Lade Inhalt...

Der Wandel der Frauenbilder im Spiegel der Mädchenlektüre vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis heute

Diplomarbeit 2003 99 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Fragestellung
1.2 Vorgehensweise
1.3 Aufbau

2 Lektüreempfehlungen für Mädchen im 18. Jahrhundert
2.1 Entwicklung bis 1780
2.2 Entwicklung ab 1780

3 Erste Mädchenbücher im 19. Jahrhundert
3.1 Weiblicher Alltag im 19. Jahrhundert
3.2 Die Situation der höheren Töchter
3.3 Pubertätslektüre für Mädchen
3.4 Emmy van Rhoden: Der Trotzkopf
3.5 Johanna Spyri: Heidi

4 Mädchenlektüre zwischen Jahrhundertwende und Erstem Weltkrieg
4.1 Die Ausbildung der Mädchen
4.2 Zeitgenössische Mädchenliteratur
4.3 Else Ury: Nesthäkchen

5 Mädchenbücher im Ersten Weltkrieg
5.1 Die gesellschaftliche Situation der Frauen
5.2 Mädchenkriegsliteratur
5.3 Else Ury: Nesthäkchen und der Weltkrieg

6 Die Entwicklung der Mädchenbücher bis 1945
6.1 Die Zeit der Weimarer Republik
6.2 Der Nationalsozialismus
6.3 Zeitgenössische Mädchenliteratur
6.4 Magda Trott: Pucki

7 Die 1950er und 1960er Jahre - Mädchenliteratur in der Wirtschaftswunderzeit
7.1 Die Situation der Frauen und Kinder
7.2 Der Wiederaufbau
7.3 Der literarische Neuanfang
7.4 Überarbeitungen der gängigen Mädchenbücher
7.5 Enid Blyton: Dolly
7.6 Astrid Lindgren: Pippi Langstrumpf

8 Die Kulturrevolution von 1968 und ihre Auswirkungen in den 1970er und 1980er Jahren
8.1 Die Situation der Mädchen
8.2 Zeitgenössische Mädchenlektüre
8.2.1 Diskussion und Kritik der gängigen Literatur für Mädchen
8.2.2 Die neue Mädchenliteratur
8.3 Christine Nöstlinger: Gretchen Sackmeier

9 Die Situation zur Jahrtausendwende
9.1 Mädchenliteratur heute
9.2 Cornelia Funke: Die wilden Hühner

10 Abschließende Betrachtung

Abbildungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Literatur, die für weibliche Leser im Alter zwischen 10 und 18 Jahren konzi- piert ist, erfreut sich seit Mitte des 18. Jahrhunderts großer Beliebtheit. Bis heute prägen Mädchenbücher, die um 1900 entstanden sind und immer wieder neu aufgelegt werden, das Angebot des Marktes. Hinzu kommen diverse Neuerscheinungen aus verschiedenen Jahrgängen des 20. Jahr- hunderts. Nur wenige Untersuchungen haben sich mit diesem Genre be- schäftigt. Gemeinhin gilt das Mädchenbuch als kitschige und triviale Litera- tur, die nicht ernst zu nehmen sei.

Dabei geben Mädchenbücher - da sie immer aus dem jeweiligen historischen und gesellschaftlichen Kontext heraus entstehen- zeitgenössische Vorstellungen von der Erziehung und der gesellschaftlichen Rolle der Mädchen wieder. Zugleich helfen sie dabei, dieses gesellschaftliche Idealbild zu prägen, zu fördern und zu vertiefen. In Kombination mit anderen Medien machen Mädchenbücher daher - ungeachtet ihres schlechten Rufs- bis heute einen wichtigen Bestandteil der weiblichen Sozialisation aus. Dieser Grund und die Tatsache, dass seit den letzten Untersuchungen von neuerschienenen Mädchenbüchern mittlerweile fast zwanzig Jahre vergangen sind, sind Motivationen für die vorliegende Arbeit.

1.1 Fragestellung

Die gesellschaftliche Situation der Frau hat sich im Verlauf des 20. Jahr- hunderts ebenso drastisch verändert wie die Vorstellung von Erziehung. Insbesondere in den letzten dreißig Jahren wurde die Erziehung von Mäd- chen im emanzipatorischen Sinn diskutiert und gefordert. Die vorliegende Arbeit geht den Fragen nach, inwiefern sich die Mädchenbücher den jewei- ligen gesellschaftlichen Veränderungen der Frauen angepasst haben; wie zeitgemäß und emanzipatorisch sich die dargestellte weibliche Erziehung vollzieht, und wie aktuell das jeweilige Idealbild des Mädchens in Bezug auf das Erscheinungsjahr ist. Weiterhin wird untersucht, ob es sich bei den Neuerscheinungen lediglich um aktuellere Variationen der Motive der ersten Mädchenbücher handelt. Mädchenbuchserien werden zudem im Hinblick auf eine mögliche Persönlichkeitsentwicklung der Protagonisten bzw. auf eine mit dem Alter zunehmenden Mündigkeit hin untersucht.

1.2 Vorgehensweise

Da sich erst Mitte der 1970er Jahre wenige Wissenschaftler mit dem Genre Mädchenbuch beschäftigt haben, stammen die Definitionen dieser Gattung alle aus der jüngeren Vergangenheit und sind stark beeinflusst von den I- deen und Forderungen der Neuen Frauenbewegung der 1968er Generati- on. Eine neutrale Angabe darüber, was das Mädchenbuch ausmacht und was es vom Kinderbuch abgrenzt, existiert nicht, denn auch Lexika und an- dere Nachschlagewerke nehmen Bezug auf diese wertenden Aussagen, die Definition und Kritik zugleich beinhalten. (Eine genauere Betrachtung dieser Aussagen findet sich in Kapitel 8.4 der vorliegenden Arbeit.)

