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José Ortega y Gasset: Der Aufstand der Massen

Seminararbeit 2003 20 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Gliederung

A. Vorwort

B. Ortegas Massenmensch
I. Die Entstehung des Massenmenschen
II. Die Tatsache der Überfüllung
III. Die Analyse des Massenmenschen a) Der Massenmensch – ein Barbar
b) Die Barbarei des Spezialistentums.
VI. Ortegas Begriff der „Masse“

C. Ortegas Elitevorstellung
I. Theoretische Grunddefinition
II. AristokratieS
III. Legitimation

D. Nachwort

E. Literaturverzeichnis

A. Vorwort

Der 1883 in Madrid als Sohn einer Journalistenfamilie geborene José Ortega y Gasset war einer der großen europäischen Denker. Bereits durch seine Eltern wurden die Grundlagen für einige Besonderheiten seiner späteren literarischen und publizistischen Tätigkeit gelegt. Von 1906 bis 1910 studierte der spanische Philosoph in Deutschland und machte hautnahe Erfahrungen mit der aufstrebenden Nation, preußischem Adel und moderner Technokratie. 1911 übernahm er an der Universidad Central von Madrid einen Lehrstuhl für Metaphysik. Zu Beginn des spanischen Bürgerkriegs emigrierte Ortega nach Südamerika und kehrte erst 1949 nach Spanien zurück, wo er zusammen mit seinem Freund Julián Marias das Instituto de Humanidades gründete sowie die beiden Kulturzeitschriften „España“ und „Revista de Occidente“. Die intellektuelle Atmosphäre in Francos Spanien bereitete dem inzwischen international berühmten Philosophen erhebliche Schwierigkeiten. Der Aufenthalt in seiner Heimat war nur unter der Auflage möglich, sich künftig ausschließlich mit „kulturellen“ Themen zu beschäftigen. Ortega starb 1955 in Madrid[1].

1930 veröffentlichte José Ortega y Gasset sein epochales Werk, das ihn berühmt machen sollte: „La rebelión de las masas“ (Der Aufstand der Massen).

Ausgelöst durch die Weltwirtschaftskrise von 1929 waren die 30er Jahre eine Zeit der politischen und gesellschaftlichen Unsicherheit, für die dieses Buch mit Blick auf Europa eine kritische Bestandsaufnahme darstellt. Hauptadressat Ortegas darin verfasster Zeitdiagnose und Kulturkritik waren die jungen Republiken Europas auf dem Weg in die Diktatur: Deutschland vor dem Fall der Weimarer Republik und die spanische Demokratie vor ihrer Zerreisprobe, dem blutigen Bürgerkrieg.

Der hohen Nachfrage nach soziologischen und kulturphilosophischen Untersuchungen über neue Phänomene der Zeit wie Aufstieg und Verfall oder Masse und Individuum kam Ortega bestens entgegen. In seinem Werk „Der Aufstand der Massen“ steht die Analyse des modernen Massenmenschen im Mittelpunkt. Ortega beschreibt die zunehmende „Vermassung“ unserer Gesellschaft und entwickelt daraus eine aristokratische Kulturtheorie. Sein humanistischer Anspruch, basierend auf Kultur und Geschichte, seine psychoanalytische Definition des Massenmenschen, sowie sein Postulat der europäischen Integration der Zukunft machen das Werk zu einem Klassiker.

Zweck der vorliegenden Hausarbeit ist es, Ortegas Begriff der Masse herauszuarbeiten, und diesen in Kontrast zu seiner Elitevorstellung zu stellen. Weiterhin wird auf das Verhalten der Massen in Bezug auf Staat und Gesellschaft eingegangen. Darüber hinaus soll gezeigt werden, wie der spanische Philosoph seine Elitetheorie legitimiert.

Der erste Teil dieser Arbeit beschäftigt sich ausschließlich mit Ortegas Hypothesen über den modernen Massenmenschen. Als Vorraussetzung für die Analyse des neuen Massenmenschen ist es notwendig, sich zunächst auf die Entstehung der Masse zu konzentrieren. Schließlich wird versucht, Ortegas Begriff der Masse zu definieren.

Im zweiten Teil steht Ortegas Elitevorstellung im Mittelpunkt. Im Kontrast zur „Masse“ sollen v.a. die qualitativen Unterschiede der Elite gezeigt werden. Weiterhin widmet sich dieser Teil der Suche nach der Antwort: Wie begründet Ortega seine Elitevorstellung?

Im Nachwort sollen die Darstellungen bezüglich Masse und Elite noch einmal kurz zusammengefasst werden. Es wird kurz auf die Intention des Werkes „ Der Aufstand der Massen“ eingegangen und schließlich ein Ausblick der ortegianischen Philosophie gegeben.

