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Bewährung in der Lebenspraxis innerhalb des Christentums und des Islam - Oevermannsche Theoriebildung

Seminararbeit 2004 18 Seiten

Soziologie - Religion

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Ziel der Arbeit
1.2 Religion- Begriffsdefinition

2. Grundlagen der Religion
2.1 Grundlagen des Christentum
2.2 Grundlagen des Islam

3. Die Lebenspraxis als Bewährung
3.1 Oevermanns allgemeines Strukturmodell von Religiosität- Lebenspraxis als Einheit von Entscheidungszwang und Begründungsverpflichtung

4. Darlegung am Paradigma der Religion
4.1 Der Schöpfungsmythos- Symbol für Entscheidungszwang
4.2 Der Bewährungsmythos- Symbol für Begründungsverpflichtung

5. Zwei Modi des Bewährungsmythos: Erlösung vs. Offenbarung
5.1 Erlösungsreligion- Zurücknahme der Schuld
5.2 Offenbarungsreligion- Kodifizierung von Verhalten

6. Folgen für die Religion
6.1 Modernisierungseinstellungen in Islam und Christentum
6.2 Fundamentalismen in Islam und Christentum

7. Fazit der Arbeit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Ziel der Arbeit

Über Religion und deren spezifischen Auswirkungen auf den Menschen in Verbindung mit seiner alltäglichen Lebenspraxis, wird seit Anbeginn der Menschheit diskutiert. Goethe stellt in seinem Werk „Faust“ die berühmte Gretchenfrage: „Wie hast du`s mit der Religion?“. Mit dieser Frage setzen sich Christen wie auch Muslime in ihrer Lebenspraxis auseinander. Es gilt sich zu entscheiden und zu bewähren. Durch den Alltag begleiten sie Bibel und Koran. Sie sind Heilige Schrift und Gesetzbuch zugleich. Um Lebenspraxis als Einheit von Entscheidungszwang und Begründungsverpflichtung zu diskutieren, beziehen sich meine Argumentationen auf das im Mai 1995 verfasste Manuskript Ulrich Oevermanns: „Partikularistische und universalistische Momente religiöser Systeme. Am Beispiel des Vergleichs polytheistischer und monotheistischer Religionen und der gegensätzlichen Folgen des puritanischen und islamischen Fundamentalismus“. Weiterhin beziehe ich mich auch auf Oevermanns Werk: „Strukturmodell von Religiosität“. Ich werde mich mit dem Schöpfungsmythos und dem Bewährungsmythos als Symbole für Entscheidungszwang und Begründungsverpflichtung auseinandersetzen und dabei speziell auf die Erlöserrolle des Jesus Christus eingehen. So wird mir der Vergleich von Erlösungs- und Offenbarungsreligion möglich werden. Die Gestaltung der Lebenspraxis von Muslimen und Christen soll beleuchtet werden. Als Folge dieser Lebenspraxis werde ich den Fundamentalismus in Islam und Christentum mit seinen unterschiedliche Ausprägungen anführen.

1.2 Religion- Eine Begriffsdefinition

Um zu der Problematik eines Vergleichs von Islam und Christentum in Bezug auf die Lebenspraxis hinzuleiten, führe ich zunächst eine Definition von Religion nach Y.M. Yinger an: „Religion… kann definiert werden als ein System von Überzeugungen und Praktiken, durch welche eine Gruppe von Menschen mit den letzten Problemen des menschlichen Lebens ringt. Sie drückt ihre Weigerung aus, vor dem Tod zu kapitulieren, aufzugeben angesichts der Enttäuschung, der Fremdseligkeit zu gestatten, menschliche Gemeinschaft zu zerstören. Die Qualität der religiösen Existenz… beinhaltet zwei Dinge: Erstens: einen Glauben, dass das Übel, der Schmerz, die Verwirrung und das Unrecht fundamentale Tatsachen des Lebens sind; und zweitens: ein System von Praktiken und damit verbundenen geheiligten Überzeugungen, die die Überzeugung ausdrücken, dass der Mensch letztlich von diesen Tatsachen erlöst werden kann.“ (vgl. Kienzler, 1996 S.18)

