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Kapitalismus - ein Produkt der protestantischen Reformation?

Seminararbeit 2004 14 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Der protestantische Ethos
1. Begriffsklärung
2. Calvinismus
3. Der Prädestinationsglaube
4. Die Berufsidee
5. Sektencharakter der religiösen Organisation
6. Die innenweltliche Askese

III. Der „Geist des Kapitalismus“

IV. Der Einfluß protestantischen Glaubens auf die Herausbildung des modernen Kapitalismus

V. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

"Wenn Gott Euch einen Weg zeigt, auf dem Ihr ohne Schaden für Eure Seele oder für andere in gesetzmäßiger Weise mehr gewinnen könnt als auf einem anderen Wege und Ihr dies zurückweist und den minder gewinnbringenden Weg verfolgt, dann kreuzt Ihr einen der Zwecke Eurer Berufung, Ihr weigert Euch, Gottes Verwalter zu sein und seine Gaben anzunehmen, um sie für ihn gebrauchen zu können, wenn er es verlangen sollte. Nicht freilich für Zwecke der Fleischeslust und Sünde, wohl aber für Gott dürft ihr arbeiten, um reich zu sein."

RICHARD BAXTER

I. Einleitung

„Max Weber staunte nicht schlecht, als er eine Studie seines Schülers Martin Offenbacher las. Darin stand, versteckt in langen Zahlenkolonnen: Die Protestanten in Baden, Leipzig und Tübingen sind nicht nur gebildeter, sondern auch reicher als die Katholiken. Denn während die Katholiken lieber in kleinen Handwerksbetrieben arbeiten, saßen die Protestanten an der Spitze der Großindustrie. Protestantismus gleich Kapitalismus – so die vereinfachte Formel – war für den Ökonomieprofessor Weber zur Jahrhundertwende eine völlig neue Entdeckung.“ (Afhüppe: Die Zeit, 34/1999)

Nach der Protestantismusthese, die Max Weber in seiner Aufsatzsammlung „Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus“ aufstellt, sind die Gründe für den Beginn des Take-offs der Industrialisierung bzw. des Kapitalismus in Westeuropa in der protestantischen Ethik zu finden. Die Kompatibilität der Ethik oder religiösen Weltanschauung der Protestanten, insbesondere der Calvinisten, und dem kapitalistischen Prinzip der Akkumulation von Kapital und Reinvestition von Gewinnen schufen einen idealen Hintergrund für die Industrialisierung. In dieser Arbeit möchte ich mich mit folgenden Fragen beschäftigen:

- Was ist „protestantische Ethik“ und was sich unter diesem Begriff verbirgt
- Was meint Weber unter dem „ Geist des Kapitalismus“
- Wie fügen sich die beiden Begriffe zu einem Ganzen
- Ist Kapitalismus wirklich nur ein Produkt der protestantischen Reformation.

II. Der protestantische Ethos

1. Begriffsklärung

Weber geht davon aus, daß der neuzeitliche Unternehmer der westlichen Welt durch spezifische Verhaltensmuster charakterisiert werden kann. Diese Verhaltensmuster gründen zusammengenommen ein regelrechtes „Ethos“. Unter einem „Ethos“ versteht Weber „ein tatsächlich gegebenes, typisches Verhaltensmuster einer Persönlichkeit oder einer Gruppe von Persönlichkeiten, welches an explizierbare Werte und Verhaltensmaximen geknüpft ist.“ (Kuchenbrod: Unternehmerethos...) Welche Verhaltensmuster es sind und wie es zu diesen Verhaltensmuster kam wird aus dem Text deutlich.

