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Zur Kurzgeschichte mit einer Interpretation der Kurzgeschichte "Die drei dunklen Könige" von Wolfgang Borchert

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 23 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Theorie der Kurzgeschichte
1.1. Entstehung
1.2. Merkmale der Kurzgeschichte
1.2.1. Versuche einer Definition
1.2.2. Abgrenzung zur Erzählung, Novelle, Anekdote
1.2.3. Themen
1.2.4. Sprache und Erzählhaltung
1.3. Ziele des Autors

2. Wolfgang Borchert
2.1. Biographie
2.2. Borcherts Werk
2.2.1. Gedichte
2.2.2. das Schauspiel „Draußen vor der Tür“
2.2.3. Kurzgeschichten

3. Die Kurzgeschichte „Die drei dunklen Könige“
3.1. Inhalt - Handlung
3.2. Interpretation
3.3. Parallelen zur Bibel

Literaturverzeichnis
Primärliteratur
Sekundärliteratur

1. Theorie der Kurzgeschichte

1.1. Entstehung

Die deutsche Kurzgeschichte ist eine vergleichsweise junge literarische Gattung. Sie entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts und setzte sich im 20. Jahrhundert durch. Ihre Blütezeit erlebte die deutschsprachige Kurzgeschichte nach dem 2. Weltkrieg. (vgl. Lorbe 1957) Aus technischer Sicht lässt sich dies dadurch erklären, dass Druckmaterial in der Nachkriegszeit knapp war, die Autoren unter Zeitdruck schrieben, da neu ins Leben gerufene Zeitungen und Magazine schnell kurze und abgeschlossene Erzählungen zur Veröffentlichung benötigten und der Leser nicht mehr die Zeit und Muße hatte, sich in der Hektik des Nachkriegsalltags mit "großen" Formen epischer Prosa, wie der Novelle oder dem Roman, auseinander zu setzen.

Aus historischer Sicht taucht die Kurzgeschichte mit dem Beginn der Moderne auf. Die Erkenntnisse im Mikro- und Makrokosmos ließen den Menschen erkennen, dass es mehr gibt als das, was er zu begreifen im Stande war und ist, und ihn seine Kleinheit und Unbedeutsamkeit in Relation zum gesamten Universum einsehen. Dazu schreibt Ruth Lorbe: „Die menschliche Zeit erscheint nicht mehr als die Mittelpunktszeit, die Entwicklungen innerhalb der menschlichen Zeit schrumpfen zusammen ins Punktuelle, sie erscheinen nicht mehr wichtig, ja, die Wichtigkeit, die man ihnen bisher zumaß wird desillusioniert. Das bedeutet das Ende der Entwicklungsromane, das Ende von Erzählungen, die Entwicklungen darbieten.(...) Die Einzelgegenstände bekommen Gewicht.“ (Lorbe 1957, S. 64) Der Mensch wird also auf sich selbst zurückgeworfen. Es findet eine Rückbesinnung auf den Augenblick statt.

Ein dritter Erklärungsversuch - eine auch im Seminar entwickelte These - geht davon aus, dass die deutsche Kurzgeschichte aus der Extremsituation kurz nach Beendigung des

