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Gegensätze und Widersprüche in Thomas Bernhards Werk 'An der Baumgrenze'

Seminararbeit 2003 16 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2.1 Autobiographische Momente im Text
2.2 Der Begriff Heimat
2.3 Suggestion von Exaktheit
2.4 Der Brief an die Verlobte
2.5 Die Rede des Geschwisterpaares
2.6 Krankheit
2.7 Mutmaßungen und Bewertungen beim Beobachten
2.8 Die Grenze im Allgemeinen

3. Schluss

Einleitung

Spätestens mit der Veröffentlichung seines ungewöhnlichen Prosawerkes Frost im Mai 1963 gilt Thomas Bernhard „ als eine der größten literarischen Begabungen der deutschsprachigen Literatur“1. Doch zugleich ist Thomas Bernhard auch einer der streitbarsten und umstrittensten Schriftsteller unserer Zeit.

Sein nur fünf Jahre nach Frost entstandenes Werk An der Baumgrenze, erschienen 1969 in dem Band Erzählungen, bildet den Mittelpunkt dieser Hausarbeit. In dem protokollarisch geschriebenen Text wird ein „ Gesetzesbruch“ suggeriert. Durch zahlreiche intertextuelle Verweise wird der Leser auf eine verbotene Geschwisterliebe hingewiesen, ohne jedoch jemals völlige Klarheit darüber zu erhalten. Vielmehr wird das Herausgefundene nur oberflächlich geschildert und weist bei näherer Betrachtung doch starke Ungereimtheiten auf.

Dennoch ist der Spürsinn des Lesers auf der Suche nach Beweisen, um den Verdacht zu erhärten, die ganze Zeit gefordert.

In dieser Ausarbeitung soll vor allem die Frage der verschiedenartigen Gegensätze in dem Text behandelt werden. Diese Gegensätze innerhalb des Textes, und die offensichtlichen Widersprüche die dadurch erzeugt werden, spielen eine zentrale Rolle. Denn gerade sie machen die Löchrigkeit des vermeintlichen Berichts deutlich. Somit lassen sie den Erzähler zunehmend unglaubwürdig erscheinen und konfrontieren den Leser mit weiteren Fragen, die aber aufgrund der Oberflächlichkeit unbeantwortet bleiben müssen.

Autobiographische Momente im Text

Sicherlich ist eine genaue Vorstellung des Autors, Thomas Bernhard, nicht mehr notwendig, da entscheidende Daten bereits im Seminar besprochen wurden. Dennoch scheint es mir angebracht, um ein besseres Textverständnis zu gewährleisten, einige Daten noch einmal zu wiederholen.

Thomas Bernhard wurde am 10. Februar 1931 in einem Kloster in Heerlen ( Holland) als Sohn der Herta Fabian geboren.

Seinen Vater, den Tischler Alois Zuckerstätter, lernte Bernhard nie kennen.

Die Kindheit verbrachte das uneheliche Kind bei seinem Großvater mütterlicherseits, Johannes Freumbichler. Gestorben ist Thomas Bernhard am 12.02.1989 in Gmunden, an den Folgen seiner langjährigen, unheilbaren Lungenkrankheit. Es gibt gewiß klassischere autobiographische Werke von Thomas Bernhard, in denen er die vielen Themenkomplexe seines Lebens ausführlich dargestellt hat. Einen ersten Höhepunkt bildete das 1975 erschienene Werk `Die Ursache`. Es folgten darauf zahlreiche weitere autobiographische Werke, in denen der Leser vor allem etwas über die Krankheitsgeschichte von Thomas Bernhard erfährt. Aber auch im Text An der Baumgrenze, stösst man des Öfteren auf Sinnzusammenhänge, die auch im Leben von Thomas Bernhard eine entscheidende Rolle spielten. Es ist daher anzunehmen, dass auch in diesen Text Daten und Fakten seiner Person mit eingebunden wurden.

Gerade im Bezug auf die Lungenkrankheit werden autobiographische Daten und durchaus auch Parallelen zum Leben von Thomas Bernhard sehr deutlich.