B. Ortegas Massenmensch

Ortega teilt die Gesellschaft explizit in Masse und Minderheit(Elite) auf. Diese Unterscheidung bewegt sich allerdings weniger in quantitativer Kategorie „viele-wenige“, sondern vielmehr in einer qualitativen bzw. normativen Beziehung zwischen Masse und Elite. Ortega wagt - wie niemand zuvor - die Analyse des „Durchschnittsmenschen“, indem er mittels Psychogramm kollektive Persönlichkeitsmerkmale des modernen Massenmenschen skizziert. Zum Verständnis der Analyse der Masse ist es notwendig, zunächst die Basis für Ortegas Psychoanalyse zu bilden: die Entstehung des Massenmenschen. Es folgt eine historische Darstellung aus Sicht des Philosophen.

I. Die Entstehung des Massenmenschen

„Es ist in der Tat eine radikale Neuerung, die das 19. Jahrhundert im Schicksal der Menschheit heraufgeführt hat; in moralischer und sozialer Hinsicht hat es einen neuen Lebenshintergrund für das menschliche Dasein geschaffen. Drei Prinzipien machen die neue Welt möglich: die liberale Demokratie, die experimentelle Naturwissenschaft und der Industrialismus.“[2]

In diesem Zitat bringt Ortega auf den Punkt, was er Seite für Seite historisch zu belegen versucht. Die hohe kulturelle und technologische Entwicklung der Zivilisation bietet den Boden für die Entstehung der Masse. Konkret macht der spanische Philosoph die liberalen Prinzipien(Freiheit, Gleichheit) für die Emanzipation der Massen verantwortlich: Rechtsstaatlichkeit mit Garantie der Bürgerrechte räumt jedem Bürger eine gleichberechtigte und unabhängige Stellung innerhalb der Gesellschaft ein. Die Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts gewährt dem Volk Zugang zu politischen Ämtern und die Möglichkeit, die Machtverhältnisse neu zu strukturieren. Die Ablösung der Ständegesellschaft durch die Klassengesellschaft ermöglicht einen bisher ungeahnten Grad an vertikaler Mobilität und damit die Abschaffung sozialer Schranken. Die ökonomische Grundlage für die breite Masse sieht Ortega durch die Errungenschaften der modernen Technik verwirklicht: die industrielle Revolution erlaubt einer breiten Gesellschaftsschicht, dem Bürgertum, sich erstmals wirtschaftlich zu profilieren. Die Erhöhung des Lebensstandards führt weitgehend zu materieller Unbeschwertheit. Zur Situation des Proletariers meint Ortega: „Seit 1900 beginnt auch der Arbeiter sein Leben sicherer zu gestalten“.[3] Es sind eben diese „Rahmenbedingungen“, die Ortegas Massenmenschen möglich machen. Der Autor bezeichnet diese als „das Steigen des historischen Niveaus“[4], womit gemeint ist, dass dem einfachen Durchschnittsmenschen ein breites Spektrum an Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung offen stehen, welche zuvor nur für eine privilegierte Minderheit(Elite) reserviert waren.

Erwähnenswert ist an dieser Stelle Ortegas fundierte, historische Sichtweise des Phänomens der Massengesellschaft. John T. Graham, Universitätsprofessor in Kansas City, USA, preist die charakteristische Methode des spanischen Philosophen: „Such a philosophy of history was not like the speculative systems and sweeping interpretations of world history from Hegel and Marx to Spengler and Toynbee. This kind of philosophy of history was instead an interpretation of present or past as linked to a philosophical concept of existence, or life, and as tied to its time and the future it foresees.”[5]

II. Die Tatsache der Überfüllung

In seinem auf die Gegenwart bezogenen Kapitel „Die Tatsache der Überfüllung“[6] stellt sich Ortega y Gasset der empirischen Wirklichkeit der modernen Massengesellschaft. Ortega skizziert das Bild einer „überfüllten“ Gesellschaft am Anfang des 20. Jahrhunderts, welche angesichts Identität und Rollenverständnis eine neue Qualität aufweist.

Quantitativ trägt der spanische Denker der statistischen Tatsache Rechnung, dass sich die europäische Bevölkerung seit 1800 aufgrund des technisch-medizinischen Fortschritts beinahe verdreifacht habe.[7] Auf diesem Hintergrund erklärt sich die beschriebene Überfüllung der öffentlichen Institutionen(Theater, Restaurants, Kinos) von selbst. Interessanter ist die qualitative Beobachtung Ortegas über die Massen: „Sie sind im Besitz der von der Zivilisation geschaffenen Einrichtungen und Geräte“.[8] Ortega zieht das Fazit aus seiner empirischen Studie und stellt zwei grundlegende Thesen auf, die zentral für seine Theorie stehen:

1. Die Lebensmöglichkeiten, die heute den Massen offen stehen, decken sich zum großen Teil mit denen, die früher ausschließlich den Wenigen vorbehalten waren.
2. Gleichzeitig lassen sich die Massen von den Eliten nicht mehr führen, sie verweigern ihnen Gehorsam, Gefolgschaft, Respekt, sie tun sie ab und nehmen ihren Platz ein.[9]

