Lade Inhalt...

Angst in der Schule: Bullying

Seminararbeit 2003 21 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bullying
2.1 Was ist Bullying – Eine Definition
2.2 Die Subgruppen von Bullying
2.3 Prävalenzrate

3. Wie entsteht Bullying?
3.1 Lerntheorie
3.1.1 Operantes Konditionieren
3.1.2 Beobachtungslernen nach Bandura
3.2 Psychoanalyse
3.3 Instinkttheorie
3.4 FrustrationsAggressionsTheorie
3.5 Neuerer Forschungsstand

4. Schüler als Opfer
4.1 Charakteristik der Opfer
4.2 Folgen für die Opfer

5. Schüler als Täter
5.1 Charakteristik der Täter
5.2 Folgen für die Täter

6. Intervention und Prävention in verschiedenen Ländern
6.1 Interventionsprogramm nach Dan Olweus
6.2 ChildLine und Kidscape – Hilfe in Großbritannien

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

9. Internetquellen

10. Anhang

1. Einleitung

„Emma verlebte eine normale, glückliche Kindheit, bis sie [...] zu einer weiterführenden Schule wechselte. [...] Zunächst wurde sie von anderen Mädchen mit Schimpfwörtern bombardiert – Schlampe, blöde Kuh, Miststück und dergleichen. Doch schon bald wurden die anderen Kinder handgreiflich – ein Stoß, ein Tritt, ein Schubsen auf der Treppe, das zu einem Sturz führte. [...] Diese Situation setzte sich etwa zwei Jahre lang fort. [...] Emmas physische als auch ihre psychische Gesundheit litten beträchtlich. [...] Emma litt unter Ängsten und Schuldgefühlen, und die ganze Familie fühlte sich dadurch bedrückt und belastet. [...] Sie wurde so depressiv, dass ihre Eltern sich entschlossen, sie im Alter von vierzehn Jahren endgültig von der Schule zu nehmen. Jetzt, ein Jahr später, ist Emmas Selbstwertgefühl noch immer tief verletzt.[...]“[1]

Emmas Geschichte ist leider kein Einzelfall. In den letzten Jahren ist eine Form der Gewalt in der Schule in den Mittelpunkt des wissenschaftlichen Interesses gerückt. Diese Gewalt nennt man Bullying.

Die Erforschung dieses Phänomens setzte Ende der siebziger Jahre ein, nachdem Dan Olweus seine Ergebnisse zu diesem Thema veröffentlichte. In der deutschen Forschung fehlte lange Zeit eine Auseinandersetzung mit dem Thema Bullying. Daher kommt die Vielzahl der Literatur aus Skandinavien und Großbritannien sowie aus den USA. Sowohl Regierungen als auch Vereine stellen Hilfsprogramme, Informationsmaterial sowie Kindernotrufnummern bereit, um für Hilfe zu sorgen. Fast jede Schule, die mit diesem Problem konfrontiert wurde, hat, vor allem in Großbritannien, eine eigene Anti-Bullying-Campaign.

Im Gegensatz dazu, sind Kinder, die in Deutschland mit Bullying konfrontiert werden, auf sich allein gestellt.

Diese Hausarbeit beschäftigt sich zunächst mit der Definition von Bullying. Anschließend wird auf die verschiedenen Entstehungstheorien verwiesen. Zu betonen ist hierbei, dass nur wenig Literatur zur Verfügung stand, die sich mit der Entstehung von Bullying auf psychologischer Ebene befasste. Deshalb habe ich auf Theorien zur Aggressionsentstehung zurückgegriffen, die in jedem Fall auch mit dem Auftreten von Bullying verbunden sind. Weiterhin wird dann auf Schüler als Opfer bzw. als Täter eingegangen. Der nächste Teil der Hausarbeit befasst sich mit der Intervention und Prävention von Bullying. Den Schlussteil bildet ein Fazit.

2. Bullying

2.1 Was ist Bullying? – Eine Definition

Das Wort „Bullying“ ist abgeleitet von dem englischen Begriff „Bully“, was übersetzt soviel bedeutet wie „brutaler Mensch“ oder „Tyrann“.

Der Begriff Bullying wurde seit Beginn der spezifischen Bullying-Forschung Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre von zahlreichen Forschern definiert. Dabei hat sich jedoch weitgehend die ursprüngliche Definition von Dan Olweus durchgesetzt, auf die sich auch der Großteil aller Studien zum Thema bezieht.

