines Tages Penny ein, eine junge, attraktive Kellnerin und erfolglose Schauspielerin. Im Laufe der Serie freunden sich Penny und die Wissenschaftler immer mehr an, obwohl sie völlig gegensätzlich sind.

Grundthema der Serie, und Quelle eines großen Teils der Gags, ist der Kontrast zwischen den intelligenten, aber völlig weltfremden und sozial inkompetenten Forschern, und der Kellnerin, die durchschnittlich intelligent ist, kaum naturwis- senschaftliche Bildung hat, aber im Gegensatz zu den Physikern über gesunden Menschenverstand und Sozialkompetenz verfügt. So ergibt sich der Humor, wie fast immer in Sitcoms,10 aus der Störung des normalen Alltags - zwei Welten prallen aufeinander, sodass beide Seiten gezwungen werden, sich mit einer völ- lig anderen Lebensweise und Weltsicht auseinander zu setzen. Dass sich die beiden Seiten im Laufe der Staffel immer mehr anfreunden, gibt der Serie einen optimistischen Unterton - trotz aller Missverständnisse können also Nerds und „normale Menschen“ zueinander finden. Freizeitgestaltung von Nerds Zwar sind die vier männlichen Hauptcharaktere auch Arbeitskollegen, ein Großteil der Handlung befasst sich aber mit der Freizeitgestaltung. Deshalb ist dies der Aspekt, auf den hin die Serie hier untersucht werden soll.

Im Allgemeinen vermischen sich bei den Hauptfiguren Beruf und Freizeit. Wissenschaftliche Arbeit und private Interessen werden des Öfteren vermischt - ein wiederkehrendes Element sind Diskussionen, in denen Physik und Filme, Comics etc. aufeinander bezogen werden. So wird zum Beispiel darüber diskutiert, inwiefern die Superman -Filme physikalisch akkurat sein könnten.

Die vier Wissenschaftler haben stereotype Nerdinteressen wie z.B. Comichefte, Science Fiction und Videospiele - so steckt die Serie dann auch voll Referenzen auf real existierende Medienprodukte. Zum Beispiel treffen sich die vier regel- mäßig, um Video- und Computerspiele zu spielen. Namentlich erwähnt werden hier unter anderem Halo 3 und World of Warcraft. Virtuelles, Fiktionales und Realität werden immer miteinander vermischt, woraus auch ein Großteil des Humors entsteht. Sheldon baut sich zum Beispiel einen Pool in Second Life, um sich dort von realen körperlichen Anstrengungen zu erholen. Gleichzeitig sind die vier auch auf ihre eigene Art sehr kreativ - so nähen sie sich zum Beispiel selbst Kostüme für Science-Fiction- oder Fantasy-Conventions oder basteln technische Gadgets.

In ihren Interessen sind die Physiker trotz ihrer überdurchschnittlichen Intelli- genz oft recht kindlich. Dies wird in besonderer Weise thematisiert in der Folge The Nerdvana Annihilation, in der alle vier die Original-Zeitmaschine aus dem Film The Time Machine auf ebay ersteigern und in ihrer Begeisterung darüber eher an kleine Jungen als an erwachsene Männer erinnern. Penny ist davon eher befremdet, und hält ihnen vor, sie seien armselig, da sie sich in ihrem Alter immer noch mit Dingen wie Actionfiguren, Comics und Videospielen beschäftigen würden, entschuldigt sich aber gegen Ende der Folge, als Sheldon sie damit konfrontiert, dass sie selbst Plüschtiere sammelt.

Sport gehört hingegen nicht zu den Interessen der vier - an einer Stelle merkt Sheldon an „We don’t have [...] any measurable upper Body strength“. Auch Ausgehen und der Kontakt zu Menschen außerhalb ihrer Viererclique spielen eine eher untergeordnete Rolle. Sexuelle Beziehungen zu Frauen kommen in der Serie nur sporadisch vor: Während Sheldon als völlig asexuell dargestellt wird, haben die anderen drei Nerds durchaus Interesse am anderen Geschlecht, ma- növrieren sich jedoch durch ihre soziale Unbeholfenheit hier immer wieder ins Abseits.

