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Musiktherapie in der psychiatrischen Klinik

Diplomarbeit 1999 103 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Vorwort

2 Geschichtliche Überblick
2.1 Geschichte der Musiktherapie
2.2 Die Geschichte der Psychiatrie
2.3 Die geschichte der Musiktherapie in der Psychiatrie

3 Stellung der Musiktherapie in der psychiatrie
3.1 Aufgaben und Rahmenbedingungen der Psychiatrie
3.1.1 Aufgaben der Psychiatrie
3.1.2 Rahmenbedingungen in der Psychiatrie
3.2 Musiktherapeutische Behandlungsformen in der Psychiatrie
3.2.1 Die psychotherapeutische Musiktherapie
3.2.2 Die soziotherapeutische Musiktherapie
3.2.3 „Beschäftigende“ Musiktherapie
3.3 Die Arbeitssituation der Musiktherapeuten in der Psychiatrie

4 musiktherapie bei ausgewählten krankheitsbilder
4.2 Musiktherapie bei schizophrenen Psychosen
4.2.1 Symptome und Verlauf schizophrener Psychosen
4.2.2 Erklärungsansätze zur Entstehung von Psychosen.
4.2.2.1 psychoanalytischer erklärungsansatz für die entstehung von schizophrenen psychosen
4.2.2.2 Kommunikationstheoretische ErklärungsAnsätze für die entstehung von psychosen
4.2.3 Musiktherapeutische Methoden bei der Psychosebehandlung
4.2.3.1 Rezeptive Musiktherapie bei der behandlung von Schizophrenen Psychosen
4.2.3.2 Instrumentalimprovisation bei der Behandlung von Schizophrenen Psychosen
4.2.3.3 Bewegung und Tanz bei der Behandlung von Psychosen
4.2.4 Einige Untersuchungen zur Wirksamkeit der Musiktherapie bei Schizophrenen
4.3 Musiktherapie bei Depressionen
4.3.1 Das Krankheitsbild der Depression
4.4.1 Formen und Entstehung von Depressionen
4.4.1.1 Die Reaktive Depression
4.4.1.2 Die depressive Entwicklung
4.4.1.3 Die neurotische Depression
4.4.1.4 Die Endogene Depression.
4.4.2 Musiktherapeutische Methoden bei der Behandlung Depressiver
4.4.2.1 Rezeptive Musiktherapie (Entspannungsübung) bei depressionen
4.4.2.2 Instrumentalspiel bei Depressionen
4.4.2.3 Singen mit Depressiven
4.4.2.4 Regulative musiktherapie (RMT) bei Depressionen (nach schwabe)
4.4.2.5 Integrative Musiktherapie bei depressiven Zuständen (nach Isabelle Frohne-Hagemann)
4.4.3 Einige Untersuchungen zur Wirksamkeit der Musiktherapie bei Depressionen
4.5 Musiktherapie in der gerontopsychiatrie
4.5.1 Krankheitsbilder in der Gerontopsychiatrie
4.5.1.1 Demenz
4.5.1.2 Altersdepression
4.5.2 Einordnung der Musiktherapie in der Gerontopsychiatrie
4.5.2.1 Einordnungsbeispiele
4.5.2.2 Einordnungen nach Darstellung der Musiktherapeutischen Innhalte
4.5.3 Musiktherapeutische Methoden in der Gerontopsychiatrie
4.5.3.1 Aktive / schöpferische musiktherapie in der gerontopsychiatrie
4.5.3.2 Musikalisches gedächtnistraining in der gerontopsychiatrie
4.5.3.3 Trauerarbeit mit Musik in der gerontopsychiatrie
4.5.3.4 Integrative Musiktherapie in der gerontopsychiatrie
4.5.3.5 Musik hören (rezeptive Musiktherapie) in der gerontopsychiatrie
4.5.3.6 Singen in der Gerontopsychiatrie
4.5.3.7 Spielen auf elementaren Instrumenten in der Gerontopsychiatrie
4.5.3.8 Tänzerische GruppenMusiktherapie in der gerontopsychiatrie
4.5.4 Einige Untersuchungen zur Wirksamkeit der Musiktherapie in der Geriatrie

5 SCHLUßWORT

1. Vorwort

Musiktherapie hat mittlerweile einen festen Platz in den Psychiatrischen Kliniken eingenommen. Doch die Auffassungen über Musiktherapie sind sehr verschieden und reichen über die Heilkraft der Musik im Sinne einer „Musikapotheke“ bis hin zu Beurteilung als Modeerscheinung.

Seit wann versucht man Krankheiten, besonders die der Seele mit Musik zu Heilen? Wie hat sich Musiktherapie in die Psychiatrie integriert und welche Stellung nimmt sie dort gegenwärtig ein? Aufbauend auf welchen Annahmen und mit welchen Methoden arbeiteten und arbeiten die „Musiktherapeuten“ der Vergangenheit und der Gegenwart. Wie werden psychiatrische Krankheitsbilder aus musiktherapeutischer Sicht beurteilt und wie wird Musiktherapie bei diesen Krankheiten angewandt? Wie effektiv ist Musiktherapie?

Ich versuche im Rahmen dieser Diplomarbeit auf diese Fragen Antworten zu finden, unter anderem mit dem Ziel, dem eigenen Interesse für diesen Bereich Rechnung zu tragen. Es soll dabei ein Bild im Sinne einer Einführung in die doch sehr vielfältige psychiatrische Musiktherapie entstehen, in welchem man auf die oben gestellte Fragen einige Antworten finden kann. So versuche ich in der vorliegenden Arbeit ausgehend von einem geschichtlichen Überblick, die Stellung der Musiktherapie in der Psychiatrie im ersten Teil darzustellen. Im weiteren werden Formen musiktherapeutischen Vorgehens, sowie einige musiktherapeutische Methoden beschrieben. Hierbei liegt der Schwerpunkt hauptsächlich auf psychotherapeutisch orientierte Musiktherapie, in Bezug auf psychisch erkrankte Menschen.

