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Kindliches Verständnis von Emotionen

Hausarbeit 2001 24 Seiten

Psychologie - Entwicklungspsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Verständnis von Emotionen
1.1. Begriffsklärung - Emotionen
1.1.1. Was versteht man unter einer Emotion?
1.2. Emotionale Entwicklung
1.2.1. Ein Modell kindlichen Verstehens von Emotionen
1.2.2. Vorläufer emotionaler Entwicklung - Das 1. Lebensjahr
1.2.3. Überzeugungen, Wünsche und Emotionen

2. Forschungsergebnisse
2.1. Das lexikalische Wissen von Kindern
2.2. Verstehen von Emotionen
2.3. Situatives Wissen à Erkennen von Emotionen im situativen Kontext

3. Diskussion
3.1. Interpretation der Ergebnisse

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einleitung :

Kinder haben ein Verständnis von Emotionen. Nicht ganz eindeutig geklärt ist jedoch die Frage, wie sie dazu kommen. Wie schaffen es Kinder, sich mit der Begrifflichkeit und der Bedeutung von Emotionen

vertraut zu machen?

Welche Wege beschreiten sie auf diesem Weg? Nutzen sie so etwas wie eine abrufbereite Liste, auf der sie ihre Erfahrungen (Ereignis plus eingetretene Emotion) „notiert“ haben oder steckt ein komplexerer Mechanismus dahinter?

In welchem Ausmaß besitzen Kinder das Wissen und die Fähigkeit, emotionale Begriffe zu nutzen und sie mit anderem emotionalen Wissen in Verbindung zu bringen? Mehrfach wurde geprüft, wie Kinder eine Sprache erlernen, aber nur selten, wie sie lernen Emotionen mit Namen zu versehen. Viel wurde darüber geschrieben, wie Kinder und Erwachsene über Emotionen sprechen, aber wenig ist bekannt darüber, wie sie die Fähigkeit zum Benennen der Emotionen erwerben.

Die folgende Arbeit will versuchen, der Frage nachzugehen, welche Strategie von Kindern auf dem Weg des Verstehens und Begreifens von Emotionen genutzt wird.

Relevanz erlangt dieses Thema für mich deshalb, weil ich es wichtig finde, das Muster zu kennen, das Kinder zu Hilfe nehmen, um sich in ihrer Umwelt zurecht zu finden. Beispielsweise in der Kindertherapie muss man die Wege kennen, die Kinder beschreiten, um pathologische Abweichungen feststellen zu können und helfend einzugreifen. Eine weiterer Punkt, der die Bedeutung dieses Themas hervorhebt, ist die pädagogische Arbeit mit Kindern. Ob Eltern oder Lehrer und Erzieher, für alle ist es gleichermaßen wichtig zu wissen, wie sich die Entwicklung im Bereich Emotionen gestaltet und welche Einflussmöglichkeiten man hat.

1. Verständnis von Emotionen

1.1. Begriffsklärung - Emotionen

1.1.1. Was versteht man unter einer Emotion?

Da es in der vorliegenden Arbeit um das Thema Emotionen gehen soll, stellt sich die Frage, was genau man unter einer Emotion zu verstehen hat. Wohl jeder hat eine Vorstellung von Emotionen. Nach einer Definition gefragt, wird es jedoch nahezu unmöglich eine übereinstimmende Beschreibung des Konstruktes Emotion zu geben.

Thomas Hülshoff beschreibt beispielsweise Emotionen als ein mehrdimensionales Geschehen.

“ Wir reagieren körperlich und emotional, eine Emotion kann als körperlicher Zustand, als seelische Empfindung oder als ein unser Denken und Handeln bestimmendes Phänomen wahrgenommen werden.“( Hülshoff, 2000, S.13)

„Emotionen sind körperlich-seelische Reaktionen, durch die ein Umweltereignis aufgenommen, verarbeitet, klassifiziert und interpretiert wird, wobei eine Bewertung auftritt.“ ( Hülshoff, 2000, S. 14)

Zwei aktuelle Definitionen, welche von großer Bedeutung für die Forschung waren, sind die folgenden.

Die kognitive Bewertung wird innerhalb dieser Definitionen für die Entstehung, aber auch für die kontinuierliche und rekursive Informationsverarbeitung als wesentlich angesehen.

