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Die Rolle des Detektivs im Detektivroman

Am Beispiel von Hercule Poirot in Agatha Christies Roman „Tod auf dem Nil“

Hausarbeit 2012 28 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Wesen des Detektivromans
2.1 Die Figur des Detektivs im Detektivroman
2.2 Der Detektiv als Betrachterfigur nach Dietrich Weber

3 Hercule Poirot als Handlungsträger im Detektivroman „Tod auf dem Nil“ von Agatha Christie
3.1 Die Einführung Poirots innerhalb des Romans
3.2 Die Mordfälle aus der Perspektive Poirots
3.3 Poirots Weg zur Lösung des Falls

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

Anlagen

Passagierliste der Karnak

1 Einleitung

Was ist ein Detektivroman und was ein Detektiv? Wie verhält sich dieser innerhalb des Romans und wie kann er dargestellt werden? Ist Poirot ein Prototyp dieser Romanfigur?

Diese Fragen sollen innerhalb der Hausarbeit, anhand der Detektivfigur Hercule Poirot in Agatha Christies Roman „Tod auf dem Nil“, beantwortet werden. Poirots Tätigkeitsfeld und seine Methoden sollen dabei näher beschrieben werden, um die Figur des Detektivs einzugrenzen - und um ein Beispiel für diese Art der Romanfigur zu geben.

Zu Beginn wird kurz erläutert, was unter dem Begriff des „Detektivromans“ zu verstehen ist. Dies ist wichtig, da es bis heute in der Wissenschaft verschiedene, teils umstrittene Positionen, zu dem Begriff des „Detektivromans“ und besonders zu dessen Abgrenzung zum Kriminalroman gibt. Einige der Autoren, die sich zu dieser Thematik geäußert haben, sind Richard Alewyn, Volker Neuhaus, Peter Nusser und Ulrich Suerbaum, um nur einige wenige zu nennen. Die ausführliche Bearbeitung aller Positionen würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, deshalb werde ich mich hauptsächlich mit der Position Nussers beschäftigen, da er viele andere Definitionen mit in seine Überlegungen einbezogen hat.

Daraufhin wird die Figur des Detektivs beleuchtet. Es wird ein Überblick über die Eigenschaften, Aufgaben und Verhaltensweisen des prototypischen Detektivs gegeben, um dessen Figur von anderen abzugrenzen und zu exemplifizieren.

Um die entscheidende Funktion der Detektivfigur innerhalb der Erzählung zu verdeutlichen, wird anschließend Dietrich Webers „Betrachterfigur“, inklusive deren Umfeld, beschrieben und der Detektiv mit dieser gleichgesetzt. Außerdem werden die wichtigsten Begrifflichkeiten Webers Theorie erläutert, um sie im Folgenden nutzen zu können.

Der weitere Teil der Arbeit beschäftigt sich mit Hercule Poirot als Handlungsträger, innerhalb des Romans Tod auf dem Nil, um ein konkretes Beispiel für den Detektiv im Detektivroman aufzuführen. Dabei wird die Handlung beständig mit Webers Theorie verglichen, um zu erfahren, ob Poirot tatsächlich als Handlungsträger zu bezeichnen ist.

Vorerst wird jedoch ein kompakter Überblick über den Inhalt des Romans gegeben, damit die folgende intensive Beschäftigung mit Poirot im Zusammenhang der Erzählung zu sehen ist.

Es folgt die Betrachtung der Figur Hercule Poirot in drei Schritten.

Im ersten Teil wird dessen Einführung innerhalb der Erzählung dargestellt. Sie beschäftigt sich mit Christies Präsentation des Detektivs zu Beginn des Romans und dessen Darstellung innerhalb des multipersonalen Erzählgeflechts. Interessant wird hier, welche Position der Detektiv am Anfang der Erzählung innehält und wie sich diese im Laufe derer verändert. Ein weiterer Blick wird Poirots Motivationsfaktoren gelten, die ihn zu seiner Arbeit treiben.

Im zweiten Schritt der Betrachtung geht es um die Wahrnehmung der Morde aus Poirots Perspektive. Es wird aufgezeigt, wie der Detektiv diese (mit)erlebt und welche Reaktionen sie bei ihm auslösen.

Außerdem soll Poirots Weg zu Lösung des Falls untersucht werden. Seine Methoden, seine Helfer und zuletzt die Aufklärung des Mordes durch ihn, sollen im Mittelpunkt der Betrachtung stehen.

Abschließend wird das Fazit die Erkenntnisse und Schwierigkeiten, die die Beschäftigung mit dem Detektiv im Detektivroman gebracht haben, aufzeigen.