Bezug zur Realität und Rezeption

Die Frage in einer derartigen Sendung ist natürlich, ob hier mit den oder über die Nerds gelacht wird. Sieht man jedoch die Rezeption von deren Seite an, sind diese eher der Meinung, hier würde mit ihnen gelacht. In dem Webcomic Weregeek, der von einer Nerd-Clique handelt, wird die Show von den Charakte- ren diskutiert und positiv bewertet - „There’s never been a sitcom about OUR world before!“11 Der Darsteller des Leonard, Johnny Galecki, sagte dazu in der Los Angeles Times: „It went from being a show that was lambasted before it even aired for making fun of intelligent people to a show that intelligent people claim is uniting them, which is unexpected and touching.“12

Natürlich können an dieser Stelle keine detaillierten Aussagen darüber getroffen werden, inwiefern die Serie authentisch den Lebensstil von Nerds abbildet. Je- doch weist die Rezeption innerhalb der Subkultur darauf hin, dass hier durchaus ein Nerv getroffen wurde und dass, auch wenn aufgrund des Genres Sitcom hier manches überzeichnet dargestellt wird, die Grundtendenzen der Freizeitgestal- tung und sozialen Interaktion von Nerds authentisch dargestellt zu sein scheinen.

The IT Crowd - Nerdkultur am Arbeitsplatz

Allgemeines zur Serie

Die britische Sitcom The IT Crowd wird seit 2006 auf Channel 4 ausgestrahlt und umfasst mittlerweile 3 Staffeln. In Deutschland läuft sie seit 2009 auf Comedy Central. Autor und Schöpfer der Serie ist Graham Linehan. Eine deutsche Adaption namens Das iTeam- die Jungs an der Maus, wurde von Sat.1 nach zwei Folgen wegen schlechter Quoten abgesetzt. Kritiker schreiben das der schlechten Übersetzung und schauspielerischen Performance zu und meinen, der Witz des Originals sei komplett verlorengegangen.13

Hauptfiguren der Serie sind die beiden IT-Techniker Roy und Moss, die die ITAbteilung in der Firma Reynholm Industries bilden. Was genau Reynholm Industries eigentlich macht oder herstellt, wird in der Serie nie erwähnt, sodass die Firma stellvertretend für viele andere Firmen stehen kann, was die Identifikation der Zuschauer mit den Charakteren natürlich erleichtert.

Roy und Moss werden mit der ambitionierten Karrierefrau Jen konfrontiert. Die- se hat von Computern keinerlei Ahnung, jedoch hat sie auf ihrem Lebenslauf behauptet, sie kenne sich mit dieser Materie sehr gut aus, um beruflich weiterzukommen. Daraufhin wird sie in der ersten Folge vom Firmenchef zur neuen Leiterin der IT-Abteilung ernannt. Zunächst lehnen die beiden Männer ihre neue Chefin ab, die alles ist, was sie nicht sind: ambitioniert, imagebedacht, sozial kompetent, gut gekleidet, aber technisch völlig unbedarft. Jedoch überzeugt sie sie schließlich mit dem Argument, dass sie über die sozialen Fähigkeiten verfügt, die den beiden Technikern fehlt.

Somit fungiert sie als „Relationship Manager“ zwischen der IT-Abteilung und dem Rest der Firma, was mal mehr, mal weniger gut klappt, woraus die Serie auch einen Großteil ihrer Komik bezieht. Genau wie in The Big Bang Theory geschieht hier im Laufe der Zeit eine Annäherung zwischen den Nerds und der weiblichen Kontrastfigur.

Arbeitsalltag von Nerds

Auffällig ist die Differenz zwischen dem Rest der Firma und der IT-Abteilung. Das nachlässige Äußere der Nerds und die Business-Outfits, in denen die Angestellten der anderen Abteilung stecken, bilden einen massiven Kontrast zueinander. Die oberen Stockwerke, in denen die Anzugträger unterwegs sind, werden dank großer Fenster von Licht durchflutet und sind gewollt stilvoll eingerichtet. Die IT-Abteilung hingegen befindet sich in einem schmutzigen, dunklen Kellerraum, der mit Computerschrott gefüllt ist.