“Emotion ist eine Episode zeitlicher Synchronisation aller bedeutender Subsysteme des Organismus, die fünf Komponenten bilden (Kognition, physiologische Regulation, Motivation, motorischer Ausdruck (motor expression) und monitoring/Gefühl), und die eine Antwort auf die Bewertung eines externalen oder internalen Reizereignisses als bedeutsam für die zentralen Bedürfnisse und Ziele des Organismus darstellt.“Scherer (zit. nach Otto, Euler und Mandl, 2000, S. 15)

Oatley und Jenkins (zit. nach Otto, Euler und Mandl, 2000, S.16) schlugen folgende Arbeitdefinition vor:

„ (1) Eine Emotion wird üblicherweise dadurch verursacht, dass eine Person - bewußt oder unbewusst - ein Ereignis als bedeutsam für ein wichtiges Anliegen (ein Ziel) bewertet...(2) der Kern einer Emotion sind Handlungsbereitschaft (readiness to act) und das Nahelegen (prompting) von Handlungsplänen; eine Emotion gibt einer oder wenigen Handlungen Vorrang, denen sie Dringlichkeit verleiht. Sie kann mentale Prozesse oder Handlungen unterbinden oder mit ihnen konkurrieren...(3) Eine Emotion wird gewöhnlicherweise als ein bestimmter mentaler Zustand erlebt, der manchmal von körperlichen Veränderungen, Ausdruckserscheinungen und Handlungen begleitet oder gefolgt wird.“

Wie anhand der ausgewählten Definitionen deutlich wurde, kommt den kognitiven Prozessen eine zentrale Rolle innerhalb aktueller Arbeitsdefinitionen von Emotionen zu.

1.2. Emotionale Entwicklung

Nancy L. Stein und Linda J. Levine (in Dalgleish und Power, 1999: übersetzt vom Verfasser der Arbeit), setzten sich mit der Frage auseinander, welche mentalen Prozesse während des Erlebens einer Emotion ablaufen. Speziell interessierte sie die Frage, ob Kinder Emotionen anders erleben als Erwachsene bzw. wie der kindliche Entwicklungsprozess diesbezüglich abläuft.

Die Prozesse, die zum Verstehen, Bewerten und Beantworten von Ereignissen führen, welche Emotionen hervorrufen, laufen sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen bewusst und unbewusst ab. Emotionales Verständnis basiert in jedem Lebensalter auf der Bewertung hinsichtlich eigener Ziele und Vorlieben. Selbst die jüngsten Kinder, die das erleben und ausdrücken, was Stein und Levine als Basisemotionen bezeichnen, bewerten emotionale Situationen hinsichtlich der Sicherung ihrer Grundbedürfnisse oder möglichen Schadens bzw. Leides für sie selbst. Sie sind in der Lage, Maßnahmen zu ergreifen, die zum Erreichen bzw. Eliminieren eines bestimmten Zustandes führen. Daraus lässt sich ableiten, dass die mentalen Strukturen, die emotionales Verständnis bestimmen und regulieren, funktionieren, bevor ein Kind das Sprechen lernt. Stein und Levine behaupten, dass die Art der Bewertung emotionaler Situationen bei Kindern und Erwachsenen ähnlich ist.

Um die frühe Entwicklung emotionalen Verständnisses dokumentieren zu können, entwarfen Stein und Levine eine Modell, welches für den Einsatz ab dem 2. Lebensjahr konzipiert ist.

Dieses Alter ist gekennzeichnet durch die einsetzende Fähigkeit des Sprechens sowie die Fähigkeit der Kommunikation über das Verständnis von Emotionen.

Sie beschreiben, wie diese jungen Kinder Ereignisse, Ziele, Pläne und Maßnahmen hinsichtlich der Erinnerung an emotionale Situationen bewerten.

Weiterhin betonen Stein und Levine, dass es selbstverständlich entwicklungsbedingte Unterschiede bezüglich der Intensität des Verstehens emotionaler Situationen gibt, da Erwachsene eine größere Vielzahl emotionaler Situationen erlebt haben und so zwangsläufig über ein breiteres Wissen bezüglich der Ausprägungen und Konsequenzen emotionaler Ereignisse verfügen als Kinder. Die Frage der beiden Forscherinnen war, ob diese entwicklungsbedingten Veränderungen die grundlegende Organisation emotionalen Denkens beeinflussen, oder ob sie spezifische Bewertungstypen, speziell genutzte Bewältigungsstrategien und die Geschwindigkeit, mit der vergangene Informationen abgerufen werden können, beeinflussen.