„Viele seiner erzählten Figuren haben eine Lungenerkrankung hinter sich, der Atem, die Lunge, die Luft, das Ersticken machen elementare Zeichen seiner Literatursprache aus“2. Damit wird auch im Text An der Baumgrenze ein typisches Motiv verarbeitet. Das immer wiederkehrende Phänomen der Krankheit „hängt wesentlich mit der frühen, über Jahre anhaltenden Krankheits- und Todeskonfrontation des jungen Bernhard zusammen“3. Auch in der eigenen Familie war er mit derartigen Themen konfrontiert. Seine Mutter und sein Großvater litten ebenfalls unter Lungenkrankheiten4.

Bernhard selbst litt unter einer schweren Lungentuberkulose, die er sich bereits 1949, aufgrund einer nassen Rippenfellentzündung, zugezogen hatte. Nach Aufenthalten im Salzburger Landeskrankenhaus und Sanatorien war er für längere Zeit u. a. in der Lungenheilstätte Grafenhof5.

Im Text An der Baumgrenze liegt die Frau des Inspektors ebenfalls in einer Heilstätte. Allerdings heißt sie hier „ Grabenhof “ ( Seite 182 ) und nicht Grafenhof.

Bernhard hat vermutlich Orte, die er selbst im Laufe seines Lebens aufgesucht hat, in seine Texte in abgewandelter Form eingebaut.

Diese Wortveränderung hat er um das Element des Todes erweitert. Grab steht hierbei für die letzte Ruhestädte eines Menschen und insgesamt für den Tod. Er hat somit ein Paradox geschaffen - die Vorstellung von Heilung wird durch die „Heilstätte Grabenhof“ ( Seite 182 ) direkt mit dem Tod verbunden. Auch der Vater-Sohn-Konflikt in der Familie Wölser weist auf Thomas Bernhards eigene Erfahrungen im Leben hin. Er selbst hatte, während seiner Kindheit, Schwierigkeiten mit seinem Großvater mütterlicherseits, dem österreichischen Schriftsteller Johannes Freumbichler. Dieser hat viele Entscheidungen für den weiteren Werdegang von Thomas Bernhard getroffen6. Sicherlich besetzte er auch die leergebliebene Vaterstelle und war trotz der Meinungsverschiedenheiten Bernhards großes Vorbild.

„In der Familie Bernhard-Fabjan war er die unbedingte Autorität, der Herr des Worts“7. Im Text An der Baumgrenze stellt sich, vom Ich-Erzähler vermutet, nun ein ähnlicher Konflikt dar. „Daß der Sohn die Ansichten des Vaters, der Vater die Ansichten des Sohnes für unsinnig hält, daß sich der Vater gegen den Sohn, der Sohn gegen den Vater wehrt“ ( Seite 177 ).

Ein weiterer biographischer Hinweis kann in der Namensgebung der Personen gesehen werden. Alois Wölser ist die einzige Person im Text, die einen Namen erhält. „ Auch sein Paß war in dem Mantel. WÖLSER ALOIS, GEB. 27.1.1939 IN RETTENEGG, RETTENEGG BEI MÜRZZUSCHLAG, las ich“ ( Seite 183 ).

Sicherlich ist der Name nicht zufällig vom Autor gewählt worden. Vielmehr kommt der Verdacht auf, dass Bernhard hier bewußt den Namen seines Vaters gesetzt hat. Alois versucht, gleich Bernhards leiblichem Vater, der Verantwortung durch eine Flucht zu entkommen. Dieses Gefühl wird durch die Angaben der Wirtin weiter verstärkt. „Jetzt, nachdem der junge Mann schon um vier Uhr früh weggelaufen ist“ ( Seite 181) erzählt sie dem Erzähler.