Ich bin der Meinung, dass diese Definition von Religion sehr zutreffend beschreibt, mit welchen Problemen sich der gläubige Mensch auseinander zusetzen hat. Er ist versucht dem Tod nicht als „Schmerz“ oder „Übel“ zu begegnen, sondern zu versuchen einen Ausweg zu finden. Der Mensch muss sich bewähren und das in jeder Situation seiner alltäglichen Praxis. Daher entstehen Schöpfungs- und Bewährungsmythos um den Gedanken an den Tod und damit das Ende des irdischen Lebens erträglicher zu machen.

2. Grundlagen der Religion

Um zu der Problematik eines Religionsvergleichs in Bezugnahme auf Bewährung im alltäglichen Leben zu gelangen, im Folgenden eine Aufführung der Grundlagen von Islam und Christentum.

2.1 Grundlagen des Christentum

Seinen Ursprung hat das Christentum im Judentum. Dieses bildet den Ausgang der christlichen Lehre und stellt den Stützpfeiler dieser Religion dar. Der monotheistische Glauben an den einen Gott ist ausschlaggebend für Judentum und Christentum. Im Judentum äußert sich dieser Gedanke besonders in dem Leitsatz: „Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einer.“ (vgl. Golzio, 2002 S22)

Das Judentum stützt sich auf 13 Glaubensartikel, aufgestellt von dem Philosophen Maimonides: Gott existiert; Gott ist ein einziger; Gott besitzt keinen Körper; Gott ist ewig, ohne Anfang und Ende; Gott allein besitzt Göttlichkeit und nur er darf angebetet werden; die Worte der Propheten sind gültig; Moses war der bedeutenste Prophet; Moses erhielt die Thora; die Thora ist vollständig und wird nicht durch eine andere ersetzt; Gott ist allwissend; Gott wird diejenigen, die seine Gebote beachten, belohnen und die anderen bestrafen und der Glaube an die Auferstehung der Toten zu einem Zeitpunkt, der Gott gefällt. (vgl. Golzio, 2002 S.22)

Diese 13 Glaubensartikel gelten als Wegweiser eines jeden Juden. Er kennt und befolgt sie gewissenhaft um die Gnade für sich zu gewinnen und auf ein Leben nach dem Tod im Paradies zu hoffen.

Die Thora stellt die Heilige Schrift der Juden dar und ist als solche Bestandteil des Alten Testaments der christlichen Bibel. Diese gilt als Heilige Schrift der Christen.

In der christlichen Heilslehre ist der eine Gott unendlich; überweltlich; er trägt den Willen, Gefühle und Vernunft in sich; ist allwissend und allmächtig. Seine Macht übt er mit den Zügen einer Person aus und er wünscht das Heil der Menschen. (vgl. Golzio, 2002 S.101) Oevermann bezeichnet diesen einen Gott als „einen einheitlichen, einzigen, allmächtigen, allzuständlichen Schöpfergott, der sich der sinnlichen Wahrnehmung entzieht“. (vgl. Oevermann, 1995 S.22) Damit wird die Pragmatik dieses monotheistischen Gottes deutlich, da der Gläubige diesen Gott nur annehmen kann, er kann ihn aber nicht sehen. Dieses bedeutet, das der Christ den Regeln eines Gottes folge leistet, den er mit seinen Sinnesorganen nicht wahrzunehmen im Stande ist.

Die christliche, genau wie die jüdische Heilslehre stützt sich also auf etwas, was für den Menschen nicht greifbar ist. Dennoch ist dieser Gott stets anwesend und lässt sich ansprechen. Diese Anrede Gottes erfolgt durch das Gebet, welches für jeden Christen individuell ausführbar ist. Es kann in freier Rede oder im Stillen abgehalten werden. Es besteht aus Worten ohne direkten semantischen Zusammenhang oder ganzen Sätzen. Es wird allein oder in der Gemeinschaft praktiziert. (vgl. Golzio, 2002 S.101) Durch das Gebet wird es dem Gläubigen möglich auf einer spirituellen Ebene zu kommunizieren, auch wenn es keine direkte Gegenrede gibt.

