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Die Enttabuisierung der Vertreibung in den Medien nd die damit verbundene Gefahr der Relativierung

Seminararbeit 2003 14 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Die Vertreibung in den Medien und in der Öffentlichkeit vom Ende des 2. Weltkrieges an bis zum heutigen Datum

2.1 SBZ/DDR
2.2 Bundesrepublik Deutschland
2.3 Die Zeit nach 1989

3 Aktuelle Mediendebatte
3.1 Augenscheinliche Erleichterung
3.2 Tendenzielle Berichterstattung aus Opfersicht
3.3 Kritische Stimmen

4 Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit untersucht das in der deutschen Medienöffentlichkeit neu entfachte Interesse an der Vertreibung der Deutschen, das mit der Veröffentlichung von Günter Grass‘ Novelle „Im Krebsgang“[1] im Frühjahr 2002, die den Untergang der Wilhelm Gustloff schildert, einsetzte. Im Besonderen wird die unterschiedliche Behandlung, die die Thematik in den beiden deutschen Staaten in der Zeit vom Ende des Zweiten Weltkrieges an sowohl auf der politischen als auch der öffentlichen Ebene erfahren hat, betrachtet, um den Wandel von dem Tabuthema „Vertreibung“ zu einer zentralen Thematik in den öffentlichen Medien zu verfolgen.

Die Untersuchung der damit verbundenen Gefahr der Relativierung der damaligen Geschehnisse und deren unterschiedliche Interpretation in den diversen öffentlichen Medien soll verdeutlichen, dass die Diskussion des Themas und dessen Verständnis erst am Anfang steht und noch sehr viel Aufklärungsarbeit nötig ist.

Die Opferperspektive, aus der die Öffentlichkeit auch sechzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges das Thema angeht, spricht den Bemühungen und den bereits erzielten Forschungsergebnissen von Wissenschaftlern und Historikern Hohn. Die Forschung ist seit geraumer Zeit, nicht zuletzt auch dank des internationalen Dialogs mit Wissenschaftlern aus den „Vertreiberstaaten“ dazu übergegangen, das Vertrei­bungsgeschehen in einen gesamteuropäischen Kontext zu stellen und vor seinem historischen Hintergrund einzuordnen.

Das Vertreibungsgeschehen in der Öffentlichkeit aber wird immer noch isoliert be­trachtet und lässt das Aktions-Reaktions-Schema außer acht[2], das zu den Ereignissen geführt hat, die Behandlung des Themenkomplexes setzt meist erst mit dem Jahre 1945 ein[3].

Die Kluft zwischen Öffentlichkeit und Forschung kann gut an der Auseinanderset­zung über das Errichten eines „Zentrums gegen Vertreibung“ verfolgt werden, die im Rahmen dieser Arbeit ebenfalls angeschnitten wird.

2 Die Vertreibung in den Medien und in der Öffentlichkeit vom Ende des 2. Weltkrieges an bis zum heutigen Datum

Die Entwicklung der Vertriebenenpolitik und die damit verbundene Behandlung des Themenbereiches in der Öffentlichkeit während der Nachkriegszeit gestaltete sich in den beiden deutschen Staaten auf höchst unterschiedliche Art und Weise, wobei eine gemeinsame Zielsetzung dieser Politik in beiden Teilen auszumachen ist: die soziale und wirtschaftliche Integration all derjenigen, die ihre Heimat östlich von Oder und Neiße, im Sudetenland und in den Siedlungsgebieten in Mittel-, Ost- und Südosteu­ropa aufgeben mussten und gezwungen waren, in die verbleibendenden, von den Alliierten besetzten Gebiete Deutschlands überzusiedeln. Einhergehend mit der Durchsetzung dieser Ziele setzte die Tabuisierung des Vertriebenenthemas ein. Wie diese „- im Osten abrupte und massive, im Westen allmähliche und nie ganz voll­ständige - Tabuisierung der Vertreibungserfahrung“[4] sich im einzelnen vollzog, soll im Nachfolgenden näher erläutert werden. Als Ausgangspunkt eignet sich hierbei das 1946 von den Alliierten erlassene Koalitionsverbot für Vertriebene.