Der Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit sind einzelne Mädchenbücher, die zwischen 1880 und 2003 in Deutschland erschienen sind. In Ermangelung einer sachlichen Definition werden hier Werke ausgewählt, die folgende Kriterien1 aufweisen:

- Die Hauptperson ist weiblich.
- Thema der Geschichte ist ihr Leben oder ein Teilausschnitt dessel- ben.
- Bereits der Titel, bzw. die Gestaltung des Einbands weisen auf diese Umstände hin, so dass die potentielle Leserin über die Andeutung enthaltener Identifikationsmöglichkeiten zum Kauf des Buches ani- miert wird.

Der Fokus der Untersuchung wird auf Epochen gelegt, die sich durch nachhaltige Veränderungen in der Erziehungs- oder Emanzipationsdiskussion auszeichnen, wobei das letzte Drittel des 20. Jahrhunderts eine Betrachtung in engeren Zeitintervallen bedarf, da sich hier - als Folgeerscheinung der 1968er Debatten- eine wesentlich raschere Veränderung der weiblichen Situation vollzogen hat. Als Auswahlkriterium für die untersuchten Werke dienen ihre Auflagenstärke auf dem deutschen Büchermarkt und ihre anhaltende Popularität bis heute. Deshalb befinden sich auch Bücher ausländischer Autoren unter der vorgestellten Mädchenlektüre.

Da sich die gesellschaftliche Rolle der Frau in der DDR in vielen Punkten von der der BRD unterschied2, und hier zudem viele andersartige Faktoren auf die Erziehung von Mädchen Einfluss nahmen, beschränkt sich die Be- trachtung von 1945 bis 1989 auf die Entwicklung der Mädchenbücher in Westdeutschland.

Vielfältige Faktoren wirken an der Sozialisation junger Menschen mit. Damit die in den vorliegenden Werken stattfindende Sozialisation der jeweiligen Protagonistinnen verglichen werden kann, wird diese im Hinblick auf kon- krete Erziehungssituationen innerhalb und außerhalb der Familie, die dar- gestellte Familienstruktur, das soziale Umfeld sowie der Charakterisierung der Hauptpersonen betrachtet. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Be-

trachtung von Serien, da diese eine Entwicklung der Protagonisten über mehrere Jahre hinweg darstellen. Eventuelle Auswirkungen der Erziehung und Entwicklungen der Charaktere sind hier im Werk selbst ablesbar.

Um die Mädchenbücher in ihren jeweiligen historischen Kontext zu stellen und die zeitgenössischen Annahmen über Erziehung von Mädchen, ihr We- sen und ihre Rolle in der Gesellschaft zum Vergleich heranziehen zu kön- nen, dient ein kurzer Überblick über die gesellschaftliche Situation der Frau in der jeweiligen Epoche als Anhaltspunkt. Zeitgenössische Ratgeberlitera- tur wird zur exakteren Bestimmung des Zeitgeistes herangezogen.

1.3 Aufbau

Die Arbeit gliedert sich in Kapitel, die in chronologischer Ordnung die Ent- wicklung der Mädchenlektüre wiedergeben. In den einzelnen Kapiteln wird zunächst der historische Kontext der Epoche kurz erläutert, wobei das Hauptaugenmerk auf der Situation der Frauen und Mädchen ruht. Danach werden entsprechende Werke vorgestellt, auf die dargestellte Sozialisation hin untersucht und vor dem zeitgenössischen Hintergrund bewertet. Ab- schließend erfolgt eine Auswertung im Hinblick auf die oben aufgeführten zentralen Fragen.

2 Lektüreempfehlungen für Mädchen im 18. Jahrhundert

Die ersten Mädchenbücher, die sich gezielt an unverheiratete junge Leserinnen wenden, entstehen erst um die Jahrhundertwende. Lektüre, die sich mit der Frage, was Mädchen lesen sollten, befasst, existiert dagegen bereits im 18. Jahrhundert.

2.1 Entwicklung bis 1780

Bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts beginnt man, die Frau als potenziel- le Käuferin von Zeitschriften zu entdecken - wenn auch zunächst nur, um über sie das Interesse ihres Mannes an dieser Lektüre zu wecken. Die mo- ralischen Wochenzeitschriften - kleine Zeitschriften, die den Erbauungshef- ten aus England ähneln- erfreuen sich großer Beliebtheit. Sie enthalten kleine Alltagsgeschichten im Stil persönlicher Gespräche, die unterhalten und zugleich belehren. Sie stehen in der Tradition der Frühaufklärung und treten somit ein für eine Bildung des Geistes, für die Gleichberechtigung der Geschlechter und gegen das zu jener Zeit noch stark verbreitete Analpha- betentum. Das Lesen gilt als »höchst vernünftige Beschäftigung und ist ein höchst angenehmer Zeitvertreib« ,sowie »eine von den größten Türen zur Kenntnis und Wissenschaft und eine von den kräftigsten Methoden, Unwis- senheit, Vorurteil und Irrtum zu verbannen« (Unbekannter Autor 1767 zitiert n. Grenz 1997, S. 15 ).

Es herrscht im Rahmen der allgemeinen Vernunfterziehung eine grundsätz- lich positive Einstellung zur weiblichen Gelehrsamkeit vor. Die verschiede- nen, meist aus dem Englischen oder Französischen übersetzten Ratgeber, scheiden sich dabei an der Frage, was die »richtige« Literatur für Mädchen ist: die Realienwissen vermittelnde oder die schöngeistige Literatur (Roma- ne). Da Mädchen erst an das Lesen herangeführt werden müssen und auf- grund ihrer Fixierung auf den häuslichen Bereich eher lesen, sind sie be- sonders gefährdet durch »schlechte« und »falsche« Literatur. Es existiert ein breites Spektrum unterschiedlicher Positionen und Postulate zu diesem Thema (vgl. Grenz, 1997, S.16). Dabei reicht das Angebot der Empfehlun- gen in Ermangelung explizit für Mädchen verfasster Lektüre von den morali- schen Wochenzeitschriften, dem Studium der Geschichte, Fabeln, Reisebe- schreibungen und Schauspielen von Shakespeare bis hin zu Poesie. Alles, »wo Religion, Tugend und Natur mit aller Schönheit einer keuschen und doch erhabenen Einbildungskraft geschildert und verschönert werden« (Fordyce 1767 zitiert n. Grenz 1997, S. 18).

