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Wahrnehmungstraining - Voraussetzung für Kreativität?!

Seminararbeit 2001 31 Seiten

Psychologie - Allgemeine Psychologie

Leseprobe

GLIEDERUNG

1. Einleitung

2. Kreativität
2.1 Geschichte der Kreativität
2.2 Der Begriff Kreativität
2.3. Forschungsschwerpunkte
2.3.1. Das kreative Produkt
2.3.2. Der kreative Prozess
2.3.3. Die kreative Persönlichkeit
2.3.4. Umweltbedingungen
2.4. Kreativität und Gesellschaft

3. Wahrnehmung
3.1. Der Begriff Wahrnehmung
3.1.1. Allgemeines
3.1.2. Das Wahrnehmungssystem
3.1.2.1. Leistungen der einzelnen Analysatoren/ Rezeptoren
3.1.2.1.1. Der visuelle Analysator/ Rezeptor
3.1.2.1.2. Der auditive Analysator/ Rezeptor
3.1.2.1.3. Der taktil-kinästhetische oder haptische Analysator/ Rezeptor
3.1.3. Verschiedene Erklärungsansätze zur Wahrnehmung
3.1.4. Zusammenfassung zum Begriff Wahrnehmung
3.2. Abbilder
3.3. Klassische Wahrnehmungstheorie
3.4. Gestalttheorie
3.5. Derzeitiger Stand der Forschung

4. Noch einmal kurz der Zusammenhang von Kreativität und Wahrnehmung

5. Wahrnehmungstraining
5.1. Die Wege zur verbesserten Wahrnehmung
5.1.1. Worauf ist bei Trainingshilfen bei der Analyse von Informationen aus Bildern, Texten und Filmen etc. zu achten?
5.1.2. Beginnt die Wahrnehmung ganzheitlich oder setzt sie bei Details an?
5.1.3. Die Wahrnehmung wird über Auffälligkeiten gesteuert. Welche haben dabei Vorrang?
5.2. Die Umsetzung im Unterricht
5.2.1. Einige einfache Beispiele für den Unterricht
5.2.1.1. Zum Methodentraining
5.2.1.2. Zum Anwendungstraining
5.3. Didaktische Fragen, auf die ich keine Antworten habe, die aber interessante Ansätze für handlungsorientierte Aufgabenstellungen zur Informationsverarbeitung beinhalten.

6. Beispiel der Blinden bzw. Sehbehinderten
6.1. Prozess der visuellen Wahrnehmung
6.2. Die stimulierende Bedeutung des Sehens für den Prozess der Wahrnehmung
6.3. Zum Wahrnehmungsprozess bei Blinden
6.4. Ausgewählte Wahrnehmungsmöglichkeiten bei blinden Kindern
6.4.1. Taktil-kinästhetische Wahrnehmung
6.4.2. Tasten im Unterricht
6.4.2.1. Tasterziehung
6.4.2.1.1. Tastschulung
6.4.2.1.2. Tasten im Problemfeld der sozialen Kompetenz
6.4.3. Bedeutung der Sprache im Wahrnehmungsprozess
6.5. Förderung der Wahrnehmungsfähigkeiten
6.6. Wahrnehmungstraining mit Musik
6.6.1. Was versteht man unter Wahrnehmungstraining mit Musik
6.6.2. Wichtige Ziele
6.6.3. Zur Durchführung
6.6.4. Kinder beim Wahrnehmungstraining
6.6.5. Zur organisatorischen Durchführung
6.6.6. Allgemeines noch einmal zusammengefasst

7. Literatur

1. Einleitung

„ ... >>Kreativität<<. Es steckt noch voller Versprechungen. Jeder weiß es zu nutzen, keiner mag es entbehren, keiner kritisiert es. Es ist gleichermaßen beliebt bei Technikern und Umweltschützern, Wirtschaftsführern und Pädagogen, den schwarzen, roten, grünen und blau-gelben Parteien.“[1]

Kreativität wird so immer mehr zu einem vielseitig gebrauchten Modewort, weshalb eine eindeutige Bestimmung des Begriffes nur schwer möglich ist und oftmals zu „hohe Erwartungen an einen schwachen Begriff“[2] gestellt werden.