2.2 Grundlagen des Islam

Beginnen möchte ich meine Ausführungen zu den Grundlagen des Islam mit der Beschreibung nach Siegfried Rudolf Dunde: „Der Islam (wörtlich: Ergebung in den Willen Gottes) ist eine mehr als 1400 Jahre alte, auf der arabischen Halbinsel entstandene monotheistische Offenbarungsreligion, der heute mehr als eine Milliarde Menschen angehören.“ (vgl. Dunde, 1994 S.130)

Wie das Christentum wurzelt auch der Islam im Judentum. Auch hier handelt es sich um eine monotheistische Religion, in der „zentrale christliche Vorstellungen von großer Bedeutung sind“. (vgl. Kern, 2000 S.148) Gott wird auch hier als „Schöpfer“ angesehen. Damit verbunden ist, dass im Islam „alle Erscheinungen in der Welt den Charakter von Geschöpfen haben und nicht den Anspruch auf göttliche Verehrung erheben können“. (vgl. Golzio, 2002 S.194) Gott erhält entgegen dem Christentum, welches „seinen“ monotheistischen Gott schlechthin als „Vater“ bezeichnet, trägt der islamische Gott eine Vielzahl von Namen, die sich auf seine Eigenschaften beziehen und die jeder Muslim als selbstverständlich zu wissen hat. Im Islam heißt es, dass Gott die schönsten Namen trägt: sieben Namen für die „Einheit und Absolutheit“, fünf Namen für seine „Schöpfertätigkeit“, sechsunddreißig Namen für „Macht und Souveränität“, vier Namen für seine „Rolle als sittliche Norm und Strafe“ und schließlich vierundzwanzig Namen für seine „Barmherzigkeit und Gnade“. (vgl. Golzio, 2002 S. 200/01) Diese Namen spielen eine wichtige Rolle in der Lebenspraxis eines jeden Muslim.

Als regelrechtes Gesetzbuch gilt im Islam der Koran. Dieser setzt sich aus 6226 Versen langen Texten zusammen und stellt die „letzte Offenbarung Gottes an die Menschen“ dar. (vgl. Dunde, 1994 S.131) Wichtigster Inhalt des Koran sind „die fünf Säulen des Glaubens“. Jeder Mensch hat sich diesen bedingungslos zu unterwerfen. Sein ganzes Leben richtet sich danach. Nur wenn er ihnen Folge leistet, kann er die Erlösung finden. Die fünf Säulen des Glaubens setzen sich zusammen aus: Glaubensbekenntnis (schakada), tägliches Gebet (salat), Pflicht des Almosengebens (zakat), Fasten (sawm) und Pilgerfahrt (Hadjdj). (vgl. Wehr, 2002 S.152-156) Für den Gläubigen ist es nur möglich in die Gemeinschaft einzutreten, wen er das Glaubensbekenntnis: „Es gibt keinen Gott außer Gott und Mohammed ist der Gesandte Gottes“ ablegt. (vgl. Dunde, 1994 S.130) Dieses ist ein verbindlicher Akt und verfestigt die gläubige islamische Gesellschaft. Das tägliche Gebet ist genauso Pflicht wie das gemeinsame Gebet an jedem Freitagmittag (vgl. Dunde, 1994 S.130), anders im Christentum, wo das Gebet individuell abgehalten werden kann und nicht verpflichtend ist. Durch das Fasten wird die muslimische „Identität“ immer wieder neu bestätigt. Abgehalten wird das Fasten im Monat Ramadan und ist für jeden Muslim unumgänglich und dient zur „Erneuerung des Bewusstseins ihrer Islamizität“. (vgl. Dunde, 1994 S.130/31) Durch das Geben von Almosen, welches ebenfalls einen Pflichtakt darstellt, wird das Gemeinschaftsgefühl nochmals gestärkt, da man Solidarität gegenüber Armen, Kranken, Witwen und Waisen hegt. (vgl. Dunde, 1994 S.131) Die Pilgerfahrt nach Mekka stellt zu guter letzt eine unbedingte Lebenserfahrung für den Muslim dar und vermittelt ebenfalls ein starkes Gemeinschaftsgefühl. (vgl. Dunde, 1994 S.131)

