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Objektive Hermeneutik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 22 Seiten

Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Allgemeines über das Verfahren der Objektiven Hermeneutik

3. Die Prinzipien der Objektiven Hermeneutik
3.1 Das Prinzip der Kontextfreiheit
3.2 Das Prinzip der Wörtlichkeit
3.3 Das Prinzip der Sequenzialität
3.4 Das Prinzip der Extensivität
3.5 Das Prinzip der Sparsamkeit

4. Fallanalyse: „Welche Wassermenge liefert eine Heilquelle?“

5. Schlusswort

Anhang: Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der folgenden Arbeit geht es um das Verfahren der objektiv-hermeneutischen Textinterpretation. Es wird die Frage behandelt, was denn Objektive Hermeneutik ist und wie man anhand dieses Verfahrens Texte richtig analysiert. Auf diese Frage ist diese Arbeit ausgelegt und ausgearbeitet. Zum Schluss wird das Fallbeispiel „Welche Wassermenge liefert eine Heilquelle?“ anhand der 5 Prinzipien, welche uns das Verfahren der objektiv-hermeneutischen Textinterpretation vorgibt, behandelt und ausgewertet.

Einen besonderen Stellenwert nimmt in dieser Ausarbeitung eine praktische Anwendung des objektiv-hermeneutischen Interpretationsverfahrens ein. Dies geschieht u.a. mittels einer Fallanalyse die in Kapitel 4 veranschaulicht wird. Da durch die praktische Anwendung die Prinzipien und Inhalte der Objektiven Hermeneutik viel besser nachvollziehbar werden, wird die praktische Durchführung der Objektiven Hermeneutik der Schwerpunkt der vorliegenden Hausarbeit. Die Entstehungsgeschichte und die Entwicklungen der Objektiven Hermeneutik werden hingegen eher im Hintergrund gelassen, da diese sehr gut in vielen Fachbüchern nachzulesen sind, wie beispielsweise in dem Buch: ‚Sozialwissenschaftliche Hermeneutik‘ von Ronald Hitzler und Anne Honer, welches auch im Literaturverzeichnis zu finden ist. Dennoch werden in dieser Arbeit die wichtigsten Punkte zur Objektiven Hermeneutik behandelt, so dass jeder der noch kein Wissen zu diesem Thema hat und sich diese Arbeit durchliest das Wichtigste über das Interpretationsverfahren Objektive Hermeneutik weiß und in der Lage ist grundlegend, aber selbstständig eine Analyse eines Falles nach dem objektiv-hermeneutischen Verfahren durchzuführen.

2. Allgemeines über das Verfahren der Objektiven Hermeneutik

Texte stellen die Datengrundlage für objektiv-hermeneutische Analysen dar und werden, als Protokolle der Wirklichkeit gesehen (vgl. WERNET, S. 12).

Das textanalytische Verfahren der Objektiven Hermeneutik geht größtenteils auf das Großforschungsprojekt „Elternhaus und Schule“, das von Oevermann, Krappmann und Krepper geleitet wurde (vgl. HITZLER; HONER, S. 33). Derjenige der dieses Verfahren, welches davon ausgeht dass sich die sinnstrukturierte Welt durch Sprache gründet und in Texten verwirklicht, jedoch im Wesentlichen eingeführt und begründet hat, war Ulrich Oevermann, ein im Jahr 1940 geborener Soziologe, der in Frankfurt am Main lehrt (vgl. PILZ, S. 26). Dieser war von Anfang an der Überzeugung, dass die Objektive Hermeneutik, die ihren Anfang in der Sozialisationstheorie hat, die Sozialforschung sehr verändern würde (vgl. ebd., S. 28). Die Objektive Hermeneutik bezeichnet ein sehr komplexes Konzept, sowohl auf theoretischer, methodologischer, als auch auf methodischer Ebene, in dem sie die Erscheinungen der sozialen Welt nicht nur deskriptiv beschreiben möchte, sondern vielmehr ist sie ein Verfahren, das die hinter den Erscheinungen liegende Strukturen und Regeln ans Licht bringen möchte.

„In diesem Sinne ist Objektive Hermeneutik zunächst und vor allem eine strukturale Sozialisationstheorie, die jeglichen „Psychologismus der (sozialisationstheoretischen, D.P.) Erklärungsansätze“ vermeiden und zu einer Theorie der „allgemeinen Strukturen sozialisatorischer Interaktion“ gelangen will.“ ( PILZ, S. 26)

Bei diesem Verfahren werden, z.B. Sachverhalte protokolliert und dieses Protokoll nach den 5 Prinzipien, denen die objektiv-hermeneutische Textinterpretation folgt und die später noch genauer erläutert werden, genauestens und penibel analysiert, wobei jedes Wort auf die Goldwaage, im übertragenen Sinne, gelegt wird. Was sehr zentral bei diesem Analyseverfahren ist, ist das Einbauen von bzw. Spielen mit Gedankenexperimenten. Ziel des Verfahrens der Objektiven Hermeneutik ist es nicht bereits bekannte Aspekte zu verallgemeinern, sondern immer wieder Neues zu entdecken und hinter den einzelnen, subjektiven Bedeutungsstrukturen, einer Interaktion oder einer Äußerung, die objektive Bedeutung festzustellen (vgl. HITZLER; HONER, S. 39). Auch ist es ihr Ziel die sinnhafte Struktur der zu untersuchenden Welt, zu der Texte einen direkten Zugang darstellen, methodisch kontrolliert zu erfassen und Aussagen, anhand des Prozesses des Verstehens der Struktur eines Textes, über die Wirklichkeit machen zu können (vgl. PETRUCCI, o. S.).