In dieser Arbeit soll erst einmal ganz kurz beleuchtet werden, was der Begriff Kreativität eigentlich meint. Dann soll auf eine sehr wichtige Grundlage der Kreativität, nämlich die Wahrnehmung, eingegangen werden. Diese wird etwas ausführlicher beschrieben und dann kurz der Zusammenhang zwischen Kreativität und Wahrnehmung erläutert.

Nachdem die Wichtigkeit der Wahrnehmung für den Prozess der Kreativität aufgezeigt wurde folgt der eigentliche Schwerpunkt dieser Arbeit, nämlich das Wahrnehmungstraining und seine bewusste und mit Sicherheit auch unbewusste Notwendigkeit für die Förderung der Kreativität.

2. Kreativität

2.1. Geschichte der Kreativität

Die Kreativitätsforschung hat bereits eine ziemlich beachtliche Tradition hinter sich. Ihren Anfang nahm sie mit Galtons Untersuchungen (1869, 1874) und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde sie in vereinzelten Arbeiten - wie von Dewey (1910), Duncker (1935), Hutchinson (1931), Maier (1930), Wallas (1926) und Wertheimer (1925, 1945) - fortgeführt, ehe sie sich nach dem 2. Welt­krieg als eigenständige psychologische Kreativitätsforschung etablierten konnte.

Insbesondere Guilfords klassischer Vortrag ,,Creativity“ vor der American Psychological As­sociation (1950) hat entscheidend zur Integration und Intensivierung der Forschungsbemühungen beigetragen, während der eigentliche Kreativitätsboom der 60er Jahre häufig, d.h. aber auch nicht unwiderspro­chen, auf den ,,Sputnikschock“ (1957) zurückgeführt wird.

2.2. Der Begriff Kreativität

Der Begriff Kreativität entstammt als terminus technicus dem Amerikanischen (,,creativity“) und, trotz seiner vielfältigen Verwendung, mangelt es ihm auch heute noch an einer allgemein akzeptierten inhaltlichen Präzisie­rung. In der psychologischen For­schung dient er vorwiegend zur Erfassung jener Persönlichkeitseigenschaften, die das Entwickeln neuer Ideen bzw. das Hervorbringen von Entdec­kungen und Erfindungen ermöglichen sollen.

2.3. Forschungsschwerpunkte

Mehrere verschiedene For­schungsansätze bildeten sich heraus. Sie charakterisierten nach Mooney (1958) und Rhodes (1961) vier Aspekte der Kreativität (die sog. 4 ,,P“s):

1. das kreative Produkt,
2. den kreativen Prozess,
3. die kreative Persönlichkeit und
4. die Umweltbedingungen (,,press“) für die Entste­hung von Kreativität

2.3.1. Das kreative Produkt

Als äußerst schwierig erscheint auch zur heutigen Zeit noch das kreative Produkts als solches zu identifizieren. Größten Teils besteht gerade einmal Übereinstimmung darin, den Neuheitsaspekt als notwendiges Charakteristikum des kreativen Produktes anzusehen. Jedoch die Frage, ob diese Neuheit objektiv (d. h. erstma­lig in der Menschheitsgeschichte) oder subjektiv (d. h. erstmalig für das Individuum oder für ein bestimmtes Bezugssystem) gegeben sein muss, wird be­reits kontrovers diskutiert.

Es wurde eine Vielzahl solcher Charakteristika teils vage, teils präzise formuliert. Die vorwiegend genannten Kriterien sind:[3]

- der Originalität,
- der Realitätsangepasstheit,
- des Wertes,
- der Brauchbar­keit oder
- der Wirkung des kreativen Produktes.

Letztend­lich scheiterten jedoch alle diese Bemühungen um einen allgemein akzeptierten Kriterienkatalog daran, dass solche Kriterien de facto nicht ob­jektivierbar sind, da sie stets auch auf aktuelle gesellschaftliche und kulturelle Gegebenheiten rekurrieren und folg­lich durch immanente normative Setzungen ge­kennzeichnet sind. Es gilt also, die Abhängigkeit vom Bezugssystem und die Vorläufigkeit der Urteilsdimensionen herauszu­stellen und den jeweiligen Bezugsrahmen zu ex­plizieren.

2.3.2. Der kreative Prozess

Bevorzugt wird der kreative Prozess als spezifi­scher Problemlösungsprozess diskutiert. Neuere Konzeptionen weisen einen erheblich grö­ßeren Differenzierungsgrad auf. Sie betonen als spezielles Kennzeichen des kreativen Pro­blemlösungsprozesses die nur vage Beschreibung des Endzustandes und/ oder das Nichtvorliegen des zur Problemlösung notwendigen Wissens und das Phänomen des Problem­entdeckens, das dem Pro­blemlösen vorgelagert ist.

