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Ist die Eurozone ein optimaler Währungsraum?

Eine Analyse für die EUR-12

Bachelorarbeit 2012 49 Seiten

VWL - Geldtheorie, Geldpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Symbolverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlagen
2.1 Währungsräume
2.1.1 Vorteile einer Währungsunion
2.1.2 Nachteile einer Währungsunion
2.2 Theorie optimaler Währungsräume
2.2.1 Robert A. Mundell: Arbeitsmobilität
2.2.2 Ronald McKinnon: Offenheit
2.2.3 Peter Kenen: Diversifikation von Handel und Produktion
2.2.4 Neuere Kriterien
2.2.5 Zusammenfassung

3 Ist die Eurozone ein optimaler Währungsraum?
3.1 Asymmetrische Schocks und Inflation
3.2 Faktormobilität
3.3 Offenheit
3.4 Diversifikation von Handel und Produktion
3.5 Fiskaltransfers
3.6 Ergebnis

4 Kritische Würdigung

5 Ausblick

6 Quellenverzeichnis

7 Rechtsquellenverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Arten von Währungsräumen

Abbildung 2: Anpassungsprozess bei flexiblen Wechselkursen

Abbildung 3: Anpassungsprozess bei festen Wechselkursen

Abbildung 4: Eine mögliche Beziehung zwischen Region und Staat nach Mundell

Abbildung 5: Einteilung der Güter und Dienstleistungen nach McKinnon

Abbildung 6: Durchschnittliche Inflation im Zeitraum 1999 - 2009 und 2011/ 2012

Abbildung 7: Migrationsströme in der EUR-12 2007 und in den USA 2005

Abbildung 8: Standardabweichung für Privatkredite und Staatsanleihen in der EUR- 1997 - 2012

Abbildung 9: Anteil der Im- und Exporte aus der/ in die Eurozone 1999 - 2011

Abbildung 10: Diversifikation der EUR-12 im Zeitraum 1999 - 2005 und 2009 - 2012...

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Bevölkerung und BIP in der EUR-12 für 2012

Tabelle 2: Korrelationsmatrix der realen Wachstumsraten 1995 - 2011

Tabelle 3: Lohnunterschiede in der EUR-12 2010 und in den USA 1999

Tabelle 4: Sektoraufteilung für die EUR-12 im Zeitraum 1999 - 2005 und 2009 - 2012 ..

Tabelle 5: Übersicht über die Kriterien

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Symbolverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Schon in den 1920-er Jahren - nach Ende des ersten Weltkriegs - wurden Rufe nach einer wirtschaftlichen und politischen Einigung Europas laut. Angst vor einem erneuten Krieg, dem wirtschaftlichen Verfall und der zunehmenden Bedeutungslosigkeit der europäischen Staaten im weltweiten Machtgefüge unterstützten diese Einigungspläne, die auch den Wunsch nach einer gemeinsamen Währung enthielten. Von denselben Motiven geleitet verfolgen die europäischen Regierungen seit dem Ende des zweiten Weltkriegs die europäische Einigung, die sich bisher vor allem auf eine wirtschaftliche und monetäre Integration beschränkt. Nach einigen gescheiterten Versuchen gibt es nun seit 1999 zumindest in einem wachsenden Teil Europas eine einheitliche Währung - den Euro (vgl. Clemens et al. 2008).

Da in erster Linie politische Interessen bei der Gründung der Währungsunion ausschlaggebend waren, soll in der folgenden Arbeit nachträglich untersucht werden, ob die Einigung auch aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht Erfolg versprechend ist. Die Analyse für die ersten zwölf Mitgliedsländer der Eurozone basiert auf der Theorie optimaler Währungsräume und soll letzten Endes die Frage, ob die EUR-12 ein optimaler Währungsraum ist, beantworten. Aufgrund der statischen Betrachtung durch die OCA- Theorie soll weiterhin untersucht werden, ob sich das Ergebnis der Analyse durch die Finanzkrise seit 2007 verändert hat.

In der vorliegenden Arbeit werden zunächst die theoretischen Grundlagen dargestellt, wobei einerseits die Vor- und Nachteile einer gemeinsamen Währung gegenübergestellt und andererseits die Kriterien der Theorie optimaler Währungsräume erläutert werden. Im zweiten Teil wird die Eurozone auf Grundlage der vorgestellten Kriterien der OCATheorie evaluiert. Es folgt eine kritische Auseinandersetzung mit der Theorie optimaler Währungsräume und ein Blick auf die Zukunft der Eurozone.