Der Roman stößt, von einigen Ausnahmen abgesehen, auf Ablehnung, da er den Schwerpunkt auf die Handlung statt auf die Tugendlehre legt. »Leset also keine Romane, sie sind nur deswegen geschrieben, dass sie das Herz rühren, unsere Leidenschaften rege machen und unsere Neigungen und Begierden schmeicheln sollen« (Du Puy 1771 zitiert n. Grenz 1997, S. 17). Gefühle und Empfindsamkeit werden grundsätzlich als wider der Vernunft und damit schädlich betrachtet. Mit der Lektüre von Romanen aber werden diese angesprochen und »böse Lüste« geweckt, für die besonders Mäd- chen aufgrund ihrer angeborenen Geschlechtseigenschaften anfällig sind. Das Ideal der tugendhaften und keuschen Frau und die Hochschätzung der bürgerlichen Ehe werden durch sie bedroht (vgl. Grenz 1997, S. 23 ff.).

2.2 Entwicklung ab 1780

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts zeichnet sich eine Wende in der Lesediskussion ab. Die Verbreitungsmöglichkeit von Schriften hat sich durch den technischen Fortschritt enorm verbessert, so dass dem Leser Zugang zu vielen Neuerscheinungen möglich ist. 1774 erscheint Goethes Die Leiden des jungen Werther und zieht viele junge Menschen in seinen Bann, von welchen nicht wenige dem Helden in den Freitod folgen. Klagen über die Lesewut der jungen Leute und über die grassierende Seuche der Empfindsamkeit häufen sich (vgl. Grenz 1997, S. 16).

Lesen wird nun nicht länger als Merkmal des tugendhaften Menschen be- trachtet. Vielmehr lenkt es von sinnvollen Tätigkeiten ab und wird gleichge- setzt mit Müßiggang und Nichtstun (vgl. Grenz 1997, S.23 ff.). Auch das Interesse an weiblicher Gelehrsamkeit weicht der Angst, die Frauen könn- ten die sich in der Auflösung befindlichen bürgerlichen Großfamilien zugunsten interessanterer Lebenswege verlassen.

1789 erscheint Campes Elternratratgeber Väterlicher Rat für meine Tochter, der große öffentliche Beachtung findet und zum Vorbild vieler nachfolgender Werke wird. Er spricht sich deutlich gegen eine weibliche Bildung aus und greift dabei auch auf Rousseaus 1762 in Emile oderüber die Erziehung ausgesprochenen Warnung vor Mädchenlektüre zurück. Campe sieht einen direkten Zusammenhang zwischen dem Lesen und der Empfindsamkeit, die junge Menschen für das Alltagsleben untauglich macht und den jungen Mädchen die Unschuld nimmt. Die erwähnte Angst vor einer Abwendung der Frau von Heim und Familie klingt dabei deutlich an: »Oder glaubst du, dass ein Frauenzimmer, welches von dem, eurem Geschlechte verbotenem Baume der gelehrten Erkenntniß einmahl gekostet hat, nicht gegen jede einfache Nahrung des Geistes und des Herzens, welche von der Natur und der menschlichen Gesellschaft euch recht eigentlich angewiesen wurde, einen geheimen Ekel und Widerwillen empfinden werde?« (Campe 1830 zitiert n. Grenz 1997, S. 17) Das propagierte Ideal ist nunmehr die tugend- hafte Hausfrau, deren Realienwissen höher bewertet wird als ihre literari- sche Bildung. »Ein Pfund weibliche Haushaltswissenschaft ist mehr werth als ein Zentner weiblicher schöner Wissenschaften« (Germershausen 1767 zitiert n. Grenz 1997, S. 15). Auf dieser Grundlage entsteht eine philanthro- pisch geprägte Mädchenlektüre.

Zur gleichen Zeit bevorzugt eine neuhumanistisch- klassisch geprägte Strömung eine schöngeistige Lektüre für Mädchen gegenüber ihrem auszu- bildenden Realienwissen (z.B. 1794 Niemeyer: Vermächtnisse an Helene von ihrem Vater). Diese soll im Sinne der allgemeinen Menschenbildung allen Lesern edle Freude spenden und dabei helfen, die Einsamkeit zur Veredelung des Herzens zu nutzen, denn nur der tugendhafte Mensch kann glücklich werden. »Du kannst aber, mein Kind, auf keine Art und Weise dei- ne Zeit mit größerem Gewinn zubringen, als wenn Du ein gutes und kluges Buch liesest« (Grenz 1997, S. 15).

Nicht zu empfehlen ist dagegen Lektüre, die keine moralische Würde besitzt und lediglich der Befriedigung der Neugier dient. Besonders die unrealisti- schen Liebesgeschichten gelten als ungeeignete Lektüre für Mädchen, da sie die Frau unzufrieden über die Realität machen und somit ihre zugedach- te Rolle in der Gesellschaft erschweren. Obgleich der rege Geist hoch ge- schätzt wird, dient die weibliche literarische Bildung in erster Linie dazu, dem späteren Gatten eine anregende Gesprächspartnerin zu sein und bleibt somit der weiblichen Bestimmung untergeordnet (Vgl. Ewald 1798 bei Grenz 1997, S. 30). Der Anspruch an die weibliche Lektüre sinkt.

1808 vermengt Glatz in Rosaliens Vermächtnißan ihre Tochter Amanda sowohl den philanthropischen als auch den neuhumanistisch geprägten Ansatz mit romantischen Ideen. Das Ideal der schönen Weiblichkeit, der man grundlegende Bildung zuspricht, wandelt er zum Ideal der frommen Seele. Die Frau soll engelsgleich die Menschheit mit Frieden und Anmut beglücken. Eigenschaften wie Aufopferungsbereitschaft, Triebentsagung und Selbstlosigkeit werden idealisiert. Das resultierende Mädchenbild von der im häuslichen Bereich aufgehenden Hausfrau und Mutter beeinflusst die nachfolgende Mädchenliteratur in entscheidender Weise.

