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Jüdische Ärzte im spätmittelalterlichen Kontext Europas

Examensarbeit 2013 107 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Heilkunde des Mittelalters
2.1. Das Erbe des Hippokrates
2.2. Mittelalterliches Medizinwesen
2.2.1. Kirchen- und Volksmedizin
2.2.2. Die Scholastische Medizin
2.2.3. Salerno
2.2.4. Übersetzer als Wissensvermittler
2.2.5. Regulierung und Bürokratisierung einer Wissenschaft
2.2.5.1. Lizenzen
2.2.5.2. Universitäten und Fakultäten

3. Jüdische Medizinkultur
3.1 Jüdische Ärzte – Beruf aus Tradition?
3.1.1 Spurensuche
3.1.2. Hebräische Literatur
3.2. Ärztefürst Avicenna
3.3. Maimonides

4. Jüdische Ärzte im christlichen Mittelalter
4.1. Ausbildung und Wissensvermittlung
4.1.1. Ärzte
4.1.2. Chirurgen
4.1.3. Lizenzerwerb
4.2. Der jüdische Arzt – Experte und Kosmopolit
4.3. Magie und Aberglaube

5. Das spätmittelalterliche Aschkenas
5.1. Jüdische Siedlungsgeschichte
5.2. Zweifelhafte Rechtsgrundlage: Servi camerae
5.2.1. Schutz- und Fiskalunion
5.2.2. Ausbeutungspolitik
5.3. Jüdische Ärzte im Heiligen Römischen Reich
5.3.1. Arztberuf – eine Männerdomäne?
5.3.2. Beispiel A – Reichsstadt Frankfurt
5.3.3. Beispiel B – Jakob von Landshut

6. Transalpine Zuflucht – Italien und Sizilien
6.1. Italien – ein möglicher Vergleich?
6.2. Zuwanderung und Netzwerke im Norden
6.2.1. Signorien und Stadtstaaten
6.2.2. Jüdische Ärzte in Mailand
6.3. Die Juden und der Papst
6.4. Sizilien – Schmelztiegel der Kulturen

7. Der Fall der Sephardim
7.1. Der Islam und das Judentum
7.2. Die Juden der spanischen Königreiche
7.2.1. Conversos und Exil
7.2.2. Aragón
7.2.3. Kastilien
7.2.4. Navarra
7.3. Jüdische Ärzte in Spanien

8. Resümee – Möglichkeiten des Vergleichs
8.1. Die jüdische Alterität
8.2. Ausbildung und Profession
8.3. Hofjudentum
8.4. Sonderstatus
8.5. Rechts- und Rahmenbedingungen

Abbildungsverzeichnis

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„,Juden im Mittelalter‘ erscheint in der deutschen Öffentlichkeit nicht als ein attraktives Thema. Das Interesse für das ,Mittelalter‘ ist zwar in den letzten Jahrzehnten wieder gestiegen, dennoch werden mit dieser überaus fragwürdigen Epochenbezeichnung zumeist nur negative Vorstellungen verknüpft. […] Demgemäß scheint ein Thema, das Juden und Mittelalter verbindet, bestens geeignet. Die heutzutage vorherrschenden Klischees über das ,Mittelalter‘ zu bekräftigen. […] Inzwischen ist es unter den international führenden Vertretern der neuen historischen Forschung unstrittig, dass die Kultur der Juden in Europa während des Mittelalters – und darüber hinaus – nicht weniger europäisch als jüdisch war. Die jüdische Geschichte in Europa enthält also auch wesentliche Bestandteile der europäischen Geschichte einschließlich ihrer regionalen und lokalen Ausformungen. […] Bemühungen um eine europäische Geschichte im Mittelalter bleiben daher ohne die Geschichte der Juden nicht nur in wesentlichen Bereichen unvollständig, sondern sie verfehlen geradezu existenzielle Komplexe und sind somit in hohem Maße revisionsbedürftig.“[1]

Dieses Zitat von Alfred Haverkamp, welches in großem Maße die Abkehr von stereotypischen Sicht- und Behandlungsweisen der jüdischen Geschichte im Ganzen fordert, leitet eine Arbeit ein, die mit der Forderung Haverkamps im Einklang steht und sich das Ziel gesetzt hat, ein Thema der jüdischen und europäischen Geschichte zu verknüpfen, ohne dabei wesentliche Elemente des historischen Kontextes außer Acht zu lassen. Inspiriert von Noah Gordons ‚Der Medicus‘, versucht diese Arbeit, eine Abhandlung von jüdischen Ärzten und deren Einfluss auf die Medizin im spätmittelalterlichen Kontext Europas zu bieten.

Auf den folgenden Seiten werden dabei zunächst Grundzüge des mittelalterlichen Medizinwesens dargestellt, was der Arbeit als Ausgangsbasis für den jüdischen Beruf des Arztes dienen soll. Hierbei werden hinsichtlich des problematischen Begriffs der ‚mittelalterlichen‘ Medizin Fragen aufgeworfen und in welchem Maße sich dies auf das Judentum auswirkte. Mit der Unterstützung von den Beiträgen Kay Peter Jankrifts, der gegenwärtig aktuelle Informationen zu der mittelalterlichen Medizingeschichte liefert, wird es notwendig sein, sich mit diesem Wissenschaftsfeld der Medizin, was im Mittelalter eine eigene Disziplin der Universitäten wurde, kritisch auseinander zu setzen, um im Anschluss eine Verbindung zum jüdischen Verständnis von Medizin und Heilkunde herzustellen. An dieser Stelle müssen Überlegungen angestellt werden, in welchem Einklang das Medizinwesen mit der Geschichte des Judentums stand und weshalb im Mittelalter jüdische Ärzte so gefragt waren. Mit der Beleuchtung der medizinischen Ausbildung, des Lizenzierungsverfahrens sowie dem Wirken von Autoren und herausragenden Ärzten soll der Grund dieses glänzenden Rufes von jüdischen Ärzten eruiert werden. Für diesen Teil kann auf die detaillierten und umfangreichen Arbeiten von Joseph Shatzmiller und John Efron nicht verzichtet werden. Gerade Shatzmiller verdient großes Lob für die sehr gelungene Darstellung der verschiedenen Werdegänge jüdischer Ärzte, wobei er sich um die Einbindung von weltweiten gegenwärtigen Forschungsbeiträgen bemüht und für das Themengebiet der jüdischen Heilkunst als führend betrachtet werden kann.

Da es sich bei dem Themengebiet der Medizingeschichte um ein äußerst komplexes Feld handelt, muss versucht werden, die wesentlichen Erkenntnisse in Bezug die jüdische Geschichte zu reflektieren. Im Zuge dessen werden die angestellten Überlegungen bezüglich Umfeld und Rahmenbedingungen der Judenärzte im Spätmittelalter in den historischen Kontext von drei europäischen Regionen gesetzt werden, das Heilige Römische Reich, Italien und die iberische Halbinsel. Hierfür kann die Arbeit auf ein breites Spektrum an Quellenangeboten zurückgreifen, die u.a. Dietrich Andernacht, Shlomo Simonsohn und Fritz Baer in gesammelten Werken bzw. Regesten zur Verfügung stellen. Sie werden einen unverzichtbaren Beitrag für die Quellenarbeit leisten und in der Lage sein, die Thesen der Forschung zu untermauern oder gegebenenfalls zu widerlegen bzw. in Frage zu stellen.

Die Fragen in den folgenden Kapiteln werden sich mit gegenwärtigen Auseinandersetzungen der Forschung beschäftigen. Darunter fallen vor allem die Fragen, weshalb im Mittelalter so häufig eine enge Verknüpfung zwischen Judentum und Medizinwesen existierte. Es wird uns auch interessieren, auf welchem Wege jüdische Ärzte überhaupt ihre Ausbildung absolvieren und sich einen derart guten Ruf bei Stadt- und Landbevölkerung sowie bei den weltlichen und geistlichen Herrschern erarbeiten konnten. Dies wird in einem historischen Hintergrund erarbeitet werden, in dem Juden der reguläre Bildungsweg verschlossen blieben und jüdische Bevölkerungsteile europaweit repressiven Bestimmungen und Verfolgungen ausgesetzt waren, obschon es wichtig bleibt, Ärzte als exponierte Berufsgruppe innerhalb der mittelalterlich-jüdischen Diaspora zu betrachten. Diese Betrachtungsweise lohnt sich, wie wir sehen werden, da jüdischen Heilkünstlern stets eine Sonderrolle zuteilwurde und ein Berufsfeld repräsentieren, das in einem Zeitalter von Pest und Krieg bei Volk und Adel mehr als gefragt war. Dem Anspruch, dieses bedeutende jüdische Tätigkeitsfeld in einen europäischen Kontext zu setzen, kann jedoch nur nachgekommen werden, wenn Rahmen-bedingungen und Umfeld von jüdischer Existenz allgemein im spätmittelalterlichen Europa beleuchtet werden. Deshalb wird in den späteren Kapiteln kein Weg an der Einbettung von jüdischer Geschichte in den länderspezifisch-historischen Kontext vorbeiführen.