Häufig wird der kreative Prozess in differenzierte Phasen unterteilt. In der Forschung hat sich allgemein eine der ältesten Unterteilungen durchgesetzt. Dabei handelt es sich um das Vier-Phasen-Schema. Der kreative Prozess wird in die folgenden vier Phasen eingeteilt:[4]

1. die Präpa­ration (das Problem wird bewusst, entsprechendes Wissen wird gesammelt)
2. die Inkubation (die ,,schöpferische Pause“, die un- bzw. vorbewusste Weiterverarbeitung),
3. die Illumination (der ,,plötzliche“ Einfall),
4. die Verifikation (die Lö­sungsbeurteilung).

Der Wert der hier versuchten näherungsweisen Strukturierung des komplexen Phänomens Kreativität liegt eher in der zentralen Aussage, den kreativen Prozess nicht als blitzartiges Ereignis, sondern als ein Zeit und Anstrengung erforderndes prozessuales Geschehen aufzufas­sen.

Das entscheidende Problem, welcher Art die Vorgänge sind, die den Übergang vom Nichtwissen zur kreativen Einsicht kennzeichnen, ist bisher nur ansatzweise erörtert worden.

2.3.3. Die kreative Persönlichkeit

Die kreative Persönlichkeit wurde mit Hilfe ver­schiedener Kriterien versucht zu identifizieren, wobei im großen und ganzen zwei Forschungsstrategien Anwendung fanden:[5]

- Zum einen erfolgte die Be­stimmung der Kreativität über Rating-Verfahren sowie über Produkt- bzw. Output-Krite­rien.
- Zum anderen wur­den anhand der Analyse des kreativen Produkts und des kreativen Prozesses spezielle kognitive Eigenschaften konzipiert und in entsprechende Tests umgesetzt.

Lediglich die assoziativen Verfahren und die di­vergenten Denktests fanden weitere Verbreitung.

Die Erfassung der Persönlichkeitsmerkmale von Personen, die als kreativ beurteilt galten, führte zu langen Ei­genschaftskatalogen, aber nicht zu eindeutigen Ergebnissen. Selbst die häufig übereinstimmend genannten Ei­genschaften der Dominanz, des Selbstvertrauens, der Autonomie und der Ambiguitätstolleranz (Ambiguität = Mehrdeutigkeit) las­sen aufgrund fehlender Kontrollen Alternativer­klärungen zu.

2.3.4. Umweltbedingungen

Bislang wurde der Einfluss der Umwelt auf die Kreativität mehr spärlich und selektiv thematisiert. Hauptsächlich ging es dabei um die Schaffung optimaler Be­dingungen für das Generieren kreativer Ideen. Man glaubte dies durch die Entwicklung spezifischer Kreativitätstechniken zu gewährleisten. Insbesondere im betriebswirtschaftlichen Schrifttum fanden sie eine begei­sterte Aufnahme.

2.4. Kreativität und Gesellschaft

Im Gegensatz zu der eher mangelhaft betriebenen Kreativitätsforschung sind in der BRD erstaunlich viele Bemühungen festzustellen, die Kreativität nicht nur gezielt zur selektiven Ideengenerierung einsetzen, son­dern ihr vor allem auch den privaten Bereich, spe­ziell die Freizeit, erschließen. Kreativität dient hier als größtenteils unbegründeter Wert zur Legitimation ästhetischer Erziehung und spezieller Freizeitge­staltung, z.B. im Sinne ,,kreativer“ Tätigkeiten (Malen, Töpfern etc.) um ihrer selbst Willen bzw. zur Gewährung von ,,Selbstverwirklichung“ in ei­nem der letzten erhaltenen Freiräume. Solch eine Auffassung von Kreativität, die letztendlich die Abkehr von den gesellschaftlichen Problemen und die Regression in eine anheimelnde Privat­sphäre impliziert, muss geradezu als Degradierung der Kreativität bezeichnet werden.