„They have no respect for us. No respect whatsoever“ sagt Roy über den Rest der Firma - und hat Recht damit. Gleich in der ersten Folge bezeichnet der Fir- menchef Moss und Roy als „Standard Nerds“, und anhand seines Tonfalls ist es klar, dass dies nicht als Kompliment gemeint ist. Die IT-Abteilung wird vom Rest der Firma mit Verachtung gestraft, woher auch ein Großteil der Pointen rührt - an einer Stelle dankt der Chef der Firma allen, inklusive den Reinigungskräften, für ein gelungenes Projekt, nur die IT-Abteilung, die das Projekt tatsächlich realisiert hat, wird ignoriert. Der britische schwarze Humor der Serie lässt diese Verachtung teilweise absurde Ausmaße annehmen, zum Beispiel, als eine mit ihrem Computer frustrierte Angestellte Roy tatsächlich verprügelt und Moss erwähnt, dass dies zweimal die Woche vorkommt.

Roy und Moss reagieren auf die Verachtung ihrer Kollegen damit, dass sie, ob- wohl beide durchaus kompetente IT-Fachleute sind, ihren Job nicht im Gerings- ten ernst nehmen. Da sich ohnehin kaum jemand in ihren Keller vorwagt, ver- bringen sie ihre Arbeitszeit damit, PC-Spiele zu spielen, Comics zu lesen, Fast- food zu essen oder sich anderweitig zu unterhalten. Anrufer werden mit einem Tonband abgefertigt, auf dem die Fragen „Have you tried turning it on and off again?“ („Haben Sie es schon einmal mit Ein- und Ausschalten versucht?“) und „Are you sure it’s plugged in?“ („Sind Sie sicher, dass es eingesteckt ist?“) ab- gespielt werden - ein Großteil aller Anrufe kann so abgewickelt werden. Wenn es tatsächlich zum Kontakt kommt, verbessert das die Beziehung zwischen der IT-Abteilung und dem Rest der Firma auch nicht. Insbesondere Moss schreckt durch den Technikjargon, in dem er sich ausdrückt, die Kollegen ab.

Auch Jens Position als „Relationship Manager“ kann dies nur bedingt verbessern. Zwar versteht sie sich sowohl mit der IT-Abteilung als auch mit dem Rest der Firma, die Unterschiede zwischen den beiden Lagern sind aber zu groß, als dass sie sie überbrücken könnte.

Einerseits machen sich die beiden Angestellten über ihre technikunfähige Chefin lustig, indem sie ihr zum Beispiel glaubhaft vermitteln, man könne das Internet kaputtmachen, wenn man „Google“ in Google eingibt. Andererseits halten die drei trotzdem zusammen. In späteren Folgen fungiert Jen teilweise als Mutterfi- gur gegenüber den beiden Männern: Als sie in der Folge „Men without Women“ längere Zeit nicht im Büro ist, reagieren die beiden, indem sie allen möglichen Unsinn veranstalten (zum Beispiel Scherzanrufe beim Pizzaservice), den Jen ihnen nie erlauben würde. Jedoch vermissen sie ihre Chefin trotzdem ziemlich schnell. Die Beziehungen bleiben hier auf einer platonischen Ebene: Obwohl andere Figuren in der Serie am Arbeitsplatz sexuelle Kontakte knüpfen, sind Jen, Roy und Moss zunächst nur Kollegen, später Freunde, aber nichts, was dar- über hinausgehen würde.

Bezug zur Realität und Rezeption

Genau wie bei The Big Bang Theory kann das Thema des möglichen Realitäts- bezugs der Serie hier nur kurz angerissen werden. Die mangelnde Anerkennung und computerbezogene Inkompetenz seitens der Chefetage, unter der die IT- Fachleute in der Serie leiden, scheint durchaus mit der Realität zu korrespondie- ren: Das Internet ist voll von Webseiten, auf denen sich IT-Fachleute über die technische Inkompetenz und den mangelnden Respekt seitens der „Anzugträger“ auslassen.14 Vielleicht ist dies auch ein Grund, weshalb die Serie gerade unter Nerds, und insbesondere Informatikern extrem beliebt zu sein scheint, wie zahl- reiche Blog- und Foreneinträge beweisen - es ist eine von wenigen, meines Wissens sogar die einzige Serie, die sich mit dem Arbeitsalltag von IT- Fachleuten befasst und trotz aller Überspitzungen ein gewisses Maß an Authen- tizität beinhaltet.15