Betrachten wir also zunächst grundsätzliche Wesenszüge der mittelalterlichen Medizin und gehen dann über in den Versuch, Möglichkeiten und Wege von Juden zu erörtern, ein medicus im spätmittelalterlichen Europa mitsamt den Hindernissen und Hürden zu werden, die dieser durchaus heikle Beruf mit sich bringen konnte.

2. Die Heilkunde des Mittelalters

Wie angedeutet, konzentriert sich diese Arbeit im Rahmen des vielfältigen Themengebiets mittelalterlicher Medizin auf wesentliche Abschnitte und relevante Informationen für die jüdische Geschichte. Eine umfassende Beschäftigung mit dem Themenbereich mittelalterlicher Heilkunde würde eine eigene Arbeit fordern und den gesetzten Rahmen der vorliegenden sprengen. Daher reduziert sich dieses Kapitel auf folgende Schwerpunkte bzw. Auseinandersetzung mit der Forschung:

Was waren die nachhaltigsten und wichtigsten Stationen in der Entwicklung der mittelalterlichen Medizin? Inwiefern beeinflusste diese Entwicklung, der wachsende Bedarf an Ärzten und die Regulierung des Medizinwesens nicht nur die christliche, sondern auch jüdische Ärzte? Wann und wodurch wurde Juden der Einstieg in das Tätigkeitsfeld des Arztes ermöglicht?

Fest steht, neben Geldverleih war der Beruf des Arztes die beliebteste Tätigkeit von Juden im Mittelalter. Dies korreliert mit der Tatsache, dass der Bedarf an Ärzten ab dem 13. Jahrhundert kontinuierlich anstieg. Es waren nicht nur Bischöfe, Fürsten und Könige, die sich den damaligen Luxus von verbesserter Lebensqualität leisten konnten, sondern auch das erstarkende Bürgertum der Städte sowie reiche Teile der Landbevölkerung. Shatzmiller spricht zudem vom Phänomen einer „Medikalisierung“ der mittelalterlichen Gesellschaft.[2] Um Motive und Rahmenbedingungen jüdischer Ärzte zu erhellen, muss also zunächst der historische Hintergrund genauer untersucht werden, um eine Vorstellung davon zu erhalten, was es bedeutete, im Mittelalter Arzt zu sein.

Peter Jankrift, der einen gelungenen aktuellen Überblick über den Forschungsstand der mittelalterlichen Medizin beiträgt, betont, dass die Auseinandersetzung mit dem Thema bzw. „die Recherche in den Schriftquellen der sprichwörtlichen Suche nach der Nadel im Heuhaufen gleicht.“[3] Dennoch liefert Jankrift in seinen Beiträgen Informationen von unschätzbarem Wert für die Darstellung des mittelalterlichen Medizinwesens. Während die theoretischen Grundlagen, welche auch in der spätmittelalterlichen Ausbildung von Heilkundigen Verwendung fanden, in Schriftwerken tradiert und übersetzt wurden, so bereitet es dagegen Schwierigkeiten, die praktischen und alltäglichen Tätigkeiten von Ärzten durch überlieferte Quellen zu beleuchten.[4]

Daher bleibt oftmals nur die Möglichkeit, anhand von Erwähnungen in Stadt- oder Steuerlisten, Herrscherannalen oder Rezept- bzw. Krankheitsbeschreibungen das Tätigkeitsfeld von Heilkünstlern zu rekonstruieren. Als ebenfalls bedeutsam erweisen sich Bildquellen und Abdrucke in Folianten und Büchern, welche Aufschluss über Handeln und Wirken von medici aller Art bieten. Daher werden solche auch hier in den Überlegungen mit einfließen, wenn sich in den anschließenden Kapiteln näher mit der Rolle des jüdischen Arztes als Wissenschaftler, „Magier“ und Kosmopolit beschäftigt wird. Bevor nun bedeutende Meilensteine der Medizin behandelt werden, gilt es jedoch eine Frage zu beantworten: Was wird unter dem Begriff ,mittelalterliche Medizin‘ überhaupt verstanden?

2.1. Das Erbe des Hippokrates

Dem mittelalterlichen Verständnis von Krankheit und Heilung liegt häufig die einschlägige These zugrunde, die sogenannte mittelalterliche Medizin nährte sich letzten Endes aus den Lehren und Konzepten der Antike. Es handelt sich folglich vielmehr um eine Tradierung und Bewahrung antiken Erbes, allen voran die weit verbreitete Viersäftelehre Galens. Sie war das richtungsweisende und bestimmende Element des zeitgenössischen Medizinwesens bis in die Renaissance.[5] Erst der Humanismus und die geduldete Weiterentwicklung der Chirurgie ermöglichten neue Erkenntnisse im Bereich der Anatomie.

Galens Lehre greift auf die vier Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft zurück. Cassiador, der Kanzler Theoderichs des Großen, sah sich im Auftrag, jenes Antike Verständnis von Medizin zu bewahren und zu tradieren. Daher errichtete er um 550 n. Chr. das Kloster Vivarium und legte dort das Fundament für die septem artes liberales. Die sieben freien Künste stellten das maßgebende Grundkonzept der universitären Lehren des Mittelalters dar und unter Bischof Isidor von Sevilla wurde auch die Wissenschaft der Medizin zur secunda philosophia erhoben.[6]

Doch letztendlich greift Galen (129 bis 199 v. Chr.) in seinen Werken und Lehren lediglich auf den Arzt und Denker zurück, auf dessen Namen die Ärzteschaft noch heute einen Eid leistet: Hippokrates. Galens Viersäftelehre basiert nicht auf eigenen Überlegungen, sondern stellt vielmehr eine Weiterentwicklung des Corpus Hippocraticum dar, welcher die Arbeiten und Lehren des Hippokrates bündelt und uns im folgenden Auszug das antike Verständnis von Krankheit schildert:

„Der Körper des Menschen hat in sich Blut, Schleim und zweierlei Galle, die gelbe und die schwarze Diese Qualitäten sind die Natur seines Körpers, und durch sie wird er krank und gesund. Am gesündesten aber ist er, wenn diese Qualitäten in Bezug auf Mischung, Wirkung und Menge in einem angemessenen gegenseitigen Verhältnisse stehen[…], krank hingegen, wenn eines von diesen in geringerer oder grösserer Menge vorhanden ist oder sich im Körper absondert und nicht mit der Gesammtheit [sic!] der übrigen vermischt ist.“[7]

Jene vier Säfte sind im Körper folglich verantwortlich für gesundes oder krankes Befinden des Menschen. Herrscht ein Ungleichgewicht und ist die Balance zwischen den Säften gestört, tritt ein Krankheitsbild zutage, welches sich je nach vorherrschendem Saft artikuliert. Ein Überschuss an Blut (lat. sanguis) würde demnach zu Symptomen eines Sanguinikers führen. Anhand der Tatsache, dass die Säfte vier verschiedene Eigenschaften aufweisen, (warm, kalt, trocken, feucht) wird deutlich, wie sehr sich Hippokrates an die vier Elemente lehnte.[8]

Auf der Auffassung beruhend, dass andere Wissenschaften wie Physik oder Logik der Medizin dienlich seien, teilte Galen die entstandene Theorie der Medizin in drei tragende Säulen ein, die das sogenannte Haus der Heilkunde repräsentieren: Die Physiologie (res naturales), die Pathologie (res contra naturam), sowie die Therapie. Letztere, also die Behandlung von Krankheiten, teilt sich wiederum auf in Diätetik, Pharmazeutik und Chirurgie.[9]

Es ist also in Konsens mit der Forschung festzuhalten, dass eine mittelalterliche Medizin im eigentlichen Sinne nicht existierte. Sie war vielmehr die Manifestierung der alten römisch-griechischen Medizin und bezog sich mehr als 1000 Jahre im Wesentlichen auf die Erkenntnisse der Antike. Auch beispielsweise die Natur- und Arzneimittelkunde orientierte sich lange an den von Plinius dem Älteren verfassten Schriften, u.a. die Historia Naturalis. Eine überarbeitete Variante stellt im 4. Jahrhundert die Medicina Plinii dar, welche eine umfangreiche Abhandlung über Krankheiten und deren Behandlungen enthält.[10]