Die Problematik, Musiktherapie in der Psychiatrie darzustellen liegt in der unübersichtlichen Fülle der musiktherapeutischen Literatur, welche sich nicht auf eine gemeinsame, differenzierte Basis bezieht. Obwohl viele Untersuchungen, Erfahrungen und Beobachtungen existieren, gibt es immer noch kein einheitliches wissenschaftlich fundiertes Methodensystem. So stehen die Methoden der Musiktherapeuten oft ohne einen gemeinsamen Bezugspunkt isoliert da. Dies erschwert einen allgemeinen Überblick in der Literatur.

Aus diesem Grund kann das Ziel dieser Arbeit nicht eine komplette Darstellung musiktherapeutischer Realität in psychiatrischen Kliniken sein. Trotzdem möchte ich versuchen ein Bild, einen Ausschnitt über die Musiktherapie in der Psychiatrie, anhand einer Literaturrecherche aufzuzeigen.

2. Geschichtliche Überblick

Musik ist so alt wie die Menschheit selbst. Es gibt Überlieferungen, die bezeugen, daß Musik schon zu allen Zeiten bewußt oder unbewußt als „Heilmittel“ benutzt wurde. Die Art und Weise hing immer vom Musikverständnis und Krankheitsbegriff ab. „Die Geschichte der Musiktherapie spiegelt die Kulturgeschichte der Menschheit wieder und reicht von frühester kultischer mythischer Anwendung bis zu den vorwiegend empirisch entwickelten Methoden der Jetzt-Zeit.“[1]

2.1 Geschichte der Musiktherapie

Bei den Naturvölkern wurde (und wird) Musik vorwiegend bei Geisterbeschwörungen eingesetzt. Es wird davon ausgegangen, daß der Mensch den Kräften der Welt schutzlos ausgeliefert ist. Die Welt ist voller Geister, die sowohl schädlich als auch nützlich sein können. Für Krankheit und Tod sind böse Dämonen verantwortlich. Man glaubte, die bösen Geister kraft kultischer Zeremonien vertreiben zu können. Bei diesen Zeremonien hat die Musik eine besondere Rolle eingenommen.[2]

Aus der Zeit des alten Ägyptens, Persiens, Israels und der früheren griechischen Antike liegen einige Überlieferungen vor, in welchen von der Musik als „Heilmittel“ gesprochen wird. Die Heilwirkung wird aus einem magischen und mythischen Bewußtsein her abgeleitet. Ägyptische Priester verwendeten Beschwörungsmusik um die Fruchtbarkeit bei Frauen zu beeinflussen. Homer beschreibt die Stillung einer Wundblutung durch beschwörenden Gesang (Odysse). Die Danaer schreiben den Ausbruch der Pest dem Zorn des Gottes Apoll zu und versuchen ihn mit ganztägigem Gesang zu besänftigen (Ilias).[3] Aus dieser Zeit stammt die viel zitierte Geschichte des ersten israelischen Königs Saul, der von einer psychischen Krankheit befallen war. Nach dem alle Ärzte bei der Heilung versagten, linderte das Harfenspiel des Hirten Davids sein Leiden. „Wenn nun der Geist Gottes über Saul kam, so nahm David die Harfe und spielte mit seiner Hand; so erquickte sich Saul, und es ward besser mit ihm, und der böse Geist wich von ihm.“[4]

Die rational wissenschaftlich orientierte klassische Antike löste sich von den mystischen Vorstellungen. Die Annahme, daß die Welt einer Harmonie von Prinzipien unterläge, führte zu einer Zusammenfassung vieler Wissenschaftsbereiche, wie Philosophie, Mathematik, Medizin und Musik. Die enge Beziehung von Medizin und Musik wurde dabei ausdrücklich betont.[5] Durch die Entdeckung der „lautquantitativen Beziehung der Intervalle“ (Pitagoras) galt die Musik als therapeutisches Prinzip mit ihren Elementen von Harmonie und mathematischer Struktur zur Heilung kranker „Harmonien“[6]. Die körperlich- seelische Unordnung sollte durch die natürliche Ordnung der Musik geheilt werden.

Platon sah die Wirksamkeit der Musik ähnlich wie Pitagoras darin, daß Rhythmus und Musik in die Seele vordringen und dort Heilung bewirken.[7] Die Musik „ist uns von den Musen als Helferin verliehen, um den in Zwiespalt geratenen Umlauf der Seele in uns zur Ordnung und Übereinstimmung mit sich selbst zurückzuführen, ebenso wie auch der Rhythmus wegen der Unregelmäßigkeit in uns und des der inneren Armut entbehrenden Wesen der meisten uns als Unterstützung zu eben demselben Zwecke von eben denselben gegeben ist.“[8]

Auch Aristoteles befaßte sich mit Musik. Er sah in der Musik eine affektauslösende Wirkung, die er bewußt gegen Schlaflosigkeit und Depressionen einsetzte. Diese Wirkung führte er nicht mehr auf Harmonie und Zahlenverhältnisse zurück, sondern bediente sich beobachteter Tatsachen. Die reinigende Wirkung der Musik liegt in der Abreaktion von „ Affektstauungen“ in der die Musik als Katalysator den entsprechenden Affekt übersteigert und dadurch entladen wird.[9] In der Spätantike nimmt der Arzt Galen ( um 200n. Chr.) eine bedeutende Rolle in der Musiktherapiegeschichte ein. Er geht davon aus, daß die richtige Anwendung der Musik bestens geeignet sei, um Körper und Seele herzurichten.