3. Die Prinzipien der Objektiven Hermeneutik

Im Folgenden werden die 5 Interpretationsprinzipien des objektiv-hermeneutischen Verfahrens vorgestellt und erklärt:

- Das Prinzip der Kontextfreiheit
- Das Prinzip der Wörtlichkeit
- Das Prinzip der Sequenzialität
- Das Prinzip der Extensivität
- Das Prinzip der Sparsamkeit

Diese Prinzipien sagen aus, wie eine korrekte Interpretation, anhand des Verfahrens der Objektiven Hermeneutik, von statten gehen sollte. Im Gegensatz dazu, sind diese Prinzipien aber auch in den methodologischen Begründungen dieses Verfahrens angebunden (vgl. WERNET, S. 21).

3.1 Das Prinzip der Kontextfreiheit

Man muss sich die Frage stellen, welche Bedeutungen der Text frei von seinem derzeitigen Kontext hat. Um diese Frage beantworten zu können sollte man sich selbst ausgedachte Kontexte formulieren, in denen der Text wohlgeformt erscheint. Der Gedanke einer kontextfreien Interpretation erscheint im ersten Moment absurd, denn wie kann man denn eine Handlung verstehen, in der man nicht den Kontext kennt? Wenn man jedoch herausfinden möchte welche Bedeutung der Text unabhängig von seinem Kontext hat, bedeutet dies nicht, dass es nicht wichtig sei wie die Umstände einer Handlung sind um diese zu verstehen, vielmehr läuft man Gefahr den Text nur durch den Kontext zu verstehen, wenn man die Bedeutung des Textes ausschließlich nur durch den Kontext rekonstruiert. Dies würde dann zu keiner Textanalyse, sondern zu einer Kontextanalyse führen.

Beispiel:Mutti, wann krieg ich denn endlich mal was zu essen. Ich hab so Hunger“ (OEVERMANN zit. n. WERNET, S. 22).

Setzt man die Aussage des Kindes in ihren Kontext, könnte man diese so interpretieren, dass eine Familie gerade am Essenstisch sitzt, diese noch nicht angefangen hat zu essen und das Kind, das sich nicht selbstständig das Essen nimmt, seine Eltern darauf drängt wann es denn mit dem Essen losgehe.

Interpretiert man die Aussage des Kindes jedoch kontextfrei, so wie es das Prinzip der Kontextfreiheit vorgibt, müsste man einen gedankenexperimentellen Kontext kreieren, in der die Aussage des Kindes formschön und passend wäre. Wenn wir nach diesem Prinzip vorgehen, kann man schnell erkennen, dass z.B. unterstellt wird, dass ausschließlich die ‚Mutti‘ für die Beschaffung des Essens verantwortlich ist und der Sprecher sich dieser Verantwortung entzieht. Wurde eine ausführlich kontextfreie Interpretation gemacht, kann man nun den tatsächlichen Kontext dieser Aussage heranziehen. Da das Essen tatsächlich schon auf dem Tisch steht, wird hier die Unstimmigkeit zwischen dem tatsächlichen und dem gedankenexperimentellen Kontext sichtbar. Erst diese Unstimmigkeit ermöglicht es den Charakter dieses Falles passend zu deuten (vgl. WERNET, S. 21ff.).

3.2 Das Prinzip der Wörtlichkeit

Ist es das Ziel die Textanalyse als Wirklichkeitsanalyse zu begreifen und somit den Text als Ausdruck von Wirklichkeit ernst zu nehmen, sollte eine wörtliche Interpretation nicht außen vor gelassen werden. Die Bedeutungsrekonstruktion darf den Text in protokollierter Form nicht unbeachtet lassen, besonders nicht wenn Widersprüche im Text auftreten. Die Einhaltung des Prinzips ‚Wörtlichkeit‘ ist somit dann besonders wichtig, wenn Textintention und Textgestalt voneinander abweichen.

Ziel der Interpretation ist es nicht was der Text sagen wollte, sondern was der Text letztendlich gesagt hat. Man sollte den Text also auf die sprichwörtliche Goldwaage legen, auch wenn diese Dinge im Alltag als kleinlich erscheinen würden, da man den Text sonst als wissenschaftliche Datenbasis nicht richtig erfassen würde. Man darf also nicht überlegen, was der Sprecher wohl gemeint haben könnte, wenn er sagt, dass etwas z.B. zum ‚Vorschwein‘ kommt, sondern was er genau gesagt hat, sonst geht die ganze Sinnesstruktur verloren. Es sollte demnach vermieden werden Ungereimtheiten bei der Interpretation zu glätten. Der Unterschied zwischen der vom Sprecher intendierten Bedeutung und dem wirklich gesprochenen Text sollte laut der Objektiven Hermeneutik ernst genommen werden.

Beispiel: Wenn z.B. Tatsachen zum ‚ Vorschwein‘ kommen (FREUD zit. n. WERNET, S. 23).

Anhand dieses ‚Freud’schen Versprechers‘, es würde etwas zum ‚Vorschwein‘ kommen kann man erkennen, dass der Sprecher etwas sagen wollte was er jedoch nicht gesagt hat. Der Sprecher hat demnach eine negative Haltung zu den Dingen die zum ‚Vorschwein‘ gekommen sind. Solche und ähnlichen Versprecher sollte man in der Interpretation von einer Situation, laut dem Wörtlichkeitsprinzip der Objektiven Hermeneutik, nicht außer Acht lassen (vgl. WERNET, S. 23ff.).

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Details

Seiten
22
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656454489
ISBN (Buch)
9783656455608
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v229559
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
2,7
Schlagworte
Hermeneutik Textanalyse Textinterpretation Oevermann

Autor

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Titel: Objektive Hermeneutik