2 Theoretische Grundlagen

Im Folgenden werden die Grundgedanken der Theorie optimaler Währungsräume erläutert. Nach einer kurzen Klärung der Begriffe Währungsraum und Optimalität, gefolgt von grundsätzlichen Vor- und Nachteilen größerer Währungsräume, werden die ursprünglichen Kriterien für einen optimalen Währungsraum - Arbeitsmobilität, Offenheit und Diversifikation - analysiert und nach Möglichkeiten zur empirischen Überprüfung dieser Kriterien gesucht. Die Erläuterung weiterer Kriterien optimaler Währungsräume schließt sich an.

2.1 Währungsräume

Ein Währungsraum ist […] a domain within which exchange rates are fixed […] (Mundell 1961, S. 657). Er kann, wie in Abbildung 1 dargestellt, unterschiedlich gestaltet werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Arten von Währungsräumen1

Die einfachste Form stellt die Fixierung des Wechselkurses zwischen zwei Währungen, der in bilateralen Verhandlungen oder einseitig festgelegt wird, dar. Um jedoch der Wechselkursfixierung mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen, ist die Gründung einer Währungsunion erforderlich. Dabei wird - wie etwa in der Eurozone - eine gänzlich neue Währung nebst gemeinsamer Zentralbank geschaffen. Weiterhin ist die […] vollständige Liberalisierung des Kapitalverkehrs und volle Integration der Banken- und sonstigen Finanzmärkte […] (Delors 1990, S. 121) nötig. Im Gegensatz dazu kann die Gründung einer Währungsunion auch einseitig geschehen, indem ein Währungsraum (z. B. Andorra) die Währung eines anderen Währungsraums (des Euro-Währungsgebiets), die sogenannte Ankerwährung, übernimmt. In diesem Fall wird die Geldpolitik alleine von der Zentralbank der Ankerwährung betrieben. Mitglieder einer Währungsunion verzichten zugunsten der Wechselkursstabilität auf eine autonome Geldpolitik (vgl. Rose 2006).

Mundell bezeichnet einen Währungsraum als optimal, wenn gleichzeitig folgende Ziele erreicht werden: Vollbeschäftigung, Preisniveaustabilität und eine ausgeglichene Zahlungsbilanz (McKinnon 1963, S. 717). Heute werden diese Bedingungen allgemeiner formuliert: Wenn der Nutzen die Kosten einer Währungsunion übersteigt, so ist diese optimal (vgl. DeGrauwe 2007, S. 81ff).

2.1.1 Vorteile einer Währungsunion

Vorteile aus einer Währungsunion entstehen in erster Linie durch die Senkung von Transaktionskosten und die Sicherheit stabiler Wechselkurse - also durch die positive Beeinflussung der Geldfunktionen2. Doch inwieweit eine bestimmte Währung diese Funktionen erfüllt, hängt stark von der Größe des Akzeptanzbereichs ab. Schon Mundell stellte fest: „Money is a convenience and this restricts the optimum number of currencies. “ (1961, S. 662). Der Nutzen einer Währung steigt also mit ihrer Verbreitung.

Geringere Transaktions- und Informationskosten

Je größer ein Währungsraum ist, desto größer ist auch der Markt, auf welchem die Währung als Zahlungsmittel fungiert. Durch die Gründung einer Währungsunion entfallen daher alle Kosten, die durch den Umtausch der Währungen ineinander entstehen (vgl. Willett et al. 1970). Dabei handelt es sich in erster Linie um Gebühren, die üblicherweise von den Banken für den Umtausch verlangt werden, sowie um Kosten für den zusätzlichen Beschaffungsaufwand ausländischer Währung. Diese Gebühren können die Entscheidung, wo und damit in welcher Währung Waren und Dienstleistungen gekauft oder verkauft werden, beeinflussen. Dadurch kommt es zu ineffizienten Entscheidungen, die Kosten in Höhe von über 15 Mrd. ECU3 jährlich verursachen (vgl. Europäische Kommission 1990, siehe dazu auch Mendizábal 2002).