Im christlichen Mittelalter (500-1500 n Chr.) wurden Krankheiten als Gottesfügung oder Strafe Gottes für die Sünden angesehen. Die Krankheitslehre ist auf das Gleichgewicht der „Körpersäfte“ ausgerichtet. Krankheit bedeutete die Disharmonie dieser Säfte. Musik als Heilmittel wurde mit Zurückhaltung betrachtet und allemal wegen ihrer vermeintlichen Fähigkeit, böse Geister oder den Satan vertreiben zu können, eingesetzt. Augustinus verwendete dazu geistliche Musik, vor allem die Gregorianik. Musik hatte die Aufgabe die Seele zur Liebe Gottes anzuregen.[10] Der Heilbringer Christus stand im Spätmittelalter (13-16. Jahrhundert) auch im Mittelpunkt der Musik. Hier ein Beispiel aus einem Kirchenlied.

„Jesus Christus, unser Heiland

Der von uns den Gottes Zorn wandt

Durch das bitter Leiden sein, half er uns

Aus Höllen Pein.

Du sollst glauben und nicht wanken,

daß`s ein Speise sei den Kranken,

den ihr Herz von Sünden schwer

und vor Angst ist betrübet sehr.“[11]

In der Renaissance wurde die sündenstrafende Theorie durch einen humoralpathologischen und medizinisch astrologischen Gedanken abgelöst. Das Interesse an der Musik als „Heilmittel“ nahm zu. Einige Bereiche der Musik und Medizin wurden miteinander verknüpft. Der Arzt Cardanus berichtete über seine musikalisch-medizinische Aktivitäten folgendermaßen: „Es gibt drei Arten von unterschiedlichen Tönen, einen hohen, einen tiefen und einen mittleren. Diese gehen aus von einer schnellen,... langsamen oder mittleren Bewegung... Entsprechend der Art der Bewegung, welche die Affekte in der Seele hervorrufen, wähle die Art der Töne aus, um denselben Affekt zu erwecken.“[12] Ärzte setzen zu dieser Zeit Musik einerseits bei seelischen Störungen durch ihre emotionsauslösende Wirkung ein, andererseits sprachen sie der Musik eine resistenzfördernde Wirkung zu. So empfiehlt z.B. Marsilius Ficinus (1433-1499) die Anwendung von Musik bei Pest. Er war es auch, der in seinem Werk „De vita triplici“ sehr früh auf eine aktive Form der Musiktherapie hiwies. Er berichtet, daß er Patienten mit Melancholie aufgefordert hat selbst zu singen und gleichzeitig die Leier zu spielen. Er selber habe bei sich diese Krankheit auf eine ähnliche Weise zu heilen versucht.[13]

Nach Agrripa von Nettesheim (1486-1535) dringte Musik zwar in die Seele ein, um dort die heilende Wirkung zu entfalten, ebenso existierte aber auch eine physiologische Wirkung der Musik. Sie soll Glieder und Blut in Bewegung setzen und auch wieder anhalten können. Man ging davon aus, daß die durch die Musik verursachten Schwingungen die Lebensgeister in dieselbe Bewegung versetzen, welche wiederum die Muskeln bewegen. So könnten durch die Resonanz verursachte Bewegungen die Poren öffnen, durch welche die Gifte entweichen könnten.[14]

Die Anwendung der Musik als Heilmittel in der Aufklärung war durch die Lehre des französischen Philosophen Rene Descartes geprägt. Die mechanistischen Theorien Descartes gehen davon aus, daß die biologischen Funktionen durch chemische und physikalische Gesetzmäßigkeiten bestimmt werden. Die Vertreter dieser Richtung betonen eine mechanistische Musikwirkung. Kirchner (1650) befaßte sich ausführlich mit der Wirkung der Musik. Seine Anschauungen über psychische Prozesse beruhren auf „mechanistisch-carteisianischen“ Theorien. Die Bewegungen der Lebensgeister können durch Musik von außen verändert werden, welche die Affekte erzeugen. Milzner (1739-54) beschreibt durch Musik ausgelöste Resonanzvorgänge zwischen äußerer und innerer Luft, welche die Zirkulation der Körpersäfte Verändern. Nicolai (1745) beschreibt die Verbindung von körperlichen Vorgängen und Emotionen. Diese Beschreibung ist heute noch aktuell.[15] „ Nach Beschaffenheit wirkt Musik fröhlich, traurig, auch sogar in dem Körper ereignen sich alsdann viele Veränderungen. Man empfindet öfter starken Schauer in der Haut, wenn man Musik hört,... das Hertze klopft geschwinder.“[16]

In der Zeit der romantischen Medizin ( Ende des 18. Anfang des 19. Jahrhundert) wendete man sich von der rein mechanistischen Anschauung der Aufklärung ab. Musik wird zum subjektiven Ausdruck von Empfindungen. Der Musik wird eine „geheimnisvolle“ Wirkung auf die Seele zugeschrieben. Krankheit wird zu dieser Zeit unter anderem als eine Abweichung vom mittleren Grad der Erregbarkeit definiert. So wird der Musik über ihre erregenden und beruhigenden Anteile eine Wirkung vor allem in psychischem Bereich zugeschrieben.