3 Erste Mädchenbücher im 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert resultieren aus der Lesediskussion des vorigen Jahr- hunderts die ersten Werke, die sich gezielt an Leserinnen im heiratsfähigen Alter wenden.

3.1 Weiblicher Alltag im 19. Jahrhundert

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts gehört der Großhaushalt, der neben engsten Familienmitgliedern mehrerer Generationen auch entferntere Ver- wandten und, je nach Einkommen, diverse Dienstboten oder untergemietete Pensionäre beherbergt, zum alltäglichen Bild in der Stadt und auf dem Land. Neben dem sozialen Leben spielt sich hier auch das geschäftliche ab. Sämtliche Konsumgüter und Lebensmittel müssen noch im Haus selber hergestellt oder zumindest weiterverarbeitet werden. In den bürgerlichen Familien steht hierzu Personal zur Verfügung, das von der Hausfrau organi- siert und angeleitet werden muss. Die bürgerlichen Kinder werden von ent- sprechenden Lehrern und Gouvernanten zuhause erzogen und unterrichtet, bis sie heiraten und einen eigenen Hausstand gründen. Auf diese Weise bleibt der Hausfrau die Zeit, sowohl am Geschäftsleben des Mannes als auch an gesellschaftlichen Veranstaltungen teilzunehmen.

Die fortschreitende Industrialisierung verändert die familiären Strukturen nachhaltig. Viele Konsumgüter können nun gebrauchfertig, aber teurer ein- gekauft werden, so dass die aufwendigen Herstellungsverfahren im Haus- halt wegfallen. Somit wird ein Großteil der zum Haushalt gehörenden Per- sonen überflüssig. Viele Dienstboten ziehen jetzt die vergleichsweise bes- ser bezahlte und mehr Freiheit bietende Arbeit in einer Fabrik vor, in wel- chen sich zudem ein neues Berufsfeld für weibliche Arbeitskräfte entwickelt.

Geschäfte werden vermehrt außerhalb der Haushalte getätigt oder ganz in größere Unternehmen integriert. In den unter zehn Prozent der bürgerlichen Haushalte, die finanziell abgesichert sind, ergibt sich so ein Zuwachs an Freizeit für die Hausfrau, die diese für persönliche Weiterbildung und ge- sellschaftliche Veranstaltungen nutzt (vgl. Zahn 1983, S. 248). In den meis- ten Familien jedoch übernimmt nun die Hausfrau die Pflichten des mittler- weile abgewanderten Personals. Um den gesteigerten Konsum und den gesellschaftlich erwarteten Lebensstandard finanziell aufrecht halten zu können, übernimmt sie zudem die Wirtschaftsführung des Haushaltes, Aus- besserungen und Eigenproduktionen, sowie die Erziehung der Kinder. Daneben ist es ihre Aufgabe, den Ehemann zu entlasten und ihm ein Heim zu schaffen, in dem er sich von seinen beruflichen Anstrengungen erholen kann. Die bürgerliche Wohnung avanciert zur gesellschaftlichen Repräsen- tation, in der sich außerdem alle Familienmitglieder wohl fühlen sollen. Da- her wird diese zeitgemäß mit Bildern, Spiegeln, Souvenirs, Deckchen, Tep- pichen, Vorhängen und allerlei Zierrat ausgestattet, dessen Anordnung und Reinigung wiederum eines enormen Zeitaufwands bedarf. Die Frau der Großbourgeoise, des Bildungs- und Kleinbürgertums verbringt ihr Leben im Haus, während die der Arbeiter- und Bauernfamilie außerdem noch die glei- che Arbeit wie ihr Mann erbringen muss (vgl. Zahn 1983, S. 250 ff.).

3.2 Die Situation der höheren Töchter

Die Töchter gehen dabei nach wie vor den Müttern im Haushalt zur Hand, bis sich ein geeigneter Ehemann findet. Die wenigen für Mädchen verfassten Bücher geben Ratschläge für die Hauswirtschaft und bereiten die Mädchen auf ihre spätere Rolle vor - zum Beispiel Elise Polkos Unsere Pilger fahrt von der Kinderstube bis zum eigenen Heerd von 1865 oder Henriette Davidis Beruf der Jungfrau von 1864 .

Die Ausbildung der Söhne aus bürgerlichen Familien nimmt nun zuneh- mend mehr Zeit in Anspruch. Dadurch verlängert sich ihre finanzielle Ab- hängigkeit von den Eltern und der Zeitpunkt, an dem sie selber einen Haus- halt ernähren können, rückt in die Ferne. Zudem sinkt die Heiratswilligkeit der jungen wohlhabenden Männer, weil sie sich auch ohne Ehefrau ein be- quemes Leben finanzieren können. Aufgrund der steigenden Not und Ar- beitslosigkeit des Mittelstandes haben wenig vermögende Töchter kaum Chancen auf dem Heiratsmarkt. Die Auswanderungswelle, die viele Hei- ratskandidaten in die USA verschlägt, sorgt zudem für einen Frauenüber- schuss, so dass sich die Wartezeit bis zur Eheschließung für viele bürgerli- che Töchter verlängert. Eine Liebesheirat ist in den seltensten Fällen Reali- tät. »Das Ideal der bürgerlichen Ehe war die „vernünftige“ Liebe: Mann und Frau sollten einander schätzen und achten, und die Frau sollte nicht gera- dezu Widerwillen beim Gedanken an die physische Vereinigung empfinden (...). Damit waren die Wahlmöglichkeiten schon erheblich eingeschränkt« (Schenk 1987, S.61).

Im Gegensatz zu den Töchtern der Arbeiter und Bauern haben diese Mädchen nichts gelernt, das ihnen finanzielle Unabhängigkeit von der Familie sichern könnte. Fabrikarbeit schickt sich nicht für höhere Töchter, die nun als Belastung für die Familie ein sinnentleertes Dasein im Haus fristen, und Weiterbildungsmöglichkeiten existieren kaum.