2.1 SBZ/DDR

Im Gegensatz zur Bundesrepublik gab es seit 1945 in der SBZ bereits eine von den Sowjets auferlegte Verordnung, eine offizielle Sprachregelung, die den Begriff des Vertriebenen durch den des „Umsiedlers“ ersetzte. Die Gründe hierfür sind wohl in der Tatsache zu suchen, dass diese neue Begrifflichkeit „das erfolgte und noch erfol­gende Geschehen von Flucht (vor der Roten Armee) und Vertreibung (aus dem so­wjetischen Machtbereich Osteuropas) gezielt verharmloste, einseitig deutete und politisch rechtfertigte“[5]. Alsbald wurde dann auch dieser Begriff aus dem allgemei­nen Sprachschatz verbannt, was ein von offizieller Seite her völliges Totschweigen der Thematik zur Folge hatte und die endgültige Tabuisierung des Geschehenen in die­sem Teil Deutschlands besiegelte.[6]

Die politische Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze im Jahr 1950 durch die Regie­rung der DDR im Rahmen des Görlitzer Vertrages setzte einen weiteren finalen Strich unter die Vertriebenenproblematik. Einzig der materielle Ausgleich für die Vertriebenen, der im DDR-Umsiedlergesetz von 1950 vorgesehen war und sich aber letztendlich auf eine Kreditgewährung für die Vertriebenen reduziert sah, zeugte von offizieller Seite für das Existieren des Tatbestandes der Vertreibung.[7] Schließlich je­doch strich „die DDR das Vertriebenenproblem Mitte der fünfziger Jahre von der Agenda“[8] und bediente sich des Themas zu Propagandazwecken während des Kalten Krieges, indem sie die Vertriebenen im Westen Deutschlands mit ihren Forderungen als „Revanchisten“ bezeichnete. Dass damit allerdings die Problematik für die Bevöl­kerung nicht aus der Welt geschaffen war, davon zeugt nicht zuletzt auch die literari­sche Verarbeitung des Geschehenen, wie z. B. das Theaterstück von Heiner Müller, „Die Umsiedlerin“, dessen Aufführung jedoch bis Ende der siebziger Jahre verboten war und auch dann nur „unter dem unverfänglichen Titel ‚die Bauern‘ öffentlich auf­geführt“[9] werden durfte.

[...]


[1] Grass, Günter, Im Krebsgang, Göttingen, 2002

[2] Vgl. Hans-Ulrich Wehler, Die Debatte wirkt befreiend, Spiegel Special 2/2002, S.20

[3] Vgl. Philipp Ther, Erinnern oder aufklären, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 1/2003, S. 38

[4] Michael Schwartz, Vertreibung und Vergangenheitspolitik, in: Deutschland Archiv Nr. 2, März/April 1997, S. 194

[5] Ebd., S. 183

[6] Dies gelang jedoch nicht in völligem Maße, da es aus rein praktischen Gründen – auch auf verwaltungstechnischer Ebene – nicht möglich war, den Begriff des „Umsiedlers“ zu umgehen, so dass im weiteren von „ehemaligen Umsiedlern“ gesprochen wurde. Vgl. hierzu Michael Schwartz, Vertreibung und Vergangenheitspolitik, in: Deutschland Archiv Nr. 2, März/April 1997, S. 183

[7] Näheres zu dem „Kreditcharakter“ des DDR-Umsiedlergesetzes findet sich bei Michael Schwartz, Vertreibung und Vergangenheitspolitik, in: Deutschland Archiv Nr. 2, März/April 1997, S. 181

[8] Michael Schwartz, Staatsfeind „Umsiedler“, in: Spiegel Special 2/2002, S. 118

[9] Ebd., S. 118

Details

Seiten
14
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638256193
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v22214
Institution / Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) – Professur für Geschichte Osteuropas
Note
1,0
Schlagworte
Enttabuisierung Vertreibung Medien Gefahr Relativierung

Autor

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