Zu dieser Zeit, besonders gegen Ende des 19. Jahrhunderts nehmen einige Autoren unter anderen auch Willdermuth.[17] bereits einen kritischen Standpunkt gegenüber der Musiktherapie ein. Andere wie z.B. Esquirol.1868.[18] teilten zwar diesen Standpunkt, bestritten aber die Vorzüge bei einer Reihe psychischer Krankheiten nicht. In den Hospitälern spielte in dieser Epoche die Musik als Unterhaltung und Beschäftigung bereits eine nicht unerhebliche Rolle (siehe auch: Geschichte der Musiktherapie in der Psychiatrie).

Ende des 19. Jahrhunderts setzt sich allmählich der Positivismus durch. Aufgrund seines Einflußes stand eine naturwissenschaftliche Psychologie. Man beschäftigt sich mit real meßbaren Faktoren. Diese wissenschaftliche Anschauung drängt die Musiktherapie bis zum Ende des zweiten Weltkrieges aus dem Blickfeld des allgemeinen Interesses. Trotzdem finden sich aber genügend experimentelle Untersuchungen, welche die Wirkung von Musik auf den menschlichen Organismus zum Gegenstand haben. Man stützte sich hierbei auf meßbare Körperreaktionen. Es wurden die Veränderungen des Sauerstoffverbrauchs, des Blutdruckes und Schweißreaktionen durch die Einwirkung von Musik entdeckt. Diese Reaktionen wurden als Folge des psychischen Erlebens gedeutet.[19]

Nach dem zweiten Weltkrieg nahm das Interesse an der Musiktherapie erneut zu. Es wurde nicht mehr nur von empirischen Untersuchungen ausgegangen, sondern die Orientierung verlagerte sich auf theoretische Vorstellungen. Die Musiktherapie setzt sich in den folgenden Jahren immer stärker durch. 1950 wurde in den USA die „National Association for music Therapie“ und in Großbritannien die „Society for music therapie and remendial music“ gegründet. In Österreich entwickelten sich 1958 staatlich geförderte Fortbildungs- und Forschungsstätte. In der ehemaligen DDR gründete sich 1969 die Arbeitsgemeinschaft „Musiktherapie in der Gesellschaft für ärztliche Psychotherapie“ unter Mitarbeit von dem auch heute noch gut bekannten Christoph Schwabe. In der Bundesrepublik entwickelten sich verschiedene Forschungskreise. „Die deutsche Gesellschaft für Musiktherapie“ wurde unter anderen von Reinecke, und Willms gegründet.

Nach Schneider[20] hat die Musiktherapie ab dem Ende des zweiten Weltkrieges drei Stadien durchlaufen: Zuerst wurde die Wirkung der Musik Betont ohne die Rolle des Therapeuten hervorzuheben, dann wurde das Gegenteil praktiziert, indem man die Beziehung zwischen Therapeuten und Patienten überbetonte und die Musik vernachlässigte. Schließlich setzte sich eine Synthese zwischen beiden Positionen durch.

Die Musiktherapie der Gegenwart beinhaltet weiterhin sowohl traditionelle Wege, als auch die modifizierten Formen dieser therapeutischen Tradition. Es entwickeln sich neben verschiedenen Tendenzen unter tiefenpsychologischen, spekulativen, antroposophischen und sozialpsychologischen Aspekten[21] auch ganz neue Wege in der Musiktherapie.

2.2 Die Geschichte der Psychiatrie

Die Beurteilung psychischer Krankheiten war im Verlauf der Geschichte immer durch die Einstellungen des menschlichen Geistes zur Wirklichkeit geprägt. Die Aufzeichnungen der ältesten Geschichte bezeugen, daß Krankheiten, auch die der Seele, „als Ausdruck einer magisch-dämonologischen Grundauffassung dem Einwirken einer übernatürlichen Macht zugeschrieben wurden.“[22] Diese Anschauung entspricht der Auffassung der Naturvölker.

Erst in der klassischen Antike differenzierte sich das Krankheitsverständnis. Es weist eine Abkehr von den spekulativen Ansichten zu verschiedenen Krankheiten auf. Hippokrates vertrat die Ansicht, daß die Epilepsie natürliche Ursachen habe und kritisierte die bis dahin geltende Auffassung von einer „heiligen Krankheit“. Somit konnte die Medizin sich erstmals von der bisherigen Priestermedizin abspalten und natürliche Erklärungen heranziehen. Dies Erlaubte die Entwicklung entsprechender Behandlungsformen. Asklepiades (124 v. Chr.) entwickelte eine therapeutische Methode für psychische Erkrankungen, welche Musik, Wein, Liebe, Beschäftigung, Aufmerksamkeits-und Gedächtnisübungen beinhaltete. In der Zeit der grichisch-römischen Antike wurden zum Erstenmal verschiedene psychische Krankheiten, wie psychotische Symptomen, Depression, Hysterie und auch sich phasenweise abwechselnde Krankheitsbilder wie Zyklothymie voneinander unterschieden. Bei Cicero (106-43 v. Chr.) finden wir sogar Ansätze zur Psychosomatik. Er stellte die These Auf, daß körperliche Krankheiten Folgen seelischen Faktoren sein könnten.

Nach dem Zerfall des Weströmischen Reiches ist ein Rückfall in den Glauben an Mystik und Dämonologie zu erkennen. Dieser Rückfall war die Folge der allgemeinen Unsicherheit und Weltangst, welche durch Epidemien und Hungersnöte begünstigt wurden. Auch die Vorherrschaft der christlichen Ethik im Mittelalter trug zu einer Dämonisierung bei. Psychische Krankheiten werden als klassisches Beispiel der Besessenheit vom Teufel gesehen. Die Therapie dieser Krankheiten erstreckt sich weitgehend in der Austreibung der bösen Geister durch Beten oder durch die Fürbitte der Heiligen. Während im christlichen Mittelalter nur einige wenige Überlieferer des grichisch-römischen Geistes gab, verbreiteten sich in der arabischen Welt die medizinischen Werke des Hippokrates, Aristoteles und Galen.

