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Launa-Deutsch. Sprachkontakt und die Verwendung der deutschen Sprache in Chile

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 26 Seiten

Didaktik - Deutsch - Deutsch als Fremdsprache

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

0. Einleitung

1. Sprachkontakt
1.1. Zwei- bzw. Mehrsprachigkeit
1.1.1. Erwerb der Zweisprachigkeit
1.2. Auswirkungen des Sprachkontaktes
1.2.1. Sprachwahl
1.2.2. Codewechsel
1.2.3. Interferenz
1.2.4. Sprachwechsel und Sprachverlust
1.2.5. Sprachloyalität und Sprachinsel
1.2.6. Diglossie

2. Deutsche Migration in Lateinamerika
2.1. Die große Auswanderung aus Europa
2.1.1. Motive für die Auswanderung

3. Die deutsche Migration nach Chile
3.1. Allgemeine Information über Chile
3.2. Die geförderte Einwanderung
3.3. Entwicklung der Deutschen in Chile
3.4. Die Deutschen in Chile heute
3.4.1. Aktuelle Situation
3.4.2. Integration und Sprache
3.4.3. Die Entwicklung der deutschen Sprache in Südchile
3.4.4. Das „Launa-Deutsch“
3.4.5. Die deutsche Sprache in Chile heute

4. Schluss

5. Bibliographie

0. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit der Geschichte und Verwendung der deutschen Sprache und mit der Entstehung der sogenannten Sprachvarietät des „Launa – Deutschs“in Chile.

Im 19. Jahrhundert fand eine der wichtigsten europäischen Auswanderungen nach Lateinamerika statt. Diese Auswanderung war vielleicht die größte Umsiedlungsbewegung in der Geschichte und sie stellte einen entscheidenden Faktor für die Stabilisierung vieler europäischer Nationen in der Welt dar. Eine historische Bedeutung hatte vor allem die deutsche Migration nach Chile. Ihr Beitrag zur inländischen Wirtschaft Chiles sowie ihr kulturelles Erbe waren von grundlegender Bedeutung für die chilenische Gesellschaft. Besonders im Süden Chiles wirkten die Deutschen maßgeblich an der wirtschaftlichen Erschließung, sowie auch im Erziehungswesen und in der Kultur mit.

Die Integration und die Beschäftigung der Einwanderer in der chilenischen Wirtschaft erwirkten auch Konsequenzen in der deutschen Sprache dieser Immigranten. Diese Arbeit konzentriert sich auf die Situation und Entwicklung der deutschen Sprache vom 19. Jahrhundert bis heute und auf die Folgen und Auswirkungen aufgrund des Kontakts mit der spanischen Sprache besonders in Süd-Chile. Als Resultat dieses Sprachkontakts vermutet man die Entstehung des „Launa-Deutschs“. Deswegen wird in dieser Hausarbeit das „Launa-Deutsch“ beschrieben und analysiert.

Zuerst soll auf die Grundlagen des Sprachkontakts, Zwei- bzw. Mehrsprachigkeit und auf die Auswirkungen des Sprachkontakts eingegangen werden. Innerhalb dieser Auswirkungen sind wichtige Begriffe wie Diglossie, Sprachwechsel, Sprachinsel, Sprachverlust, u.a. zu erklären.Im Anschluss wird die deutsche Migration nach Chile, ihre Integration und die Entwicklung ihrer Sprache behandelt. Es soll aus soziolinguistischer Perspektive erklärt werden, wie die deutschen Einwanderer sich in der chilenischen Gesellschaft integriert und entwickelt haben und inwiefern all diese Aspekte die deutsche Sprache beeinflussten, wie das „Launa-Deutsch“ entstand und schließlich beschreiben wie die Sprachsituation der deutschen Sprache in Chile heutzutage ist.

1. Sprachkontakt

Die Entwicklung der deutschen Sprache in Chile und die Entstehung der Varietät des „Launa – Deutsch“ im Laufe der Zeit ist Gegenstand der Sprachkontaktforschung.

Unter Sprachkontakt versteht man grundsätzlich den abwechselnden Gebrauch und Einfluss von zwei oder mehr Sprachen von denselben Menschen im gleichen Ort, nämlich „die wechselseitige Beeinflussung von zwei oder mehreren Sprachen“ (Kovacs 2009: 4 Vgl. Riehl 2004: 11) . Die folgende Definition von Thomason gibt eine andere Perspektive an: „The use of more than one language in the same place at the same time” (Thomason 2001: 1). Ausgehend von diesen zwei Definitionen lassen sich zwei Richtungen unterscheiden: bei der ersten Definition beeinflusst die dominante Sprache (Erstsprache) die untergeordnete Sprache (Zweitsprache). Bei der zweiten hat die untergeordnete Sprache Einfluss auf die dominante (Riehl 2004: 11).