2 Das Wesen des Detektivromans

Im Folgenden sollen die wesentlichen Merkmale des Detektivromans genannt werden und die Abgrenzung zum Kriminalroman erfolgen, um die Eindeutigkeit des Begriffes „Detektivroman“ für den weiteren Teil dieser Hausarbeit zu definieren.

Nusser sieht drei wesentliche Elemente innerhalb der Handlung eines Detektivromans, die diesen zu dem machen, was er ist. Er führt sie im späteren Verlauf seines Textes, samt den handelnden Personen weiter aus. Um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen, seien hier lediglich diese drei Oberpunkte genannt:

„1. das rätselhafte Verbrechen (der Mord);
2. die Fahndung nach dem Verbrecher (den Verbrechern), die Rekonstruktion des Tathergangs, die Klärung der Motive für die Tat;
3. die Lösung des Falles und die Überführung des Täters (der Täter).“1

Betrachtet man den Ablauf innerhalb des Romans Tod auf dem Nil genauer und beachtet dabei Nussers wesentliche Elemente, fällt auf, dass der Detektivroman „die Geschichte der Aufklärung eines Verbrechens“2 erzählt. Um ihn hier deutlich von dem Kriminalroman abzugrenzen, sei gesagt, dass dieser lediglich „die Geschichte eines Verbrechens“3 behandelt. Genauer: während der Detektivroman die Erzählung invertiert, also rückläufig erzählt, befasst sich der Kriminalroman mit dem progressiven Erzählen, das heißt parallel zum Geschehen.

Innerhalb eines Detektivromans ist zudem das Gebot von Howard Haycraft entscheidend: „The detective story must play fair.“4. Es besagt, dass der Autor den Leser nicht täuschen darf. Solch eine Lüge könnte beispielsweise eine Aussage über ein rotes Tuch sein, welches im Nachhinein doch blau gewesen ist oder ähnliches. Eine derartige Falschaussage würde den Leser verwirren und sein Vertrauen in den Autor und die Authentizität der Erzählung in Frage stellen. Die einzige Ausnahme bieten Dinge, die durch die Betrachterfigur falsch aufgefasst wurden. Irrt sich diese, darf sich auch der Leser geirrt haben. Eine weitere Bedingung ist, dass das Rätsel rund um den Mord so gestellt sein muss, dass „dem Leser die für eine Lösung erforderlichen Daten hinlänglich bekannt sind.“5

Entscheidend für die drei genannten Handlungspunkte und das Geschehen des Detektivromans ist eine Figur, die diesem seinen Namen verliehen hat: der Detektiv selbst. Er ist für Nusser „die zentrale Figur jeglichen Detektivromans“6 und damit aus diesem nicht wegzudenken. Es lohnt sich demnach, diese entscheidende Figur näher zu betrachten.

2.1 Die Figur des Detektivs im Detektivroman

„Soziologisch ist er immer ein Außenseiter, charakterologisch ein Exzentriker, und erzähltechnisch ist er bloße Funktion: Der Mann, der die Fragen stellt und die Antworten findet.“7

Sir Arthur Conan Doyles' Detektiv Sherlock Holmes ist wohl der Detektiv schlechthin, der einem zu dem oben genannten Gedanken von Alewyn in den Sinn kommt. Obwohl Holmes nicht der erste seiner Art war, ist er doch der allseits bekannteste Detektiv in der Literatur. Er prägt deshalb den Stereotypen des Ur- Detektivs, wie kein anderer: Brauner Hut, hochgeklappter Trenchcoat-Kragen, Pfeife im Mund, Lupe in der Hand und stets in Kontakt mit seinem treuen Begleiter Watson, ermittelt er in den brisantesten Fällen, die von Mord in der höheren Gesellschaft bis hin zu Bedrohungen der allgemeinen Öffentlichkeit reichen und lediglich durch seine Beobachtungsgabe gelöst werden können. Holmes erfüllt die Vorstellung eines Detektivs aus dem England des 19. Jahrhunderts, welche sich bis heute beständig gehalten hat.

Dennoch ist Sherlock Holmes bei weitem nicht der einzige Detektiv der Literaturgeschichte, denn es folgten ihm Gestalten wie Lord Peter Wimsey, Miss Marple, Maigret, Wachtmeister Studer, Marlow und nicht zu vergessen Hercule Poirot, der in dieser Arbeit in einem seiner Fälle näher betrachtet werden soll. Auf Grund der Vielzahl von Detektiven ist es ratsam, diese Art von Ermittler näher einzugrenzen.