Die wohl erste Hospitalgründung mit einer Abteilung für Geisteskranke ist auch auf arabische Mediziner (Philosophen) zurückzuführen. Diese erfolgte im 9. Jahrhundert in Bagdad durch Avenzoar (1113-1162), Maimonides (1135-1204) und Averroes (1126-1198). Weitere Gründungen von Hospitälern in arabischen Ländern lassen darauf schließen, daß die Bevölkerung gegenüber Geisteskranken eine wohlwollende Einstellung hatte. Der Hospitalgründung in Damaskus im Jahre 800 folgten weitere in Aleppo 1270, in Kairo 1304 sowie in Fez 1500.

Das erste Hospital für Geisteskranke Im Christlichen Abendland wurde von dem Spanier Juan Gilabert Jorfe.(1350-1417). Im Jahre in 1409 in Valencia gegründet. Er gründete ein „Haus der Irren“ in dem er psychisch Kranken Menschen im Sinne der Nächstenliebe Schutz und Hilfe bot.

Die Renaissance stand im Zeichen des Erwachens, der Entdeckung der menschlicher Natur und der natürlichen Realität des menschlichen Körpers. Die humanistische Bewegung verachtete zunehmend die mittelalterliche Scholastik. Die Inquisition zeigt aber, wie stark der teufelaustreibende Einfluß des Mittelalters in der Renaissance war. Jede unbekannte Krankheit wurde dem Wirken des Teufels im Betroffenen zugeschrieben. So entstand eine regelrechte Treibjagd nicht nur auf „Hexen“ sondern auch gegenüber Pesonen, welche eine Psychische Auffälligkeit zeigten. Diese endete in den meisten Fällen auf dem Scheiterhaufen.

Im Barock und in der Neuzeit löste sich die mittelalterliche Gesellschaft allmählich auf. Dem Phänomen eines neuen Geistes und mehrenden wissenschaftlichen Proteste, stand die Hexenverfolgung gegenüber. Dieser humanistische Standpunkt kam der Psychiatrie zugute. Besonders in Spanien und in der spanischen Welt (Mexiko 1567) erfolgten zahlreiche Neugründungen von Hospitälern für psychisch Kranke. Diese ersten Versuche, zu Beginn des 17. Jahrhunderts, psychische Krankheiten zu klassifizieren und zu erforschen, setzten sich auch in Europa fort. Im 18. Jahrhundert erreichte das Vorschungsinteresse einen Höhepunkt, welches die Grundlagen der Irrenheilkunde langsam verbesserte. Eine allgemeine Fürsorgepflicht hatte sich zwar noch nicht durchgesetzt, aber eine Verordnung aus dem Jahre 1072 (Berlin) („für irre und tolle Leute“) bestimmte die Verpflegung mittelloser Kranken. Philippe Pinel (1745-1826) der seit 1793 das Irrenhaus des „Bicetre“ für Männer und seit 1795 die „Salpetriere“ für Frauen leitete, kämpfte für humanere Formen der Unterbringung. Der Legende nach habe Pinel als einer der Ersten einigen Irren die Ketten abgenommen wodurch er auch berühmt wurde. Dieses Beispiel zeigt eindrucksvoll, welche Furcht Geisteskranke damals bei der Bevölkerung hervorgerufen haben. Bei Pinel werden schon sozilapsychiatrische und psychohygenische Ideen angedeutet. Seine bahnbrechenden Veröffentlichungen wurden über Frankreich hinaus bekannt und trugen zur Veränderung der Psychiatrie entscheidend bei. Pinel lehnte die Absonderung psychisch Kranker ab und setzte sich für ihre Einbindung in die Gesellschaft ein. Esquirol ein Schüler Pinel`s trat 1838 maßgeblich für eine vorbildliche Irrengesetzgebung ein. Diese neue Einstellung erlaubt auch neue Therapieformen, wie Bäder, Abführmittel, Opium und Kampfer aber auch moralische Kuren und Arbeitstherapie. Zwangsmittel, körperliche Züchtigung werden strikt abgelehnt.

im 19. Jahrhundert zeigte sich in Deutschland ein Aufblühen der Psychiatrie. Es wurden zahlreiche Anstalten gegründet. Johan Gottfried Langermann (1768-1832), Direktor von der Anstalt St. Gergien in Bayreuth wurde 1810 als Leiter für medizinische Angelegenheiten nach Berlin berufen. Die moderne Umgestaltung der Einrichtungen für psychisch Kranke geht auf seinen Nahmen zurück. Maximilian Jacobi (1775-1858) gründete 1825 die Siegburger Anstalt auf dem Michelberg. Weiterhin wurden die Heilanstalten Sonnenstein bei Dresden (1811), Leubus in Schlesien (1830), Winenthal in Wüttenberg (1834), Klingenmünster in der Pfalz (1857) und München (1859) ins Leben gerufen.

Ende des 19. Jahrhunderts wurde die „Anstaltpsychiatrie allmählich von der „Universitätspsychiatrie“ abgelöst. In diesem Zusammenhang muß der erste Lehrstuhlinnhaber an der Preußischen Willhelms-Universität zu Berlin, Willhelm Grisinger (1817-1868) erwähnt werden. Durch ihn gewann die Psychiatrie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine neue medizinisch-naturwissenschaftliche Forschungsrichtung. Grundlegend war eine anatomisch-neurologische Fundierung, welche durch Griesinger etscheidende Impulse erhielt. So konnten sich neurologisch-neuropathologische Arbeitsrichtungen herauskristalisieren. Einige wichtige Vertreter dieser Richtung sollten in diesem Zusammenhang nicht außer Acht gelassen werden. Franz Nissl (1860-1919) und Alois Alzheimer (1864-1915) wurden durch die Erforschung der Histopathologie der Hirnrinde, Theodor Meyners (1833-1892) durch seine Forschungen über Psychosen bekannt.