2.2. Mittelalterliches Medizinwesen

Neben der notwendig gewordenen differenzierten Betrachtung von ,mittelalterlicher‘ Medizin ist es nötig, einen alten Mythos zu widerlegen, der in der Forschung lange Gültigkeit fand: Die sogenannte ,arabische Medizin‘ hätte den Grundstock für das mittelalterliche und europäische Medizinwesen gelegt. Ende der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts bewies der in mehreren Bänden erschienene Beitrag von Jean-Charles Sournia, dass auch die arabische Medizin nur das römisch-griechisches Medizinwissen konservierte und dass durch die Übersetzungsleistung von Persern, Juden und orthodoxen Griechen eine Art arabische Fachliteratur entstand. Auch wenn sich dadurch das Arabische zu einer Gelehrtensprache wandelte, so bot die arabische bzw. orientalische Medizin letztendlich keine neuen Erkenntnisse, sondert tradierte antikes Wissen in einer anderen Sprache fort.[11] Grundsätzlich ist sich die Forschung allerdings dahin gehend einig, dass die Vermittlung und die Verbreitung von griechisch-arabischen Medizinschriften vor allem der regen Tätigkeit von zahlreichen jüdischen und arabischen Übersetzern zu danken ist, deren großer Bedeutung unten ein eigenes Kapitel gewidmet ist.[12]

Des Weiteren darf nicht vergessen werden, dass weite Teile der mittelalterlichen Gesellschaft Europas unter dem großen Einfluss der christlichen Theologie stand, sodass auch die Medizin zunächst schlicht als „Werkzeug“ Gottes betrachtet wurde. Bis die Loslösung der Medizin von der christlichen Kirche gelang, wurde zunächst grundsätzlich angenommen, dass eine erlittene Krankheit das Resultat einer Strafe Gottes an einem Sünder wäre. Von dieser Strafe können nicht nur Einzelpersonen, sondern auch ganze Gruppen und Ethnien betroffen werden, was beispielsweise im Zeitalter der Pest – neben der obligatorischen Brunnenvergiftungs-beschuldigung – häufig als Ursache angenommen wurde.[13] Daraus ergab sich die Vorstellung, dass einzig und allein Christus, der oberste aller Ärzte, eine Krankheit heilen könne. Diese Imagination korrelierte mit der auch in der Bibel oftmals dargestellten Heiltätigkeit Jesu, der wunderwirkend Kranke und Schwache zu kurieren vermochte. Christus repräsentiere demnach die Inkarnation des medicus schlechthin und der Kirchenvater Augustin betitelte ihn ferner im Rahmen seiner heilsgeschichtlichen Funktion als salvator, Retter und Erlöser durch den Opfertod . Somit wird nach christlicher Vorstellung nur durch Christus Medicus allein Heilung (lat. salus) gewährt, was das heilsgeschichtliche Bild insgesamt abrundet.[14] Somit verwundert es nicht, dass bis zu der erwähnten Medikalisierung der Gesellschaft im 13. Jahrhundert die Medizin eine Domäne der christlichen Kirche war und somit Juden weitestgehend verwehrt blieb.

2.2.1. Kirchen- und Volksmedizin

Shatzmiller konstatiert, dass im Früh- und Hochmittelalter nur die Institution der Kirche den wachsenden Bedarf an Heilkünstlern und Ärzten stillen konnte. Dies hatte eine regelrechte Monopolstellung im christlichen Abendland zur Folge, da den Klosterschulen eine elementare Bedeutung im Bereich der mittelalterlichen Bildung zugeschrieben wurde.[15] Die Bildungshoheit des Klerus kam vor allem dadurch zustande, dass in der oral und analphabetisiert geprägten Gesellschaft Mönche und Priester das Lesen und Schreiben von Büchern vorbehalten war. Diese banal erscheinende Tatsache ergänzt aber die in der Forschung verbreitete These, dass die christliche Kirche bzw. die Klosterschulen wesentlich zur Konservierung und Vermittlung des antiken Medizinwissens beitrugen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Klostermedizin,1452 St. Gallen:

Der Mönch trägt einem Patienten Heilsalbe am Oberschenkel auf.

Die Klöster fungierten folglich als Bewahrer der griechisch-römischen Heilkunde und wurden somit Stätten der Wissensvermittlung, indem die meist auf Griechisch verfassten Werke ins Lateinische übersetzt wurden. Vor allem für den deutschsprachigen Raum war dies von großer Bedeutung, da man die griechische Sprache offenbar kaum mehr beherrschte.[16] Wie eingangs bereits erwähnt, wurde der Klostermedizin erst durch Bischof Isidor von Sevilla der Charakter einer Wissenschaft zugeschrieben.

Zuvor verschaffte jedoch Benedikt von Nursia dem Medizinwesen das nötige Gewicht, indem er Krankenfürsorge dem christlichen Gebot der Nächsten-liebe gleich setzte. Benedikt gründete 529 n. Chr. das Kloster Montecassino und schuf einen allgemein gültigen Kodex, der die Krankenpflege aus heiligen und christlichen Auftrag verifizierte: die Regula Benedicti.[17] Sie legt den Grundstein für das mittelalterliche Hospitalwesen, das das Pflegen und Kurieren von Kranken ausschließlich Klosterschwestern und Mönchen zuschreibt. Man kann daher zu Recht behaupten, das die gegründeten Hospitäler im Mittelalter das Rückgrat der protomodernen Krankenpflege bildeten. In der christlich motivierten Benediktiner-Regel ist folglich auch der Ursprung des caritas -Gedankens zu sehen, der mit dem ausgehenden Mittelalter die maßgebende Doktrin von Hospitälern formierte.[18] Auch das Laterankonzil 1215, welches uns aufgrund seiner Tragweite für die jüdische Geschichte wiederholt begegnen wird, forderte von einem christlichen Arzt, dass die Seelenfürsorge des Kranken oberste Priorität sei und dies seine erste Amtshandlung darstelle. Überdies war die Vorstellung, der physische Körperzustand sei eng an das Seelenheil des Menschen gebunden, bis zur Aufklärung im christlichen Abendland weit verbreitet.[19]

Ferner ist man sich in der Forschung einig darüber, dass der Einfluss von Volksmedizin einen nicht zu unterschätzenden Faktor darstellte. Heilkunst wurde im Mittelalter nicht selten mit Magie und Hexerei in Verbindung gebracht, was vor allem im Zusammenhang mit jüdischen Ärzten fatale Auswirkungen haben konnte, wie später anhand eines Kapitels explizit erläutert werden wird. Samuel Krass geht sogar so weit, dem volkstümlichen Aberglauben eine regelrecht hemmende Wirkung auf die Medizinwissenschaft zu attestieren.[20] Jankrift hingegen macht darauf aufmerksam, dass es der Klostermedizin schlichtweg nicht gelang, alle Bereiche der Medizin zu dominieren und zu durchdringen, denn es gab „eine in ihrer Tragweite aufgrund des Fehlens schriftlicher Zeugnisse kaum abzuschätzende Volksmedizin, für die – von jeglichem theoretischen Überbau unberührt - neben Erfahrung im Umgang mit Krankheiten auch magische Elemente eine Rolle spielten.“[21] Denken wir nur an die Merseburger Zauberformeln, die – frei von christlich-theologischen Elementen – in einem Gebetsbuch des Merseburgers Domkapitels entdeckt wurden und wo nicht Christus Medicus, sondern die germanische Gottheit Wodan als Heiler auftritt. Auch zu nenne wäre das angelsächsische Leechbook des Bald, welches eindeutig auf nicht-christlich motivierte, weltliche Heilkunde hinweist.[22]

Die relevante Frage an dieser Stelle lautet nun, ob es denn europäischen Juden überhaupt möglich war, in dieser Wissenschaft, die eine selbsterklärte Domäne der katholischen Kirche war, Fuß zu fassen. Blicken wir auf die muslimisch kontrollierten Regionen Europas und Nordafrikas, so stellen wir fest, dass dort Arzt als häufigster Akademikerberuf erscheint.[23] Bereits im Kalifat der Abbasiden lassen sich Mitwirken und Teilhabe von jüdischen Wissenschaftlern registrieren, obschon Al-Andalus aufgrund der großen Herrschertoleranz als größter Magnet von jüdischen Gelehrten galt.[24] Doch wie sah es im christlichen Europas aus?