Olweus definiert Bullying wie folgt: „Ein Schüler oder eine Schülerin ist Gewalt ausgesetzt oder wird gemobbt[2], wenn er oder sie wiederholt und über einen längeren Zeitraum den negativen Handlungen eines oder mehrere anderer Schüler oder Schülerinnen ausgesetzt ist."[3] Zu betonen ist bei dieser Definition die Forderung nach einem wiederholten Auftreten von Bullying über einen längeren Zeitraum an ein und derselben Person. Dadurch werden einmalige Attacken oder Attacken an variierenden Opfern nicht als Bullying definiert. Durch diese Langfristigkeit des Bullying werden stabile Täter-Opfer-Beziehungen hergestellt.

Zusätzlich besteht in Olweus Definition der Anspruch, dass ein Ungleichgewicht zwischen Täter und Opfer vorherrschen muss. Dieses kann entweder physisch oder aber psychologisch manifest sein.

Erwähnenswert ist auch noch, dass die Opfer die Attacken in keinster Weise provozieren, sondern meist nur zur falschen Zeit am falschen Ort sind.

2.2 Die Subgruppen von Bullying

Die verschiedenen Ausprägungen von Bullying werden in folgende Subgruppen unterteilt:

1. Verbale Attacken: Darunter versteht man Verhaltensweisen wie drohen, verspotten, hänseln und/oder beschimpfen.
2. Non-verbale Angriffe: Darunter fallen unter anderem der Ausschluss aus einer Gruppe, soziale Isolierung und/oder Entfremdung von Freunden sowie Verhaltensweisen wie Rufschädigung, Grimassen schneiden oder gemeine Zettel schreiben.
3. Physische Angriffe: Dazu zählt man Verhaltensweisen wie schlagen, treten, kneifen oder stoßen.[4]

Eine weitere Unterscheidung wird zwischen direktem und indirektem Bullying getroffen. Direktes Bullying meint relativ offene und dadurch auch leichter zu erkennende Angriffe, die häufig physischer oder verbaler Art sind.

Indirektes Bullying besteht vorwiegend aus non-verbalen Angriffen, die nicht leicht zu erkennen sind, da es sich hierbei um subtile Mechanismen handelt, wie z.B. soziale Isolation. Beobachtungen und Studien haben ergeben, dass Jungen beim Bullying ihrer Mitschüler eher zu direkten Attacken neigen, während Mädchen indirektes Bullying bevorzugen.[5]

2.3 Prävalenzrate

Auffällig ist beim Phänomen Bullying die sehr hohe Varianz des angegebenen Vorkommens von Bullying in der Literatur und auch im Internet. Diese reicht in etwa von 3% bis 89%.[6]

Sie entsteht vermutlich durch Faktoren wie z.B. unterschiedliche Methoden (Selbstreport, Fremdreport, Fragebögen), verschiedene Beobachtungszeitspannen und vor allem unterschiedliche zugrunde gelegte Definitionen von Bullying. Ebenso könnten nationale Unterschiede durch die Bekanntheit des Konzeptes in der jeweiligen Kultur und durch Unterschiede im öffentlichen Bewusstsein begründet werden.

In der so genannten Bielefelder Studie von Klaus-Jürgen Tillmann u. a. von 1999 gaben 27,5% der 855 Schüler an, in den letzten 12 Monaten „eine Schlägerei mitgemacht und dabei jemanden zusammengeschlagen oder arg zugerichtet“[7] zu haben. 41,9% gaben sogar an, „einer Bande an[zu]gehören, in der manche unerlaubte „Dinge gedreht“ werden.“[8] Diese hohen Zahlen sprechen für sich.

3. Wie entsteht Bullying?

Bullying wird in der Psychologie als eine Subform von Aggression eingeordnet.

Meiner Meinung nach gehört Bullying zum Bereich der destruktiven Aggression, was bedeuten würde, dass Aggression eingesetzt wird, um Spannungen zu reduzieren, aus Langeweile oder als Folge früher oder gegenwärtig erlittener Frustrationen und Verletzungen. Aus diesen Gründen werden Mitschüler gequält, gekränkt und verletzt.