Eine neue Richtung bilden auch die Bemühungen um eine nosologische Systematik in der Psychiatrie. Begründer dieser Richtung ist Ludwig Kahlbaum. Die Weiterentwicklung der nosologischen Forschungsrichtung erfolgte durch Emil Kraepelin (1856-1926) dann durch Auguste Forel (1848-1931) und Eugen Bleuler (1857-1939).

Paralell dazu entwickelte sich auch ein Weg, der bis zu den Lehren Freuds führt, und die Geschichte der Psychotherapie beinhaltet. Diese Richtung beschäftigt sich zuerst mit der Behandlung der Hysterie durch Hypnose, später dann hauptsächlich mit Neurosen. Zwei Schüler Freuds, (der sich zu Dogmatikern der Psychoanalyse entwickelte), Alfred Adler (1870-1937) und Carl Gustav Jung gingen später eigene Wege.

Im Verlauf der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird in der Geschichte der Psychiatrie Kurt Schneiders (1887-1967) Hauptwerk „Klinische Psychopathologie“ zum Standardwerk der Diagnostik. Seit dem haben sich verschiedenste Formen der Therapie in psychiatrischen Einrichtungen durchgesetzt und manch andere dagegen auch wieder in Vergessenheit geraten sind. Erwähnenswert sind die Malariatherapie von Julius Wagner von Jauregg (1857-1940), die Schlafkur vom Züricher Jakob Klaesi (1883-1980) die Arbeitstherapie vom H. Simons (1867-1947), die Insulinschockbehandlung durch Manfred Sakel (1890-1957), die Cardiazol-Schocktherapie vom Ladislaus Joseph von Meduna (1896-1964), die Elektroschock-Behandlung die 1938 von U. Cerletti (1877-1963) zusammen mit L. Bini eingeführt wurde, und schließlich die Anwendung von Psychopharmaka die im eigentlichen Sinne seit der Einführung der Tranquilizer durch Schlan 1949 und Franke 1952 existiert. Seit der Mitte der fünfziger Jahre ist die Entwicklung der Psychopharmakotherapie nicht mehr zu stoppen. Es werden immer bessere Medikamente hergestellt, deren Nebenwirkungen immer geringer ausfallen. Ein Behandlungsbündniss kombiniert mit verschiedenen Therapieformen erweist sich meist als die erfolgreichste Vorgehensweise. Gegenwärtig tendiert die Psychiatrie zu einer Mischung aus Pharmakotherapie, Psychotherapie, Milieutherapie und Soziotherapie, wobei der Schwerpunkt vom Anstaltspsychiatrie allmählich zur Sozialpsychiatrie verlagert wird.[23]

2.3 Die geschichte der Musiktherapie in der Psychiatrie

Man versuchte seit je her Krankheiten, auch psychische Störungen mit Musik zu heilen. In der Medizin nimmt gegen Ende des 18. Jahrhunderts die Psychiatrie vor allem in Frankreich eine wichtige Rolle ein. Geisteskrankheiten werden als Ausdruck von Störungen des Nervensystems und Sinnesempfindungen gesehen. Um diese Sinnesempfindungen zu beeinflussen, wird Musik als sensorischer Reiz, sowohl als Zerstreuungsmittel als auch wegen ihrer heilenden, beruhigenden Wirkung eingesetzt. So hat Musik mittlerweile einen festen Platz in psychiatrischen Anstalten.

Der Psychiater Reil (1803)[24] betrachtete die Musik als spezifisches Heilmittel für psychische Erkrankungen. Er gibt unter anderem Ratschläge, welche Musik bei welchen Krankheiten empfehlenswert sei, und betont die besondere Bedeutung der Musik in den Psychiatrischen Anstalten. „Die Schläge von Schwärmen, Pistolenschüsse, Kanonendonner, der gellende Ton eines Blasinstruments, das anhaltende Brummen einer zwei-bis dreifüßigen Orgelpfeife, das langsame Anschlagen an eine große dumpfe Glocke, oder einzelne Schläge auf der türkischen Trommel: alles dies in einem einsamen, hohen sonoren und finstern Gewölbe, kann vielleicht den faselnden Kranken fixieren. Einem andern kann ein wildes und regloses Chaos von Tönen durch Trommeln, Glocken, Schalmeien, Menschenstimmen, Thiergeheul usw. heilsam sein.“

Horn, E ein Sekundärarzt an der Irrenanstalt des Kgl. Charitekrankenhauses in Berlin (bis 1818) empfehlt: „ Die Benutzung einer rauschenden Musik als Heilmittel, das Tanzen mit Musik als Erholung und Ergötzung, sowie der Gebrauch von Trommeln und Pfeifen, welcher die Aufmerksamkeit bei den Exerzierübungen schärfen würde: Alle diese Bedürfnisse sollten billig in der größten Irrenanstalt des Landes nicht fehlen“( von Horn/1818/ überliefert und nach Haisch zitiert).[25]

Der Psychiater Jakobi (1822)[26] erkennt die heilende Wirkung der Musik bei psychiatrischen Patienten an. Schneider (1824)[27] und Roller (1844)[28] sehen in der Musiktherapie eine gute Möglichkeit psychiatrische Patienten zu unterhalten und zu beschäftigen.