2.2.2. Die Scholastische Medizin

Es kann durchaus angenommen werden, dass aufgrund der christlichen Vorherrschaft im Bereich des Medizinwesens ein Mitwirken von Juden kaum möglich war. Trotzdem sei angemerkt, dass sich erstaunlicherweise schon früh Berichte von jüdischen Ärzten finden lassen. So erwähnt Benjamin von Toledo beispielsweise jüdische Leibärzte, darunter einen am Hofe des byzantinischen Kaisers.[25] Paradoxerweise waren es jedoch gerade Bestimmungen und Bestrebungen der christlichen Kirche, die zu einer Loslösung der Medizin von der Theologie führen und daher Juden eine Ausbildung und Tätigkeit als Arzt ermöglichen. Dies erscheint widersprüchlich, sahen sich doch eben jene Klöster in ihren heiligen Auftrag bestätigt, die klassische Medizin der Antike zu wahren und zu lehren. Diesen, für die Entwicklung des Medizinwesens entscheidenden, Prozess kennt die Forschung unter den Begriff der Medikalisierung,[26] welcher zugleich die Verwissenschaftlichung von Medizin und die entsprechende Gründung von Fakultäten und Schulen impliziert.

Ausschlaggebend war die Synode von Clermont im Jahre 1130. Hier traf man die Übereinkunft, dass sich fortan kein Kleriker mehr dem Medizinstudium widmen und die Klostermedizin von solchen nicht ausgeübt werden solle. Man verlegte den Fokus folglich auf andere Lehrbereiche fernab der Medizin.[27] Dieser Beschluss wurde von dem Laterankonzil 1215 n. Chr. nicht nur bestätigt, sondern auch vertieft, sodass ferner ein absolutes Verbot von Ausübung der Chirurgie durch Geistliche herrschte. Die Folge war eine frühzeitige Säkularisierung des Medizinwesens, was letztendlich das Ende der Klostermedizin bedeutete.[28] Obendrein wurde festgelegt, dass innere von operativer Medizin streng zu trennen sei. Diese Information ist für uns deshalb wichtig, weil jüdische Ärzte eine exponierte Sonderstellung einnahmen und trotz dieser Aufteilung bzw. Trennung der medizinischen Disziplinen heilkundige ,Allrounder‘ darstellten, wie spätere Beiträge zeigen werden. Jedenfalls wurde es Juden überhaupt erst aufgrund des entstandenen Personalvakuums möglich gemacht, sich dem Berufsfeld Arzt anzunähern.

Die Chirurgie wurde fortan mehr oder weniger als Handwerk betrachtet, oftmals sprach man auch daher von Handwerkschirurgen.[29] Es wurde daher explizit der medicus von einem chirurgicus unterschieden, auch weil die Chirurgie sich bis zum 16. Jahrhundert zu einer Schattendisziplin an den Universitäten wandelte. An dieser Stelle muss allerdings die grassierende Vorstellung beseitigt werden, die Kirche hätte im Mittelalter die Leichenöffnung bzw. das Sezieren von toten Körpern verboten. Dieser Annahme liegt ein Missverständnis zugrunde, denn bereits ab 1400 n. Chr. war die Teilnahme an einer Leichensektion im Rahmen des regulierten Medizinstudiums gebräuchlich, obschon den Beiwohnern lediglich das Zuschauen gestattet war. Problematisch war die Ausübung der Chirurgie in den Augen der Kirche einzig und allein deshalb, weil nach christlicher Vorstellung der Leichnam zum Zeitpunkt der Apokalypse in einem unversehrten Zustand sein sollte, was konträr zu einem chirurgischen Eingriff stand. Zudem war aufgrund von toxischen Gasen und Erregern der Umgang mit Leichen grundsätzlich gefährlich und ihre Beschaffung verletzte in der Regel das allgemein gültige Gesetz der Totenruhe.[30]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2, 3, 4, 5: Die Bilder sind Ausschnitte eines reich verzierten und illustrierten Titelblattes (links oben), das einer hebräischen Übersetzung von Avicennas Kanons der Medizin voran geht. Das Buch entstand im 15. Jahrhundert in Oberitalien und befindet sich in der Universitätsbibliothek von Bologna. Es trägt den Codex Ms. 2197, fol. 492r.

Abgebildet hier sind vor allem chirurgische Eingriffe eines Baders (stets erkennbar am Rock):

Links das Setzen von Schröpfköpfen, oben die Operation einer Eitersammlung auf Leberhöhe und unten das Allerheilmittel der mittelalterlichen Medizin: Der Aderlass.

Ein weiteres Erscheinungsbild der säkularisierten Medizin war der entstandene Beruf des Baders, der häufig dem Handwerkschirurgen gleichgesetzt war und dessen Entfaltungs-möglichkeiten durch das Wegfallen von klerikalem Personal begünstigt wurde. Er führte simple Operationen durch, nahm den Aderlass vor und reinigte bzw. badete den Körper des Patienten, wodurch der Beruf seine Bezeichnung erhielt. Gerade anhand des Setzens von Schröpfköpfen lässt sich erkennen, dass die griechisch-römische Medizin nach wie vor die bestimmende Heilkunst war, hatte doch bereits Galen diese Behandlungsmaßnahme vorgeschlagen. Gregor von Tours berichtet uns, dass auch schon im frühen Mittelalter jüdische Heilkundige diese Technik anwandten.[31]

Neben der Entstehung von spezifischen Fachbereichen der Medizin traten noch andere Spezialisten in Erscheinung wie Augenärzte, Hebammen oder Zahnreißer. Sie unterschieden sich jedoch alle maßgeblich von dem Arzt, der von nun an ein Studium der Medizin absolvieren musste, sodass medici und phisici fortan den akademischen Grad eines Doktors oder Magisters[32] führten und Absolventen einer medizinischen Fakultät waren. Während das Bader- und Chirurgenhandwerk eine sehr praxisnahe Tätigkeit darstellten, so wurde die innere Medizin regelrecht theoretisiert, sie wurde eine eigene Wissenschaft.[33] Somit war das Fundament für einen öffentlichen und weltlichen Zugang zum Studium der Medizin gelegt, das sich in scholastisch institutionalisierter Form von Universitäten und Schulen manifestierte. Doch konnten Juden hiervon profitieren?

2.2.3. Salerno

Das Ende der Klostermedizin leitete eine neue Epoche der Medizin ein, wodurch Ärzte, die etwas auf sich und ihre Kompetenz bzw. Praxis hielten, einen akademischen Grad bzw. eine theoretische Ausbildung benötigten. Wer Arzt werden wollte, für den führte spätestens im 13. Jahrhundert kein Weg an der berühmten italienischen Ärzteschule Salerno vorbei, die man auch als Civitas Hippocratica kannte.[34] Wie die Bezeichnung verrät, war der Bezug auf die Schriften des Hippokrates immer noch das Maß aller Dinge. In der Forschung entstand der Konsens, dass Salerno die erste, quasi weltliche Bildungseinrichtung für Medizin darstellt, an der übrigens auch schon mitunter Juden als Dozenten fungierten und dort praktische Erfahrungen sammeln durften. Samuel Krass geht sogar davon aus, dass dort neben Griechisch auch in Arabisch oder Hebräisch unterrichtet wurde, was insofern bemerkenswert ist, als dass im christlichen Europa Latein gemeinhin als Sprache der Wissenschaft galt.[35]

Uneinigkeit besteht hingegen hinsichtlich der Gründung Salernos: Während Maier beispielsweise behauptet, ein gewisser Sabbatai Donnolo hätte sich die Asaph [36] -Lehren als Vorbild genommen und somit Salerno gegründet, so erwähnt Krauss, Salernos Gründung wäre allein „Griechen und Saracenen [sic!]“ zu verdanken.[37] Jankrift hingegen konstatiert nüchtern, dass eine exakte Datierung und Rekonstruktion der Gründung Salernos nicht möglich sei. Man solle viel eher davon ausgehen, das bereits erwähnte Benedektinerkloster Montecassino hätte einen Anstoß für die Errichtung und Etablierung einer Medizinschule gegeben.[38] Da die Gründung aber auf jeden Fall noch im 10. Jahrhundert angesetzt werden muss, erscheint die Ansicht plausibel, dass Salerno zunächst unter der Schirmherrschaft der Kirche sowie durch Mitwirken von Mönchen entstand und sich nach der Säkularisierung der Medizin durch die Kirche erst selbst zu einer Schule wandelte.