Der Begriff Heimat Einen ersten Gegensatz stellt bereits die Schilderung der örtlichen Umgebung zu Beginn des Textes dar. Im ersten Moment denkt man vermutlich an einen Idyllischen Bergort, der, auch schon in der damaligen Zeit, von Touristen gerne bereist wird. Doch die Natur hat in dem Text ihre eigene, ganz besondere Bedeutung. Das Bild einer üblichen idyllischen Heimat in den Bergen Österreichs scheint auf den Kopf gestellt und in sich verdreht zu sein8. Statt einer Idylle erwartet den Leser immer wieder eine unwirkliche Vorstellung von Krankheit und Tod, die stets auf die Umgebung des Ortes Mühlbach gerichtet scheint.

Dies wird bereits zu Beginn des Textes angedeutet. Die beiden Fremden sind zugleich „über die Menschenlosigkeit, die hier herrsche, überrascht“ ( Seite 175 ). Auch dem Ich-Erzähler war bis dahin noch unbekannt, dass um diese Jahreszeit niemals Fremde nach Mühlbach kommen. Des Weiteren rät der Ich-Erzähler seiner Braut, „noch eine Weile, bis ich selbst mich in Mühlbach eingewöhnt habe, bei ihren Eltern auszuharren“ ( Seite 175). Verstärkt wird dieser erste Eindruck durch die Furcht der Braut vor dem Ort Mühlbach im Allgemeinen. Auf der nächsten Seite wird der Ich-Erzähler schließlich deutlicher. Im zweiten Versuch einen Brief an die Braut zu schreiben erklärt er ihr, „Mühlbach sei abgelegen“ ( Seite 176 ) und „für mich und für uns beide eine Strafe, eine Todesstrafe“( Seite 176 ).

Selbst wenn er versucht die Vorteile dieses Postens und eine für August in Aussicht gestellte Gehaltserhöhung seiner Braut mitzuteilen, kreisen seine Gedanken in Wirklichkeit doch um die Todesstrafe, „und was zu tun sei, um eines Tages wieder aus Mühlbach hinaus- und in das Tal und also zu den Menschen, in die Zivilisation hinunterzukommen“ ( Seite 176 ).

Auch nach der ausgiebigen Beobachtung der beiden Fremden stellt er sich die Frage,“ Wer geht nach Mühlbach, wenn er nicht gezwungen ist? “( Seite 179 ).

Die Wahl dieses abgelegenen Ortes hat durchaus etwas typisches in Bernhards Werken. „Weltentrückte und an Gefängnisse erinnernde Örtlichkeiten sind in starkem Maße auch in der Prosa Thomas Bernhards zu finden“9. Auch die Schilderung des Ortes und seiner Umgebung lässt sofort das Gefühl von Leere und absoluter Isolation aufkommen.

[...]


1 Zitiert nach: Höller, Hans, Thomas Bernhard, 6. Aufl., Hamburg: 2000, S. 68

2 Zitiert nach: Höller, Hans, Thomas Bernhard, 6. Aufl., Hamburg: 2000, S. 183

3 Zitiert nach: Kohlhage, Monika. Das Phänomen der Krankheit im Werk von Thomas Bernhard, Herzogenrath 1987, S.19

4 Vgl. Kohlhage, Monika. Das Phänomen der Krankheit im Werk von Thomas Bernhard, Herzogenrath 1987, S.29

5 Vgl. Höller, Hans, Thomas Bernhard, 6. Aufl., Hamburg: 2000, S. 128

6 Vgl. Höller, Hans, Thomas Bernhard, 6. Aufl., Hamburg: 2000, S. 40

7 Zitiert nach: Höller, Hans, Thomas Bernhard, 6. Aufl., Hamburg: 2000, S. 40

8 Vgl. Höller, Hans, Thomas Bernhard, 6. Aufl., Hamburg: 2000, S. 73

9 Zitiert nach: Steinmann, Siegfried. Sprache, Handlung, Wirklichkeit im deutschen Gegenwartsdrama, Frankfurt a.M. 1985, S. 109

Details

Seiten
16
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638258272
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v22524
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Fachbereich Erziehungswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Gegensätze Widersprüche Thomas Bernhards Werk Baumgrenze Proseminar Einführung Literaturwissenschaft Prosatexte Jahrhunderts

Autor

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