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Lord of the Flies - eine Modernisierung von Robinson Crusoe?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 27 Seiten

Anglistik - Literatur

Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Theorie der Robinsonade

3. Die Autoren
3.1 Daniel Defoe
3.2 Robert Michael Ballantyne
3.3 William Golding

4. Zeitgeschichtlicher Hintergrund
4.1 Daniel Defoe
4.2 Robert Michael Ballantyne
4.3 William Golding

5. Die Romane
5.1 Robinson Crusoe
5.2 The Coral Island
5.3 Lord of the Flies

6. Stil, Sprache und Aufbau

7. Charaktere

8. Die Insel / Die Rolle der Natur

9. Die Rolle der Zivilisation

10. Fazit

11. Literaturverzeichnis
11.1 Primärliteratur
11.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

In der folgenden Arbeit möchte ich darstellen ob und in wie fern man William Goldings Roman Lord of the Flies als eine Modernisierung von Daniel Defoes Robinson Crusoe ansehen kann und die unterschiedlichen Zielsetzungen und Vorgehensweisen darstellen. Als notwendiger Zwischenschritt hierzu hat sich die Behandlung von Robert Michael Ballantynes Roman The Coral Island erwiesen, da sich dieser Roman sozusagen als Brücke zwischen Robinson Crusoe und Lord of the Flies anzusehen ist.

Hierzu werde ich zunächst auf die allgemeine Theorie der Robinsonade eingehen und die grundlegenden Elemente die sie definieren darstellen. Dabei werde ich mich hauptsächlich auf Erhard Reckwitzs hervorragendes Buch Die Robinsonade [1] beziehen. Danach werde ich eine kurze Zusammenfassung der Biographien aller drei Autoren geben, gefolgt von einem Überblick über den zeitgeschichtlichen Hintergrund der Entstehung der Romane. Darauf wird eine kurze Darstellung der Handlung der Romane folgen. Im nächsten Teil werde ich mich dem Stil, der Sprache und der Struktur der Romane widmen. Schließlich werde ich mich dann mit den Charakteren und zwei der zentralen Themen Natur und Zivilisation in den Romanen beschäftigen. In einem abschließenden Fazit werde ich dann alle Ergebnisse zusammenfassen.

Bei Robinson Crusoe werde ich mich auf den ersten Teil beschränken, da die Farther Adventures bzw. die Reflections nichts mit dem Inselabenteuer zu tun haben.

2. Theorie der Robinsonade

Die einsame Insel ist der Dreh- und Angelpunkt einer jeden Robinsonade – die zufällige oder absichtliche Isolierung eines Einzelnen (bzw. einer Gruppe bei der Gruppenrobinsonade) ist das einzige entscheidende Element um einen Roman oder eine Erzählung in die Gruppe der Robinsonaden einzuordnen. Diese Isolation vom Rest der Gesellschaft führt zu einer Reduzierung des Lebens in der Gesellschaft zu einem Überleben außerhalb dieser.

Durch die Nullpunktsituation ausgelöst, reduziert sich […] die Vielfalt menschlicher Seinsweisen auf den alleinigen Zweck des Überlebens: Leben auf der Insel ist nur als Überleben und dies wiederum nur durch geeignete Maßnahmen denkbar, Leben ist als der existenzielle Extremfall schieren Überlebens in der Nullpunktsituation definiert.[2]

Hierdurch wird es möglich den einzelnen Menschen (oder die isolierte Gruppe) losgelöst von der Gesellschaft, der Zivilisation zu beobachten.

Diese qualitative Reduktion erlaubt es, in einer stark eingeengten und durch klare Zwecke definierten Situation gewisse Aussagen über die menschlichen Fähigkeiten zum Leben qua Überleben zu treffen.[3]

Die Robinsonade soll also laut Erhard Reckwitz die menschliche Fähigkeit zum Überleben in Augenschein nehmen. Sie soll untersuchen wie ein Einzelner mit der Isolation umgeht und wie er losgelöst von der bequemen Zivilisation zurechtkommt.