Aufgrund des Drängens und der Teilhabe der Massen an den wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Errungenschaften, kommt es zu einer Veränderung der gesellschaftlichen und sozialen Struktur. „Der Aufstand der Massen“ ist gleichbedeutend mit der Fahnenflucht der Eliten. Die Gesellschaft besteht nicht mehr aus Elite und Masse, sondern nur noch aus Masse. Howard Tuttle wertet diesen Umstand folgendermaßen: „This new multitude is not a particular class, race, or sex in a polity, but a social average that crosses over all groups.“[10]

III. Die Analyse des Massenmenschen

“Wie ist der Massenmensch, der heute das öffentliche Leben, das politische und das nichtpolitische Leben beherrscht? Warum ist er, wie er ist?“[11]

Zur Klärung dieses Fragenkomplexes beginnt Ortega mit der Analyse des Massenmenschen und schafft das Negativbild der Masse schlechthin. Er durchleuchtet den Durchschnittsmenschen und entwickelt sein beeindruckendes Psychogramm der Massenseele. Dabei betont der spanische Philosoph zwei klassische Merkmale des Massenmenschen: „die ungehemmte Ausdehnung seiner Lebenswünsche und darum seiner Person; und die grundsätzliche Undankbarkeit gegen alles, was sein reibungsloses Dasein ermöglicht hat.“[12]

Zur Begründung der lasterhaften Charaktereigenschaften führt Ortega erneut - wie in Punkt I bereits dargestellt - die kulturellen und technischen Errungenschaften der Zivilisation auf, aus denen das neue Selbstverständnis der Masse resultiert. Ortega argumentiert: die Vollkommenheit der Lebensbedingungen, die das 20. Jahrhundert aufweist, bewirkt einen neuen Seelenzustand, der lediglich auf das eigene Wohlbefinden gerichtet ist. Der Massenmensch erlebt die Vorteile der modernen Welt als natürlich. Er wird in die neue Welt geboren und erlebt den Status Quo des hohen Niveaus als einen natürlichen Zustand. Selbstsicher muss er diesen Zustand weder erkämpfen noch mit großer Mühe aufrechterhalten. Verglichen mit den vergangenen Epochen steht dem Menschen der neuen Zeit ein Horizont an Möglichkeiten offen. Doch anstatt diese zu schätzen, beschränkt sich der Massenmensch darauf, „sie mit lauter Stimme zu fordern, als wären sie angeborene Rechte.“[13] Er ist Erbe einer genialen Vergangenheit, d. h. Nutznießer eines „passiven“ Eigentums, der hohen Kultur, zu deren Niveau er nicht beigetragen hat und um deren Fortbestand er sich nicht kümmern braucht: „the perfections of scientific industrialism and liberal democracy caused the masses to believe that their system was not organized and mantained by human excellence, but as a ´natural system´, free as the air. This has led to a contradictory situation, fort the masses are always concerned with their material well-being, but at the same time they remain alien or ignorant of the causes of that well-being.”[14]

Hinsichtlich der Maßlosigkeit ihrer Lebenserwartungen und –ansprüche schreibt Ortega der Masse das Gebaren eines Hätschelkindes zu, das keine Grenzen kennt: „Man kennt die beiden Züge aus der Psychologie des verwöhnten Kindes und wird in der Tat kaum fehlgehen, wenn man diese als Bezugssystem bei der Untersuchung der Massenseele benutzt.“[15]

[...]


[1] Vgl. Frauke Jung-Lindemann, „Zur Rezeption des Werkes von José Ortega y Gasset in den deutschsprachigen Ländern“ , S. 15 ff.

[2] Vgl. José Ortega y Gasset, „Aufstand der Massen“, S. 55 ff.

[3] Vgl. José Ortega y Gasset, „Aufstand der Massen“, S. 54

[4] Vgl. José Ortega y Gasset, „Aufstand der Massen“, Kap. 2

[5] Vgl. John T. Graham, „A pragmatist philosophy of life in Ortega y Gasset“. S. 270

[6] Vgl. José Ortega y Gasset, „Aufstand der Massen“, Kap. 1

[7] Vgl. José Ortega y Gasset, „Aufstand der Massen“, S. 48

[8] Vgl. José Ortega y Gasset, „Aufstand der Massen“, S. 6

[9] Vgl. José Ortega y Gasset, „Aufstand der Massen“, S. 214

[10] Vgl. Howard N. Tuttle, „The Crowd is Untruth“, S. 147

[11] Vgl. José Ortega y Gasset, „Aufstand der Massen“, S. 54

[12] Vgl. José Ortega y Gasset, „Aufstand der Massen“, S. 58

[13] Vgl. José Ortega y Gasset, „Aufstand der Massen“, S. 59

[14] Vgl. Howard N. Tuttle, „The Crowd is Untruth“, S. 149

[15] Vgl. José Ortega y Gasset, „Aufstand der Massen“, S. 58

Details

Seiten
20
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638258951
ISBN (Buch)
9783640190119
Dateigröße
626 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v22607
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Geschwister-Scholl-Institut (GSI)
Note
1
Schlagworte
José Ortega Gasset Aufstand Massen Eleitetheorien

Autor

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