Kreativität ist, soweit sie ernst genommen wird, ein Phäno­men mit immenser gesellschaftlicher Relevanz. Sie hat sich dann nicht nur auf den Produktionsprozess, son­dern notwendigerweise auch auf die Produktions­verhältnisse zu beziehen. Daher müssen dem Indi­viduum im Arbeits- wie im Privatbereich Bedin­gungen geschaffen und geboten werden, die große Handlungs­freiräume (Aufgabenvielfalt, Entscheidungs-, Kontakt- und Qualifikationsmöglichkeiten), Au­tonomie, Partizipation, Initiative, Sicherheit und intrinsische Motivation (= Motivation, bedingt durch die von einer Aufgabe ausgehenden Anreize) gewährleisten bzw. er­möglichen. Nur unter diesen Gegebenheiten kön­nen kreative Prozesse optimal ablaufen.

Eine komplexe Analyse der gesell­schaftlichen und individuellen Bedingungen für die Erforschung und Entwicklung kreativer Ver­haltensweisen erscheint als dringend notwendig. Da­bei gilt es, integrative Ansätze zu konzipieren, welche die vereinzelten Forschungsfelder, z. B. auch die Kreativitätserziehung, mit einzube­ziehen und so Kreativität umfassend zu thematisieren.

3. Wahrnehmung

3.1. Der Begriff Wahrnehmung

3.1.1. Allgemeines

„Erwachsene leben in vielen Welten - der Welt der Wahrnehmung, der Vergangenheit und Zukunft, der Welt der Medien, ... “[6] Im Laufe der Menschheitsgeschichte haben so manche Wissenschaftler, die den verschie­densten Forschungsgebieten entstammen, versucht, den Wahrnehmungsbegriff zu erörtern, so dass die Fülle der Literatur über die Wahrnehmung mittlerweile unüberschaubar geworden ist. Die Entwicklung führt dazu, dass der Begriff der Wahrnehmung heutzutage immer öfter als ein Mo­dewort gebraucht wird und daher nicht hundertprozentig bestimmbar ist. Im all­gemeinen Sprachgebrauch versteht man unter „Wahrnehmung ein ganz­heitliches, unmittelbar sinnliches Abbild eines Gegenstandes der objektiven Realität bzw. die Aufnahme und Verarbeitung von Sinneseindrücken aus Umwelt- und Körperreizen unter dem Einfluss von Gedächtnisinhalten, Stimmungen, Gefühlen, Erwartungen und Denkprozessen.“[7]

3.1.2. Das Wahrnehmungssystem

Der Mensch besitzt ein Wahrnehmungssystem. Dieses vermittelt ihm Eindrücke und ermöglicht ihm die Wahrnehmung seiner Umwelt als lnformationsaufnahme und Informationsverarbeitung. Die­ses menschliche Wahrnehmungssystem kennzeichnet Gibson (1973) als Zusammenwirken des:

1. grundlegenden Orientierungssystems,
2. Gehörsystems,
3. haptischen (taktilen) Systems,
4. Geruchs- und Geschmackssystems,
5. Sehens als visuellem System.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[8]

Bei Benutzung der verschiedenen >>Eingangskanäle<< werden unterschiedliche Wahrnehmungsfelder im Gehirn beschäftigt. Von dort werden die Wahrnehmungen zu den über die ganze Großhirnrinde verteilten Assoziationsfeldern weitergeleitet, wo sie dann verarbeitet und erinnert werden. Die Erinnerung ist also nicht wie die Wahrnehmungsfelder lokalisiert. Wenn ein bestimmtes Wahrnehmungsfeld (etwa für das Sehen) ausfällt, ist damit auch die Aufnahme durch den betreffenden Eingangskanal gestört, nicht jedoch die Erinnerung an beispielsweise früher Gesehenes.

Den Lernstoff über möglichst viele Eingangskanäle anbieten, einprägen und verarbeiten, damit ist gemeint, dass mehr Assoziationsmöglichkeiten für das tiefere Verständnis vorgefunden werden je mehr Wahrnehmungsfelder im Gehirn beteiligt sind, desto größer werden auch Aufmerksamkeit und Lernmotivation, und desto eher findet man die gelernte Information wieder, wenn man sie braucht.