1.2.1. Ein Modell kindlichen Verstehens von Emotionen

Das von den beiden Wissenschaftlerinnen Stein und Levine beschriebene Modell des emotionalen Erlebens und Verständnisses stellt sich folgendermaßen dar:

Der Prozess des Verstehens, welcher emotionale Erlebnisse begleitet, charakterisiert sich durch vier Dimensionen.

- Das Hervorrufen einer Emotion signalisiert immer, dass eine Veränderung wahrgenommen wurde, die ein persönlich bedeutungsvolles Ziel betrifft. Kinder wie Erwachsene, die eine Emotion erleben, haben eine Veränderung wahrgenommen, die ihnen beim Erreichen ihrer Ziele hilft, sie blockiert oder verhindert.
- Es existiert keine äquivalente Beziehung zwischen einem Ereignis und einer spezifischen Reaktion, da das Erleben von Emotionen immer vom Vorwissen abhängt. Allein die Bewertung eines Ereignisses für die persönlich relevanten Ziele entscheidet darüber, ob und wenn ja welche Emotion erlebt wird. Dabei werden die Bewertungen anhand von Ursachen und Konsequenzen eines Ereignisses eher als anhand des Ereignisses selbst vorgenommen. Besonders bei kleinen Kindern lässt sich gut beobachten, dass ein direkter Zusammenhang zwischen einem Ereignis und einer spezifischen Emotion fehlt. Als Beispiel führen Stein und Levine eine Untersuchung von Sroufe (nach Stein und Levine in Dalgleish und Power, 1999, S. 384) an, in der Kinder Guck-Guck gespielt haben und je nach Stimmungslage diverse Reaktionen beim selben Kind gezeigt werden konnten.

Ein kritischer Faktor, von dem man annimmt, dass er das Erleben von Emotionen regulieren könnte, ist der ursprüngliche seelische Zustand des Kindes.

- Die unwillkürliche Natur emotionaler Erlebnisse ist die dritte Dimension, die den Prozess des Verstehens charakterisiert. Das Erleben einer Emotion ist nicht planbar, wir können uns nur vorstellen, wie wir angesichts eines emotionalen Ereignisses reagieren würden. Emotionen ereignen sich unerwartet und unwillkürlich als Reaktion auf neue Ereignisse oder Situationen. Dabei ist die Existenz noch nie da gewesener Informationen eine kritische Komponente emotionaler Erlebnisse. Werden z.B. Kinder oder Erwachsene wiederholt mit dem gleichen Ereignis konfrontiert, erleben sie eine Emotion zum zweiten Mal nur dann, wenn sie ein neues Element in dieser Situation wahrnehmen, welches sie vorher nicht zur Kenntnis genommen haben. Erkennen sie jedoch keinen neuen Aspekt, erleben sie nicht die gleiche Intensität einer Emotion. Manchmal nehmen sie gar keine Emotion mehr wahr.
- Die vierte Dimension, die emotionales Verständnis charakterisiert, ist das kausale Denken, die Zielbewertung und die Planungsprozesse, die außerhalb vom Erleben von Emotionen ständig stattfinden. Aktuelle Theorien von Kognition und Emotion haben die Bedeutung von Ziel-Bewertungsprozessen erkannt.

Das Modell, welches Stein und Levine hier vertreten, unterscheidet sich von anderen Modellen dahingehend, dass sie sich speziell für den Prozess der Entwicklung des Verständnisses von Emotionen interessieren.

Konform gehen sie mit anderen Forschern in der Frage, dass Kinder grundsätzlich anders denken als Erwachsene, nutzen ihre Theorie jedoch, um die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Kindern und Erwachsenen im Denken überprüfen zu können.

Sie beschreiben Bewertung, Denken und Planen als die Prozesse, die online während des Erlebens von Emotionen ablaufen oder rückwirkend, wenn Menschen sich an emotional bedeutungsvolle Situationen erinnern. (nach Stein und Levine in Dalgleish und Power, 1999, S.383- 386: übersetzt vom Verfasser der Arbeit)

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Details

Seiten
24
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638113519
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v2209
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Lehrstuhl Kognitive Psychologie
Note
gut
Schlagworte
Kindliches Verständnis Emotionen

Autor

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Titel: Kindliches Verständnis von Emotionen