South Park- Make Love not Warcraft - Gefahren der Nerd- kultur

Allgemeines zur Serie, zur Folge und zu World of Warcraft

South Park ist eine US-amerikanische Zeichentrickserie, die von Matt Stone und Trey Parker entwickelt wurde, in den USA seit 1997 auf Comedy Central läuft und mittlerweile vierzehn Staffeln umfasst. In Deutschland wird die Serie seit 1999 ausgestrahlt und lief zunächst auf RTL, dann auf Viva. Zurzeit ist sie auf Comedy Central und MTV zu sehen. Hauptfiguren sind die vier Grundschüler Kenny, Cartman, Kyle und Stan. Obwohl es sich um eine Zeichentrickserie mit sehr jungen Protagonisten handelt, spricht die Serie ausdrücklich keine Kinder, sondern Erwachsene an. Sie setzt sich satirisch und häufig mithilfe sehr derben Humors mit der Gesellschaft der USA auseinander, wobei oft Bezüge zu aktuel- lem Zeitgeschehen hergestellt werden.

Mit diesem unverwechselbaren Gespür für den Zeitgeist ist es klar, dass South Park bereits mehrere Elemente der Nerdkultur thematisiert hat. Zwar wäre keine der Hauptfiguren als Nerd zu bezeichnen, da dies nicht die prinzipielle Thematik der Serie ist und wohl auch deren grundlegenden Konzept und Ziel widersprechen würde - die Charaktere müssen möglichst flexibel „einsetzbar“ sein, um mit ihrer Hilfe alle möglichen zeitgenössischen Trends und Gedankenströmungen satirisch vorzuführen. Dies ist möglicherweise auch der Gedanke, der hinter dem simplen Zeichenstil von South Park steckt.

Trotzdem gibt es einige Folgen, die durchaus auch für diese Arbeit interessant sind, so zum Beispiel The Return of the Fellowship of the Ring of the Two To- wers, die voll Anspielungen auf die Herr der Ringe -Filme steckt, oder Overlog- ging, die sich mit Internetnutzung auseinandersetzt. Exemplarisch soll hier die Folge Make Love Not Warcraft behandelt werden. Dies ist insofern für das

Thema der Arbeit relevant, als dass Computerspiele als zentraler Teil der Nerd- kultur gelten.

Diese Folge setzt sich mit dem MMORPG (Massively Multiplayer Online RolePlaying Game) World of Warcraft auseinander. Hierbei handelt es sich um ein Fantasy-Computerspiel, das 2004 von Blizzard Entertainment entwickelt wurde. Das Spiel wird nicht alleine gespielt, sondern man trifft innerhalb der Spielwelt auf Avatare anderer Spieler und kann mit diesen interagieren.

Die Handlung der Folge besteht darin, dass die Kinder der Kleinstadt South Park, Colorado, kollektiv World of Warcraft verfallen sind. Jedoch ist der Spiel- spaß nur von kurzer Dauer, da ein fremder Spieler ständig ihre Spielfiguren um- bringt, obwohl das nicht einmal Sinn und Zweck des Spiels ist. Die vier Haupt- figuren der Serie, Kenny, Cartman, Kyle und Stan, entschließen sich, dagegen anzukämpfen, indem sie ihren Punktestand so weit steigern, dass sie ihn besie- gen können. Dies nimmt extrem viel Zeit in Anspruch, insbesondere, da sie dies nur mühsam erreichen können - würden sie sich zu weit in die Spielwelt vorwa- gen, würden sie unweigerlich wieder von dem Fremden umgebracht werden.

Die Herstellerfirma von World of Warcraft, Blizzard Entertainment, wird darauf aufmerksam und entscheidet sich, den Kindern beizustehen, indem sie ihnen das „Sword of a thousand Truths“ gibt, das auf einem USB-Stick gespeichert ist. Jedoch treffen ihre Vertreter die Kinder nicht zu Hause an. Sie überreden Stans Vater dazu, zu einem örtlichen Elektromarkt zu fahren, wo er sich in einen Computer einloggt und mit Hilfe seiner eigenen Spielfigur das Schwert übergibt. Damit kann der Fremde besiegt werden.