2. Weltkrieges hervorgehen musste - so wie die amerikanische Short Story nach dem amerikanischen Bürgerkrieg entstand. Nach dem Zusammenbruch des 3. Reiches, den Leiden des Krieges und den menschenverachtenden Grausamkeiten der Hitlerdiktatur, war kein Platz mehr für groß angelegte Romane und Erzählungen, die versuchten die Welt zu deuten oder zu erklären, denn das, was geschehen war, konnte nicht aus dem Schock der Nachkriegszeit heraus erklärt werden. Was blieb, war der Versuch sich mit dem Erlebten dadurch auseinander zu setzen, es mitzuteilen und zu beschreiben, sei es aus Schuld, als Anklage oder aus Verzweiflung. Helmut Motekat führt dazu in seinen Gedanken zur Kurzgeschichte aus: „Wenn man sich die hier angedeuteten Wesenszüge der ursprünglich amerikanischen modern short story und zugleich die Verhältnisse vergegenwärtigt, die seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts ihre Anfänge und ihre frühe Entwicklung bestimmt haben, so wird man einen der Gründe für das sehr rasche Vordringen der Kurzgeschichte in der deutschen Dichtung nach 1945 wohl in der Situation der deutschen Menschen nach der Katastrophe sehen dürfen. Auch hier Unsicherheit der Verhältnisse, auch hier der rasche und unvorhergesehene Wechsel der Situation, auch hier die Erfahrung, daß noch in jüngster Vergangenheit bestimmend gewesene Kräfte im Gegenwärtigen plötzlich nicht mehr galten, weil andersgeartete Kräfte an ihre Stelle getreten waren. In dieser Situation wurde vordringlichstes literarisches Bedürfnis, das Leben dichterisch so vergegenwärtigt zu finden, wie es jetzt tagtäglich erlebt wurde. Das Leben, so wie es ist: ohne Beschönigung und vor allem ohne den Versuch, aus dem Erzählgeschehen eine so oder so geartete Moral abzuleiten.“ (Motekat 1957, S. 58)

1.2. Merkmale der Kurzgeschichte

1.2.1. Versuche einer Definition

Der Begriff „Kurzgeschichte“ meint nicht etwa eine kurze Erzählung im Sinne von „kurze Geschichte“, sondern bezeichnet vielmehr eine Literaturgattung, die zu definieren kontrovers diskutiert wurde und wird. Kurt Kusenberg meint: „Sie ist etwas, das sich jeder Festlegung entzieht. Es ist unmöglich, zu sagen, wie sie sein soll, viel leichter gelingt es, zu sagen, was sie alles sein kann, ...“ nämlich zum Beispiel realistisch oder unwirklich, psychologisch aufgebaut oder bis zum Marionettenhaften stilisiert, sie könne sich dramatisch entwickeln oder im Zuständlichen verharren, einen Schluss haben oder offen bleiben. (Kusenberg 1965, S. 35) Auch Walter Höllerer lehnt es ab, eine klar umrissene Definition der Kurzgeschichte zu geben und versucht vielmehr ihre Möglichkeiten aufzuzeigen. (Höllerer 1962)

Allerdings gibt es auch Untersuchungen der Kurzgeschichte, die eine Definition zum Ergebnis haben. Klaus Doderers 1953 veröffentlichte Dissertation „Die Kurzgeschichte in Deutschland“ (Nayhaus 1977, S. 78-81) war der erste unfassendere Versuch einer Bestimmung. Paul-Otto Gutmann untersuchte 170 deutsche Kurzgeschichten und kam in seiner 1970 veröffentlichten Arbeit „Erzählweisen in der deutschen Kurzgeschichte“ (Nayhaus 1977, S. 78-81) zu dem Ergebnis, dass es die Kurzgeschichte gibt.

1.2.2. Abgrenzung zur Erzählung, Novelle, Anekdote

Im Seminar wurden folgende Merkmale der deutschen Kurzgeschichte anhand von Arbeiten und Aufsätzen mehrerer Autoren zur Thematik erarbeitet: Während die Novelle und die Anekdote einem linearen Aufbau folgen und die Erzählung Ereignisse aneinander reiht, alle drei Erzählweisen einen Anfang und einem Schluss aufweisen, beginnt und endet die Kurzgeschichte unvermittelt offen, hat keinen chronologischen Aufbau und zeigt auch nicht eine Entwicklung des Themas auf. Vielmehr fixiert die Kurzgeschichte einen Augenblick, gewährt dem Leser für einen kurzen Moment daran teilzuhaben, um ihn dann unvermittelt zurückzulassen. Das Erzählen ist also auf eine Situation ausgerichtet. Es gibt auch keine Nebenhandlungen und der Leser muss sich oftmals mit Phantasie zuerst in die Erzählsituation einfinden, sie sich erst konstruieren.