Da durch eine gemeinsame Währung auch die Preistransparenz steigt, sinken neben den Transaktions- auch die Informationskosten.

Sicherheit

Feste Wechselkurse wirken sich positiv auf den Handel aus. Je höher die Volatilität flexibler Wechselkurse ist, desto größer ist das Risiko einer nachteiligen Wechselkursentwicklung4. Damit ist eine Währung weniger gut geeignet, Kaufkraft in Hinblick auf importierte Güter aufzubewahren (vgl. Tavlas 1993). Einige Autoren5 haben versucht, den Einfluss einer Währungsunion auf den Handel innerhalb eines Währungsraumes zu quantifizieren. Jedoch weisen die signifikanten Ergebnisse dieser empirischen Studien eine große Spannweite auf: etwa 50 % bis 290 % zusätzliches Handelsvolumen werden geschätzt (Alesina et al. 2003, S. 336).

Glaubwürdigkeit und internationale Bedeutung

Länder, die in der Vergangenheit mit hohen Inflationsraten zu kämpfen hatten oder deren Geldpolitik wenig erfolgreich war, können durch die Gründung einer Währungsunion mit einem Land mit niedrigerer Inflationsrate und einer erfolgreicheren Geldpolitik Glaubwürdigkeit importieren. Dies ist eine schnelle und einfache Möglichkeit, um eine Ära hoher Inflationsraten zu beenden.

Darüber hinaus steigt die weltweite Bedeutung der gemeinsamen Währung, weshalb sie eventuell auch außerhalb des eigentlichen Gebiets als Wertaufbewahrungs- oder Zahlungsmittel verwendet wird. Des Weiteren ist der Wechselkurs einer größeren Währung - im Sinne der umlaufenden Geldmenge - weniger anfällig für spekulative Beeinflussungen als sehr kleine Währungen, da einzelne Spekulanten nur einen geringen Anteil der umlaufenden Geldmenge kontrollieren können.

2.1.2 Nachteile einer Währungsunion

Durch die Einführung der neuen Währung entstehen im Vorfeld erhebliche Kosten6. Diese treten jedoch nur einmalig auf und sollten daher bei einer Kosten-Nutzen-Analyse nicht betrachtet werden.

Langfristige Nachteile aus der Gründung einer Währungsunion entstehen durch die zwangsläufige Aufgabe der autonomen Geldpolitik. Dadurch entfallen die Festlegung des Leitzinssatzes, wodurch indirekt die Zinsen für die Privatwirtschaft beeinflusst werden, und die Entscheidung über das Volumen der in Umlauf befindlichen Geldmenge. Diese Instrumente, mit denen indirekt der Wechselkurs gelenkt wird, stehen der nationalen Zentralbank nun nicht mehr zur Verfügung, um Ungleichgewichte oder unerwünschte Entwicklungen zu beseitigen. Das betrifft insbesondere den Arbeitsmarkt, die Inflation und die Zahlungsbilanz (siehe 2.1 Währungsräume: Optimalität, S. 4).

Asymmetrische Schocks

Vor dem Zusammenschluss zu einer Währungsunion konnte jedes Land die Geldpolitik betreiben, die es gerade für die erfolgreichste gegen auftretende Schocks hielt.

Die Auswirkungen eines asymmetrischen Nachfrageschocks lassen sich leicht mit dem AS-AD-Modell7 zeigen. Wie in Abbildung 2, S. 6, beispielhaft dargestellt, befinden sich zwei Länder in der ersten Periode im Gleichgewicht. In Periode 2 kommt es zu einer Verschiebung der Präferenzen von Gütern aus Land A zu Gütern aus Land B. Ohne eine entsprechende monetäre Politik käme es durch die sinkende Nachfrage in Land A zu Arbeitslosigkeit und einer deflationären Entwicklung, während Land B durch die steigende Nachfrage mit Inflation zu kämpfen hätte. Zentralbank A wird daher die inländische Güternachfrage durch eine Niedrigzinspolitik stimulieren, während Zentralbank B durch steigende Zinsen der Inflation entgegenwirken wird. Dies führt zu einer Abwertung der Währung A und einer Aufwertung der Währung B. Dadurch wird nun auch die ausländische Nachfrage nach Gütern aus Land A steigen, die ausländische Nachfrage nach Gütern aus Land B sinken. So kann das Gleichgewicht der ersten Periode wieder erreicht werden.