Die Gruppenrobinsonade hingegen hat einen anderen Schwerpunkt. Der Untersuchungsgegenstand der Gruppenrobinsonade ist nur sekundär das physische Überleben der Gruppe – hier geht es vielmehr darum zu zeigen wie eine kleine Gruppe von Menschen es schafft miteinander zu (über)leben, wie die Hierarchie und das soziale Miteinander dieser Gruppe ohne die regulierende und schützende Macht der Gesellschaft, der Zivilisation funktioniert. Reckwitz stellt fest „dass bereits zwei Menschen eine Menschenmenge bilden“ und dass dies „spezifische soziale Probleme“ aufwirft. Diese „gruppendynamischen Probleme z.B. wer die Führung übernimmt, auftretende Rivalitäten und unterschiedliche soziale Ansprüche, bedürfen einer Lösung.“[4]

Die Protagonisten einer Gruppenrobinsonade haben zusätzlich zu der Bewältigung der physischen Bedrohungen eine weitere große Bedrohung welche sich definiert

[…] als eine durch Desorganisation, Zwist, Gewaltanwendung und Regellosigkeit des Zusammenlebens hervorgerufene Lebensgefahr sämtlicher Inselbewohner, oder andersrum ausgedrückt, als der Mangel an der gegenteiligen positiven Prinzipien Organisation, Harmonie, Gewaltlosigkeit und Geregeltheit des gemeinsamen Überlebens.[5]

Sie sehen sich nicht nur einer physischen Nullpunktsituation gegenüber, sondern auch einer sozialen Nullpunktsituation. Diese besteht darin,

[…] dass sinnvolle Formen des Zusammenlebens fernab der sonst wirksamen gesellschaftlichen Normen der Heimat entwickelt werden müssen, die dadurch im Naturzustand auf ihre Effizienz und Berechtigung untersucht werden.[6]

Erhard Reckwitz summiert die Hauptfragestellung einer Gruppenrobinsonade so:

In der Gruppenrobinsonade steht vor allem die Frage nach den sozialen Fähigkeiten der Menschen im Mittelpunkt des Interesses, dargestellt an dem Überlebensarrangement einer kleinen Zahl Schiffbrüchiger auf einer Insel. Die durch die Isolation ermöglichte reduktive Sicht zielt in diesem Falle darauf ab, anhand eines repräsentativen gesellschaftlichen Mikrokosmos unter verschiedenen Bedingungen Aufschluss über die gesellschaftliche Natur des Menschen zu gewinnen.[7]

Die negative Robinsonade ist nichts weiter als eine Robinsonade in der der Protagonist oder die Protagonisten scheitern. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts waren alle Robinsonaden Erfolgsgeschichten. Der oder die Gestrandeten wurden nicht nur gerettet, sie erlebten meist spannende Abenteuer und profitierten finanziell von ihrem Schiffbruch. Erst im ausgehenden 18. Jahrhundert erscheinen die ersten negativen Robinsonaden. Reckwitz fasst das Schema der negativen Robinsonaden so zusammen:

Die negative Robinsonade ist die Umkehrung der positiven Robinsonade in ihr exaktes Gegenteil.[8]

Es gelingt dem negativen Robinson also nicht sein Überleben zu sichern, es gelingt ihm nicht sich in die Natur einzufügen und sich diese zum Untertan zu machen bzw. es gelingt der Gruppe nicht ein soziales Zusammenleben zu etablieren.

3. Die Autoren

3.1 Daniel Defoe

Daniel Dafoe wird um 1660 in London geboren. Nachdem er zunächst ein presbyterianischer Geistlicher werden will, ergreift er 1685 den Beruf eines Kaufmanns, da ihm dies die Möglichkeit bot durch Europa zu reisen. 1692 macht er jedoch Bankrott. In seiner Jugend und seinen mittleren Jahren widmet er sich hauptsächlich dem Verfassen von Pamphleten gegen das Königshaus und die Kirche. 1703 muss er sogar kurze Zeit deshalb ins Gefängnis. 1704 bis 1713 ist er der Herausgeber der Zeitschrift The Review. Erst im Alter von neunundfünfzig Jahren schreibt er 1719 den Roman The Life and Strange Surprizing Adventures of Robinson Crusoe. Am 26. April 1734 verstirbt er dann in London. Obwohl er Europa ausgiebig bereist hat und ein eifriger Sammler von Reiseberichten war, hat er die Karibik oder Amerika nie persönlich gesehen.

3.2 Robert Michael Ballantyne

Robert Michael Ballantyne wird am 24. April 1825 in Edinburgh geboren. Sein Vater ist einer der Verleger von Sir Walter Scott. Er beginnt 1841 eine Ausbildung in einer Handelsfirma und verbringt die nächsten Jahre in Übersee und handelt mit den Ureinwohnern. Nach seiner Rückkehr nach Schottland veröffentlicht er seine Tagebücher und arbeitet die nächsten Jahre bei einem Verlagshaus. Auf Anregung seines Arbeitgebers beginnt er 1855 Kinderbücher zu schreiben und 1858 erscheint sein berühmtestes Werk The Coral Island. Im weiteren Verlauf bereist er die ganze Welt und veröffentlicht über 80 Kinderbücher bevor er 1894 stirbt.[9]

