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Fonvizins "Nedorosl" und der Diskurs um Bildung und Erziehung in Russland um 1770-1780

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 21 Seiten

Russistik / Slavistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vorbemerkungen
2.1 Denis Ivanovič Fonvizin
2.2 Die Situation in Russland zur Entstehungszeit des „Nedorosl’“

3. Der „Nedorosl’“
3.1 Zum Stück allgemein
3.2 Zur Komödienhaftigkeit des Stückes
3.3 Erziehung und Bildung im „Nedorosl’“

4. Der Diskurs um Bildung und Erziehung
4.1 Die französische Aufklärungsbewegung
4.2 Rousseau
4.3 Locke
4.4 Daškova

5. Der Einfluss der Aufklärungsbewegung auf Fonvizins Werk

6. Schlussfolgerung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Nedorosl’“ ist eine Komödie in fünf Akten, die Denis Ivanovič Fonvizin im Jahre 1782 fertigstellte. Zu seiner Zeit war das Stück ein großer Erfolg und wurde zum Vorbild für viele andere Autoren. Nachdem es 170 Jahre lang nicht aufgeführt wurde, gehört es heute zum Standardrepertoire und ist vielfältig analysiert und beschrieben worden. Das literaturwissenschaftliche Interesse an „Nedorosl’“ liegt zum einen daran, dass dieses Drama in Fonvizins Werk eine zentrale Stellung einnimmt und nach Meinung vieler Literaturwissenschaftler den Höhepunkt seines Schaffens darstellt. Zum anderen hebt sich der „Nedorosl’“ deutlich von den bis dahin in Russland produzierten Komödien ab: Es werden nicht mehr nur einzelne Personen oder Charaktereigenschaften kritisiert, sondern die ganze Gesellschaft, bzw. ein bestimmter Stand, kritisch betrachtet. Außerdem verwendet Fonvizin einige Verfahren (z.B. sprechende Namen), die vorher nicht üblich waren.

In der vorliegenden Arbeit wird vor allem der Bezug des „Nedorosl’“ zum Diskurs um Bildung und Erziehung im Russland der 1770er-1780er Jahre untersucht. Es handelt sich hierbei also in erster Linie um eine geistesgeschichtliche Vorgehensweise, bei der das Werk in einen bestimmten „Zeitgeist“, also in die zu jener Zeit mit der nach Russland überschwappenden Aufklärungsbewegung verbundenen Vorstellungen über Bildung und Erziehung, eingeordnet wird. Ich halte es aber für sinnvoll, über die geistesgeschichtliche Einordnung hinaus auch die Biographie des Autors mit einzubeziehen, da sie mit Sicherheit Einfluss auf dessen spätere Ansichten über Bildung und Erziehung hat. Gleichzeitig kann die geistesgeschichtliche Betrachtung des Werkes nicht immer von der marxistischen Vorgehensweise abgegrenzt werden, aus der die meisten Analysen zu „Nedorosl’“ stammen. Diese Abgrenzung ist für das Ziel dieser Arbeit jedoch unerheblich.

Nachdem der Nedorosl’ kurz dargestellt und in den dramengeschichtlichen Kontext der Zeit und das Schaffen Denis Ivanovič Fonvizins eingeordnet wird, werden Passagen aus dem „Nedorosl’“, die das Thema Bildung und Erziehung besprechen, aufgezählt. Dann erfolgt der Nachweis, dass diese Fonvizins Meinung zu dem Thema darstellen. Anschließend wird der Diskurs der 1770-80er Jahre in Russland über Bildung und Erziehung erläutert und verschiedene Meinungen zu diesem Thema vorgestellt, die Fonvizins Meinung hierzu beeinflusst haben. Anschließend wird Fonvizins Werk in diesen Diskurs eingeordnet. Als Ergebnis dieser Einordnung soll nicht nur Aufschluss geben über Fonvizins Meinungen zur Bildung und Erziehung, sondern sie kann auch hilfreich für eine Einordnung der Persönlichkeit Fonvizin in die Aufklärung sein. Da insbesondere die marxistische Literaturwissenschaft meiner Meinung nach die fortschrittlichen Aspekte des Weltbildes Fonvizins überbetont, möchte ich am Schluss der Arbeit darlegen, dass diese vermeintlich fortschrittlichen Aussagen in Fonvizins Werk meiner Meinung nach eher seine Rückständigkeit als seine fortschrittliche Gesinnung beweisen.