1.2.3. Themen

Oft wird eine nachvollziehbare Alltagssituation beschrieben, ein kurzer Lebensabschnitt eines durchschnittlichen Lebens, der unvermittelt zu einer Wendung, einem Schicksalsbruch oder einer Verhaltensänderung des Protagonisten führt. Die Kurzgeschichte entwickelt sich dabei meist von der anfänglichen Belanglosigkeit hin zum wesentlichen, entscheidenden Ereignis, dem Wendepunkt, dem Kerngedanken, der oftmals bereits in der Überschrift symbolhaft angedeutet wird. Dabei steht nicht die Handlung, sondern vielmehr der durchschnittliche, nicht heldenhafte Mensch mit seinen Gefühlen, seinen Gedanken, seinem Verhalten, Tun und Erleben im Geschehen im Mittelpunkt des Erzählten.

1.2.4. Sprache und Erzählhaltung

Das, was erzählt wird, wird so beschrieben wie es ist, realistisch, ohne Verklärung und impliziter Interpretation. Die Sprache ist meist äußerst knapp, nüchtern, sachlich, oft nur andeutend gehalten. Sie reduziert sich auf das Wesentliche, ohne Schnörkelei, lang angelegten Beschreibungen von Details oder des Protagonisten. Dabei redet das „Schweigen“ und „weiße Stellen leisten mehr als Sprache“ (Handreichung). Durch das Verdichten der Sprache wird sie symbolhaft und so erhält jedes einzelne Wort besonderes Gewicht, ebenso wie jeder Satz und dessen Aussage die Geschichte auf den Wendepunkt hin treibt.

Elisabeth Langgässer führt dazu aus: „Wenn ein Mann auftaucht und zu sprechen anfängt, läßt er aus, was man eigentlich wissen müßte, um seinen Schmerz zu verstehen; und weil der Kurzgeschichtenerzähler wahrscheinlich einmal läuten gehört hat, daß die Kunst ein dauerndes Weglassen ist, läßt er nicht nur das Überflüssige fort, sondern zuletzt auch die Kunst.“ (Langgässer 1949, S. 13) Dabei greifen manche Autoren auch auf Alltagssprache, oder das jeweilige Jargon zurück, was die Realitätsnähe verstärkt und den Leser noch mehr in den beschriebenen Augenblick eintauchen lässt.

Dadurch, dass die Sprache sich auf das Wesentliche beschränkt, Beschreibungen kurz gehalten sind, der Protagonist nicht vorgegeben ist, sondern sich in und durch die Geschichte erst entwickelt, wird dem Leser Freiraum gegeben das Geschehen selbst zu interpretieren, mit seinen eigenen Erfahrungen in Beziehung zu setzen, sich vielleicht selbst darin wieder zu finden und sagen zu können „So war es!“, oder „So ist es!“.

Die Erzählhaltung in der Kurzgeschichte lässt sich nicht eindeutig bestimmen. Sie kann auktorial und berichtend sein, aber auch personal und kommentierend. Zuweilen kann der Autor auch eine partnerschaftliche Beziehung mit dem Leser eingehen, vermeidet aber stets den moralischen Zeigefinger zu heben und ist sich seiner Grenzen als Erzähler stets bewusst.

Das Geschehen und Personen werden dabei stets nur aus einem Blickwinkel beschrieben. Das Innenleben der Personen, außer das des Ich - Erzählers, bleibt dem Leser dabei verschlossen. Gefühle und Motive werden nur aufgrund von Handlungen sichtbar.

1.3. Ziele des Autors

Durch die zuvor beschriebenen Merkmale der Kurzgeschichte, dem unvermittelten Beginn und Schluss, der Fixierung eines Augenblicks, der Verallgemeinerbarkeit des Themas und der handelnden Personen, dem Erzählen auf einen entscheidenden Höhe- oder Wendepunkt zu, möchte die Kurzgeschichte provozieren, wachrütteln und zuweilen schockieren, wie noch in der Interpretation der Kurzgeschichte „Die drei dunklen Könige“ zu sehen sein wird.

Dabei kommt dem Höhe- oder Wendepunkt eine besondere Bedeutung zu, der sich oft am Schluss der Geschichte befindet und den Leser unvermittelt mit einer unerwarteten Wendung der Geschichte zurücklässt und durch diese unerwartete, zuweilen schockierende Wendung zwangsläufig zum Nachdenken anregt.