Mit dem Zusammenschluss zu einer Währungsunion muss jedoch eine einheitliche Geldpolitik betrieben werden. Diese kann nur erfolgreich sein, wenn jedes Mitgliedsland zeitgleich dieselben Schocks erfährt. Es handelt sich dann um symmetrische Schocks8. Treten jedoch asymmetrische Schocks auf, kann diesen nicht mit einer adäquaten Geldpolitik begegnet werden. Je nach Präferenz der gemeinsamen Zentralbank kann entweder die Arbeitslosigkeit in Land A oder die Inflation in Land B bekämpft werden. Dadurch entstehen Arbeitslosigkeit, erhöhte Inflation oder langfristige Leistungsbilanzungleichgewichte. Diese stellen für die Mitgliedsländer Kosten dar, die bei autonomer Geldpolitik vermeidbar gewesen wären.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Anpassungsprozess bei flexiblen Wechselkursen

In der OCA-Theorie werden meist nach unten hin feste Preise und Löhne angenommen. Dadurch wird der Anpassungsprozess für Land A noch problematischer. Ursache hierfür ist die stärker zurückgehende Nachfrage bei gleichbleibendem Preisniveau (siehe in Abbildung 3, Punkt a). Erst in einer längeren Phase der Anpassung werden die Unternehmen langsam die Preise - und somit das Preisniveau inländischer Güter - senken.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Anpassungsprozess bei festen Wechselkursen

Die Theorie optimaler Währungsräume untersucht deshalb Kriterien, die die Kosten beim Auftreten asymmetrischer Schocks minimieren können.

2.2 Theorie optimaler Währungsräume

Schon in den 1950er-Jahren beschäftigten sich Ökonomen mit dem Problem fester versus flexibler Wechselkurse9. Der kanadische Nobelpreisträger Robert Alexander Mundell gilt jedoch als der Begründer der Theorie optimaler Währungsräume. Im Jahr 1961 veröffentlichte er den vielzitierten Aufsatz „A Theory of Optimum Currency Areas “, in dem er die Arbeitsmobilität als wichtige Eigenschaft eines optimalen Währungsraums untersucht. In den nachfolgenden Jahren wurden weitere Kriterien von Ronald McKinnon (Offenheitsgrad), Peter Kenen (Diversifikationsgrad) und anderen entwickelt. Diese Zeit war geprägt von fortschreitender wirtschaftlicher Integration in Westeuropa, weltweit niedrigen Inflationsraten und Kapitalkontrollen in einer Vielzahl von Ländern (Mongelli 2002, S. 2). Mitte der 1970er-Jahre verlor die Theorie aufgrund von Unstimmigkeiten und des stagnierenden europäischen Integrationsprozesses stark an Bedeutung.

Erst mit dem umfassenden Bericht der Europäischen Kommission „One Market, One Money “ (1990), der ausführlich Vor- und Nachteile einer europäischen Währungsunion untersucht, beginnt eine zweite Phase der intensiven Forschung im Bereich optimaler Währungsräume. Neben einer Vielzahl empirischer Untersuchungen, insbesondere Europa betreffend, werden weitere Aspekte10 der Wechselkursproblematik analysiert und eine Ordnung der Kriterien nach Relevanz aufgestellt. Tavlas (1993) bezeichnet die zweite Phase als neue Theorie optimaler Währungsräume.

Für die Entwicklung der Theorie optimaler Währungsräume traf Mundell Grundannahmen, die zumeist auch in nachfolgenden Arbeiten übernommen wurden:

(1) Weder Preise noch Löhne sind nach unten hin flexibel, wodurch sie nicht als natürliches Anpassungsinstrument auf Güter- und Arbeitsmärkten geeignet sind (Mundell 1961, S. 657).
(2) Arbeitnehmer unterliegen der Geldwertillusion. Sie sind also eher bereit, reale Lohneinbußen, die sich durch eine ungünstigere Entwicklung des Wechselkurses ergeben, hinzunehmen als solche infolge von Inflation oder gar nominellen Lohnsenkungen (Mundell 1961, S. 663).

Erst in der neuen OCA-Theorie wurden diese Annahmen in Frage gestellt.