Mit den fünf Säulen des Glaubens äußert sich die starke Zusammengehörigkeit der islamischen Gemeinschaft und trotzdem sie so einnehmend und verpflichtend ist, ist der Einzelne ohne diese Gemeinschaft kein „gotteswürdiges“ Individuum.

3. Die Lebenspraxis als Bewährung

3.1 Oevermanns allgemeines Strukturmodell von Religiosität- Lebenspraxis als Einheit von Entscheidungszwang und Begründungsverpflichtung

Oevermann betrachtet das Modell von Religion als „eine Struktur des menschlichen Lebens, die kulturspezifisch unterschiedlich in Erscheinung tritt“.(vgl. Oevermann, 1995 S.2) Er sieht Religion als eine „Praxisform par execellence“ an, da in ihr die zentrale Frage „nach dem Sinn des Lebens“ thematisiert wird. (vgl. Oevermann, 1996 S.29) Oevermann geht davon aus, dass jedem Menschen das „Bedürfnis“ nach der „Sinngebung seines Lebens“ unterstellt werden kann. (vgl. Oevermann, 1996 S.30) Der Mensch stellt sich der dreifaltigen Frage: Woher komme ich?; Wohin gehe ich?; Wer bin ich?. (vgl. Oevermann, 1995 S.4)

Er weist jedoch gleichsam darauf hin, dass der „Bedürfnisansatz“ wie auch der „Erlebnisansatz“ aufgegeben werden muss, um einen allgemeinen „Strukturzusammenhang“ aus den „Konstitutionsbedingungen der Praxis“ zu entwickeln. (vgl. Oevermann, 1996 S.31) Er stellt sich ein Modell von Religiosität vor, welches nicht von der Frage nach dem Sinn des Lebens ausgeht, sondern welches die „Struktureigenschaften“ und „Konstitutionsbedingungen“ der Lebenspraxis bestimmt und somit eine solche Praxis nicht als „gegeben voraussetzt“. (vgl. Oevermann, 1996 S.31) Der Mensch muss die Endlichkeit seines irdischen Lebens anerkennen. Die „Kategorie der Endlichkeit“ ergibt sich aus dem „Übergang von Natur zu Kultur“. (vgl. Oevermann, 1996 S.31)

Die Sprache macht diesen Übergang möglich. Ihr Wesen ist gekennzeichnet davon, dass sie Interaktion möglich macht. (vgl. Oevermann, 1996 S.31) Den Menschen wird so bewusst, dass es neben dem Leben im „Hier und Jetzt“ auch noch ein anderes, jenseitiges Leben für sie gibt. Damit verbunden ist auch die Erkenntnis der Knappheit der Zeit, die ihm zur Beantwortung der dreifachen Frage zu Verfügung steht. Oevermann spricht von „autonomer Lebenspraxis“ (vgl. Oevermann, 1996 S.32), die der Mensch durch den Übergang von Natur zu Kultur erreicht. Sie ist „in der Einheit von Leib und Seele und Geist- die dialektische Verschränkung und Synthesis von Natur und Kultur, von Sinnlichkeit und abstrakter Bedeutung“. (vgl. Oevermann, 1996 S.32) Die Autonomie des Gläubigen hat aber gleichsam zur Folge, dass es zu einer „widersprüchlichen Einheit von „Entscheidungszwang“ und „Begründungsverpflichtung“ kommt. (vgl. Oevermann, 1996 S.33)

Der Mensch hat immer bestimmte Alternativen gegeben, wenn er sich zu entscheiden hat. Entscheidungen müssen beständig in der alltäglichen Praxis getroffen werden, es ist sogar zwingend notwendig das man sich entscheidet: „man kann sich nicht nicht entscheiden“. (vgl. Oevermann, 1996 S.34)

Die zu treffenden Entscheidungen erheben Anspruch auf Begründung, „Begründbarkeit“. Oevermann geht davon aus, dass eine solche „Begründungsverpflichtung aktuell nicht einlösbar ist“. (vgl. Oevermann, 1996 S.34) Durch Autonomie der Lebenspraxis ist es dem gläubigen Individuum also möglich Entscheidungen individuell zu treffen, jedoch muss es sich für diese verantworten.