Gefahren der Nerdkultur

Das Spiel und die Realität werden ironisch miteinander vermischt. Die männli- chen Charaktere behandeln das Spiel als dramatisches Großereignis, was durch entsprechende Musik und die Ästhetik der Spielwelt untermalt wird. Als in der Firmenzentrale von Blizzard jemand herausfindet, dass der geheimnisvolle Fremde die Spielcharaktere seiner Kinder getötet hat, reagiert er, als wären die Kinder selbst getötet worden. In derselben Szene fällt, untermalt von dramati- scher Musik, der Satz: „It could be the end of the world...“ und erst nach einer Pause wird der Zusatz „...of Warcraft“ hinzugefügt. Natürlich wird dies in typi- scher South-Park -Manier immer wieder ironisch gebrochen, so etwa, wenn der tapfere Held in der Spielwelt plötzlich anfängt, darüber zu reden, dass seine Mutter gesagt hat, er müsse um halb neun ins Bett. Die einzige weibliche Figur, die sich zum Spiel äußert, ist übrigens die Mutter von Stan, die nicht verstehen kann, wieso ein so großes Drama um das Ganze gemacht wird.

Um ihre Spielfiguren auf ein höheres Level zu bringen und den Fremden zu be- siegen, spielen die vier Freunde wochenlang ununterbrochen, werden dadurch immer dicker, nehmen ein immer ungesünderes Aussehen an, und schlafen nur noch drei Stunden pro Nacht. Auch ihre Sprechweise verändert sich und enthält immer mehr Ausdrücke wie „R-tard“ oder „pwned“, die in Nerd- und Compu- terspielerkreisen verwendet werden. An einer Stelle bekommt Kyle aufgrund der übermäßigen Tastatur- und Mausbedienung sogar das Karpaltunnelsyndrom (ein Kompressionssyndrom des Nervus medianus im Bereich der Handwurzel), aber kommt nicht auf die Idee, deshalb mit dem Spielen aufzuhören. Nachdem der Fremde schließlich besiegt ist, spielen die Freunde einfach weiter, obwohl sie damit bereits die letzten sieben Wochen verbracht haben.

Der Fremde, gegen den die Kinder antreten, wird in der Serie ebenfalls gezeigt: Er ist ein übergewichtiger, blasser, ungesund aussehender Mann mittleren Al- ters, der in einer unaufgeräumten Wohnung sitzt. In der Serie wird ausgerechnet, dass er, um auf seinen jetzigen Spielstand zu kommen, über ein Jahr lang quasi ununterbrochen gespielt haben muss. „We’re dealing with someone who has ab- solutely no life“, heißt es über ihn. Ironischerweise haben die Mitarbeiter von Blizzard selber keine Accounts und begründen das damit, dass sie stattdessen ein Leben haben.

Bezug zur Realität und Rezeption

Traurigerweise ist die Darstellung in der Serie nicht einmal allzu weit von der Realität entfernt. Gerade World Of Warcraft ist für sein extremes Suchtpotenzial bekannt, weshalb von Seiten der Politiker teilweise sogar eine Altersfreigabe ab 18 gefordert wurde.16 In der Studentenzeitschrift Unicum berichtet eine ehemalige Betroffene:

Irgendwann schwänzte ich Prüfungen und Seminare. [...] Mein Verhalten hatte ich längst nicht mehr unter Kontrolle. Ich spielte, weil ich nicht anders konnte. Ich ging nur raus, wenn es n ö tig war. Ich hungerte. 17

Süchtige Spieler schaffen sich durch World of Warcraft eine Ersatzwelt und nehmen, genau wie es in der Serie gezeigt wird, ihre Verpflichtungen und Auf- gaben innerhalb des Spiels oft wichtiger als jene in der realen Welt. Von daher ist festzuhalten, dass die Folge weniger eine Hommage an World of Warcraft darstellt, sondern das Spiel vielmehr auf satirische Weise für sein Suchtpotenzial kritisiert.

Angesichts des kritischen Standpunktes, den die Serie gegenüber dem Spiel ein- nimmt, wundert es beinahe, dass Blizzard Entertainment aktiv an der Erstellung der Folge beteiligt war.18 Über die Gründe kann man nur spekulieren - möglich- erweise empfanden sie es trotzdem als Ehre, in South Park behandelt zu werden, da die Sendung nur Themen aufgreift, die zumindest in den USA landesweit relevant und ein wichtiger Teil des Zeitgeschehens sind. Vielleicht ist dies, gekoppelt mit der Fähigkeit zur Selbstironie, auch der Grund, weshalb die Folge in World-of-Warcraft -Spielerkreisen trotzdem beliebt zu sein scheint, zumindest, wenn man den Diskurs im Internet verfolgt.19

Fazit und Ausblick

Die geänderte Position von Nerds und Nerdkultur in TV-Serien spiegelt einen Wertewandel in unserer Gesellschaft wider, gibt jedoch viel Raum für Entwick- lung. Eine Thematik, die hier untersucht werden könnte, ist, inwiefern diese Entwicklung genau vonstattengegangen ist. Eine weitere Frage, die sich hier stellt, ist, ob die erwähnten Serien trotz allem Einzelphänomene darstellen oder aufgrund ihres Erfolgs Nachahmer nach sich ziehen werden, die sich mit ähnli- chen Themen beschäftigen.