2. Vorbemerkungen

2.1 Denis Ivanovič Fonvizin

Im Zusammenhang mit der Frage nach Fonvizins Meinung zu Bildungs- und Erziehungsfragen muss auch die Biographie Fonvizins selbst, insbesondere seine eigene Bildung und Erziehung, näher betrachtet werden. Hierfür ist vor allem die der „Nedorosl’“-Übersetzung von A. Bauch vorangestellte Biographie hilfreich. Bei dem Vergleich verschiedener Fonvizin-Biographien fällt auf, dass Autoren aus der Richtung der marxistischen Literaturwissenschaft Fonvizin als eher aus ärmlichen Verhältnissen kommend darstellen, wobei andere Autoren auf die adelige Abstammung seiner Familie hinweisen. Auch in Bezug auf Fonvizins Verhältnis zur Aufklärung gehen die Meinungen auseinander: Während marxistische Literaturwissenschaftler ihn grundsätzlich fortschrittlich und aufklärerisch sehen, stellen andere seine kritische Haltung gegenüber allem Ausländischen und seine autoritär geprägten Moralvorstellungen in den Vordergrund. Gründe hiervor liegen vor allem darin, dass in den Literaturwissenschaften der sozialistischen Staaten ein Autor oft nur dann analysiert werden durfte, wenn ihm fortschrittliche Einstellungen nachgesagt wurden. Wahrscheinlich ist dies auch die Ursache für die einseitige Hervorhebung der fortschrittlichen Aussagen im Werk Fonvizins.

Denis Ivanovič Fonvizin wurde am 14.04.1745 in Moskau geboren. Sein Vater war Offizier und trat später in den Staatsdienst über. Die Familie stammte aus einem alten livländischen Adelsgeschlecht („Von Wiesen“). Die Familie wird als nicht reich beschrieben, lebte aber in einem großen Haus mit mehreren Hausangestellten. Fonvizins Vater wird als streng und patriarchalisch, aber wahrheitsliebend und gerecht dargestellt (vgl. Fonvizin: 1957, 16). Er erzählte den Kindern aus der Bibel, brachte ihnen Lieder bei und erzählte Geschichten. Mit vier Jahren bekam der junge Fonvizin ein ABC-Buch und ein Psalter, den zu jener Zeit üblichen Text zum Lesen lernen. „Уже в четыре года Денис получил букварь и псалтыр, который был для многих поколений русских людей традиционной первой книгой для чтения“ (Stryček, 1994: 19). Als er lesen gelernt hatte, musste er zu Hause bei den Hausgottesdiensten aus der Bibel lesen. Dabei lernte er erstens gut Kirchenslawisch, was eine gute Voraussetzung für eine gute Beherrschung der russischen Sprache war. „Позже Фонвизин будет с благодарностью вспоминать, что с детства был приобщен к церковно-славянскому языку, без которого, как он считал, невозможно хорошо знать русский язык“ (Stryček, 1994: 19) Gleichzeitig wurde seine Fähigkeit, laut und deutlich zu lesen, gefördert. So las er später den „Nedorosl’“ zunächst seinen Freunden vor, bevor er aufgeführt wurde (vgl. Kočetkova, 1984: 147).

Ab 1755 besuchte Fonvizin als einer der ersten Schüler das Gymnasium der gerade erst gegründeten Moskauer Universität. Auch dies zeigt, wie viel Wert in seiner Familie auf eine gute Ausbildung gelegt wurde. 1762 begann er das Studium an der Universität, wo er erste Übersetzungen ausländischer Theaterstücke fertig stellte. Noch im selben Jahr bekam er eine Stelle im Kollegium für auswärtige Angelegenheiten. In dieser Zeit entstand sein erstes Stück, „Brigadir“. 1774 heiratete Fonvizin, über seine Frau ist aber nichts bekannt. 1777 und 1778 unternahm er Reisen nach Frankreich, Deutschland und Italien. Auf diesen Reisen begegnete er vielen europäischen Gelehrten und Philosophen. „Fonvizin affirme avoir rencontré et même souvent fréquenté presque toutes les lumières de la science et de la philosophie“ (Stryček, 1989: 74). Beinahe wäre Fonvizin auch Rousseau begegnet, dieser starb jedoch einige Tage vor dem vereinbarten Termin. Auf seinen Reisen begegnet Fonvizin den westeuropäischen Kulturen mit einem „ungenierten Überlegenheitsgefühl, das nichts mit der Selbstgewissheit adliger Gesinnung gemein hat und mit dem Toleranzgedanken der Aufklärung unvereinbar ist“ (Herrmann, 1992: 435). Er machte generalisierende und abwertende Aussagen über einzelne Völker. So schrieb er, dass „die Italiener alle voller Tücke und die gemeinsten Feiglinge“ seien (II, 533; F327, zitiert nach: Herrmann, 1992: 442). Deutlich war auch seine negative Einstellung gegenüber den Ideen der Aufklärung. So bezeichnet er das Ideal der Gleichheit als „invention de faux philosophes qui, par leurs raisonnements grandiloquents, ont amené les Français à ruiner le mode de gouvernement auquel la France devait sa grandeur“ (I, 200, zitiert nach: Stryček, 1989: 79/80)

1782 wurde seine Komödie «Nedorosl’“ in einem Petersburger Privathaus uraufgeführt. Im März 1783 folgte Fonvizin seinem Vorgesetzten in den Ruhestand. 1785 hatte er zwei Schlaganfälle. Am 1.12.1792 starb er.