Solange die Töchter im Haus verweilen, haben sie bestimmte Pflichten »im Namen der Liebe« zu erfüllen, die sie weiterhin und aller Unwahrscheinlich- keit zum Trotz auf die Aufgabe als Hausfrau und Mutter vorbereiten sollen (vgl. Zahn 1983, S.255 ff.): »Die Töchter sind mitverantwortlich für das häusliche Glück. (...) Den Vater zu erfreuen, die Mutter zu unterstützen und den Geschwistern ein lichtes Vorbild zu sein« gehört zu ihren Aufgaben. »Die Tochter des Hauses muss Rechenschaft zu geben wissen über die Sachen, die sie den Nachlässigen nachgeräumt hat« und »das alles muss sie verstehen und fröhlich ausüben, weil sie ja alle mit Liebe umfasst, alle die theuren Ihrigen, vom alten sorgenvollen Vater bis hinab zu dem kleinen Steckenpferdreiter, der in ihr die zweite Mutter gefunden hat« (Burow ~1870 zitiert n. Zahn 1983, S. 257). Ihre Hauptaufgabe besteht also in der Ästheti- sierung des Wohnraums. Daneben soll sie selbst dieses Prinzip für sich ver- innerlichen, denn Schönheit ist das wichtigste Attribut um einen Ehemann zu finden.

Weitverbreitete Versorgungsschwierigkeiten innerhalb der Familien geben vielen bis dahin unproduktiven bürgerlichen Töchtern den Anstoß zur Suche nach geeigneten Betätigungsfeldern. Lehrerinnenseminare, eine der weni- gen akzeptierten Ausbildungen für Mädchen neben Erzieherin und Gesell- schafterin, füllen sich. Ihre Qualität genügt jedoch lediglich den Ansprüchen einer Mädchenerziehung. »Ich kann die positivste Versicherung geben, daß (…) mein Wissen das Maß gewöhnlicher Elementarkenntnisse kaum überstieg und schwerlich den Bildungsstand eines Quartaners (…) erreichte. Trotzdem war auf meinem Zeugnis zu lesen, daß ich zum Unterricht wohl befähigt sei« (Dohm 1979). Einige Töchter beginnen für Mädchen zu schreiben- meist unter Pseudonym aus Rücksicht auf die Familie, da sich eine solche Tätigkeit für sie nicht schickt.

Mit der zunehmenden Selbstständigkeit wächst vielerorts auch der Wunsch nach besseren Ausbildungsmöglichkeiten für Mädchen, die tatsächlich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ausgedehnt werden - freilich zunächst nur für höhere Töchter. In den unteren Schichten werden dagegen selten die vorgeschriebenen acht Schuljahre absolviert, da die Mädchen früher zum Familienverdienst beitragen müssen.

Im Gegensatz zu den öffentlichen Gymnasien für Jungen sind die Lyzeen für Mädchen wesentlich schlechter ausgestattet und verfügen kaum über qualifiziertes Personal. Bevorzugt besuchen bürgerliche Töchter daher im Anschluss an privat geführte Schulen, deren Unterrichtsschwerpunkte auf Hauswirtschaft, Religion, Handarbeit, Französisch und Deutsch liegen, Pensionate. Diese, nach französischem Vorbild geführten Lehranstalten, sollen den Mädchen gutes Benehmen beibringen. Hier sind die höheren Töchter unter ihresgleichen, behütet und bewacht. Rücksichtnahme, Hilfs- bereitschaft und erste Selbstständigkeit sollen geübt werden, nachdem sie im Elternhaus oft verwöhnt worden sind. Dieses Erziehungsziel steht der Bildung der Schülerinnen voran. Bis 1870 bleibt das Mädchenpensionat das bevorzugte Schulsystem für höhere Töchter.

3.3 Pubertätslektüre für Mädchen

Um 1870 herum entsteht eine Pubertätslektüre für Mädchen, die im Gegen- satz zu den bislang üblichen Ratgebern und Sittenbüchlein in erster Linie unterhaltsam ist. Sie wendet sich an die sogenannten Backfische 3 - die Mädchen, die sich mit 15 oder 16 Jahren am Ende ihrer Schullaufbahn be- finden und, an das Haus gebunden, auf einen Ehemann warten. Durch kör- perliche Veränderungen und wachsende Ansprüche der Umwelt verunsi- chert und zum passiven Warten verdammt, wissen die Backfische nicht, wer sie sind und wohin sie gehören. Das bislang autonome kindliche Individuum muss nun Entsagung und Selbstaufgabe lernen, um der gesellschaftlichen Vorstellung einer Dame gerecht zu werden und somit Chancen auf einen Freier zu erhalten. Gleichzeitig wird ihm aber noch ein »gewisser Schon- raum zugestanden, in dem es sich noch nicht tugendhaft verhalten muss« (Daubert 1994, S.40). Da die Autorinnen aus bürgerlichen Schichten stam- men, berichten sie über eben jene und sprechen somit ihresgleichen an, was die Geschichten glaubwürdig und für Mädchen attraktiver gestaltet. Die Lektüre bietet ihnen Zeitvertreib und Unterhaltung, ist aber zugleich auch Anstandsliteratur, von der die Leserin erfährt, was von einer jungen Dame erwartet wird. Zudem kann sie emotional kanalisierend wirken in einer Zeit, in der der Übergang vom Mädchen- ins Frauendasein durch zunehmende gesellschaftliche Widersprüche immer schwieriger wird.