In den Archiven des Bezierkskrankenhauses Haar bei München entdeckte man ein umfangreiches Notenmaterial aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts für Salon und Kirchenmusik, was darauf schließen läßt, daß in der Anstalt ein ausgeprägtes Musikleben herrschte in dem die Patienten aktiv miteinbezogen wurden

In den 30-er Jahren wurde das sogenannte Orff`sche Instrumentarium entwickelt, das auch heute noch in der psychiatrischen Musiktherapie unverzichtbar ist. Allerdings entwickelte sich die Musiktherapie in der Form wie wir sie eute kennen, erst in den 50. Jahren. Neben der Behandlung mit Neuroleptika zeigte sich die Notwendigkeit einer nonverbalen Therapie. Musiktherapie orientierte sich damals noch an der Musikpädagogik. Die „Musiktherapeuten“ waren Pfleger oder Mitarbeiter, welche sich musikalisch engagierten.

Gerhard Nissen (1988) spricht von einer in Wien sehr bekannte Geigerin die 1956 als eine der ersten an seiner Klinik psychisch Kranke Menschen, in diesem Fall Kinder und Jugendliche, mit Musik behandelte. Sie bot den Kindern mit der Geige Töne und Melodien an, die deutlich erkennen ließen, daß diese in dem Gedächtnis der Kinder „mit einer geradezu unfaßbaren Sicherheit haften bleiben und andererseits die Wirkung der Töne und Melodien das Verhalten der Kinder verändern konnten. Zwischen Stimulation zu intensiver Unruhe bis hinüber zum Einschlafen reichte der Bogen der Wirkung.“[29]

1959 wurde die erste deutschsprachige Ausbildungstätte für Musiktherapie in Wien eingerichtet. Von da an übernahmen spezifisch ausgebildete Musiktherapeuten diese Therapieform. In den psychiatrischen Einrichtungen wurden allmählich Planstellen für Musiktherapie eingerichtet. Das Bild der Musiktherapie veränderte und differenzierte sich mit dem Wandel innerhalb der Psychiatrie. Musiktherapie beansprucht verdientermaßen die Stellung eines psychotherapeutischen Verfahrens innerhalb der verschiedenen Methoden der Psychiatrie.

3. Stellung der Musiktherapie in der psychiatrie

Die psychiatrischen Krankenhäuser beschäftigen die meisten Musiktherapeuten in Deutschland. Die Psychiatrie gewährleistet wohl den größten Teil der stationären Versorgung psychisch kranker Menschen. Musiktherapeutische Behandlung in der Psychiatrie muß sich an besonderen öffentlich-rechtlichen Verpflichtungen, an inneren Strukturen und an verschiedenen Erwartungen orientieren. Aus den allgemeinen Aufgaben und Rahmenbedingungen der Psychiatrie lassen sich besondere Möglichkeiten aber auch Probleme für die musiktherapeutische Arbeit ableiten.

3.1 Aufgaben und Rahmenbedingungen der Psychiatrie

3.1.1 Aufgaben der Psychiatrie

Ziel und Zweck psychiatrischer Krankenhäuser läßt sich wie fogt beschreiben:

Ein gemeinsames Ziel aller Berufsgruppen könnte sein „ ...kranken Menschen, deren bisherige Lebens-und Bewältigungsmethoden nicht mehr greifen, durch therapeutischen, pflegerischen und verwalterischen Zugang dazu zu verhelfen, in ihrem Leben erneut Tritt zu fassen, Neues anzubahnen und zu probieren.“[30]

In der Psychiatrie werden die Aufnahmebedingungen durch Gesetze geregelt. Diese stellen im Sinne der Unterbringung durch Krankheit oder Gefahr weitere Aufgaben an psychiatrischen Krankenhäuser. Die Rechtsprechung besagt, daß jeder ärztliche Eingriff eine Körperverletzung darstellt, welche nur durch Einwilligung des Betroffenen gerechtfertigt werden kann. Eine grundsätzliche Voraussetzung einer Behandlung ist also auch für die Psychiatrie die Freiwilligkeit. Die Psychiatrie ist allerdings ein Sonderfall. Durch die Unterbringungsgesetze ist es in manchen Fällen möglich, daß auch ohne Krankheitseinsicht und Behandlungswilligkeit eine Klinikeinweisung erfolgt. Die Psychiatrie hat diese Unterbringung zu leisten. Sie ist ein Haus der „Regelversorgung“, dies bedeutet die Aufnahme jedes Patienten auch ohne Therapiemotivetion. Eine unfreiwillige Unterbringung darf nur erfolgen wenn es sich „um eine Person handelt, die an einer Psychose, einer psychischen Störung, die in ihrer Auswirkung einer Psychose gleichkommt, einer Suchtkrankheit oder an Schwachsinn leidet, und wenn und solange durch das krankhafte Verhalten des Betroffenen gegen sich oder andere eine gegenwärtige Gefahr für die öffentliche Sicherheit oder Ordnung besteht, die nicht anders abgewendet werden kann.“[31]

Es wird deutlich, daß es sich bei den Aufgaben der Psychiatrischen Kliniken nicht nur um Krankheit und Gesundheit handelt, sondern auch um das öffentliche Interesse der Unterbringung. Zusätzlich müssen noch die Aufgaben der forensischen Psychiatrie. Erfüllt werden. Diese gewährleistet die Therapie, die Begutachtung und die Sicherungsverwahrung straffälliger Patienten.[32]

3.1.2 Rahmenbedingungen in der Psychiatrie

Die Krankenhaushierarchie ist linear gegliedert. Es lassen sich drei voneinander unabhängige, also eigenständige Bereiche erkennen. Diese werden vertreten durchdie Therapeuten, das Pflegepersonal und die Verwaltung.