Fonvizin hat also eine sehr gute Bildung genossen und hatte auch im europäischen Ausland Erfahrungen mit anderen Ansichten zu Bildung und Erziehung. Sein Verhältnis zur Aufklärung war widersprüchlich. Dies bemerkt auch Dagmar Hermann, die von einer „Widersprüchlichkeit seines persönlichen Wertgefüges“ spricht (Hermann, 1992: 436).

Auch eine geschichtliche Einordnung des Lebens Fonvizins ist wichtig für das Verständnis seiner Ansichten. So lebte er in der Regierungszeit Katharinas II., die durch die Fortsetzung der unter Peter dem Großen begonnenen und unter Elisabeth fortgeführten Öffnung Russlands nach Westen gekennzeichnet war. Fonvizin konnte Fremdsprachen erlernen, was ihm einen anderen Blick auf die russische Gesellschaft ermöglichte. Außerdem gab es eine Auseinandersetzung mit der Aufklärung, so dass er Kontakt zu aufklärerischem Gedankengut bekommen konnte. Gleichzeitig brachte der Kontakt mit der Aufklärungsbewegung soziale Spannungen mit sich, angesichts derer ihm die Rückständigkeit des russischen Adels umso gefährlicher erscheinen musste.

2.2 Die Situation in Russland zur Entstehungszeit des „Nedorosl’“

Bereits unter Peter I. waren ausländische Handwerker und Ingenieure ins Land geholt und erste Schulen gegründet worden. Diese waren aber noch hauptsächlich handwerklich und militärisch ausgerichtet (Artillerieschule, Schule für Mathematik und Navigationskunde). „Peter sorgte sich persönlich um die Beschaffung der notwendigsten Lehrmittel und um die Übersetzung geeigneter Schulbücher. Er verließ sich bei seinen Schulprojekten ganz auf den Sachverstand ausländischer Lehrer“ (Hösch, 1992: 163). Parallel dazu wurden seit 1714 in allen Gouvernements sogenannte „Ziffernschulen“ eingerichtet, die flächendeckend eine Elementarbildung der Bevölkerung gewährleisten sollten. Diese hatten aber nur mäßigen Erfolg. „In gleicher Weise blieben die Versuche mit einem auf den Erwerb von Fremdsprachen und klassischer Bildung ausgerichteten gymnasialen Schultyps in den Anfängen stecken“ (Hösch, 1992: 164).

In der Regierungszeit von Elisabeth I. (1741-1761) verstärkte sich vor allem der französische Einfluss.

„Случилось так, что Франция стала образцом светскости и общежития для русского общества именно в то время, когда французская литература получила особое направление. Это подготовленное при Елизавете общество и стало с жадностью усвоять новые идеи, какие тогда развивались в этой литературе; именно с половины XVIII в. во Франции стали появляться наиболее крупные произведения, оказавшие самое сильное действие на образованные умы Европы.“ (Ključevskij, o.J.).

In ihre Regierungszeit fiel auch die von Ivan Šuvalov angeregte Gründung der Moskauer Universität, der Elisabeth am 12.01.1755 zustimmte.

„Die sittliche Verpflichtung des Herrscheramtes zum Wohle der Untertanen war für Katharina eine bestimmende Handlungsanleitung.“ (Hösch, 1996: 184). So wurde am 05.05.1764 das Smol’nyj-Institut für adelige Mädchen neben dem gleichnamigen Frauenkloster in St. Petersburg gegründet. 1765 wurde diesem Institut eine sogenannte bürgerliche Abteilung für 240 nichtadelige Mädchen angegliedert. 1782 holte Katharina den serbischen Schulreformer Theodor I. Janković de Mirievo als Berater nach Russland. Dieser entwarf ein Schulprojekt, „das zumindest auf Gouvernements- und Bezirksebene elementare Ausbildungsmöglichkeiten nach einem einheitlichen Lehrplan anbieten sollte“ (ebd., 185), und welchem Katharina am 05.08.1786 zustimmte. Doch nützten diese Schulen, wenn überhaupt, nur dem Adel: Wegen fehlender Dorfschulen blieb der größte Teil der russischen Bauern Analphabeten und selbst im Adel war noch im 19. Jahrhundert der Anteil der Analphabeten vergleichsweise hoch. Der Nachwuchs des höheren Adels wurde zu Hause erzogen: „Der kurzfristig nicht zu behebende Rückstand des russischen Bildungswesens veranlasste viele Adelsfamilien, ausländische Hofmeister für die Erziehung ihrer Kinder zu engagieren. Die Lehrer kamen nicht nur aus verschiedenen Ländern, sondern auch aus den unterschiedlichsten Berufen.“ (Herrmann, 1992: 426, vgl. auch: Stryček, 1994: 18/19). Die Erzieher waren meistens Deutsche, unter Elisabeth I. Franzosen:

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Details

Seiten
21
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638259415
ISBN (Buch)
9783638901581
Dateigröße
612 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v22663
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Institut für Slawistik
Note
2,0
Schlagworte
Fonvizins Nedorosl Diskurs Bildung Erziehung Russland Hauptseminar Russische Komödie

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