Die zentralen Themen der Backfischbücher4 sind neben Pensionatsge- schichten über Streiche und Freundschaften und die erste Trennung von den Eltern auch Beschäftigung mit dem eigenen Aussehen und der damit verbundenen Sehnsucht nach Anerkennung durch das andere Geschlecht.5 Diese winkt am Ende der Geschichten als Belohnung für eine folgsame An- passung. Dabei orientieren sich die dargestellten Anforderungen am zeitge- nössischen Frauenideal. Ein Beruf darf daher nicht die Tätigkeit als Haus- frau, Gattin und Mutter ersetzen. Wenn ihm mehr Gewichtung beigemessen wird, zieht dies böse Folgen nach sich.6

Es geht in den Backfischbüchern nicht um eine Identitätsfindung der Prota- gonistinnen. Statt herauszufinden, was sie wollen und wer sie sind, geht es um die Verinnerlichung der gesellschaftlichen Normen und Anpassung an die erwartete Rolle (vgl. Daubert 1994, S.41). Grundlage für die Entstehung der Backfischbücher ist ein neues Verständnis einer Mädchenzeit und die Akzeptanz einer weiblichen Pubertät (vgl. Grenz 2000, S.337).

Sexualität findet in den Backfischbüchern generell keine Erwähnung, ob- wohl gerade Mädchen dieses Alters zum ersten Mal mit ihr konfrontiert wer- den und sicherlich Interesse an der Thematik haben. Neben der zeitgenös- sischen Annahme, dass man Kindern und besonders Mädchen auf Fragen nach sexuellen Zusammenhängen ausweichend und beschönigend antwor- ten soll (vgl. Eschenbroich 1977, S.133 ff.), ist ein Grund für diese Aussparung sicher auch der für bürgerliche Frauen heikle Umgang mit der sexuellen Doppelmoral ihrer Männer. Deren Wunsch nach einer sittlichen Gattin und einer sexuell aktiven und verführerische Liebhaberin zugleich wird nicht selten außerhäuslich verwirklicht, was eine strikte Trennung zwischen Prostituierter oder braver Hausfrau bedingt. Eine Auseinandersetzung der Mädchen mit dieser Problematik würde sich verheerend auf ihre Gesundheit und Entwicklung auswirken (vgl. Wilkending 1990, S.222).

Nichtsdestotrotz nennt die zeitgenössische Kritik die Backfischbücher schlüpfrig, frivol und zum Eigensinn anstachelnd (vgl. Wilkending 1997, S. 123). Sie gelten besonders in Kombination mit Lesewut und Onanie als gesundheitsschädlich und werden unter anderem für die unter Mädchen häufige Bleichsucht verantwortlich gemacht (vgl. Grenz 1997, S. 27).

3.4 Emmy van Rhoden:Der Trotzkopf

1885 erscheint Emmy van Rhodens Trotzkopf. Eine Pensionsgeschichte für erwachsene Mädchen 7. Die erste Auflage ist bereits nach einem Jahr ver- griffen; bis heute geht sie in die Millionenhöhe. Rhodens Tochter Else Wild- hagen und drei weitere Autorinnen verfassen unabhängig voneinander zwi- schen 1892 und 1930 noch weitere mehr oder weniger bekannten Fortset- zungen des Themas, um an den Erfolg des ersten Bands anzuknüpfen8: Trotzkopfs Brautzeit (1892), Aus Trotzkopfs Ehe (1895) von Else Wildha- gen, Frau Ilse (1895) von Doris Mix, Trotzkopf als Großmutter (1905) von Suze La Chapelle Roobol, Trotzkopfs Erlebnisse im Weltkrieg (1916), Trotzkopf heiratet (1919) von Marie von Felseneck, und Trotzkopfs Nach- kommen . Ein neues Geschlecht (1930) von Else Wildhagen. Das Werk wurde in 10 Sprachen übersetzt. 1983 verfilmte das Bayrische Fernsehen die Geschichte in 8 Folgen. Untersucht wird hier der erste Band, da er be- reits einen kompletten Entwicklungszyklus darstellt, während die Fortset- zungen lediglich Variationen des Themas sind. Es existieren verschiedene Buchumschläge diverser Verlage. Der Großteil zeigt ein Mädchen im Vor- dergrund, das im Stil der Jahrhundertwende gekleidet ist und den Betrach- ter fröhlich bis verschmitzt anblickt (Abb.3).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: (v. links) Aktuell erhältliches Cover im Arena Verlag und Sammelband von 1983.

Der erste Band handelt von der 14jährigen Ilse Macket, Gutsbesitzertochter aus Pommern, deren Mutter früh verstorben ist. Sie wächst wie ein Junge auf und wird von ihrem Vater verwöhnt, den sie abgöttisch liebt und dem ihre wilde natürliche Art gefällt. Nur mit der Stiefmutter kann Ilse sich nicht anfreunden. Diese will aus dem wilden Mädchen eine Dame machen, damit diese später einen Ehemann finden kann und überzeugt schließlich auch den Vater von der Notwendigkeit einer solchen Erziehung. Ilse reagiert mit Trotz und wird in ein Pensionat geschickt.

Die Anpassung dort fällt ihr schwer, obgleich sie in der Waisen Nellie und der Lehrerin Fräulein Güssow gute Freundinnen findet. Als Ilses Widerstand gegen die erzieherischen Maßnahmen der Institution so weit führen, dass man sie zu entlassen droht, gelingt es Fräulein Güssow mit einer Beispiel- geschichte von Luzie, die aus Trotz ihren Verlobten verlor und nun als Gou- vernante arbeiten muss, Ilse zur Einsicht zu bewegen. Sie entschuldigt sich bei den Eltern und bemüht sich um Anpassung in der Lehranstalt. Nach und nach wird aus Ilse eine schickliche Dame, die jedoch nichts von ihrer kindli- chen Natürlichkeit eingebüßt hat. Die Pflege der todkranken Mitschülerin Lilli, deren Mutter ihr kaum Zuwendung schenkt, da sie mit ihrer Tätigkeit als Schauspielerin vollkommen ausgefüllt ist, weckt fürsorgliche Gefühle in Ilse.

Als sie ein kleines Brüderchen bekommt und sich auf dem Heimweg zu den Eltern befindet, lernt sie ihren zukünftigen Ehemann Leo Gontrau kennen. Ihre Freundin Nellie heiratet den Deutschlehrer und kann so dem Schicksal einer berufstätigen Ledigen entgehen. Als sich Ilses Onkel als der von Lu- zies, beziehungsweise Fräulein Güssows einstigem Trotz abgeschreckte Verlobte erweist, arrangiert Ilse ein Wiedersehen der beiden, die schließlich doch heiraten.