Der Begriff Sprachkontakt wird auf Gesellschaften und ihre Untergliederungen verwendet, das bedeutet, dass zwei oder mehr Sprachen in Kontakt miteinander stehen, wenn sie in oder von derselben Gruppe benutzt werden. Dazu ist es nicht nötig, dass jedes einzelne sprechende Individuum, das zu dieser Gruppe gehört, alle diese Sprachen spricht oder versteht. Der Ort des Sprachkontaktes ist damit die Gruppe im Ganzen (Bechert 1991: 1).

1.1. Zwei- bzw. Mehrsprachigkeit

Sprachkontakt ist auch mit dem Ausdruck Mehrsprachigkeit verbunden. Da es sich bei der vorliegenden Arbeit um eine Sprachkontaktsituation von zwei Sprachen handelt, stellt man die Begriffe Zwei- bzw. Mehrsprachigkeit für die Beschreibung dieser besonderen Sprachsituation in Chile vor. Zwei- bzw. Mehrsprachigkeit bezieht sich auf den abwechselnden Gebrauch von zwei bzw. mehreren Sprachen. Die Menschen, die an dieser Situation beteiligt sind, werden auch zwei- bzw. mehrsprachig genannt. (Bechert 1991: 1)

Von Zwei- bzw . Mehrsprachigkeit sind grundsätzlich zwei Formen zu differenzieren, nämlich die individuelle und die gesellschaftliche. Die individuelle Zwei- oder Mehrsprachigkeit bezieht sich auf Menschen, die als Individuum zwei oder mehrere Sprachvarietäten beherrschen. Die gesellschaftliche Zwei- bzw. Mehrsprachigkeit hingegen charakterisiert Staaten, die zwei oder mehrere offiziell anerkannte Sprachen haben, wie zum Beispiel Paraguay. Für den Fall der deutschen Einwanderer in Chile handelt es sich um individuelle Zweisprachigkeit in einem einsprachigen Land (Kovacs 2009: 4 Vgl. Bechert 1991: 1).

Während der Terminus Sprachkontakt die beteiligten Sprachen ins Zentrum der Aufmerksamkeit stellt, bezeichnen die Ausdrücke Zwei - bzw. Mehrsprachigkeit Merkmale der sprechenden Menschen oder der Gruppen, in denen die Sprachen Bedeutung haben (Bechert 1991: 2).

1.1.1. Erwerb der Zweisprachigkeit

Ervin-Tripp führte 1954 zwei wesentliche Begriffe im Bereich des Spracherwerbs und der Zweisprachigkeit ein. Man unterscheidet zwischen koordinierter Zweisprachigkeit und kompositioneller Zweisprachigkeit. Diese Klassifikation schließt die Form und auch den Zeitpunkt und die Reihenfolge des Spracherwerbs der Sprecher ein. Bei der koordinierten Zweisprachigkeit verfügt der Sprecher über zwei getrennte Sprachsysteme in jeweils zwei ganz verschiedenen Situationen mit verschiedener Bedeutung der Zeichen. Bei der kompositionellen Zweisprachigkeit lernt der Sprecher dagegen die zweite Sprache auf der Basis der ersten, d.h. die Sozialisation der Sprecher findet im Regelfall in einer Sprache statt, die zweite Sprache wird später z. B. als Fremdsprache in der Schule erworben (Müller 2000: 16).

1.2. Auswirkungen des Sprachkontaktes

1.2.1. Sprachwahl

Die Tatsache, dass zwei oder mehr Sprachen in einer bestimmten Sprachgemeinschaft nebeneinander existieren, hat sowohl in der Sprache als auch in der Sprachgemeinschaft Konsequenzen. Die Auswirkungen des Sprachkontaktes auf die beteiligten Sprachen können verschiedenartig sein.

Sprachwahl ist ein Resultat des Sprachkontakts. Welche Sprache zur Verwendung in einer Sprachkontaktsituation bevorzugt wird, hängt letztendlich von der individuellen Entscheidung des Sprechers ab, dem diese Sprachformen als Kommunikationsmittel zur Verfügung stehen. Aus dem Repertoire seiner sprachlichen Möglichkeiten wird ein Sprecher im Allgemeinen die für das Erreichen seiner kommunikativen Ziele adäquatesten sprachlichen Mittel auswählen. Dieser Entscheidungszwang ist unabhängig von einer Zwei- oder Einsprachigkeit des Sprechers, da auch ein monolingualer Sprecher fortwährend aus seinem Repertoire von sprachlichen Mitteln eine für ihn angemessene Auswahl trifft. (Müller 2000: 25 Vgl. Lambeck 1984: 27). Unabhängig von der Situation, in der eine sprachliche Interaktion stattfindet, wird das sprachliche Handeln eines Sprechers wesentlich von seinen persönlichen sozialen Merkmalen beeinflusst. Insbesondere die Merkmale des Alters, Geschlechts, der sozialen Schicht, der Konfessionszugehörigkeit, des Wohnorts, des Berufs, u.a. spielen eine wichtige Rolle für die Sprachwahl und im sprachlichen Verhalten des Sprechers. (Müller 2000: 48)