3.3 William Golding

William Golding wird am 19. September 1911 in St. Columb Minor in Cornwall geboren. 1934 veröffentlicht er seine ersten Gedichte. 1930-1935 studiert er in Oxford. Im Anschluss schreibt, produziert und schauspielert er für ein kleines Theater in London. 1940 tritt er in die Royal Navy ein und arbeitet sich vom einfachen Seemann zum Lieutenant hoch. 1945 beginnt er an der Bishop Wordsworth’s Schule zu unterrichten. 1954 erscheint Lord of the Flies beim Verlag Faber and Faber. In den folgenden Jahren erscheinen weitere Romane und ein Theaterstück. 1983 erhält er den Nobelpreis für Literatur, 1988 wird er in den Adelsstand erhoben. 1993 stirbt er am 19.Juni im Alter von 81 Jahren.

4. Zeitgeschichtlicher Hintergrund

4.1 Daniel Defoe

Daniel Defoe erlebte fünf Könige und eine Königin auf dem englischen Thron. Geboren wurde er in dem Jahr, in dem, durch die Thronbesteigung Charles des Zweiten, der Bürgerkrieg endgültig beendet wurde und die Restauration begann. Zeit seines Lebens wird England jedoch von religiösen Streitereien geprägt – die anglikanische Staatskirche wird sowohl vom wiederaufblühenden Katholizismus auf der einen – und den vielen puritanischen Sekten – den „Dissentern“ angegriffen.

Defoe stand in diesen Auseinandersetzungen auf der Seite der Dissenter und engagierte sich hauptsächlich durch das Schreiben von Pamphleten für sie. Erst unter den Königen George I + II kehrte wieder Ruhe ein und die meisten Repressionen gegen die Dissenter wurden aufgehoben.[10]

Die Karibik und Amerika standen bei der Veröffentlichung von Robinson Crusoe noch größtenteils unter spanischer Kontrolle und da Defoe auch in vielen Pamphleten zur Expansion der britischen Kolonien in der Neuen Welt aufrief, kann man auch Robinson Crusoe und seine Erfolgsgeschichte auf der Insel als einen Ansporn zur weiteren Kolonialisierung sehen. Auch Pat Rogers sieht dies so:

We may find it strange to regard Robinson Crusoe as the by-product of a commercial plan, involving naked colonial expansion […] but there is a good deal of evidence to show that this was the case. […] today we may be tempted to dismiss such concerns as (at best) catalysts of the true artistic creation, but we should not suppose that Defoe would have agreed with us.[11]

[...]


[1] Reckwitz, Erhard: Die Robinsonade, Themen und Formen einer literarischen Gattung. Amsterdam: Verlag B.R.Grüner 1976.

[2] Reckwitz, Erhard: Die Robinsonade, Themen und Formen einer literarischen Gattung. Amsterdam: Verlag B.R.Grüner 1976. S.30

[3] Reckwitz, Erhard: Die Robinsonade, Themen und Formen einer literarischen Gattung. Amsterdam: Verlag B.R.Grüner 1976. S.30 + 31

[4] Reckwitz, Erhard: Die Robinsonade, Themen und Formen einer literarischen Gattung. Amsterdam: Verlag B.R.Grüner 1976. S. 50

[5] Reckwitz, Erhard: Die Robinsonade, Themen und Formen einer literarischen Gattung. Amsterdam: Verlag B.R.Grüner 1976. S.50

[6] Reckwitz, Erhard: Die Robinsonade, Themen und Formen einer literarischen Gattung. Amsterdam: Verlag B.R.Grüner 1976. S. 50 + 51

[7] Reckwitz, Erhard: Die Robinsonade, Themen und Formen einer literarischen Gattung. Amsterdam: Verlag B.R.Grüner 1976. S.70

[8] Reckwitz, Erhard: Die Robinsonade, Themen und Formen einer literarischen Gattung. Amsterdam: Verlag B.R.Grüner 1976. S.426

[9] Ballantyne, Robert Michael: The Coral Island. London and Glasgow: Collins 1970. S. 5-6

[10] Petzold, Dieter: Daniel Defoe: >>Robinson Crusoe<<. München: Wilhelm Fink Verlag 1982. S.9-12

[11] Rogers, Pat: Robinson Crusoe. London,Boston, Sydney: George Allen & Unwin 1979. S.27

Details

Seiten
27
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638253840
ISBN (Buch)
9783668307957
Dateigröße
706 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v21878
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Anglistik
Note
2
Schlagworte
Lord Flies Modernisierung Robinson Crusoe

Autor

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