3.1.2.1. Leistungen der einzelnen Analysatoren/ Rezeptoren

3.1.2.1. Der visuelle Analysator/ Rezeptor

Mit Hilfe des Sehens können wir:

- Licht und seine Intensität,
- Farbe und Farbintensität,
- Größe und Größenverhältnisse,
- Raum und räumliche Beziehungen,
- Entfernung,
- Zweidimensionale und dreidimensionale Formen und Perspektivität,
- Bewegungen und Bewegungsrichtungen,
- Geschwindigkeit usw. wahrnehmen,
- Informationen über andere Menschen wie z.B.
- Blickkontakt,
- Mimik,
- Gestik,
- Körperhaltung und Körpersprache erhalten,
- Besser Kommunizieren und interagieren

3.1.2.1.2. Der auditive Analysator/ Rezeptor

Das Hören vermittelt Informationen über

- Klang, seine Intensität, seine Frequenz, seine Tonlage und seinen emotionalen Gehalt
- Entfernung
- Richtung – Bewegung und Geschwindigkeit

„Auditive Wahrnehmung ist im weiteren Sinne als die Fähigkeit, Hörphänomene aller Art zu verstehen.

- differenziert wahrzunehmen,
- sich vorzustellen,
- erlebnismäßig-emotional zu erfassen,:
- zu verbalisieren und
- selbst zu produzieren

3.1.2.1.3. Der taktil-kinästhetische oder haptische Analysator/ Rezeptor

Die taktile Wahrnehmungen erfolgen über die Hautsinne, d.h. den

- Drucksinn,
- Berührungssinn,
- Temperatursinn und
- Schmerzsinn

Die kinästhetische Wahrnehmungen erfolgen:

- unter Mitwirkung des statischen Sinnes, also des Gleichgewichtssinnes,

- durch das Bewegen von Körperteilen oder
- durch das Erfahren der Beziehungen zwischen den Körperteilen

Die Haptik, also das Bewegungstasten ist als Zusammenwirken von taktiler und kinästhetischer Wahrnehmung zu sehen.

3.1.3. Verschiedene Erklärungsansätze zur Wahrnehmung

Andere Autoren charakterisieren die Wahrnehmung ebenso als einen bedeut­samen Vorgang von Erleben der Umwelt, beim Erspüren des eigenen Kör­pers, beim Bewusstwerden der Identität. Dies erfolgt in erster Linie alles über die genannten Wahrnehmungssysteme. Dabei sehen sie die Wahrnehmung als einen Prozess an, der über die Eigenleistung des Körpers erfolgt und den Menschen zur aktiven Bewegung in seiner Umwelt motiviert.

Die Autorin S. Naville geht in ihren Untersuchungen zum Wahrneh­mungsprozess vom Ursprungswort ,,Wara neman“ aus. Im 16. Jahrhun­dert wurde dies im Sinne von Aufmerksamkeit, Acht, Obhut bzw. Aufsicht gebraucht. Sie beschreibt die Wahrnehmung in weiteren Ausführungen als das Ergebnis eines komplexen Verarbeitungs- und Lernprozesses. Dieser setzt sich aus einem aufnehmenden und verarbeitenden Erfahrungs-, Erkenntnis- und Entwicklungsprozess zusammen. Die Integration von Wahrnehmung, Denken, Handeln, Erinnern, Kombinieren und Antizipieren bewertet sie als menschliche Höchstleistung. Jeglicher Kontakt mit der Umwelt er­folgt über die Sinne - unsere Rezeptoren. Sie sind für uns, als spezialisierte Sinnes­organe, eine Empfangseinrichtung. Sie spricht auf alle Reize, die für jedes Organ abgestimmt sind an. Diese Reize werden in umgewandelter elektri­scher Energie von Nervenimpulsen in höhere Abschnitte des Gehirns wei­tergeleitet. Die Informationsverar­beitung folgt im weiteren Wahrnehmungsprozess über die sensorische Integration - die geordnete Verarbeitung aller wahrge­nommenen Sinneseindrücke und Empfindungen im Gehirn -, die durch Aktivitäten des Hirnstamms realisiert wird. In diesem Zusammenhang spricht man in der Forschung auch vom sogenannten ,,Neurolinguistischen Programmierungs­system“, da die Verarbeitung der Umweltinformationen über die Linguistik erfolgt und alle Gedanken versprachlicht werden. „Einige Autoren (Fröhlich) bewerten erst die zentrale Verarbeitung der Sinne im Nerven­system als die eigentliche Wahrnehmungsleistung. Die Unterscheidung zwi­schen der reinen Sinnesfunktion und zentraler Wahrnehmung ... ist proble­matisch, denn Reiz - Verschlüsselung (Codierung) - Informationsverarbeitung geschieht schon in der Peripherie, nicht nur bzw. nicht erst im Gehirn.“[9]