Im Gegensatz zu anderen farblosen zeitgenössischen Heldinnen9 ist der Trotzkopf Ilse eine schillernde und liebenswerte Figur, die zur Identifikation einlädt: Ilse ist schön, natürlich, warmherzig und klug. Der ihr eigene Trotz, mit dem alles umschrieben wird, was im weitesten Sinne mit Auflehnung oder Widerstand zu tun hat, kann ihr niemand nehmen. Er ist Ilses vorherrschende Charaktereigenschaft, die lediglich in akzeptable Bahnen gelenkt wird. Danach wirkt er sogar erotisch - anziehend und natürlich. »Ich sage dir, Temperament steckt in dem `kleinen Backfisch`(...) Ein Blick und ich weiß Bescheid« (Rhoden 1994, S. 262).

Sicherlich schwankt die angepasste bürgerliche Tochter bei der Schilderung von Ilses Trotzanfällen zwischen Bewunderung und Amüsement. »Nein- ich ziehe kein anderes Kleid an, ich will mich nicht putzen! (...) und ich will doch keine Dame sein, ich will es nicht« (Rhoden 1994, S. 3). Die für viele Mäd- chen bedrückende Realität des passiven Wartens im Elternhaus lässt der Trotzkopf vergessen. Zwar muss auch Ilse einige Schwierigkeiten mit sich und der Umwelt bewältigen, ihren Traummann findet sie jedoch sofort nach Beendigung der Schulzeit als Entlohnung für den durchlebten Schmerz. Und auch die Freundinnen finden einen Gatten10, obwohl die Liebesheirat der Realität jener Zeit widerspricht. Die Autorin verwendet in den vielen Dia- logen der chronologisch gestalteten Erzählung zeitgenössische Jugend- sprache. Dies ist zu ihrer Zeit ungewöhnlich, kommt aber einer Leseridenti- fikation wiederum entgegen. Die junge Leserin findet im Trotzkopf vieles, was in ihrer Lebenssituation Bedeutung hat: den sentimentalen Rückblick auf eine unbeschwerte Kindheit, unterhaltsame Episoden aus dem Back- fischleben, Themen wie Freundschaften, Schule, erste gesellschaftliche Veranstaltungen, durchlittene Anpassungsprobleme während der Pubertät und die ersehnte Liebesheirat.

Die Figuren sind alle durch eine hervorstechende Charaktereigenschaft typisiert11, so dass es immer wieder zu ähnlichen und zum größten Teil komischen Situationen kommt (vgl. Grenz 1983, S.115). Die Strukturen des Trotzkopf,sein Ideal des natürlichen fröhlichen Mädchens ohne Koketterie, die festgelegten Typen und die Wandlungsgeschichte vom wilden Kind zur Dame werden Vorbild für viele nachfolgende Mädchenbücher, wie unter anderem Else Urys Nesthäkchen (1918), Magda Trotts Pucki (1935) oder Käthe Theuermeisters Hummelchen (1963).

Während die vorangegangenen Werke noch eine Mischung aus Anstands- buch und unterhaltsamer Erzählung darstellen, in welchen deutliche Beleh- rungen die Geschichte unterbrechen, wird im Trotzkopf von strengen Sank- tionen weitgehend abgesehen. Stattdessen wird in Gesprächen an die Ein- sicht und das Gerechtigkeitsgefühl appelliert und im schlimmsten Fall mit Liebesentzug gedroht. Der Erzählerkommentar erläutert nebenbei, was sich nicht gehört, so dass Verständnis und Einsicht der Leserin gewonnen wer- den können. Während der Vater seine Tochter, die gerade in ein Gespräch geplatzt ist, »wohlwollend« ansieht, weist der Erzähler darauf hin, dass Ilses »Aufzug (...) nicht geeignet war, Wohlgefallen zu erregen, besonders in die- sem Augenblicke, wo fremde Augen denselben musterten« (Rhoden 1994, S.1).

Bei Ilse zeigt diese auf Güte und Nachsicht basierende Erziehung die ge- wünschte Wirkung. Die als Schlüsselszene zu verstehende Warngeschichte von Luzie (alias Fräulein Güssow) deutet Ilse richtig und bewegt sie endlich zur Überwindung des Trotzes und zur Anpassung an die Pensionatsanfor- derungen. Sie »entwickelt Ordnungssinn und Gefühl für beschauliche Häus- lichkeit« (Barth 1969, S. 286). Da sie sich aber die zeitgenössischen Eigen- schaften »der Geduld, des Verzichtenkönnens und der Selbstzurücknah- me« nur oberflächlich aneignet und immer wieder »aus der von ihr erwarte- ten Rolle ausschert«12 (ebd.), erscheint die Lehre des Trotzkopf, dass sich ein junges Mädchen fügen muss, nicht ganz so hart wie in der Realität. Die eindeutigen Sympathiebekundungen für die Hauptperson und die amüsierte Nachsichtigkeit, mit der in der Regel auf ihr unpassendes Verhalten reagiert wird, zeugen vielmehr von einer Akzeptanz einer Anpassungsphase im Ü- bergang vom Kind zur Frau.

Das historisch relevante Thema der weiblichen Berufstätigkeit findet im Trotzkopf lediglich als schlechtere Alternative zum Hausfrau- und Mutterda- sein Erwähnung. Im Falle von Fräulein Güssow, die ihren Verlobten aus Trotz verprellt hat, ist die Lehrerinnentätigkeit sogar als Bestrafung zu ver- stehen. Als Nelli überraschenderweise einen Heiratsantrag von Dr. Althoff bekommt, reagiert Ilse entsprechend: »Nellie, Doktor Althoffs Braut! Nun wird sie keine Gouvernante, Mama!« (Rhoden 1994, S. 283) Fräulein Rai- mar, die strenge Institutsleiterin, bildet einen unweiblichen Gegensatz zum mütterlichen Ideal. Sie ist unnahbar, asexuell, unnachgiebig, verbohrt und lässt sich durch Gefühle nicht erweichen - wie etwa Fräulein Güssow, die letztlich ebenfalls heiraten darf. Auch die schrullige Englischlehrerin Miß Lead repräsentiert das Bild der alten Jungfer.

