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Antisemitismus in der Antike. (K)ein Phänomen der Neuzeit?

Hausarbeit 2011 24 Seiten

Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Terminologie

3. Stereotypen
3.1. Herkunftsgeschichte
3.2. Gott, Glaube und Fremdenfeindlichkeit
3.3. Eselsverehrung und Menschenopfer
3.4. Speisevorschriften
3.5. Sabbat
3.6. Beschneidungen
3.7. Proselytismus

4. Zwei historische Beispiele
4.1. Alexandria
4.2. Rom

5. Antisemitismus in der Antike?

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Gibt es eine Erklärung (…)? Ist der antike Antisemitismus die Folge konk- reter Konflikte, die zur religiösen und politisch-sozialen Diffamierung des jüdischen Gegners bis hin zu seiner physischen Vernichtung führten? Oder entzündete er sich an den als fremd empfundenen jüdischen Lebensformen und wurde dann zur Durchsetzung eigener Interessen lediglich instrumenta- lisiert?“ (Schäfer 2010, 2).

Bei der Themenfindung für diese Hausarbeit stellte ich mir die Frage, ob der Gedanke, dass es den „modernen“ Antisemitismus schon in der Antike gegeben haben könnte, nicht abwegig ist. Wie ich anhand der Fülle von wissenschaftlichen Publikationen zu dem Themenkomplex feststellte, war die Fragestellung alles andere als ausgefallen. Mit antiker Judenfeindschaft beschäftigte sich bereits das frühe Christentum und im 19. Jh. bestand ein reges Interesse an den antiken Autoren, die über das Judentum geschrieben hatten. Die damaligen „Erkenntnisse“ wurden vom späteren NS-Regime genutzt bzw. missbraucht, um das Judentum zu diffamieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg wagten sich wenige Forscher an dieses brisante und hochpolitische Thema, doch seit den 70er Jahren beschäftigt sich die Wissenschaft wieder intensiv mit der Geschichte des Anti- semitismus. Trotz dieser langen Tradition sind sich die Autoren in vielen Punkten un- eins, sowohl was die Terminologie (Antijudaismus, Antisemitismus) betrifft, als auch ob die Motive, die in der Antike zur Verfolgung und Vertreibung von Juden geführt haben, im engsten Sinne judenfeindlich waren.

Was mich nach kurzer Einarbeitung in die Thematik überraschte, war, dass die paganen Autoren, die als Musterbeispiele antijüdischer Anfeindungen gelten, vor den Diaspora- aufständen und dem Bar-Kokhba-Aufstand lebten. Weswegen ich auch meinen Schwer- punkt weg von den jüdischen Revolten und hin zur antiken Judenfeindschaft selbst len- ken werde, um das Phänomen begreifen zu können. Aufgrund des vorgegebenen Aus- maßes dieser Arbeit sowie der erwähnten Materialfülle bin ich zudem gezwungen, den zeitlichen und örtlichen Rahmen noch weiter einzuschränken. Diese Hausarbeit erhebt somit weder Anspruch auf Vollkommenheit noch Vollständigkeit. Vielmehr möchte ich unter den bisher veröffentlichten Arbeiten eine Auswahl treffen, um einen groben Über- blick zur Antisemitismusforschung zu geben sowie weiterführende Gedanken zu entwi- ckeln. Lokal konzentriere ich mich auf die Metropolen Alexandria und Rom, in denen jeweils größere jüdische Gemeinden lebten, bei denen es zu einer Vertreibung und/oder Verfolgung durch die griechisch-ägyptische bzw. römische Bevölkerung kam; Tempo- ral beziehe ich mich auf die ersten Vorkommnisse bis hinein ins 2. Jahrhundert nach der Zeitenwende. Die Judenfeindschaft mit dem Aufkommen des Christentums ist nicht Gegenstand meiner Untersuchung.

Die Terminologie ist in der Forschung ein umstrittenes Thema, sie ist jedoch für das weitere Verständnis vonnöten, deshalb will ich mich zunächst mit den Begriffen befas- sen. Im Anschluss möchte ich auf die Vorurteile (Herkunft, Weiterentwicklung), die mit Juden verbunden wurden, eingehen. Hier sind sowohl die Auslegungen der antiken Au- toren interessant, als auch wie diese von heutigen Wissenschaftlern interpretiert werden. Daher werde ich die differenten Sichtweisen von Peter Schäfer, Volker Herholt, Emilio Gabba, Leonard Victor Rutgers und Werner Bergmann/Christhard Hoffmann, auf deren Arbeiten ich mich beziehe, miteinander vergleichen. Um zu einem Urteil zu kommen, ob die antiken Feindseligkeiten ein Ausdruck von Antisemitismus waren, müssen die Auseinandersetzungen in Alexandria und Rom separat betrachtet werden. In einem Fa- zit fasse ich schließlich alle Gedanken zusammen.