Der Autor T. Bower bezeichnet die Wahrnehmung und ihre Entwicklung als unmittelbaren Prozess, in dem der Mensch auf denjenigen Teil der Welt reagiert, der auf seine Sinnesrezeptoren einwirkt. Diese allgemeingültige Definition wird allerdings durch seine Ausführungen zur Entwicklung des Wahrnehmungssystems detailliert und mit Gedanken zur Ontogenese des Menschen erweitert. Im Verlauf der frühen Kindheit erfährt das Wahrnehmungssystem eines Neugeborenen zwar eine sehr rasche Entwicklung und es wird im­mer leistungsfähiger. Im Alter jedoch wird der Be­deutungsverlust auch wieder größer.

3.1.4. Zusammenfassung zum Begriff Wahrnehmung

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Wahrnehmung - vom Althochdeutschen wara neman abgeleitet, was bedeutet, einer Sache Aufmerksamkeit schenken - ein komplexer, multisensorischer Prozess ist, in dem Sinnesempfindungen, Gedächtnisinhalte, Interessen und Gefühle sowie Erwartungen zu entscheidungs- und handlungsverwertbaren Informationen organisiert werden, und der als Zusammenspiel von physikalischen Reizen, psychologischen und phy­siologischen Bedingungen verstanden werden muss. Sie ermög­licht die wirkungsvolle Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Um­welt, erfolgt stets über Eigenaktivität und ist eingebettet in die Gesamtheit des Menschen: Kognition, Emotion und Sprache.

Die Wahrnehmungspsychologie untersucht insbesondere die Zusammenhänge zwischen den physikalischen Eigenschaften eines Objekts, das wahrzunehmen ist, den physiologischen Bedingungen des Wahrnehmens und den Sinneserlebnissen, die beim Wahrnehmen auftreten. Die Wahrnehmungsförde­rung ist Aufgabe jeder Erziehung.

3.4. Abbilder

Es ist bekannt, dass die nicht organisierten, nackten Sinnesreize, die über das Auge, das Gehör, die Haut, die Nase und den Mund, also über die fünf Sinne aufgenommen werden, praktisch unmittelbar unbewusst so „korrigiert” werden, dass sogenannte Abbilder, d.h. verwertbare Erfahrungen, entstehen. Beispielsweise wird ein Auto, das auf einer Straße fährt, unabhängig von der Größe des Abbilds auf der Netzhaut des Betrachters so wahrgenommen, als habe es seine volle Größe. Ähnlich kann man einem musikalischen Thema auch durch ein Geflecht von Tönen und Rhythmen noch folgen, selbst wenn die Tonart häufig wechselt. Jedoch erschöpft sich die Wahrnehmung nicht in der Organisation unmittelbarer Sinnesempfindungen. Eher werden auch die Abbilder - damit sind die Abbilder gemeint, die durch frühere Erfahrungen entstanden sind - selbst so organisiert, dass sie die Genauigkeit und Geschwindigkeit der momentanen Wahrnehmung erhöhen.

- Unterperzeptualisierung – damit ist die Unfähigkeit der Organisation der Sinnesempfindungen gemeint – führt dazu, die Welt als Chaos zu erleben.
- Überperzeptualisierung – damit ist die überhöhte Organisation der Sinnesempfindungen gemeint, die zur Folge hat, dass Reize, die nicht ins Schema passen, ausgeschlossen werden oder dass Reize wahrgenommen werden, die nicht vorhanden sind – führt dazu, dass man die Welt depressiv erlebt (Depression) oder halluziniert (Halluzination).

Obwohl die Wahrnehmung für das Leben des Menschen fundamental ist, verbleiben die Wahrnehmungsvorgänge selbst weitgehend im Dunkeln, hauptsächlich aus zwei Gründen:[10]

- Bisher ist es den Wissenschaftlern nur unzureichend gelungen, die Wahrnehmung in analysierbare Einheiten zu zergliedern;
- Da die Erforschung der Wahrnehmung überwiegend von subjektiven und introspektiven Berichten abhängt, ist es schwierig, wissenschaftlich und empirisch haltbare Ergebnisse zu bekommen.