In der Kurzgeschichte der Nachkriegszeit beschäftigen sich die Autoren zumeist mit Erlebtem, Fragen und Problemen aus der Kriegs- und Nachkriegszeit, wodurch einmal Einsicht in die Verzweiflung über die Vergeblichkeit der menschlichen Abläufe in der Welt gegeben und das Vergessen und eine „Vogel-Strauss-Haltung“ verhindert werden soll.

Die Kurzgeschichte wird so als „Waffe“ gegen die bürgerliche Trägheit eingesetzt und ruft zum Hinterfragen von im 3. Reich anerzogenen Wert- und Moralvorstellungen auf, fordert zur Neubesinnung und Entwicklung einer eigenen Moral und Wertvorstellung des Lesers heraus.

2. Wolfgang Borchert

2.1. Biographie

Wolfgang Borchert wird am 20. Mai 1921 in Hamburg als einziges Kind von Fritz und Hertha Borchert geboren. Sein Vater Fritz Borchert war an der Volksschule Hamburg-Eppendorf Lehrer, seine Mutter Hertha Borchert, geborene Solchow, Heimatschriftstellerin.

1938 bricht Borchert mit einer 4 in Deutsch seine Schulausbildung an der Oberrealschule in Hamburg-Eppendorf ab und beginnt eine Ausbildung als Buchhändler. Ohne Wissen seiner Eltern nimmt er Schauspielunterricht, legt Ende 1940 vor einer Kommission der Reichstheaterkammer seine Schauspielerprüfung ab und nimmt im März 1941 ein Engagement an der Landesbühne Osthannover in Lüneburg an.

Die Zeit als Schauspieler, die Borchert rückblickend als die schönste Zeit seines Lebens bezeichnet, dauert nicht lange. Im Mai 1941 bekommt er seinen Einberufungsbescheid zur

3. Panzer-Nachrichten-Ersatz-Abteilung 81 in der Tannenbergkaserne in Weimar-Lützendorf. Nach einer Kriegsverletzung beim Einsatz an der Ostfront wird Borchert 1942 angeklagt versucht zu haben, sich der Wehrpflicht durch Selbstverstümmelung zu entziehen. Er wird aber freigesprochen, bleibt allerdings in Untersuchungshaft, denn es folgt eine Anklage wegen mündlicher und brieflicher Äußerungen „gegen Staat und Partei“. Die Staatsanwaltschaft beantragt „Tod durch Erschießen“. Borchert wird aber nur zu 6 Wochen Haft mit anschließender Frontbewehrung verurteilt, worauf er im Winter 1942 / 43 bei den schweren Kämpfen um Toropez als „Melder ohne Waffe“ eingesetzt wird.

1943 verschlechtert sich Borcherts allgemeiner Gesundheitszustand. Mit Erfrierungen an den Füßen und dem Verdacht auf Hepatitis wird er mehrmals in Frontlazarette eingeliefert und schließlich im September 1943 auf Heimaturlaub geschickt. Nach einem Aufenthalt im Harz kehrt er zurück nach Hamburg und tritt dort kurzzeitig im "Bronzekeller" als Kabarettist auf.

Zurück an der Front soll Borchert als dienstuntauglich eingestuft und einem Fronttheater zugewiesen werden. Doch einen Tag vor seiner Abkommandierung wird er von einem Stubenkameraden wegen politischer Witze denunziert. Unter anderem soll Borchert den Reichsminister Dr. Goebbels parodiert und lächerlich gemacht haben. Borchert wird angeklagt und zu 9 Monaten Haft in Berlin Moabit verurteilt. Im September 1944 wird er vorzeitig zur „Feindbewährung“ entlassen und gerät Anfang 1945 mit seiner Kompanie südlich des Mains in französische Kriegsgefangenschaft. Borchert kann fliehen und schlägt sich gezeichnet von seiner Krankheit auf einem 600 km langen Marsch nach Hamburg durch.

[...]

Details

Seiten
23
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638259965
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v22724
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule in Schwäbisch Gmünd – Institut für Sprache und Literatur
Note
1,5
Schlagworte
Kurzgeschichte Interpretation Könige Wolfgang Borchert Hauptseminar Nachkriegszeit“ Thema Die drei dunklen Könige

Autor

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