2.2.1 Robert A. Mundell: Arbeitsmobilität

Robert A. Mundell untersucht in „A Theory of Optimum Currency Areas” (1961) die Auswirkungen eines asymmetrischen Nachfrageschocks auf das herrschende Gleichgewicht zwischen zwei Regionen. Regionen werden dafür definiert als […] areas within which there is factor mobility, but between which there is factor immobility.”

(Mundell 1961, S. 658). Eine Region entspricht also nicht zwangsläufig dem Staatsgebiet. Des Weiteren ist seine Definition einer Region nicht ausschließlich geografischer Natur. Herrscht zwischen zwei unterschiedlichen Branchen, beispielsweise der Auto- und der Kleidungsindustrie, keine Faktormobilität, so sind diese ebenfalls als zwei Regionen zu betrachten. Mit Faktormobilität meint Mundell lediglich Arbeitsmobilität11, da Kapital seinerzeit aufgrund der technischen Möglichkeiten und gesetzlichen Regelungen kaum über Landesgrenzen hinweg mobil war.

In seiner Analyse kommt er zu dem Schluss, dass flexible Wechselkurse zwischen unterschiedlichen Regionen gegenüber einem festen oder flexiblen Wechselkurssystem auf Grundlage von Nationalstaaten vorzuziehen sind.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Eine mögliche Beziehung zwischen Region und Staat nach Mundell12

Dafür modelliert er zwei Länder, die USA und Kanada, die jeweils ihre eigene Währung besitzen. Die Fläche der zwei Länder teilt sich in die zwei Regionen Ost und West (siehe Abbildung 4), in denen Autos beziehungsweise Kleidung produziert werden. Durch eine Produktivitätssteigerung im Osten kommt es zu einem Überschussangebot an Autos und einem Unterangebot an Kleidung. Dies führt zu Inflation und steigenden Löhnen im Westen und Arbeitslosigkeit und langfristig sinkenden Löhnen im Osten (siehe 2.1.2 Nachteile einer Währungsunion, S. 4). Weder feste noch flexible Wechselkurse zwischen den USA und Kanada können das Problem lösen. Würden jedoch statt den nationalen Währungen regionale Währungen eingeführt, die frei auf- und abgewertet werden können, so könnten Inflation beziehungsweise Arbeitslosigkeit mit der entsprechenden Geldpolitik bekämpft werden. Daher gilt: „The optimum currency area is the region. “ (Mundell 1961, S. 660).

Dieses Ergebnis ist praktisch jedoch von geringem Nutzen, da zum einen Währungen ein Symbol nationaler Souveränität sind und zum anderen die Funktionen des Geldes bei sehr kleinen Währungsräumen nicht mehr erfüllt sind (Mundell 1961, S. 661f). Deswegen, so Mundell, sollte Arbeitsmobilität eher ein relatives als ein absolutes Konzept sein. Damit weicht er die Bedingung für einen optimalen Währungsraum auf und kommt zu folgendem Ergebnis: Wenn zwischen zwei Regionen die Mobilität der Arbeitskräfte ausreichend groß ist, stellen sie trotzdem einen optimalen Währungsraum dar. Denn Ungleichgewichte bezüglich Angebot und Nachfrage auf Güter- und Arbeitsmarkt können durch mobile Arbeitskräfte reduziert werden, wie die Weiterführung des obigen Beispiels zeigt: Die Nachfrageverschiebung sorgt für ungleiche Erwartungen bezüglich der Lohnentwicklung in Ost und West, wodurch eine Wanderung der Arbeitskräfte von Ost nach West angeregt wird. Dadurch können die Ungleichgewichte auf dem Arbeitsmarkt wieder beseitigt und die nationalen Währungen aufrecht erhalten werden.

Möglichkeiten der Erfassung

Mundell gibt nicht an, inwieweit man die Arbeitsmobilität innerhalb eines Gebietes erfassen könnte. Da es sich um ein relatives Konzept handelt, wäre jedoch der Vergleich mit einem bestehenden Währungsraum sinnvoll.