Ungeachtet dessen ging Salerno auch jenseits der Alpen ein hochgeschätzter Ruf voraus, wie uns exemplarisch ein mittelhochdeutscher Auszug aus ,Der arme Heinrich‘, einer Erzählung Hartmanns von der Aue, verdeutlicht. Die Handschrift kann auf das 13. Jahrhundert datiert werden und handelt von den Protagonisten Heinrich, den, gleichsam wie Hiob in der Bibelgeschichte, ein leidvolles Siechtum plagt. Die einzige Möglichkeit zu genesen sieht Heinrich darin, sich nach Salerne zu begeben, um dort von wîsen Ärzten behandelt und geheilt zu werden:

[…]

dâ vant er vil schiere niuwan den untrôst

daz er niemer würde erlôst.

daz hôrte er ungerne und vour engegen Salerne

und suochte ouch dâ durch genist der wîsen arzâte list. (Vers 176 - 182)[39]

Fakt ist, dass die unweit von Neapel gelegene Civitas Hippocratica nicht nur im Reichsgebiet[40] Anklang fand, sondern auch Gelehrte aus dem gesamten Mittelmeerraum anzog und so zu einem Sammelbecken medizinischen Wissens wurde. Begünstigt wurde dieser Prozess sicherlich dadurch, dass die um 1059 n. Chr. einsetzende Herrschaft der Normannen in Süditalien eine Aufwertung der Hafenstadt Salerno mit sich brachte.[41] Salerno bot ein Betätigungsfeld für viele renommierte Ärzte. Es wurden Schriften angefertigt bzw. übersetzt, die während des gesamten Mittelalters einen wissenschaftlichen Standard setzten. Überhaupt ist es der Verdienst von Übersetzern und Dolmetschern in seiner nachhaltigen Wirkung für das mittelalterliche Medizinwesen kaum zu überschätzen. Überdies stellt es eine Besonderheit dar, dass neben Juden auch Frauen als Dozenten in Salerno bezeugt sind.[42] Generell darf keinesfalls davon ausgegangen werden, die mittelalterliche Heilkunde wäre nur den männlichen Kollegen vorbehalten gewesen. Den Ärztinnen, darunter auch viele jüdische, wird sich später ein eigenes Kapitel annehmen.

2.2.4. Übersetzer als Wissensvermittler

Der Grund, weshalb Salerno und die späteren Schulen bzw. Universitäten auch überregional so rasch an Bedeutung und Einfluss gewannen, war die rege und beispiellose Tätigkeit von Übersetzern. Aufgrund der geographisch günstigen Position Salernos sammelte sich dort das medizinische Wissen des gesamten Mittelmeerraumes an, es fungierte somit als Vermittlungsstelle zwischen Okzident und Orient. Gerade für die arabischen Erkenntnisse in der Medizin war dies von unschätzbarem Wert.

Karl Sudhoff, der Begründer der gleichnamigen Reihe für Geschichte der Medizin, stellt fest, dass das südliche Italien bereits seit dem früheren Mittelalter eine Region gewesen zu sein scheint, in der sich sämtliche Wissenschaftsströmungen aus dem Osten bündelten und Ausdruck in Form von Abhandlungen oder übersetzten Schriften fanden.[43] Daher soll in diesem Zusammenhang repräsentativ das Wirken von Constantinus Africanus unsere Aufmerksamkeit verdienen. Unter dem Einfluss der Sarazenen konnten vor allem Sizilien und Ägypten viele arabische Quellen bezüglich der Medizin bieten. Auch Constantinus gelangte über Sizilien nach Unteritalien und schließlich 1077 n. Chr. nach Salerno, wo er u.a. auch Galen und die Schriften von Isaac Judaeus[44] interpretierte und neu ins Lateinische übersetzte. Als besonders herausragend hat sich sein Kompendium des gesamten griechischen Medizinwissens, die ars medicinae, herausgestellt, in der die Lehren des Hippokrates und Kommentare zu Galens Erkenntnissen das Hauptwerk ausmachen. Diese Wissenssammlung wurde offenbar sogar als Unterrichtsbuch in Salerno eingesetzt und offenbar zudem als Kriterienkatalog für medizinische Prüfungen verwendet. Sudhoff behauptet sogar, dass dieses Werk auch in Paris und im Reich eingesetzt wurde und später - unter dem Namen „Articella“ bekannt - eines der ersten medizinischen Druckerzeugnisse des 15. Jahrhunderts darstellte.[45]

Constantinus trug also wesentlich dazu bei, dass dem christlichen Okzident die wichtigsten medizinischen Abhandlungen des Orients zugänglich wurden, indem er neben seiner Lehrtätigkeit Schriften aus dem Arabischen in das Lateinische übersetzte. Constantinus stellt allerdings keinen Einzelfall dar, wie Jankrift beschreibt.[46] Man darf wohl allgemein dem Wirken von Übersetzern einen unschätzbaren Beitrag zur Wissensvermittlung zuschreiben, wie wir später anhand von jüdischen Übersetzern feststellen werden.

Auch neue Erfahrungen und Fortschritte der Medizin wurden in Schriftform festgehalten. Salerno war auch der Ort, an dem sich die Anatomie bzw. Chirurgie als eigene Disziplinen entwickelten, was Roger von Salerno in seiner Chirurgia sammelte und festhielt. Ein regelrechter Aufschwung wurde der Chirurgie dadurch zuteil, dass Salerno während der Kreuzzüge als primäres Lazarett für verwundete Kämpfer der Kreuzzugsheere genutzt wurde, die von Kleinasien dorthin verschifft wurden. Das Behandeln von Kampfwunden, wie beispielsweise das Herausschneiden bzw. -brennen von Pfeilen, ist in Rogers Schriften detailliert enthalten. Auch die Disziplinen der Hygiene und der Diätetik fanden in Salerno Anklang, sodass Gesundheitsbücher bzw. -ratgeber verfasst wurden. Zudem kristallisierte sich die Pharmazie als eigenständige Wissenschaft heraus und brachte Neuinterpretationen und Editionen von antiken Rezeptsammlungen und Herbarien hervor.[47] Auch Avicennas Schriften, der als einer der einflussreichsten Ärzte des Mittelalters gehandelt wird, wurde in Salerno rezipiert. Seine Person soll später im Zusammenhang mit jüdischen Ärzten genauer beleuchtet werden.

2.2.5. Regulierung und Bürokratisierung einer Wissenschaft

Die Normannenherrschaft in Süditalien förderte nicht nur den Aufschwung der Medizinschule Salerno, sondern initiierte auch erste Regulierungsversuche hinsichtlich der medizinischen Ausbildung. Anders als in der arabischen Welt galten in der christlichen Hemisphäre keine Regelungen für eine normierte Arztausbildung. Daher erließ 1140 n. Chr. Normannenkönig Roger II. von Sizilien rechtsverbindliche Beschlüsse, die die Ausbildung und Praxis von Ärzten zu regulieren versuchten. Im Zuge dessen wurde erstmals eine verpflichtende Abschlussprüfung für Absolventen der Medizinschule vorgesehen, um Behandlungen durch Dilettanten und Pfuschern vorbeugen zu können. Ferner wurden Haftstrafen für diejenigen, die einer ärztlichen Tätigkeit ohne Beglaubigung nachgingen, eingeführt.[48]

Kaiser Friedrich II. bestärkte im Jahre 1231/40 n. Chr. diese Regulierungsbestrebungen, indem er durch das Liber Augustalis Statuten herausbrachte, die der Ausbildung und auch der Spezialisierung eine Leitlinie verlieh, sodass man durchaus von einem verbindlichen Curriculum im heutigen Sinne sprechen kann. Laut Jankrift wurde der Autorität Salernos hinsichtlich der Prüfungsordnung eine wichtige Rolle für das Medizinstudium zuteil, welches fortan fünf Jahre dauern und dessen Ende durch Prüfungen und Zeugnisse bestätigt werden sollte. Auch die Pharmazie löste sich endgültig als eigene Disziplin von der Medizin, obschon mittelalterliche Apotheker meist dennoch unter der Kontrolle von den Ärzten standen. Allerdings bleibt zu betonen, dass diese Statuten teilweise Jahrhunderte benötigten, bis sie jenseits der Alpen beispielsweise im Reich anerkannt wurden. Trotzdem trugen sie zu einem Regulierung der Medizinwissenschaft entscheidend bei.[49]

2.2.5.1. Lizenzen

Shatzmiller, dessen Beiträge für die jüdische Ärzteschaft des Mittelalters von fundamentaler Bedeutung sind, sieht diesen Bürokratisierungsprozess als Begleiterscheinung der bereits erwähnten Medikalisierung der Gesellschaft an. Seiner Meinung nach sahen sich die Herrscher schlichtweg dazu gezwungen, nach dem Wegfall von klerikalen Heilkundigen ein qualifiziertes Personal garantieren zu können. Daher war es wohl sogar vor 1250 n. Chr. bereits üblich, spezielle Lizenzen auszustellen, um die Kompetenz des Arztes zu bezeugen und ihn zum Praktizieren zu befähigen.[50] Man darf sich diese licentia practicandi durchaus als eine Art Zeugnis vorstellen, das gegebenenfalls auch vorgelegt werden musste, um eine medizinische Ausbildung nachweisen zu können. John M. Efron fügt hinzu, die Maßnahme der Lizensierung hätte eine erhebliche Reduktion des medizinischen Fachpersonals nach sich gezogen.[51] Dies korreliert mit der These Shatzmillers, dass die Bestrebungen von Herrschern dahin gingen, ärztliche Tätigkeiten ausschließlich von ausreichend qualifiziertem Personal ausüben zu lassen.