In Gestalt der kleinen Mitschülerin Lili, die in Ilse die ersten mütterlichen Gefühle weckt, wird die Auswirkung einer berufstätigen Mutter deutlich. Lilis Mutter ist ihre Karriere als Schauspielerin wichtiger als die Tochter, die letztendlich an den Folgen der mütterlichen Lieblosigkeit stirbt.

Im Gegensatz zu den nicht existenten (bei Nelli) oder negativ gezeichneten Mutterfiguren (bei Lili und zu Beginn bei Ilse) tritt die Vater- Tochter- Bezie- hung wesentlich deutlicher hervor. Diese liebevolle Beziehung wird idealer- weise in der Ehe fortgesetzt. Herr Macket »sah in die fröhlichen braunen Augen seines Lieblings, (...) um dessen Kleider kümmerte er sich nicht« (Rhoden 1994, S.2). Leo Gontrau begegnet Ilse später mit derselben vor- behaltlosen Liebe und Geduld.

Trotz der nachsichtigen Liberalität, mit der unweibliche Eigenschaften betrachtet und ansatzweise toleriert werden (vgl. Grenz 1983,S. 115), spielt die Frau im Trotzkopf dennoch eine ebenso untergeordnete Rolle, wie es gesellschaftlich üblich ist. Die aktuellen Tendenzen zur wachsende Berufstätigkeit von Frauen werden hier nicht thematisiert.

3.5 Johanna Spyri:Heidi

Eine andere Richtung schlägt Johanna Spyris Werk Heidis Lehr- und Wan- derjahre und Heidi kann brauchen, was es gelernt hat aus den Jahren 1880/ 81 ein. Es wurde bis heute in über 50 Sprachen übersetzt. Die deutsche Auflage beträgt schätzungsweise eine halbe Millionen. Hinzu kommen diverse Verfilmungen aus verschiedenen Ländern13. Die meisten der Buchumschläge zeigen ein junges Mädchen vor dem Hintergrund einer idyllischen Berglandschaft (Abb 2).

[...]


1 U.a. finden sich diese Kriterien auch in den Definitionen der 1970er und 1980er Jahre bei Dahrendorf, Grenz und Wilkending wieder.

2 Im Zuge der sozialistischen Ideologie wirken beide Geschlechter gleichermaßen am Aufbau der DDR mit. Die Förderung von Frauen in Beruf und Gesellschaft wurde von Beginn an als staatliche Aufgabe betrachtet. Durch die generelle Verdammung westlicher Erzeugnisse entsteht in der DDR ein eigener Literaturmarkt, der von der sozialistischen Idee beeinflusst ist. Zudem unterliegt der Buchmarkt nicht dem kapitalistischen Gesetz von Angebot und Nachfrage.

3 Eine Bezeichnung für junge Mädchen, die wahrscheinlich vom noch nicht ausgewachsenen Fang herrührt. Diese Fische werden in die Back (hinterer Teil) des Schiffes geworfen bis man entscheidet, ob sie verkauft oder noch einmal zurück ins Meer geworfen werden. (vgl. Zahn, 1983, S.277)

4 Das Backfischbuch ist eine Umkehr- oder Wandlungsgeschichte und wird vom späteren Begriff »Mädchenbuch« abgegrenzt. (siehe u.a. Grenz 2000, Dahrendorf 1974)

5 Ein weiteres Beispiel ist Clementine Helms »Backfischchens Leiden und Freuden. Eine Erzählung für junge Mädchen« von 1863.

6 Daneben existieren auch Backfischbücher, die stark von der wachsenden Frauenbewegung beeinflusst sind. Diese fordern Selbstbewusstsein als neues Ziel der Mädchenerziehung, um die Situation, in der der Familie zur Last zu gefallen wird, zu verbessern. Man ist bemüht, alternative Lebenswege für die vielen Mädchen aufzuzeigen, die sich wenig Hoffnung auf eine Vermählung machen können. Daher enden einige Bücher statt mit einer Heirat mit dem Eintritt der Heldin in einen Beruf- selten in einen technischen, häufig in einen der klassischen Frauenberufe.

7 Der Verlag ändert den Titel recht bald in »eine Erzählung für junge Mädchen« um. Wahrscheinlich ging man davon aus, mit diesem Titel eine größere Leserschaft anzusprechen.

8 Die Ausweitung eines Backfischbuchs zur Serie erfolgt später von Beginn an geplant. Die jungen Leserinnen im Alter von 6 bis 10 Jahren wachsen dann mit den Protagonisten zusammen auf. Dem jeweiligen Verlag garantieren erfolgreiche Serien Umsatz über mehrere Jahre hinweg.

9 Neben denen der traditionellen Umkehrgeschichte zum Beispiel oder auch neben Grete aus Clementine Helms »Backfischchens Leiden und Freude« von 1863

10 Nelli sogar im letzten Moment: sie ist bereits auf dem Weg zu ihrer ersten Stelle als Gouvernante, als der umschwärmte Deutschlehrer ihr einen Antrag macht.

11 die trotzige Ilse, die brave Waise Nelli, die emanzipierte Orla, usf.

12 Sie erwidert Leos Heiratsantrag mit »Nein! Niemals!« (Rhoden 1885, S. 293) und behält ihre maßlose Naschhaftigkeit bei.

13 Die letzte Verfilmung entsteht 2002 in Deutschland. Das Filmplakat ähnelt den Buchumschlägen (Abb. 2).

Details

Seiten
99
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638260930
ISBN (Buch)
9783656184744
Dateigröße
1.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v22848
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Fakultät 1
Note
1,0
Schlagworte
Wandel Frauenbilder Spiegel Mädchenlektüre Jahrhundert

Autor

Zurück

Titel: Der Wandel der Frauenbilder im Spiegel der Mädchenlektüre vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis heute