Nicht nur Krisensituationen verlangen nach Entscheidungen und deren Begründung. Jede alltägliche Lebenssituation verlangt danach. (vgl. Oevermann, 1996 S.34)

Aus den soeben aufgeführten Punkten, ergibt sich nach Oevermann das sogenannte Problem der „Bewährung“. (vgl. Oevermann, 1996 S.35) Das gläubige Subjekt muss sich in jeder, sich ihm stellenden Situation, immer wieder von neuem bewähren. Diese Bewährungungsproblematik ist nach Oevermann „in sich unendlich“ und andauernd bis zum Tode. (vgl. Oevermann, 1996 S.35) Daraus ergibt sich eine „Bewährungsdynamik“. Diese ist nicht stillstellbar, dass heißt, da die Bewährung unendlich ist, kann sie nicht im irdischen Leben gelöst werden. (vgl. Oevermann, 1996 S.35)

Die Konsequenz, die sich daraus ergibt, stellt sich folgendermaßen dar: Der Mensch steht also vor der Aufgabe, die Antwort auf die dreifaltige Frage zu finden, vor dem Hintergrund der Knappheit der Zeit, die ihm sein irdisches Dasein dafür bietet.

Eine Erleichterung stellt für den Menschen dabei ein „Bewährungsmythos“ dar. (vgl. Oevermann, 1995 S.4/5) In diesem kommt es zu einer „Differenzierung zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit“. (vgl. Oevermann, 1995 S.6) Weiterhin erfährt die Bewährungsproblematik Milderung dadurch, dass der Bewährungsmythos den „Entwurf einer möglichen Lösung des Bewährungsproblems“ enthält. (vgl. Oevermann, 1996 S.36) Diese äußert sich darin, dass sie „grundsätzlich in der Bedingungslosigkeit des Glaubens an und des praktischen Lebens im Mythos“ besteht. (vgl. Oevermann, 1996 S.36) Dieses verweist darauf, dass der gläubige Mensch nach den Regeln der Religion leben muss und deren Dogmen bedingungslos Folge zu leisten hat, um im Bewährungsmythos seine Erleichterung zu finden.

Die Bewährungsdynamik ist also Grundlage der menschlichen Lebenspraxis, sie ist jedoch in den verschiedenen Kulturen unterschiedlich ausgeprägt. (vgl. Oevermann, 1995 S.6) Auch in der säkularisierten Welt hat die Bewährungsproblematik nicht an Bedeutung verloren, der Mensch muss sich nun jedoch einer „Fortsetzung der universellen Bewährungsdynamik“ stellen. (vgl. Oevermann, 1996 S.40)

4. Darlegung am Paradigma der Religion

4.1 Der schöpfungsmythos- Symbol für Entscheidungszwang

Genau wie in der christlichen Bibel, findet sich auch im Koran ein Schöpfungsmythos, verbunden mit dem „paradiesischen Sündenfall“.