3.5. Klassische Wahrnehmungstheorie

Nach der von dem deutschen Physiologen und Physiker Hermann Ludwig Ferdinand von Helmholtz in der Mitte des 19.Jahrhunderts vertretenen klassischen Wahrnehmungstheorie verdankt sich die Wahrnehmungskonstanz der Fähigkeit des Menschen, seine vergangene Erfahrung kontinuierlich mit den gegenwärtigen Sinnesreizen synthetisch zu verbinden.

Das heranwachsende Kind erwirbt über die Sinne in kurzer Zeit eine Fülle spezifischer Assoziationen, die den physikalischen Eigenschaften der Objekte entsprechen. Diese Assoziationen werden automatisch vollzogen.

Die Vertreter der klassischen Wahrnehmungstheorie gingen davon aus, dass die meisten Abbilder durch die von ihnen so bezeichneten „unbewussten Schlussfolgerungen aus nichtbemerkten Empfindungen” entstehen.

3.6. Gestalttheorie

In der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts hatte die Gestaltpsychologie ihre Blütezeit. Nach dieser Theorie kann die Wahrnehmung nicht verstanden werden, indem man einzelne Empfindungen analysiert, vielmehr sind die im Gehirn verarbeiteten Konfigurationen als Ganzes, eben als die Gestalten, zu untersuchen. Aus dieser Sicht ist die eigentliche Wahrnehmungseinheit die Gestalt: eine geistig-seelische Struktur, deren Eigenschaften von der entsprechenden Struktur von Verarbeitungsvorgängen im Gehirn bestimmt werden. In gestaltpsychologischen Experimenten konnte gezeigt werden, dass die Wahrnehmung einer Gestalt nicht davon abhängt, dass deren einzelne Elemente wahrgenommen werden. Eine „quadratische” Gestalt kann sowohl in einer Figur aus vier roten Linien als auch in einer Figur aus vier schwarzen Punkten wahrgenommen werden. In vergleichbarer Weise wird Musik nicht als aus einzelnen Tönen von verschiedenen Instrumenten und Stimmen bestehend wahrgenommen, vielmehr ist die Wahrnehmung gesetzmäßig so organisiert, dass der Hörer von Anfang bis Ende eine einzige, organisierte Gestalt wahrnimmt.

Der Gestalttheorie sind einige wichtige Erkenntnisse über das Lernen und die Struktur kreativer Prozesse zu verdanken, jedoch waren die introspektiven Berichte, auf die sie zur Erklärung der Wahrnehmung angewiesen war, immer noch zu subjektiv und damit von begrenztem wissenschaftlichem Wert. Darüber hinaus wird die Existenz der „angeborenen physiologischen Vorgänge”, denen die Gestaltpsychologen die von ihnen postulierten Organisationsprinzipien zuschrieben, heute bezweifelt.

3.7. Derzeitiger Stand der Forschung

Heute sind sich die meisten Psychologen darin einig, dass eine dichotome (von einer Zweiteilung ausgehende) Herangehensweise wissenschaftlich nicht gut fundiert ist und die Erforschung der Wahrnehmung nicht voranbringt. Unter Rückgriff auf die klassische Wahrnehmungstheorie gehen sie davon aus, dass die Fähigkeit zur Wahrnehmung auf der Fähigkeit basiert, die gesamte Erfahrung zu organisieren. Durch viele Vorerfahrungen wird sozusagen das Lernen gelernt.

Erkenntnisse der Wahrnehmungspsychologie fließen heute vor allem in die benachbarten Disziplinen der kognitiven sowie der Werbepsychologie ein und sind außerdem ein unentbehrlicher Bestandteil der Ergonomie-Forschung.

[...]


[1] Zitat von Hartmut von Hentig (/20./ Seite 10)

[2] Titel des Buches von Hartmut von Henting (/20./)

[3] Aufteilung nach Wolfgang Meißner (/2./ Seite 367)

[4] Einteilung nach Wolfgang Meißner (/2./ Seite 368)

[5] Einteilung nach Wolfgang Meißner (/2./ Seite 368)

[6] Zitat aus einer Hausarbeit (/28./ Seite 6)

[7] Zitat aus einer Hausarbeit (/28./ Seite 6)

[8] Bild von Frederic Vester (/27./ Seite 23)

[9] Zitat von Lilli Nielsen (/28./ Seite 7 f.)

[10] Aus /22./

Details

Seiten
31
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638258678
Dateigröße
733 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v22572
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Psychologie
Note
gut - sehr gut
Schlagworte
Wahrnehmungstraining Voraussetzung Kreativität Erziehung

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