Daß die Protestanten am Kapitalbesitz und leitenden Stellungen innerhalb der modernen Wirtschaft den Katholiken überlegen sind sieht Weber nicht nur als Folge der besseren Vermögensausstattung, sondern auch als Folge der besseren Erziehung und Bildung, die die Protestanten genossen haben. „In diesen Fällen liegt zweifellos das Kausalverhältnis so, daß die anerzogene geistige Eigenart, und zwar hier die durch die religiöse Atmosphäre der Heimat und des Elternhauses bedingte Richtung der Erziehung, die Berufswahl und die weiteren beruflichen Schicksale bestimmt hat.“ (Weber (1993 (1904)), S.5) Ausgehend davon wäre es zu untersuchen, so Weber, welche Besonderheiten der Konfessionen sind es, oder waren es, die zu solchen unterschiedlichen Entwicklungsrichtungen geführt haben. (vgl. Weber (1993 (1904)), S.5)

Der Antwort liegt, Webers Meinung nach, in der unterschiedlichen Lebensführung der Katholiken und Protestanten: „Der Katholik ... ist ruhiger; mit geringerem Erwerbstrieb ausgestattet, gibt er auf einen möglichst gesicherten Lebenslauf, wenn auch mit kleinerem Einkommen, mehr, als auf ein gefährdetes, aufregendes, aber eventuell Ehren und Reichtümer bringendes Leben. Der Volksmund meint scherzhaft: entweder gut essen, oder ruhig schlafen. Im vorliegenden Fall ißt der Protestant gern gut, während der Katholik ruhig schlafen will.“ (Dr. Offenbacher in: Weber (1993 (1904)), S.6) Den Katholiken wird also die „Weltfremdheit“ und „Askese“ vorgeworfen, wogegen die Protestanten materialistische „Weltfreude“ aufweisen sollen. Für Weber sind es weniger zwei Pole, die sich ausschließen, sondern im Gegenteil, eine „Verwandtschaft“ zwischen „Weltfremdheit“, „Askese“ und kirchlicher Frömmigkeit“ und „Beteiligung am kapitalistischen Erwerbsleben“. (vgl. Weber (1993 (1904)), S.7) Besonders in Calvinismus sei diese Kombination zu erkennen. (vgl. Weber (1993 (1904)), S.8)

Weber hebt eine Reihe von moralischen Elementen in dem Ethos der neuzeitlichen Unternehmer hervor:

- „ ein rastloses Erwerbsstreben
- die strenge Legalität hinsichtlich der Auswahl und Nutzung der Erwerbschancen
- eine über den bloßen Buchstaben der Rechtsregeln hinausgehende „sittliche Redlichkeit“ gegenüber den Geschäftspartnern
- ein rational berechnendes, durch Kalkulation abgesichertes Handeln, welches stets gegenüber effizienzsteigernden Innovationen offen ist
- die Abwertung des Konsums gegenüber dem Erwerb
- die Unterordnung der eigenen Person unter ihre Aufgabe. Speziell ist hier an die Unterordnung unter die langfristigen Interessen des eigenen Unternehmens zu denken.“

( vgl. Kuchenbrod: Unternehmerethos...)

Aber, auf die herrschende Meinung: „Die Ketzerei“ (d.h. der Kalvinismus der Niederländer) „befördere den Handelsgeist“ (vgl. Weber (1993 (1904)), S.8) antwortet Weber mit einem Widerspruch: „der „Geist der Arbeit“, des „Fortschritts“... dessen Weckung man dem Protestantismus zuzuschreiben neigt, darf nicht ... im „aufklärerischen“ Sinn verstanden werden.“ (vgl. Weber (1993 (1904)), S.10) Man soll einen Zusammenhang zwischen dem altprotestantischen Geist und der modernen kapitalistischen Kultur suchen, der, laut Weber, in „rein religiösen Zügen“ zu finden ist. (vgl. Weber (1993 (1904)), S.10)

Weber versucht also in der Lehre der reformierten Religion Elemente und Verhaltensweisen zu finden, die zum neuzeitlichen Unternehmerethos zugeordnet werden können. Eine besondere Bedeutung gewinnen folgende drei Elemente:

- der calvinistische Prädestinationsglaube
- der protestantische Berufsbegriff
- der Sektencharakter der reformierten religiösen Organisationen.