Zuerst müssen die rechtlichen und sozialen Rahmenbedingungen geprüft werden: Welche Bedingungen muss ein Arbeiter erfüllen, um von einer Region in die andere zu wandern? Mit welchen bürokratischen Kosten ist ein solcher Umzug verbunden und welche Nachteile13 entstehen dadurch? Gibt es soziale Hürden, wie beispielsweise Sprach- und Kulturunterschiede? Unterstützen die Rahmenbedingungen die Arbeitsmobilität, so ist anschließend zu überprüfen, inwiefern sich das Lohnniveau in den einzelnen Regionen angleicht. Da Lohnunterschiede jedoch keine Aussage über die Höhe der zu berücksichtigenden Umzugskosten zulassen, ist die Betrachtung der Migrationsströme im Vergleich zu einem ähnlichen Währungsraum sinnvoll.

2.2.2 Ronald McKinnon: Offenheit

Ronald McKinnon untersucht in „Optimum Currency Areas” (1963), inwiefern die Offenheit einer Volkswirtschaft die Präferenz fester beziehungsweise flexibler Wechselkurse verändert. Dabei wird der Grad der Offenheit als Verhältnis der handelbaren Güter zu nicht-handelbaren Gütern definiert. Wie in Abbildung 5 dargestellt, versteht McKinnon unter handelbaren Gütern alle Güter, die sowohl für den heimischen Konsum als auch für den Export gedacht sind (exportables), und alle Güter, die sowohl importiert als auch selber produziert werden (importables).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Einteilung der Güter und Dienstleistungen nach McKinnon

McKinnon modelliert eine kleine Volkswirtschaft, die sich nun für feste oder flexible Wechselkurse mit der Welt, dem zweiten Währungsraum, entscheiden muss. Die kleine Volkswirtschaft kann die Preise auf dem Weltmarkt, gemessen in der Währung der Welt, nicht beeinflussen. Dadurch wird der Preis handelbarer Güter, gemessen in inländischer Währung, direkt durch die Weltmarktpreise und den aktuellen Wechselkurs bestimmt. Die Volkswirtschaft produziert und konsumiert drei Arten von Gütern: exportables, importables und nicht-handelbare Güter. Um eine ausgeglichene Zahlungsbilanz zu gewährleisten, ist der Wechselkurs flexibel; um die Stabilität des Preisniveaus zu garantieren, bleiben die Preise für nicht-handelbare Güter, gemessen in heimischer Währung, konstant. In einer ersten Untersuchung bilden die handelbaren Güter ܺா und ܺூ einen großen Anteil am inländischen Konsum. Wenn nun die inländische Währung um 10 % abgewertet wird, steigen die inländischen Preise für ܺா und ܺூ um 10 %. Da sie einen großen Anteil am Konsum darstellen, steigt auch das inländische Preisniveau merklich. Daraus folgt, dass flexible Wechselkurse und ein stabiles Preisniveau in einer kleinen, offenen Volkswirtschaft nicht kompatibel sind (McKinnon 1963, S. 719). Wäre der Anteil handelbarer Güter am inländischen Konsum relativ klein, so würde sich die Preissteigerung nur in einem geringen Maße auf das allgemeine Preisniveau auswirken. Damit gilt […] if we move across the spectrum from closed to open economies, flexible exchange rates become both less effective as a control device for external balance and more damaging to internal price level stability. “ (McKinnon 1963, S. 719). Leistungsbilanzdefiziten kann mithilfe einer wirksamen Fiskalpolitik durch die Senkung des inländischen Konsums entgegengewirkt werden14. Der dadurch entstehende Nachfragerückgang nicht-handelbarer Güter und die damit entstehende Arbeitslosigkeit in diesem Bereich hat umso weniger Bedeutung, desto kleiner der Sektor nicht-handelbarer Güter ist. Ein fester Wechselkurs beziehungsweise die Gründung einer Währungsunion ist also erstrebenswert, wenn der Handel zwischen diesen Länder sehr hoch ist.