2. Terminologie

Die Debatte um die verschiedenen Begriffe, die die Judenfeindschaft beschreiben, fragt im Grunde, ob es einen Unterschied zwischen Antijudaismus und Antisemitismus gibt, wo die Grenzen verlaufen und ob aufgrund dieser Definition überhaupt von antikem Antisemitismus gesprochen werden darf. Volker Herholt schreibt in seinem Buch Anti- semitismus in der Antike, dass sich die bisherigen Erklärungsversuche gegenseitig wie- dersprechen, weshalb sie nicht zu einer universalen Theorie zusammengefügt werden können. Daher bedürfe es einer neuen Theorie und ggf. Terminologie. Die gängigste Definition sei, dass der Antijudaismus christlich – also religiös – geprägt, während der Antisemitismus rassistisch begründet sei (vgl. Herholt 2009, 28 ff.). Peter Schäfer übt in seinem Buch Judenhaß und Judenfurcht Kritik an Shaye Cohen, die „das Ausmaß an Brutalität, Grausamkeit und Horror, dem die Juden ausgesetzt waren“ (Schäfer 2010, 294) als Unterscheidungsmerkmal verwende. Im Gegensatz dazu sieht Peter Schäfer die Grenze vom Antijudaismus zum Antisemitismus überschritten, wenn sich eine An- schuldigung auf alle Juden beziehe, völlig unabhängig davon, was Juden in Wirklich- keit täten oder ließen (vgl. Schäfer 2010, 295). Doch finde ich diese Definition ebenso wenig befriedigend, denn was sind „Anschuldigungen“, wenn nicht eine verbale Form von Brutalität? Was die Lösung der Debatte betrifft, schließe ich mich Herholts Mei- nung an, der argumentiert, dass

„[…] die Terminologie vorwiegend eine Frage der Konvention ist. Mir scheint es viel eher wichtig, die dahinter stehenden historischen Fragestel- lungen angemessen zu klären, als einen kleinkarierten Streit um die Wort- wahl zu führen“ (Herholt 2009, 157).

Die inhaltliche Auseinandersetzung mit antiker Judenfeindlichkeit habe nämlich ge- zeigt, dass auch schon die „Antike zentrale Elemente eines Antisemitismus im moder- nen Sinn enthält“ (Herholt 2009, 157), deshalb sei die Verwendung dieses modernen Begriffs durchaus legitim, um die epochenübergreifenden Phänomene zu beschreiben. Jedoch präferiert der Autor den neutralen Begriff der „Judenfeindschaft“ selbst, weil er als Synonym aller drei Bezeichnungen verwendet werde und nicht derart in wissen- schaftlicher Diskussion stehe (vgl. Herholt 2009, 157 f.). Für mich beschreiben die Be- griffe Judenfeindschaft, Antijudaismus und Antisemitismus den gegen alle Juden ge- richteten Hass, ob aus rational oder irrational nachvollziehbaren Gründen. Deshalb ver- wende ich sie in dieser Arbeit synonym.

3. Stereotypen

Für Judenfeindlichkeit gibt es mehrere Erklärungsversuche. Der substantielle und funk- tionale Erklärungstypus werden bei Schäfer näher beschrieben. Ersterer suggeriere, das Judentum selbst sei die Ursache. Durch den Alleinanspruch, das von Gott erwählte Volk zu sein, die fremdartigen Bräuche und Rituale (Speiseverbote, Sabbat, Beschneidung), die teilweise auf Mitmenschen pervers wirkten, ihr Festhalten an den religiösen Prakti- ken und Gesetzen, mit denen sie sich von der Gesellschaft abgrenzten, sei der Antiju- daismus eine „natürliche“ Folge der Religion (vgl. Schäfer 2010, 15 ff.). Im Gegensatz dazu argumentiert der funktionale Ansatz von Isaak Heinemann, dass konkrete politi- sche Situationen hinter dem antiken Antisemitismus ständen. Die Vorurteile gegen das Judentum würden somit instrumentalisiert, um politische Interessen durchzusetzen (vgl. Schäfer 2010, 17 ff.).

„In all diesen Konfliktherden war ideologische Judenfeindschaft nicht die Ursache, sondern die Konsequenz des politischen Machtkampfes“ (Schäfer 2010, 18).