Der Stab der Therapeuten setzt sich wiederum aus verschiedenen Berufsgruppen zusammen. Dazu gehören Ärzte, Psychologen, Sozialarbeiter, Beschäftigungs-und Arbeitstherapeuten, und Psychotherapeuten. Die Reihenfolge der Aufzählung weist schon auf die hierarhische Realität hin, auch wenn dieser durch Teamarbeit etwas entgegengewirkt werden kann. In der Teamarbeit wird die Überschneidung zwischen pflegerischem und therapeutischem Bereich deutlich, da das Pflegepersonal gerade in der Psychiatrie auch therapeutische Aufgaben übernimmt.

Weiterhin ist die Psychiatrie ein medizinisches Ausbildungsinstitut mit einem permanenten Wechsel der medizinischen Mitarbeiter. Die Klinik bietet auch für andere therapeutische Mitarbeiter einen optimalen Berufseinstieg, um später ein spezialisiertes Arbeitsfeld anzutreten. Es gibt überdurchschnittlich viele Berufsanfänger mit kurzer Verweildauer. Die Patienten und das Team müssen sich auf immer neue Gesprächspartner einstellen, dies kann eine optimale Zusammenarbeit hindern.

Der Informationsaustausch ist in psychiatrischen Kliniken oft problematisch. Sowohl zwischen den verschiedenen Arbeitsgruppen als auch zwischen Mitarbeiter und Patienten.[33] Der Informationsfluß und anderen Faktoren, wie z.B. Entscheidungsweg, Berufserfahrung, Engagement, Ethik und Wertvorstellungen beeinflussen die Machtverhältnisse im Team.[34]

Aus diesen Bedingungen ergeben sich für die Musiktherapie spezifische Probleme, die ich im Abschnitt 3.3 darstellen möchte. Erwähnenswert sind aber auch einige positive Aspekte, welche für die Musiktherapie zu den Rahmenbedingungen in der Psychiatrie zählen. Diese beschreibt Barbara Detter unter „Würdigung des Vorhandenen“[35]. Demnach erhalten Musiktherapeuten große Freiheiten bei der inhaltlichen Gestaltung ihrer Arbeit. Teilweise kann die Arbeitszeit flexibel zusammengestellt werden. Auf den Austausch mit anderen künstlerischen Therapeuten wird großen Wert gelegt. Das zeigt sich unter anderem auch darin, daß diese Möglichkeit in die Arbeitszeit integriert wird. Arbeitsmethoden können selbständig ausgewählt werden. Die Entscheidung für eine Methode aus der Vielfalt der Möglichkeiten wird dem Musiktherapeuten überlassen. Musiktherapeuten erfahren in der Psychiatrie weitgehende Offenheit für musikalische oder künstlerische Projekte. Es bestehen immer wieder finanzielle Möglichkeiten für Raumausstattung und Anschaffung neuer Instrumenten.

[...]


[1] Harrer, G. (1995) Seite 743

[2] vgl. Fuchs, A. (1987)

[3] vgl. Strobel,W., Huppmann, G. (1997)

[4] Bibel. I. Samuel, 16,23.

[5] vgl. Fuchs, A. (1987)

[6] vgl. Strobel, W. Hauptmann, G. 1997

[7] vgl.Fuchs A 1987

[8] Platon. Zitiert nach Thrasybulus Georgiades. (1958) Seite 109.

[9] vgl. Strobel und Huppmann. (1997)

[10] Vgl.Fuchs, A (1987) sowie Strobel und Huppmann (1997.)

[11] Evangelisches Kirchengesangsbuch. (1961) Nr. 154.

[12] Cardanus. 1974. Seite 127

[13] vgl..Starobinski, J. 1968

[14] vgl. Fuchs, A. 1987 sowie Strobel und Huppmann 1997

[15] vgl. Fuchs, A. 1987 sowie Strobel und Huppmann 1997

[16] Simon, W 1982 Seite 170

[17] Vgl. Möller, H.J: Musik gegen Wahnsinn, Stuttgart (1971) seite 59.

[18] vgl.Esquirol, J.E. D. 1968

[19] vgl. Fuchs, A. 1978 sowie Strobel und Huppmann 1997

[20] vgl. Schneider, Unkefer, Gaston 1968

[21] vgl. Fuchs Anja 1978 sowie Strobel und Huppmann 1997

[22] Dieckhöfer, K. 1995 Seite 3

[23] vgl.Dieckhöfer, K. 1995

[24] vgl. Reil, J. ch.: 1803

[25] Haisch, E. 1974. Seite 51

[26] vgl. Jacobi, M. 1822, Siehe auch Schrenk 1973

[27] vgl. Schneider, E.H. 1824, siehe auch Schrenk, M. 1973

[28] vgl. Roller, Ch. F.W. 1884, siehe auch Schrenk, M. 1973

[29] Nissen, G. 1988 Seite 129.

[30] Dettmer, B. 1996 Seite 109.

[31] §11 Abs.1. PsychKg NRW; § 12 ABS. 1. Nds. PsychKG.

[32] vgl. Abs, B. 1983

[33] vgl. Thiel, R.1995

[34] vgl. Detter, B 1996

[35] Detter, B. 1996

Details

Seiten
103
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638255547
Dateigröße
799 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v22130
Institution / Hochschule
Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt – Sozialwesen/Psychologie
Note
1
Schlagworte
Musiktherapie Klinik

Autor

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Titel: Musiktherapie in der psychiatrischen Klinik