Im christlichen Schöpfungsmythos findet sich nach Oevermann die am weitesten „elaborierteste religiöse Artikulation der universellen Bewährungsdynamik“. (vgl. Oevermann, 1995 S.8) Mit dem Verbot Gottes, welches er Adam und Eva gab, nicht von den Früchten des Baumes der Erkenntnis zu essen und deren Verstoß aufgrund der Aussage der Schlange, als Verkörperung Satans, verbindet sich der Ausschluss aus dem Paradies. Dieser Verweis von Adam und Eva von dem göttlichen Ort, hatte zur Grundlage, dass Gott als Schöpfer der Welt, das Essen der Früchte vom Baum des Lebens verhindern wollte. Damit „konstruiert der jüdisch- christliche Schöpfungsmythos die Fundamente des Strukturmodells von Religiosität“, da er mit der Vertreibung aus dem Paradies und damit den Verlust des unendlichen Lebens die Differenz von Endlichkeit und Unendlichkeit aufzeigt. (vgl. Oevermann, 1995 S.8/9) Das Verbot nicht von den Früchten des Baumes des Lebens zu essen, hatte Gott jedoch nicht ausgesprochen und so konnten Adam und Eva gar nichts von diesem Baum wissen. Dieses handelt Oevermann als „eine aufschlussreiche Komplikation“ ab. (vgl. Oevermann, 1995 S.9)

Zur „Verteidigung Gottes“ führt er an, dass für Gott die Tatsache des ewigen Lebens als Selbstverständlichkeit angesehen wird, da es seiner allmächtigen Zustandsform entspricht. Gott geht also davon aus, dass der von ihm erschaffene Mensch, als sein Ebenbild, ebenfalls davon weiß. (vgl. Oevermann, 1995 S.9) So wird Adam und Eva jedoch unmittelbar die Möglichkeit genommen zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können. (vgl. Oevermann, 1995 S.10) Da ihnen so eine Grundlage zum „Menschsein“ fehlt und damit der Übergang von Natur zu Kultur nicht möglich wäre, wird im jüdisch- christlichen Schöpfungsmythos die Erkenntnis von Gut und Böse an den Verlust des ewigen Lebens mit Aussicht auf ein autonomes irdisches Leben, geknüpft. (vgl. Oevermann, 1995 S.10-12)

Erst durch den Ungehorsam gegenüber Gott, ist es dem Menschen möglich zwischen guten und bösen Handlungen unterscheiden zu können. Damit stellt der christliche Schöpfungsmythos in Verbindung mit dem „paradiesischen Sündenfall“ die „fundamental operierende Lebensgrundlage“ dar und damit, mit dem Übergang von Natur zu Kultur, die nicht stillstellbare Bewährungsdynamik, da der Mensch von nun an bestrebt ist diesen Zustand der unschuldigen Natürlichkeit zurückzugewinnen. Der Mensch unterliegt also wieder dem Entscheidungszwang. Durch Gewinn seiner autonomen Lebenspraxis, ist er dazu gezwungen Entscheidungen zu treffen, die ihn Stück für Stück näher an den angestrebten Zustand von vollkommener Natürlichkeit heranführen. Er ist also gezwungen, stets die „richtigen“ Entscheidungen zu treffen. Bereits Adam und Eva standen unter diesem Entscheidungszwang. Sie mussten sich, ohne den Unterschied von Gut und Böse zu kennen, entscheiden, ob sie auf Gott oder die Schlange hören. Der Schöpfungsmythos kann hier also als Symbol für Entscheidungszwang angesehen werden.

4.2 Der Bewährungsmythos- Symbol für Begründungsverpflichtung

Wie bereits erwähnt, äußert sich die Bewährungsdynamik in den Kulturen unterschiedlich.

Folgt aus ihr im Christentum der Erlösungsmythos, wobei durch den Kreuztod Jesu bereits eine Art von Bewährung geleistet wird, fehlt eine solche Erlöserfigur im Islam (zur Rolle der Erlösung im folgenden Kapitel nähere Erläuterung). Muss sich der Christ so „weniger“ bewähren als der Muslim? Um dieser Frage nachzugehen, folgen nun Betrachtungen der Lebenspraxis von Christen und Muslimen bezogen auf die Religionsausübung im Alltag.

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Details

Seiten
18
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638255486
ISBN (Buch)
9783638788700
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v22122
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Soziologie
Note
2,3
Schlagworte
Bewährung Lebenspraxis Christentums Islam Oevermannsche Theoriebildung Seminar Religion Gesellschaft

Autor

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Titel: Bewährung in der Lebenspraxis innerhalb des Christentums und des Islam - Oevermannsche Theoriebildung