Alewyn bezeichnet den Detektiv als „den Vertreter der unvoreingenommenen Frage“8 und greift damit gleich eine der wichtigen Eigenschaften auf, die erklärungsbedürftig sind:

Zum einen wird das Charakteristikum des „Vertreters“ genannt. Hier stellt sich nun die Frage: Wer oder was wird eigentlich vertreten? Für wen springt der Detektiv ein? Alewyn schreibt ihm gleich zwei Vertreterfunktionen zu: Die des Lesers, dessen alles entscheidende Frage, innerhalb eines Detektivromans vertreten wird, nämlich: „Whodunit?“9. Dieses bezeichnet die englische Umgangssprache für „Wer war es? Wer ist der Mörder?“. Die passende Antwort sucht der Detektiv, während des ganzen Romans und spiegelt so die Neugier des Lesers wieder, die, durch das immer wieder neue „Schema des Rätsels und seiner Lösung“10 befeuert wird. Hierbei handelt es sich um eine Art Frage-und-Antwort-Spiel, das sich durch den ganzen Roman hindurchzieht. Es werden immer wieder neue Fragen um den Mord herum laut, die beispielsweise Nebenakteure oder Sekundärgeheimnisse betreffen. Sie müssen ebenfalls beantwortet werden.

Die zweite Funktion ergibt sich durch die Art und Weise des Antwortgebens auf die Frage „Whodunit?“. Denn während er in der Schlussszene des Romans den Täter überführt, rekonstruiert der Detektiv den Mordhergang in einer chronologischen Abfolge. Diese Aufklärung findet meist in einem Monolog des Detektivs statt und gibt sämtliche Antworten auf bisher ungeklärte Fragen. Es geschieht so, wie es der Autor des Detektivromans als eigenständige Geschichte hätte schreiben können, wenn er sich in einem anderen Genre befunden hätte.11 Der Detektiv schlüpft währenddessen also in die Gestalt des Autors und schwebt geradezu über dem bisher Geschehenen. Der Detektiv nimmt somit sowohl die Stellvertreterfunktion des Lesers, als auch die des Autoren ein.

Alewyn nennt ebenfalls die Fähigkeit des Detektivs „unvoreingenommen“ zu sein. Diese Eigenschaft ist dem Detektiv häufig nur aus einem Grund gegeben: weil der Mord in einem unbekannten (Personen-)Kreis geschieht. So sind ihm beispielsweise weder Täter noch Opfer besser bekannt, als dem Leser bzw. der Leserin12 selbst. Der Detektiv wird oftmals ganz beliebig in die Ermittlungen um den Mordfall herum hinzugezogen, da er zufällig anwesend ist. Oder aber er wird bewusst, wie beispielsweise Sherlock Holmes, angeheuert. Doch selbst dann kennt er das Umfeld in den seltensten Fällen.

Während er dieses erkundet, stößt er immer wieder auf „clues“13, welches das englische Wort für „Indiz“ oder „Spur“ ist. Zu diesen können einzelne kleine Momente, Gesprächsfetzen oder Gegenstände gehören. Es ist entscheidend, dass der Detektiv diese kennt und entdeckt, um sie daraufhin als Hilfe für die Lösung des Falles zu nutzen.

Abzugrenzen ist der Detektiv von anderen Literaturfiguren, sowohl innerhalb, als auch außerhalb des „eigenen Romans“.

[...]


1 Ebd. S.23.

2 Alewyn, Richard: Anatomie des Detektivromans. In: ders: Probleme und Gestalten, Frankfurt a.M. 1974. S.364.

3 Ebd. S.364.

4 Haycraft, Howard: Murder for pleasure: the life and times of the detective story. Carroll & Graf Publishers 1984. S.236.

5 Neuhaus, S.38.

6 Nusser, S.40.

7 Alewyn, S.375.

8 Ebd. S.374.

9 Alewyn, S.370

10 Vgl. Weber, Dietrich: Theorie der analytischen Erzählung. München: 1975. S.42.11 Vgl. Alewyn, S.375.

12 Um das Lesen zu erleichtern, werde ich auf den folgenden Seiten die maskuline Form benutzen, meine allerdings stets auch die feminine.

13 Vgl. Alewyn, S.377.

Details

Seiten
28
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656450573
ISBN (Buch)
9783656623113
Dateigröße
840 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v229632
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück
Note
2,0
Schlagworte
rolle detektivs detektivroman beispiel hercule poirot agatha christies roman

Autor

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