Shatzmillers Aussagen beruhen auf eine spektakuläre Ausarbeitung sizilianischer Dokumente durch die Gebrüder Lagumina, welche die jüdische Präsenz auf Sizilien bis zum Zeitpunkt der Vertreibung im Jahre 1492 n. Chr. untersuchten.[52] Anhand dieser Untersuchungen konnte das Lizensierungsverfahren rekonstruiert und ausgewertet werden, was in Bezug auf jüdische Medizinabsolventen später noch detaillierter zum Einsatz kommen wird. Wichtig für die Forschung ist ferner der umfassende Beitrag, der von Luis García-Ballester und anderen Autoren im Magazin der ,American Philosophical Society‘ erschienen ist. Hier wird anhand von Dokumenten des 14. Jahrhunderts aus Valencia das Lizensierungsverfahren exemplarisch dargestellt. Es gab wohl eine Art Komitee, das – beispielsweise im Auftrag einer Gemeinde – den Arztanwärter einer Prüfung unterzog, und der betroffenen Person nach Bestehen derselben eine Lizenz ausstellte. Die Prüfung wurde geleitet und observiert von einem sogenannten examinador, der letztendlich auch für die Vergabe einer Lizenz verantwortlich war. Shatzmiller führt an, dass diese auch nach griechischem bzw. arabischem Vorbild als protomedicus bezeichnet worden seien.[53] Man stelle sich wohl vor, dass dieser als Oberarzt tätig war und als höchste Autorität die Aufgabe hatte, die Prüfungen durchzuführen und über die Lizenzvergabe zu entscheiden. Dieser Vorgang war übrigens kein Sonderfall auf der iberischen Halbinsel: So betonen die Autoren ausdrücklich, dass diese Praxis der Lizenzvergabe etwa auch in Montpellier im selben Jahrhundert üblich war.[54] Dieses Procedere galt sowohl für Christen als auch Juden und selbstverständlich wurden nicht alle Prüflinge für tauglich befunden, sodass sie im schlimmsten Fall sogar mit einem sofortigen Berufsverbot rechnen mussten.[55]

2.2.5.2. Universitäten und Fakultäten

Letztendlich trugen diese Maßnahmen entscheidend dazu bei, dass die Medizin als eigene Wissenschaft anerkannt und praktiziert wurde. Zeitgleich wurden ab Ende des 11. Jahr-hunderts in Europa die ersten Universitäten gegründet, wie die von Bologna im Jahre 1088 n. Chr. Die Folge war, dass auch die ersten medizinischen Fakultäten an den Unis errichtet wurden, die sich im Zuge des Säkularisierungsprozesses des Medizinwesens dazu legitimiert und berufen sahen. Während die einst große Medizinschule Salerno Bedeutung und Einfluss einbüßte, entstanden im 13. Jahrhundert medizinische Fakultäten in Universitäten wie u.a. Bologna, Montpellier und Padua. Der Corpus Hippocraticum, die Lehren Galens und das prototypische Unterrichtswerk Articella des Constantinus Africanus bildeten immer noch den wesentlichen Bestandteil dieser neu entstandenen scholastischen Medizin.[56]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6: Buchzeichnung aus dem französischen Werk De proprietatibus rerum:

Seit dem 15. Jahrhundert war die Leichensektion eine Teildisziplin des Medizin-Curriculums an den Universitäten. Der sogenannte Prosektor (schwarze Kleidung) seziert den toten Körper mit seinem Skalpell. Rechts am Seziertischende der Professor, welcher die Sektion mit Erläuterungen ergänzt.

Dies galt allerding lange Zeit nicht für Mitteleuropa bzw. den deutschsprachigen Raum. Hier wurde versäumt, an der Entwicklung der Medizinscholastik anzuknüpfen. Als unter Kaiser Karl IV. 1348 n. Chr. die erste Universität des Reiches in Prag gegründet wurde, existierten in Italien bereits 15 Universitäten.[57] In Bezug auf die Wissenschaft, folglich auch die Medizin, wurde das Reich von seinen Nachbarn Frankreich und Italien sowie der iberischen Halbinsel deutlich übertroffen. Selbst England bot mit Oxford und Cambridge bereits zwei Universitäten, die schnell überregionalen Ruf erlangten. Letzten Endes stützen die Ergebnisse der Forschung die Thesen, dass a) bezüglich der medizinischen Versorgungsstrukturen massive regionale Differenzen herrschten und b) das Reichsgebiet in dieser Hinsicht in keinem Vergleich zu Italien oder Spanien stand. Zudem herrschte immer noch ein fließender Übergang zwischen scholastischer und völkischer Medizin.[58]

Dennoch wurde das Studium der Medizin prinzipiell frei von weltlichen und klerikalen Zwängen, sofern man das nötige Geld für ein Studium besaß. Auch die Ausbildung, die Prüfung und sogar die Ausübung des Ärzteberufes wurden reglementiert, sodass sich eine eigene feste Berufsgruppe innerhalb der mittelalterlichen Gesellschaft herausbildete. Hinsichtlich des Themas dieser Arbeit gibt es jedoch ein entscheidendes Problem: „For most of the High Middle Ages neither Jews nor women were admitted to universities.“[59]

Wenn den Juden also in der Regel der Zugang zu Universitäten verboten war, wie konnten sie dann an der scholastischen Medizin partizipieren?[60] Wie wurde man überhaupt ein jüdischer Arzt, der sogar aufgrund seiner hohen Kompetenz christlichen Ärzten unter Umständen vorgezogen wurde? Gab es überhaupt so etwas wie eine „jüdische Medizin“?

3. Jüdische Medizinkultur

In der Tat finden sich kaum Belege für Studenten, die jüdischen Glaubens waren und einem Medizinstudium nachgingen. Eine große Ausnahme bildete die Universität von Montpellier, welche aufgrund des Themengebietes zwar nicht in das zu behandelnde Spektrum fällt, aber aufgrund ihrer Brisanz hier kurz zu erwähnen ist.

Wie Shatzmiller berichtet, stieß die französische Universität ab dem 14. Jahrhundert auf ein großes Interesse von angehenden jüdischen Ärzten. So wissen wir von einem Juden Abraham Avigdor aus der Provence, welcher uns von seiner Reise nach Montpellier berichtet, um dort von christlichen Gelehrten unterrichtet zu werden.[61] Jakob ben Machir soll sogar Dozent bzw. als magister regens Vorsteher der medizinischen Fakultät Montpelliers gewesen zu sein.[62] Wie kam es dazu, dass ausgerechnet diese Universität so liberal gegenüber Juden war? Maier kommt zu dem Ergebnis, dass Montpellier grundsätzlich unter großen jüdischen Einfluss stand.[63] Samuel Krauss geht überdies davon aus, dass „die Juden an der Stiftung der medizinischen Schule zu Montpellier selbst beteiligt“[64] waren. Ferner sieht er den Grafen von Montpellier, Wilhelm (Guillem) VIII. an diesen Prozess beteiligt, der in einem Erlass von 1180 der Universität erlaubte, die Wissenschaft der Medizin auszuführen.

Als Teil der neuen Forschung revidiert Shatzmiller diese These allerdings und weist darauf hin, dass der Beschluss Wilhelms nicht von religiösen und ethnischen Motiven geprägt war, sondern darauf abzielte, Bildungsmonopole zu zerschlagen und sich Studenten weiterhin als Einnahmequelle zu sichern.[65]

Auch an anderen Universitäten finden sich vereinzelt Belege über jüdische Präsenz. In einer Notiz des jüdischen Philosophen Judah Cohen erfahren wir, dass jener selbst eine gewisse Zeit mit dem Medizinstudium in Bologna verbracht habe. So werden jüdische Absolventen erwähnt, die die laurea in italienischen Universitäten erhielten und somit befähigt waren, selbst zu unterrichten. Unter diese fällt auch Elia di Sabbato da Fermo, ein jüdischer Arzt und Günstling des Heiligen Stuhls, welcher uns später nochmal begegnen wird.[66]

Letztendlich sollte dennoch festgehalten werden, dass diese Fälle absolute Ausnahmen darstellen und häufig mit der Gewährung von irregulären Privilegien einhergingen. Selbst die Stellung Montpelliers sollte nicht allzu überschätzt werden, zumal spätestens 1394 n. Chr. die Vertreibung der Juden aus Frankreich auf königlichen Beschluss hin initiiert wurde. In der Regel blieben die Tore einer europäischen Universität für Juden verschlossen. Folglich muss es andere Zugänge und Möglichkeiten für Juden gegeben haben, Teil einer, von christlicher Omnipräsenz gezeichneten, Ärzteschaft des europäischen Mittelalters zu werden. Gab es so etwas wie ein speziell jüdisches Selbstverständnis hinsichtlich der Medizin?