Schäfer selbst vertritt die Meinung, dass die monokausalen Erklärungsversuche nicht ausreichen, sondern nur eine Kombination aus den Ansätzen, um das Phänomen erklä- ren zu können. Zwar würden Vorurteile gegenüber Juden für politische Ziele genutzt, aber diese Stereotypen kämen nicht von ungefähr (vgl. Schäfer 2010, 22). Volker Her- holt versucht das Problem auf eine gänzlich neue Art zu ergründen, indem er die Er- kenntnisse der soziobiologischen Forschung nutzt. Laut jener habe Fremdenfeindlich eine evolutionäre Ursache. Der Mensch finde seit jeher Sicherheit in einer Gruppe, die seine Einstellungen und Empfindungen teile. Zwangsweise treffen irgendwann Kultur- räume mit unterschiedlichen Wertvorstellungen aufeinander. Um sich selbst zu behaup- ten, stelle man die eigenen Ideale als besser und die der Fremden als schlechter dar, als sie nach rationalen Gesichtspunkten seien (vgl. Herholt 2009, 69 ff.). „Vorurteile [haben daher] ursprünglich eine sinnvolle Funktion in der menschlichen Entwicklung gespielt“ (Herholt 2009, 74). Herholt betont, dass diese „evolutionsbiologischen Erkenntnisse“ (Herholt 2009, 77) niemanden von der Verantwortung für seine Taten befreien. Jeder Mensch müsse sich seiner Natur bewusst sein und aufgrund dieses Wissens handeln. Dennoch könne dieser neue Ansatz helfen, die zeitübergreifende Judenfeindlichkeit zu verstehen (vgl. Herholt 2009, 76 f.).

Allen Erklärungsversuchen gemein ist, dass Vorurteile die Basis bilden, deshalb will ich im Folgendem ihre Herkunft und Entwicklung kurz darstellen.

3.1. Herkunftsgeschichte

Die ursprüngliche Herkunftsgeschichte gehe auf Hekataios von Abdera (3. bis 4. Jh. v.d.Z.) zurück. Hekataios habe geschrieben, dass alle Fremden (also auch Griechen) für eine in Ägypten ausgebrochene Seuche verantwortlich gemacht und aus dem Land ver- trieben worden seien. Die Juden hebe er jedoch im besonderen Maße hervor, weil sie einen Gott verehren, der nicht sichtbar sei (vgl. Schäfer 2010, 32 f.). In dem Aufsatz The Growth of anti-Judaism or the Greek Attitude towards Jews schreibt Emilio Gabba, dass, auch wenn die Einstellung Hekataios gegenüber den Juden grundsätzlich neutral, wenn nicht sogar positiv zu bewerten sei, die von ihm geschaffene Zuordnung der Juden zur ägyptischen Geschichte doch Folgen für die Zukunft gehabt habe (vgl. Gabba 1989, 630).

Manetho (3. Jh. v.d.Z.), ein ägyptischer Hohepriester, verfasste zwei Versionen dersel- ben Geschichte. In beiden schildere er eine grausame Fremdherrschaft über Ägypten. Eine direkte Verbindung zu den Juden werde nicht hergestellt, aber Parallelen seien nicht von der Hand zu weisen. Die Fremden flüchten nach bzw. stammen aus Judäa, zudem zeichnen sie sich durch ihre Gottlosigkeit (Nicht-Verehren der Götter) und Fremdenfeindlichkeit (das Gesetz unter ihren „Eidgenossen“ zu bleiben) aus. Immer wiederkehrende Motive in der ägyptischen Literatur (vgl. Schäfer 2010, 35 ff.).

Lysimachos (zwischen dem 2. Jh. v.d.Z. und 1. Jh. n.d.Z.), gräko-ägyptischer Schrift- steller, berichte in sehr antijüdischer Weise von den Exodus, wie es Manetho getan ha- be. Mit dem Unterschied dass Lysimachos unverblümt die Juden als das Volk nenne, das vom ägyptischen König vertrieben worden sei, weil es gottlos sei, und das daraufhin jeden Göttertempel plünderte, dem es auf dem Weg nach Judäa begegnete. Es sei sehr wahrscheinlich, dass Lsyimachos damit versuchte, antijüdische Tendenzen zu schüren (vgl. Schäfer 2010, 48 f.).