1.2.2. Codewechsel

Eine wichtige Wirkung des Sprachkontakts ist die Unveränderlichkeit der Sprachen. Die beiden oder verschiedenen Sprachen ändern sich nicht, aber tauchen in den sprachlichen Äußerungen gemischt auf (Bechert 1991: 2). Dieses Phänomen heißt Codewechsel oder Codeswitching, und es bezeichnet die abwechselnde Benutzung von zwei Sprachen in derselben Äußerung (Müller 2000: 30; Kovacs 2009: 8 Vgl. Thomason 2001: 132). Da der Sprecher die adäquaten sprachlichen Mittel für das Erreichen ihrer Kommunikationsziele sucht, alterniert er die Sprachen und so bildet sich eine „Mischsprache“. Auch in einer relativ stabilen Sprachkontaktsituation, d.h. unter gleichzeitigem Erhalt der betroffenen Sprachen ist Codewechsel häufig ein zentraler Bestandteil des Sprachgebrauchs. Es gibt viele verschiedene Formen von Codewechseln, wie zum Beispiel:

- Die Wiederholung nur eines Teils der Äußerung in der zweiten Sprache. Z. B. aus dem Standardfranzösisch: cet homme-là à der Mann –là („der Mann da“, Beispiel aus dem deutschen Sprachgebiet in Lothringen, Frankreich) (Beispiel aus Bechert 1991: 5)
- Als Neutralitätsstrategie, d.h. die Wiederholung der ganzen Äußerung in der zweiten Sprache (Bechert 1991: 3)
- Sprachliche Bedarfsdeckung: wenn einem ein Wort in einer Sprache fehlt, so kann man auf das jeweilige Wort in der anderen Sprache zurückgreifen und wird trotzdem noch verstanden
- Auslösung durch das zuletzt gesprochene Wort (Kovacs 2009: 8).

Ein Codewechsel ergibt sich aus verschiedenen Gründen: ein wichtiger Grund können mangelnde Sprachkenntnisse sein. Aber auch bei bilingualen Sprechern, die in beiden Sprachen eine angemessene Kompetenz aufweisen, wird häufig in der Interaktion untereinander eine Alternation zwischen den Sprachen beobachtet (Müller 2000: 31).

Codewechsel gilt als ein Aspekt der Sprachvariation aber ohne endgültigen Einfluss auf das Sprachsystem, sondern er bildet häufig die Vorstufe für systemverändernde Sprachwandelvorgänge, d.h. die Sprache ändert sich nicht ganz und gar durch einen Codewechsel, sondern immer nur in Hinsicht auf bestimmte Elemente oder Eigenheiten der beeinflussten Sprache, sonst würde es sich eben um eine sogenannte Interferenz handeln (Müller 2000: 31; Bechert 1991: 3).

1.2.3. Interferenz

Interferenz ist eine weitere Wirkung des Sprachkontaktes. Es handelt sich hier um eine Verletzung einer sprachlichen Regel, die als Ergebnis einer Ersetzung einer Ausdrucksform oder einer Beeinflussung von Elementen eines anderen Sprachsystems in der Äußerung verursacht ist. Man spricht von einer Verletzung, weil diese Ersetzung als eine Abweichung der Normen der bestimmten Sprache gilt, und deswegen werden sie in der Regel als „Störung“ oder „Einmischung“ betrachtet (Bechert 1991: 3). Die Interferenzen kommen vor allem vor, wenn beiden Sprachen sich sehr stark unterscheiden. Je weiter diese Sprachen voneinander entfernt sind, je größer also die Unterschiede ihrer Systeme sind, desto zahlreicher ist das Vorkommen von Interferenzen. Folglich verursachen die Interferenzen eine Veränderung der Sprache in Abhängigkeit vom System der anderen Sprache. Es gibt verschiedene Arten von Interferenzen, aber sie werden hauptsächlich in lexikalischen, semantischen, syntaktischen, lexikosyntaktischen, morphologischen und morphematischen Änderungen, u.a. unterschieden (Kovacs 2009: 9; Weinreich 1976: 16; Juhasz 1980: 646).