Alle drei Elemente sind in der calvinistischen Glaubenslehre zu finden, die Weber mit einem Kunstbegriff als „asketischen Protestantismus“ bezeichnet. ( vgl. Kuchenbrod: Unternehmerethos...)

2. Calvinismus

Das Grundmotiv der Theologie Calvins ist die unbedingte Heiligkeit Gottes. Alles Menschenwerk, sogar die Glaubensentscheidung, und nicht zuletzt der Kultus der katholischen Kirche (Sakramente, Reliquien, Ablaß) galten ihm als Versuche, die Souveränität Gottes einzuschränken und an Irdisches zu binden. Die z.T. schroffen Züge von Calvins Offenbarungs- und Gnadenlehre sind nur aus diesem Grundanliegen zu verstehen.

Wie bei allen Richtungen, die aus der Reformation hervorgingen, gehören die vier Solas zur Basis des Calvinismus:

- sola scriptura - allein die Schrift (ist die Grundlage des christlichen Glaubens, nicht die Tradition)
- solus Christus - allein Christus (nicht die Kirche) hat Autorität über Gläubige
- sola gratia - allein durch Gnade Gottes (wird der Mensch errettet, nicht durch eigenes Tun)
- sola fide - allein durch den Glauben wird der Mensch gerechtfertigt (nicht durch gute Werke)

Darüber hinaus wird die spezifische Lehre des Calvinismus oft in fünf Punkten zusammengefaßt:

(1) Völlige Verderbtheit oder völlige Unfähigkeit: aufgrund des Sündenfalls beherrscht die Sünde den ganzen Menschen, sein Denken, seine Gefühle und seinen Willen. Daher ist der normale Mensch nicht fähig, die Botschaft des Evangeliums zu verstehen, er ist geistlich völlig hilflos und verloren. Der Mensch kann Gottes rettende Botschaft erst verstehen, nachdem er durch den Heiligen Geist dazu befähigt wurde. (Römer 5,12, Markus 4,11)
(2) Bedingungslose Erwählung: das ist Calvins Prinzip der doppelten Prädestination: Gott hat die Menschen in zwei Gruppen geteilt. Eine Gruppe sind die Auserwählten, sie schließt alle ein, denen Gott seine Erkenntnis bestimmt hat. Die übrigen bleiben unwissend bezüglich Gott und dem Evangelium. Sie sind verdammt und werden die Ewigkeit in der Hölle verbringen. Gott traf diese Entscheidung bevor das Universum geschaffen wurde. Die Gründe warum Gott einige erwählt hat, sind unbekannt. Es ist aber klar, dass das nicht aufgrund irgendwelcher guten Werke von Seiten des Erwählten geschehen ist. (Römer 9,15 Römer 9,21)
(3) Begrenzte Versöhnung: Das ist der Glaube, dass Jesus Christus nicht gestorben ist um alle Menschen zu retten. Er starb für die Sünder, die gerettet sind. (Matthäus 26,28, Epheser 5,25)
(4) Unwiderstehliche Gnade: Das ist der Glaube, dass jeder Mensch, den Gott erwählt hat, Gott erkennen wird. Die Erwählten können dem Ruf Gottes nicht widerstehen. (Johannes 6,44, Römer 8,14)
(5) Die Beharrlichkeit der Heiligen: Das ist der Glaube dass die, die einmal gerettet sind, auch gerettet bleiben werden. Es ist unmöglich, Gottes Gnade wieder zu verlieren. (Römer 8,28, Johannes 6,39)

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Details

Seiten
14
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638261180
ISBN (Buch)
9783638788762
Dateigröße
391 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v22887
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg – FGSE: Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
Kapitalismus Produkt Reformation Klassiker Soziologie Marx Weber Durkheim

Autor

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