Tacitus schlage mehr als eine Herkunftstheorie vor, jedoch seien die meisten davon ne- gativ und weisen einen „allgemeingültigen Charakter“ (Herholt 2009, 98) auf, dass eine Tendenz zu erkennen sei (vgl. Herholt 2009, 98). Die antijüdische Einstellung aus dem Judenexkurs könne ebenso an der Gewichtung der Kapitel gedeutet werden. Während Tacitus insgesamt fünf Herkunftstheorien im zweiten Kapitel vorstelle, umfasse das dritte Kapitel genau eine. Ein ganzes Kapitel, zudem noch als Abschluss - also welches dem Leser am längsten im Gedächtnis bleibt – für die Vertreibungsgeschichte aufgrund eines das Volk befallenen Aussatzes, könne von „einem Meister seines Faches“ (Her- holt 2009, 104) nicht zufällig gewählt worden sein (vgl. Herholt 2009, 104 f.). Tacitus stelle „eine Zusammenfassung […] der Hauptströmungen der griechisch-römischen Tradition seit Hekataios“ (Schäfer 2010, 56) dar. „Durch Tacitus wurde sie zum Allge- meingut der abendländischen ‚Kultur‘“ (Schäfer 2010, 56).

3.2. Gott, Glaube und Fremdenfeindlichkeit

Der jüdische Glaube an einen einzigen Gott, der zudem weder in menschlicher, tieri- scher noch einer anderen Gestalt abgebildet werden darf, stand im krassen Gegensatz zu den paganen polytheistischen Religionen. Diese Vorstellung stieß jedoch nicht nur auf Abneigung, sondern teilweise auch auf Neugierde und Sympathie.

„Die jüdische Vorstellung eines einzigen, die Möglichkeit anderer Götter neben ihm per definitionem ausschließenden Gottes spiegelt sich in fast allen heidnischen Erörterungen über das Judentum, seine Bräuche und Glaubens- überzeugungen wider (…): Sie reichen von Bewunderung über Neugier und Verwunderung bis zu Mißbilligung und satirischer Verachtung“ (Schäfer 2010, 57). Die Bildlosigkeit stelle dabei das Hauptproblem dar. Dies könne zu drei Interpretationen führen: die erste, der jüdische Gott sei den „Himmelshöhen“ gleichzusetzen, gehe auf die jüdische Bezeichnung „Himmelsgott“ zurück. Daher verwundere es nicht, dass griechische Philosophen diesen mit Zeus vergleichen, um das jüdische Modell des einen Gottes zu beschreiben (vgl. Schäfer 2010, 59). Terentius Varro (1. Jh. v.d.Z.), römischer Gelehrter, habe eine ähnliche Meinung vertreten. Denn die Juden bezeichnen ihren Gott als den höchsten und im römischen Pantheon sei Jupiter der Himmelsvater, der über allem stehe. Dabei sei sich Varro bewusst gewesen, dass die Juden nur an einen Gott glauben, neben dem es keine anderen Götter gebe, dieser sei jedoch unabhängig von seinem Namen Jupiter (vgl. Schäfer 2010, 61 f.). Die zweite Vorstellung, weil die Juden die antiken Götter ablehnen und kein Abbild ihres eigenen Gottes haben und deshalb gottlos seien, sei gerade unter den Griechen verbreitet, und sorge für - gelinde ausgedrückt - Unverständnis (vgl. Schäfer 2010, 60). Schäfer selbst drückt es so aus: „In den Augen der Griechen konnte es kaum ein vernichtenderes Urteil geben“ (Schäfer 2010, 60). Eine gemäßigtere Einstellung dazu habe unter anderem Terentius Varro, der beschreibe den jüdischen Glauben als „reiner“, weil einst auch die Römer Götter ohne Abbild verehrten und erst ihre Verbildlichung die menschliche Furcht vor ihnen nahm und so auch zu deren Abwertung führte. Schäfer interpretiert daraus, dass für Varro, „Das Aufstellen von Götterbildern (…) einem Religionsverfall gleich [kommt], der in letzter Konsequenz zur Verachtung der Götter führt“ (Schäfer 2010, 61). Die dritte Vorstellung, dass die Juden ihrem Gott kein Abbild und keinen Namen geben, weil sie über geheimes Wissen verfügen und andere nicht an diesem Wissen teilhaben lassen wollen (Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit), finde sich bei Livius (59 v.d.Z. bis 17 n.d.Z.), einem römischen Historiker, wieder (vgl. Schäfer 2010, 62 ff.).

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Details

Seiten
24
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656449355
ISBN (Buch)
9783656450054
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v229659
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Fakultät für evangelische Theologie - Lehrstuhl für Religionswissenschaft
Note
2,3
Schlagworte
antisemitismus antike phänomen neuzeit

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