Ein Beispiel von einer grammatischen Interferenz zwischen dem Deutschen und dem Spanischen, indem Spanisch als Erstsprache das Deutsch beeinflusst, wird im folgenden Satz dargestellt:

La madre ha cosido una falda (Die Mutter hat einen Rock genäht).

Die Vergangenheitsform Perfekt auf Spanisch wird mit der konjugierten Form des Verbs haber (haben) in der Präsenzform plus die partizipe Form des Vollverbs gebildet. Anders als im Deutschen müssen diese zusammengesetzten Formen im Spanischen immer nebeneinander stehen. Eine Interferenz ergibt sich, wenn dieser Satz auf Deutsch ausgedrückt wird, indem der Satz auf Deutsch nach den grammatischen Kriterien der spanischen Sprache gebildet wird:

*Die Mutter hat genäht einen Rock.

Die Wortstellung dieses Beispiels fällt in das Gebiet der grammatischen (syntaktischen) Interferenz.

Ein weiteres und häufig angeführtes Beispiel ist die morphologische Interferenz, die die grammatische Integration transferierter Wörter betrifft: bei dem spanischen Verb reportar, das aus dem Englischen kommt (to report), wird eine spanische Flexionsendung angehängt, um es einer Konjugation zuordnen zu können; an das spanische Verb arreglar (reparieren) wird die deutsche Infinitivendung -ieren angehängt und wird somit zu arreglieren (Kovacs 2009: 10 Vgl. Weinreich 1976: 52ff).

Sehr häufig zu finden sind die lexikalischen Interferenzen. Der am häufigsten auftretende Typ für einfache Wörter ist laut Weinreich das unmittelbare Übernehmen der Phonemfolge von einer Sprache in eine andere (z.B. die spanische Version torque für das englische turkey). Bei komplexen lexikalischen Einheiten können drei Typen differenziert werden:

1. die Lehnübersetzung, bei der das Vorbild Element für Element nachgebildet wird (z.B. Gipfelkonferenz aus dem englischen summit conference);
2. die Lehnübertragung, bei der die Nachbildung auf dem Vorbild basiert (z.B. das englische skyscraper für Wolkenkratzer); und
3. die Lehnschöpfung, wo eine Neubildung hervorgerufen wird, aufgrund des Bedürfnisses eines entsprechenden Worts für die Zweitsprache zu finden. Als hybride Zusammensetzungen bei lexikalischen Einheiten wird der Transfer von einem Teil der Einheit, der mit der Wiedergabe des restlichen Teils verbunden wird, bezeichnet (z.B. das spanische home plato nach home plate) (Kovacs 2009: 10-11 Vgl. Weinreich 1976: 69ff).

Normalerweise gibt es bei lexikalischen Interferenzen Konsequenzen in den beteiligten Sprachen: Vermischung des Inhaltes, Verschwinden des alten Wortes oder Spezialisierung des alten oder des neuen Wortes. (Kovacs 2009: 11 Vgl. Weinreich 1976: 77)

Ein besonderer Fall der Interferenzen sind die sogenannten Falschen Freunde. Es handelt sich hier um Wörter, die gemäß ihrer phonologischen oder morphologischen Erscheinungen nach in zwei Sprachen gleich aussehen bzw. gleich klingen, aber nicht dasselbe bedeuten. Diese Wörter stellen eine häufige Fehlerquelle dar, z.B. das spanische Wort raqueta, das im Deutschen nicht der Bedeutung Rakete (spanisch: cohete) entspricht, sondern Tennisschläger bedeutet oder das spanische Wort bravo, das im Deutschen nicht die Bedeutung brav (spanisch: educado, amable), sondern tapfer, wacker hat (Beispiele aus Kovacs 2009: 11 Vgl. Wotjak 1997).

1.2.4. Sprachwechsel und Sprachverlust

Das häufige Vorkommen von Interferenzen verursacht auch Konsequenzen in der beteiligten Sprache vor allem in der untergeordneten Sprache, und zwar wird sie mit der Zeit ganz aufgegeben, und die andere setzt sich durch: dieses Phänomen heißt Sprachwechsel bzw. Sprachverlust (Bechert 1991: 4).

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Details

Seiten
26
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656455295
ISBN (Buch)
9783656455592
Dateigröße
644 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v229693
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Institut für Deutsch als Fremdsprachenphilologie
Note
2,0
Schlagworte
sprachkontakt verwendung sprache chile beispiel launa-deutsch
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Titel: Launa-Deutsch. Sprachkontakt und die Verwendung  der deutschen Sprache in Chile