Es gibt viele verschiedene Erklärungsansätze, von denen hier folgende vier vorgestellt werden sollen:

1. Lerntheorie
2. Psychoanalyse
3. Instinkttheorie
4. Frustrations-Aggressions-Theorie

3.1 Lerntheorie

3.1.1 Operante Konditionierung

Vereinfacht ausgedrückt kann Aggression, und damit Bullying, durch operantes Konditionieren gelernt werden.

Beim operanten Konditionieren erfolgt Lernen durch spezielle Konsequenzen, die auf eine Reaktion folgen. Bestehen diese Konsequenzen aus einer direkten oder indirekten Belohnung, wird die Reaktion wiederholt.

Im Fall der Aggression bzw. des Bullyings wird diese Reaktion also gezeigt, weil sie eine Belohnung nach sich zieht, zum Beispiel eine Erhöhung des eigenen Selbstwertgefühls oder Anerkennung bei Gleichaltrigen.

3.1.2 Beobachtungslernen nach Bandura

Nach Albert Bandura ist es möglich, durch stellvertretende Verstärkung zu lernen. Reale oder mediale Vorbilder motivieren Kinder und Jugendliche zur Nachahmung. Je positiver die Konsequenzen für die Vorbildperson sind, desto mehr steigt die Wahrscheinlichkeit der Nachahmung.

Die wichtigste Studie Banduras zur Aggressionsentwicklung sind die so genannten „Bobo doll studies“:

Vorschulkinder wurden in vier Gruppen eingeteilt.

Gruppe 1 beobachtete einen aggressiven Erwachsenen, der eine Bobo Doll (Puppe, die mit Luft gefüllt und mit einem Gewicht beschwert ist, so dass sie bei Berührung vor und zurück schwingt.) misshandelte.

Gruppe 2 beobachtete den gleichen Erwachsenen bei denselben Handlungen in einem Film.

Gruppe 3 beobachtete eine als Katze verkleidete Figur mit demselben aggressiven Verhalten.

Gruppe 4 diente als Kontrollgruppe ohne jegliche Form von aggressivem Verhalten.

Danach wurden die Gruppen in einen Raum gebracht, in dem sich die Bobo Doll befand.

Banduras Ergebnisse besagen, dass die Gruppen 1-3 doppelt so viele aggressive Akte zeigten wie die Kontrollgruppe.[9]

Daraus lässt sich die wichtige Rolle des Beobachtungslernens bei der Entstehung von Aggressivität ableiten.

Dieses Lernen am Modell geschieht im Alltag vor allem in der Familie und durch Medien.

3.2 Psychoanalyse

Der psychoanalytische Ansatz nach Siegmund Freud sieht Aggression als angeborenes Verhalten an.

Die duale Triebtheorie besteht aus dem Lebenstrieb (Eros) und dem Todestrieb (Thanatos). Für die Erklärung von Aggression ist der Todestrieb der entscheidende Faktor. Er hat als Ziel die Zurückführung des Lebens in einen anorganischen Zustand, also dessen Vernichtung.

Er äußert sich entweder als Aggression gegen die eigene Person oder aber als Aggression gegen andere Personen.

Aggression ist also die Ableitung von Trieben an die Außenwelt.[10]

3.3 Instinkttheorie

Die ethologische Instinkttheorie nach Konrad Lorenz nimmt an, dass jeder Mensch einen angeborenen Trieb besitzt, der ihn dazu bringt, Aggressionen gegen seine Mitmenschen zu entwickeln. Im Organismus wird demnach ständig aggressive Energie erzeugt, die sich so lange staut, bis sie eine bestimmt Schwelle überschreitet und sich in aggressiven Handlungen entlädt.[11]

3.4 Frustrations-Aggressions-Theorie

Die ursprüngliche Aussage der Frustrations-Aggressions-Theorie nach Dollard, Doob, Miller, Mowrer und Sears war, dass auf eine Frustration immer eine Aggression erfolge.

Wird also die Erreichung gesetzter Ziele gestört, entsteht eine Frustration, die ihrerseits zu Aggression führt. Diese Aggression muss sich jedoch nicht gegen die Frustrationsquelle richten, sondern kann sich auch auf einen „Sündenbock“ verschieben.