Möglichkeiten der Erfassung

McKinnon misst die Offenheit als Anteil der handelbaren Güter am BIP15. Da bei einer ausgeglichenen Leistungsbilanz der Wert der produzierten, handelbaren Güter dem Wert der konsumierten, handelbaren Güter entspricht, können bei der Berechnung des Offenheitsgrads Daten der Produktion oder des Konsums verwendet werden. Es ergeben sich jedoch Schwierigkeiten bei der Einteilung der Güter, die sich einerseits für den Ex- oder Import eignen und denen, deren Transport unmöglich oder unwirtschaftlich ist. McKinnon schlägt eine weichere Einteilung aller Güter und Dienstleistungen nach der Eignung für einen Im- oder Export vor. Diese sollen dann gewichtet in einen Offenheitsindex einfließen. Die einfache Betrachtung der Im- und Exporte relativ zum BIP bedeutet eine weitere Vereinfachung der Messung. Dabei sollte jedoch beachtet werden, dass dieser Offenheitsgrad einer kleinen Volkswirtschaft tendenziell höher ist, als der einer großen Volkswirtschaft. Grund dafür ist, dass eine kleine Volkswirtschaft kaum alle Güter selbst produzieren kann, während eine große Volkswirtschaft durchaus viele Güter und Dienstleistungen selbst herstellen kann.

Eine Preiskonvergenz, wie sie McKinnon modelliert, ist jedoch bei Konsumgütern nicht zu erwarten. Ein Endkonsument wird für Güter des täglichen Bedarfs kaum in andere Staaten der Währungsunion reisen. Im Bereich der Industriegüter, sowie der Finanz- und Versicherungsdienstleistungen ist eher eine Preiskonvergenz zu erwarten.

[...]


1 Eigene Darstellung in Anlehnung an (Mundell 1961) und (Alesina et al. 2003)

2 Geld wird als Zahlungsmittel, Recheneinheit und als Wertaufbewahrungsmittel verwendet.

3 Die ECU ist der Vorläufer des Euro. Am 1.1.1999 wurde sie in einem Verhältnis von 1:1 durch den Euro ersetzt. 15 Mrd. ECU entsprachen circa 0,4 % des BIPs der EU.

4 Risikoaverse Marktteilnehmer, die sich gegen ein solches Risiko absichern wollen, müssen erhöhte Kosten in Kauf nehmen. Des Weiteren führen falsche Prognosen der Wechselkurse zu ineffizienten Entscheidungen, da einerseits Renditemöglichkeiten ausländischer Direktinvestitionen überschätzt oder andererseits unrentablere Inlandsinvestitionen zur Elimination des Wechselkursrisikos bevorzugt werden.

5 Unter anderem (Rose 2000), (Klein 2005).

6 In Verhandlungen müssen sich alle Teilnehmer der neuen Währungsunion auf einen rechtlichen Rahmen und die Höhe der fixierten Wechselkurse einigen; Software muss umgestellt, alle Preise neu ausgeschrieben werden (Menu costs); das neue Bargeld muss gedruckt und gegen das alte ausgetauscht werden.

7 Das AS-AD-Modell beschreibt das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht auf den Güter- und Geldmärkten in der mittleren Frist. Das Preisniveau ist im Gegensatz zur kurzen Frist jedoch veränderlich. Die AS-Kurve leitet sich aus Lohn- und Preissetzungsverhandlungen ab, die AD-Kurve von dem kurzfristigen Gleichgewicht auf Güter- und Geldmarkt. Siehe dazu unter anderem (Hicks 1937) und (Modigliani 1944).

8 Vereinfachend wird angenommen, dass symmetrische Schocks symmetrische Auswirkungen haben und vice versa.

9 Zu nennen sind insbesondere Friedman (1953), Meade (1957) und Scitovsky (1958).

10 Beispielsweise die langfristige Wirkung monetärer Politik.

11 Arbeitsmobilität bezüglich unterschiedlicher Branchen bedeutet, dass ein Arbeiter von einer Branche zu einer anderen wechseln kann, ohne zusätzliche Umschulungen zu benötigen.

12 Eigene Darstellung, Umrisskarte von Dalet, Daniel (http://d-maps.com/m/amnord/amnord10.gif [Zugriff: 23.10.2012]).

13 Etwa der Verlust des Anspruches auf Renten- oder andere Sozialleistungen. 9

14 Damit sinken die Importmengen, während im Inland nicht verkaufte exportables auf dem Weltmarkt verkauft werden können.

15 Beziehungsweise als das Verhältnis handelbarer zu nicht-handelbaren Gütern.

Details

Seiten
49
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656523338
ISBN (Buch)
9783656525189
Dateigröße
646 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v229776
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,7
Schlagworte
Theorie optimaler Währungsräume Eurozone Euro Währungsraum

Autor

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Titel: Ist die Eurozone ein optimaler Währungsraum?