3.1 . Jüdische Ärzte – Beruf aus Tradition?

Diesem offensichtlichen Mangel von Ausbildungsmöglichkeiten für Juden und des damit verbundenen Praktizierens stehen evidente Fakten der Forschung gegenüber, die suggerieren, dass bereits im Mittelalter selbst eine feste Begriffskonnotation zwischen Judentum und Heilkunde entstand.

Ab dem 13. Jahrhundert, im Zuge der Loslösung der Medizin von der Kirche, war der Arztberuf einer der renommiertesten Tätigkeiten unter Juden geworden und brachte Rabbis großes Prestige ein.[67] Man kann es daher nur begrüßen, dass der Historiker Michael Toch in einem knappen Beitrag das allgegenwärtige Vorurteil beiseite räumt, Juden wären neben dem Geldverleih keiner nennenswerten Beschäftigung im Mittelalter nachgegangen und hätten zudem immer ein beachtliche Finanzkraft besessen. Diese Annahmen sind schlicht und ergreifend falsch, obschon Toch bezüglich der Tätigkeitsfelder eingesteht, dass Geldhandel durchaus der verbreitetste und vielleicht wichtigste Beruf für Juden im Mittelalter darstellte.[68] Dennoch darf die Stellung des Medizinwesens innerhalb jüdischer Berufsgruppen auf gar keinen Fall unterschätzt werden: „From about 1250, medicine came to occupy a central place in the array of professions engaged in by medieval Jewry.“[69] Wo die Juden in im 13. Jahr-hundert lediglich nur 1 % der Gesamtbevölkerung Europas ausmachten, so stellten sie doch in manchen Regionen Spaniens etwa 50 % aller Heilkundigen.[70] Nun drängte sich vermutlich schon damals sehr schnell der Verdacht auf, der Arztberuf würde tief in der jüdischen Kultur wurzeln und wäre seit Jahrhunderten ein fester Bestandteil der jüdischen Geschichte gewesen. So auch der Zeitgenosse und Universitätsrektor von Leipzig, Petrus Mosellanus, welcher uns 1518 n. Chr. folgendes berichtet:

„An non ut omnes alia et haec ars primum omnium a Iudaeis est percepta et hinc Iudaico sermone conscripta? Latet adeo in Hebraeorum bibliothecis rei medicae thesaurus ingens, ut nullius alterius linguae libris aequari posse videatur. Eum citra Hebraicae grammaticae cognitionem in lucem eruere poterit nemo.” [71]

Petrus Mosellanus[72] behauptet hier im Zusammenhang der Medizin-Kunst, dass eben jene Kunst zu aller erst von Juden sowohl erlernt als auch niedergeschrieben worden sei (haec ars […]a Iudaeis est percepta et […] conscripta). Es befände sich somit ein wahrer Schatz an Wissen in hebräischen Bibliotheken, dessen Umfang und Bedeutung sich nicht mit Büchern anderer Sprachen übertreffen ließe (nullius alterius linguae libris aequari posse videatur). Daher ließe sich der Schatz ohne Hebräisch-Kenntnisse von niemandem ergründen.

Dem Auszug folgen schließlich noch Hinweise auf einflussreiche jüdische Ärzte, welche u.a. im Dienste des römisch-deutschen Kaisers und des Papstes standen. Ungeachtet dessen ging Mosellanus jedoch fest davon aus, dass es bereits zu den Anfängen der jüdischen Kultur einen beachtlichen Wissensschatz und eine große Menge an medizinisches Schriftmaterial gegeben haben müsse. In seinem Schriftzug fordert er Gelehrte regelrecht auf, Hebräisch zu lernen, um sich des ungeheuren Wissens bemächtigen zu können. Hebräisch mag durchaus eine wichtige Rolle gespielt haben was den Wissenstransfer von Orient nach Okzident betrifft, denn tatsächlich löst es im 12. Jahrhundert Arabisch als Wissenschaftssprache ab.[73] Aber war die Medizin wirklich seit der Genese des Judentums ein fest verankerter Part der hebräischen Sprache und Kultur? Lassen sich im frühesten jüdischen Schriftzeugnis, dem Talmud, bereits Belege für eine Verknüpfung von Medizin und Judentum finden?

3.1.1 Spurensuche

Wie bereits im Zusammenhang des Christus-Medicus-Motivs erwähnt, wäre unter christlichem Aspekt der Gedanke durchaus plausibel, die Anfänge des Medizinwesens in der Bibel zu sehen. So heißt es schließlich in 2. Buch Mose: „Ich der Herr bin euer Arzt!“[74] Im Talmud hingegen lesen wir: „Der beste Arzt ist für die Hölle bestimmt.“[75] Dieser schon fast zynisch anmutende Kommentar lässt zunächst nicht vermuten, dass jüdische Glaubensgrundsätze mit der Medizin harmonieren. Bezüglich des Selbstverständnisses jüdischer Ärzte hat Allan Berger allerdings Überlegungen angestellt, die einen Eindruck vermitteln, Arzt im Auftrag Gottes zu sein:

[...]


[1] Haverkamp, Alfred: Juden im Mittelalter – Neue Fragen und Einsichten. In: Christoph Cluse u.a. (Hrsg.): Neue Forschungen zur mittelalterlichen Geschichte (2000-2011). Festgabe zum 75. Geburtstag des Verfassers. Hannover 2012. S. 1-20, hier: S. 1 und S. 6.

[2] Shatzmiller, Joseph: Jews, Medicine, and Medieval Society. Berkely / Los Angeles 1994, S. 1f.

[3] Jankrift, Kay Peter: Krankheit und Heilkunde im Mittelalter. (= Geschichte kompakt) Darmstadt 2003, S. 1.

[4] Ebd.

[5] Jankrift: Mit Gott und schwarzer Magie. Medizin im Mittelalter. Darmstadt 2005, S. 25.

[6] Ebd., S. 29f.

[7] Corpus Hippocraticum, De natura hominis, 14, IV. nach Fuchs, Robert: Hippokrates, Sämmtliche Werke,

Bd. 1. München 1895, S. 194f.

[8] Jankrift: Heilkunde, S. 7f.

Vgl. hierzu auch ein aufschlussreicher Beitrag des Bayerischen Rundfunks, welcher sich im Rahmen von Heilpflanzen mit der Viersäftelehre und Hippokrates beschäftigt: http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/mensch-natur-umwelt/heilpflanzen-hippokrates100.html (zuletzt aufgerufen am 26.02.2013).

[9] Jankrift: Heilkunde, S. 9.

[10] Ebd., S.9f.

[11] Vgl. Jankrift: Heilkunde, S.18, der in seinem Kapitel explizit auf die von Richard Toellner 1999 herausgegebenen Bände von Sournia hinweist.

[12] Jankrift, Kay Peter: Juden in der mittelalterlichen Medizin Europas. In: Christoph Cluse (Hrsg.): Europas Juden im Mittelalter. Beiträge des internationalen Symposiums in Speyer vom 20.-25. Oktober 2002. Trier 2004, S. 335-364, hier: S.355f.

[13] Jankrift: Gott und Magie, S. 15.

[14] Honecker, Martin: Christus Medicus. In: Peter Wunderli: Der kranke Mensch in Mittelalter und Renaissance (= Studia humaniora. Düsseldorfer Studien zu Mittelalter u. Renaissance). Düsseldorf 1986, S.27-43,

hier: S. 35f.

[15] Shatzmiller, Jews Medicine, S. 8.

[16] Jankrift: Gott und Magie, S. 29.

[17] Jankrift: Heilkunde, S. 12.

[18] Leven, Karl Heinz: Geschichte der Medizin. Von der Antike bis zur Gegenwart. München 2008, S. 32.

[19] Efron, John: Medicine and German Jews. A History. New Haven/London 2001, S. 21f.

[20] Vgl. Überschrift des dritten Kapitels, das sich lange und ausgiebig mit dem Thema Magie und Aberglaube im Bereich der Medizin beschäftigt und darin auch die Wurzeln der Pharmazie sieht: Krauss, Samuel: Geschichte der jüdischen Ärzte vom frühesten Mittelalter bis zur Gleichberechtigung. Wien 1930, S. 39.

[21] Jankrift, Heilkunde, S. 15f.