[...]


1 Freitag, Charlotte: Nerd-Look: Geschmackssache. Fachidiot goes Fashion, unter: http://www.fem.com/fashion/nerd-look-geschmackssache-fachidiot-goes-fashion-1397.html [gesehen 15.3.2010]

2 Williams, Ian R.: Twilight of the dorks, unter: http://www.salon.com/technology/feature/2003/10/29/dork/index.html [gesehen: 17.3.2010]

3 Reinhardt, Gunther: Die können auch anders, unter: http://www.stuttgarter- nachrichten.de/stuttgarter_nachrichten.html/id/2bc83748-b7b7-4c7a-8d3c-0101ddf88534 [gesehen: 15.3.2010]

4 Harper, Douglas: Nerd, unter: http://www.etymonline.com/index.php?term=nerd [gesehen: 13.3.2010]

5 Nitschke, Bernd: Nerd statt Niete: ein „Duden“ für die Fremdsprache Szene-Deutsch, unter: http://www.focus.de/politik/deutschland/deutschland-nerd-statt-niete-ein-duden-fuer-die-fremdsprache-szene- deutsch_aid_183609.html [gesehen: 16.3.2010]

6 Wippermann, Peter: Nerd, unter: http://www.duden- suche.de/suche/artikel.php?shortname=szeneduden&artikel_id=455 [gesehen: 13.3.2010]

7 Kniebe, Tobias: Fünfzig Zeilen- Nerd, unter: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/31117 [gesehen: 13.3.2010]

8 Bönisch, Julia: Computerfreak. Nerd- das unbekannte Wesen, unter: http://www.sueddeutsche.de/computer/6/425763/text/ [gesehen: 14.3.2010]

9 Koch, Juliane: I heart Nerds, unter: http://www.kulturbande.de/content/view/344/78/ [gesehen: 15.3.2010] 12

10 Knop, Karin: Comedy in Serie. Medienwissenschaftliche Perspektiven auf ein TV-Format. Bielefeld 2007, S. 87

11 Pete, Alina: Weregeek, unter: http://www.weregeek.com/2009/12/09/ [gesehen: 18.12.2010] 15

12 Fernandez, Maria: Big Bang Theory’s Success. It’s not Rocket Science, unter: http://articles.latimes.com/2009/apr/12/entertainment/ca-bigbang12?pg=3 [gesehen: 14.12.2010]

13 http://www.youtube.com/watch?v=Q9RLaKUiiqk&feature=player_embedded [gesehen: 14.12.2010] 16

14 Beispiele hierfür sind http://www.daujones.com sowie http://www.rinkworks.com/Stupid [beide gesehen: 15.3.2010]

15 Zwei von extrem vielen Beispielen finden sich hier: http://nerdtainment.de/2009/04/it-crowd-staffel-4 und http://fieser-admin.de/2009/it-crowd-staffel-4-kommt [beide gesehen: 15.3.2010]

16 Denkler, Thorsten: Süchtig nach Monstern, unter: http://www.sueddeutsche.de/computer/774/479267/text/ [gesehen: 16.3.2010]

17 Gruhl, Ricarda: Game Over. In: Unicum 10/2009, S. 19 23

18 Agnone, Frank, Franzen, J.J., Stough, Eric: Make Love, Not Warcraft, unter: http://www.machinima.com/article/view&id=459 [gesehen: 15.3. 2010]

19 Eines von vielen Beispielen ist die Diskussion in diesem Forum: http://www.wow-forum.com/de/47513-south- park-wow.html [gesehen: 15.3.2010]

Details

Seiten
74
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656447344
ISBN (Buch)
9783956870033
Dateigröße
618 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v229836
Note
Schlagworte
bang theory infotainment nerds

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Titel: The Big Bang Theory. Infotainment mit den Nerds