Die These, dass auf eine Frustration immer eine Aggression folgen muss, ist mittlerweile widerlegt. Allerdings kann auf eine Frustration oft eine Aggression folgen.[12]

3.5 Neuerer Forschungsstand

Nach dem gegenwärtigem Stand der Aggressionsforschung lässt sich behaupten, dass es kein einheitliches Theoriemodell für Aggressionen und Bullying von Kindern und Jugendlichen gibt. Vielmehr spricht man heute von einem multifaktoriellen Bedingungsansatz.[13]

Als Hauptquellen für die Entwicklung von Aggressionen und Bullying gelten Familie, Gesellschaft und Schule.

So ist zum Beispiel nachgewiesen worden, dass „physisch aggressive Kinder [...] häufig selbst Gewalterfahrungen in ihren Familien gemacht [haben]“[14].

4. Schüler als Opfer

4.1 Charakteristik der Opfer

Nach Olweus weisen Bullying-Opfer meist eines oder mehrere der im Folgenden genannten Merkmale bzw. Verhaltensweisen auf.

Schüler, die Opfer von Bullying sind, können oft als vorsichtig, zurückgezogen, sensibel und passiv beschrieben werden. Da sie stets physisch oder psychisch schwächer sind als ihre Gegner, setzen sie sich entweder gar nicht oder nur gering zur Wehr.

Opfer von Bullying machen sich häufig selbst für ihre Situation verantwortlich. Sie haben meist ein negatives Selbstbild und wenig Selbstbewusstsein und erleben sich als uninteressant und nutzlos.[15]

[...]


[1] Lawson, Sarah; Treibjagd auf dem Schulhof, Oesch Verlag, Zürich, 1996, S. 9-15

[2] Anmerkung: Die Autoren dieses Buches haben sich entschieden den, im Englischen verwendeten Begriff Bullying durch einen im Deutschen leichter verständlichen Begriff, nämlich Mobben, zu ersetzen. Nachzulesen in: Olweus, Dan; Gewalt in der Schule: Was Lehrer und Eltern wissen sollten - und tun können, Verlag Hans Huber, Bern, 1996, S.11

[3] Olweus, Dan; Gewalt in der Schule: Was Lehrer und Eltern wissen sollten - und tun können, Verlag Hans Huber, Bern, 1996, S.22

[4] Holtappels, Heinz-Günther; Heitmeyer, Wilhelm; Melzer, Wolfgang; Tillmann, Klaus-Jürgen (Hrsg.); Forschung über Gewalt an Schulen; Juventa Verlag, München, 1999, S.300

[5] Lawson, Sarah; Treibjagd auf dem Schulhof; Oesch Verlag; Zürich, 1996; S.32-33

[6] http://www.student-online.net/Publikationen/126/, 28.8.2003, 9:14

[7] Holtappels, Heinz-Günther; Heitmeyer, Wilhelm; Melzer, Wolfgang; Tillmann, Klaus-Jürgen (Hrsg.); Forschung über Gewalt an Schulen; Juventa Verlag, München, 1999, S.23

[8] Holtappels, Heinz-Günther; Heitmeyer, Wilhelm; Melzer, Wolfgang; Tillmann, Klaus-Jürgen (Hrsg.); Forschung über Gewalt an Schulen; Juventa Verlag, München, 1999, S.23

[9] http://www.stangl-taller.at/ARBEITSBLAETTER/LERNEN/Modelllernen.shtml, 28.8.2003; 13:31

[10] http://www.hausarbeiten.de/ , 28.8.2003, 15:58

[11] Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg, Aktiv gegen Gewalt, Schwabenverlag, Stuttgart, 2003, S.19

[12] Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg, Aktiv gegen Gewalt, Schwabenverlag, Stuttgart, 2003, S.20

[13] Bäuerle, Siegfried, Moll-Strobel, Helgard, Reinert, Gerd-Bodo, Wehr, Helmut; Gewalt in der Schule; Auer Verlag GmbH, Donauwörth, 1999, S.17

[14] http://www.das-parlament.de/2000/19_20/Beilage/2000_19_20_005_1140.html#top, 28.8.2003, 17:43

[15] Olweus, Dan; Gewalt in der Schule: Was Lehrer und Eltern wissen sollten - und tun können, Verlag Hans Huber, Bern, 1996, S.42

Details

Seiten
21
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638258265
ISBN (Buch)
9783638813525
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v22523
Institution / Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta – Institut für Erziehungswissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Angst Schule Bullying Seminar

Autor

Zurück

Titel: Angst in der Schule: Bullying