[22] Ebd., S. 16.

[23] Maier, Johann: Das Judentum, Von der biblischen Zeit bis zur Moderne. Bindlach 1988, S. 461.

[24] Barnavi, Eli und Stern, Frank: Universal Geschichte der Juden. Von den Ursprüngen bis zur Gegenwart. Ein historischer Atlas. Wien 1993, S. 96.

[25] Jankrift, Juden Medizin Europas, S. 358.

[26] Der Begriff „Medikalisierung “ bezieht sich speziell auf das europaweite Phänomen, welches durch die Konzile und Synoden der Kirche hervorgerufen wurde. Er wurde wohl eigens dafür geschaffen und ist im Forschungskontext immer wieder präsent. Vgl. u.a. Ebd., Shatzmiller: Jews Medicine, S. 1, Efron: German Jews, S. 15.

[27] Vgl. Shatzmiller, Jews Medicine, S. 8 und Jankrift, Juden Medizin Europas, S. 360.

[28] Ebd.

[29] Leven: Geschichte Medizin, S. 32.

[30] Jankrift, Gott und Magie, S. 51f. Wobei Ders. auch ausdrücklich betont, dass die Chirurgie sich bis in das 16. Jahrhundert auf die Erkenntnisse Galens anhand dessen durchgeführter Tiersektionen stützt und somit auch so manche Irrtümer stützte. Vgl. auch dazu Leven: Geschichte Medizin, S. 32, wonach die fortan strikt zwischen Theoretischer Medizin (Scholastik) und Chirurgie (Handwerk) unterschieden wurde.

[31] Vgl. Jankrift: Heilkunde, S. 30f. und Ders.: Juden Medizin Europas, S. 357.

[32] Shatzmiller stellt allerdings die Vermutung an, dass lediglich christliche Ärzte bzw. jüdische Konvertiten den Titel Magister führen durften. Gemeinhin war ein Arzt grundsätzlich als medicus oder phisicus bekannt. Vgl. Shatzmiller: Jews Medicine, S. 30.

[33] Vgl. Ebd., S. 360f. und Leven: Geschichte Medizin, S. 32.

[34] Jankrift, Heilkunde, S. 41f.

[35] Krauss: Jüdische Ärzte, S. 20.

[36]Asaph “ bezieht sich wohl auf „Sefer Asaph “ (auch „Sefer Refuoth“), was so viel wie Buch der Medizin bedeutet. Es entstand zwischen 300 und 500 n. Chr. im Raum Palästina, wurde in Süditalien wohl anschließend im 10. Jahrhundert von einem gewissen Shabetaj Donolo editiert und bearbeitet. Es fand dort rasch Anerkennung und könnte durchaus als eines der ersten Lehrbücher in hebräischer Sprache klassifiziert werden. Shatzmiller setzt den Namen Shabetaj allerdings nicht mit der Gründung Salernos in Verbindung. Vgl. Shatzmiller: Jews Medicine, S. 11.

[37] Vgl. Johann Maier: Judentum, S. 461 und Krauss: Jüdische Ärzte, S. 8.

[38] Jankrift: Heilkunde, S. 41f.

[39] Auszug aus Gärtner, Kurt u. Paul, Hermann (Hrsg.): Hartmann von Aue. Der arme Heinrich. 17. durchges. neu bearb. Auflage. (= Altdeutsche Textbibliothek Bd. 3) Tübingen 2001. S. 8.

[40] Fortan ist in der Arbeit mit „Reich“ stets das Heilige Römische Reich bzw. altes Reich gemeint.

[41] Jankrift: Heilkunde, S. 42.

[42] Ebd., S. 42f

[43] Sudhoff, Karl: Konstantin der Afrikaner und die Medizinschule von Salerno. In: Sudhoffs Archiv, Bd. 23/4 (1930), S. 293-298, hier: S. 293.

[44] Isaac Judaeus alias Isaac ibn Sulaiman al Isra’ili (10. Jahrhundert n. Chr.) schuf bedeutende Schriften für die Medizin, allerdings in arabischer Sprache. Er war wahrscheinlich auch Lehrer von den berühmten Ärzten Dūnash ben Tamim und Hasdai ben Shaprut. Vgl. Shatzmiller, Jews Medicine, S. 11f.

[45] Ebd., S. 295-97.

[46] Jankrift: Heilkunde, S. 42f.

[47] Ebd., S.43f.

[48] Jankrift: Heilkunde, S. 45f.

[49] Vgl. Ebd., S.46f.

[50] Shatzmiller: Jews Medicine, S. 14f.

[51] Efron: German Jews, S. 19.

[52] Shatzmiller: Jews Medicine, S. 16f.

[53] Vgl. Ebd., S. 18f. und García-Ballester, Luis u.a.: Medical Licensing and Learning in Fourteenth-Century Valencia. In: Transactions of the American Philosophical Society, New Series, Bd. 79/6 (1989), S. i-viii und S. 1-128, hier: S. 11f.

[54] Ebd., S. 13.

[55] Bezieht sich eigentlich selbst auf Shatzmiller: Jankrift: Juden Medizin, S. 361.

[56] Jankrift: Heilkunde, S.47f.

[57] Ebd., S. 48.

[58] Jütte, Robert: Ärzte, Heiler und Patienten. Medizinischer Alltag in der frühen Neuzeit. München 1991, S. 10.

[59] Shatzmiller, Jews Medicine, S. 27.

[60] Erstaunlich: Tatsächlich gibt es wohl einen Bericht, der erwähnt, dass der König von Sizilien per Erlass den sizilianischen Juden 1466 n. Chr. gewährte, eine eigene jüdische Universität zu gründen. Auch wenn diese Universität nicht primär eine Medizinschule werden sollte, so wurden die Juden dennoch beauftragt, Doktoren, Juristen und Meister für den Unterricht anzuwerben. Leider kommentiert Shatzmiller nicht, welchen Ausgang dieses Unterfangen genommen hat: Ebd., S. 25f.

[61] Ebd., S. 29.

[62] Ebd., S. 27. Vgl. auch Krauss, der diesen als „Regenten der Schule“ bezeichnet: Krauss: Jüdische Ärzte, S. 22.

[63] Maier, Geschichte Juden, S. 462.

[64] Krauss, Jüdische Ärzte, S. 21.

[65] Vgl. Ebd. und Shatzmiller: Jews Medicine, S. 27.

[66] Die laurea, eine speziell italienische Auszeichnung, wurde eigentlich nur an Christen verliehen. Shatzmiller berichtet von drei ausgezeichneten Juden, für die extra die Zeremonie von dem Universitätskanzler neu improvisiert werden musste, da normalerweise der Bischof die zeremonielle Verleihung in einer Kathedrale durchführte. Vgl. Ebd., S. 32f.

[67] Efron: German Jews, S. 13.

[68] Toch, Michael: Geldleiher und sonst nichts? Zur wirtschaftlichen Tätigkeit der Juden im deutschen Sprachraum des Spätmittelalters. In: Frank Stern und Shulamit Volkov (Hrsg.): Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte, Bd. 22. Tel Aviv 1993, S. 117-126, hier: S. 117f.

[69] Efron: German Jews, S. 13.

[70] Vgl. Ebd. und Jankrift: Juden MA-Medizin, S. 359.

[71] Auszug aus Oratio de variarum linguarum cognitione paranda bei: Friedenwald, Harry: Note on the Importance of the Hebrew Language in Mediaeval Medicine. In: The Jewish Quarterly Review, New Series, Bd. 10/1. (1919), S. 19-24, hier: S. 20f.

[72] Eigentlich Peter Schade. Das Cognomen bezieht sich auf seinen Geburtsort Bruttig an der Mosel. Vgl. Ebd., Fußnote 2.

[73] Barnavi, Stern: Universal Geschichte, S. 96.

[74] Exodus 15,26. In: Deutsche Bibelgesellschaft (Hrsg.): Gute Nachricht Bibel. Altes und Neues Testament. Revidierte Fassung 1997 der „Bibel in heutigem Deutsch“. Stuttgart 1997, S. 71.

[75] Zitiert und übersetzt nach Berger, Allan: The Arrogant Physician – A Judaic Perspective. In: Journal of Religion and Health, Bd. 41/2 (2002), S. 127-129, hier: S. 127.

Details

Seiten
107
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656446224
ISBN (Buch)
9783656446415
Dateigröße
2.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v229622
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Historsiches Seminar
Note
1,0
Schlagworte
Jüdische Geschichte Mittelalter Medizin Ärzte Heilkunde Jüdische Ärzte Spätmittelalter Judentum Medicus

Autor

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Titel: Jüdische Ärzte im spätmittelalterlichen Kontext Europas