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Körper und Status. Eine Betrachtung von Attraktivität im aktuellen soziokulturellen Kontext

Examensarbeit 2002 84 Seiten

Soziologie - Sonstiges

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

EINLEITUNG

1. KÖRPER UND STATUS
1.1 Grundlegende kultursoziologische Arbeiten zum Verhältnis Körper - Gesellschaft
1.2 Körperdistanzierung, ein „Verschwinden des Körpers“ in komplexen, postmodernen Gesellschaften?
1.3 Körperkult
1.3.1 „Versportlichung“ der Gesellschaft
1.3.2 Der Kult um die Jugendlichkeit
1.3.3 Schlankheitskult
1.4 Verkörperung von Weiblichkeit
1.4.1 Frauen - das „schöne Geschlecht“?
1.4.2 Androgynisierungstendenzen - Vermännlichung weiblicher Körper als Aufhebung des gesellschaftlichen Prinzips der Geschlechterdifferenz?
1.4.3 Die ästhetische Stilisierung der „Kindfrau“ und das Verschwinden des „Mutterkörpers“
1.5 Verkörperung von Männlichkeit
1.5.1 „Wahre Männlichkeit“? - Der männliche Körper in der spätmodernen Gesellschaft
1.5.2 Der männliche Körper auf dem Schönheitsmarkt
1.5.3 Der männliche Körper in der Werbung
1.5.4 Der männliche Körper in Männermagazinen - Konstruktion eines neuen Männerbildes?

2. ZUR STATUSRELEVANZ VON ATTRAKTIVITÄT
2.1 Was ist eigentlich schön?
2.2 Sozialpsychologische Studien zur Bedeutung der Attraktivität
2.2.1 Kindheit
2.2.2 Partnerwahl
2.2.3 Bewerbungen und Einstellungen
2.2.4 Weitere soziale Kontexte
2.2.5 Kritik
2.3 Kultursoziologische Betrachtungen der Statusrelevanz von Attraktivität
2.4 Was ist eigentlich Attraktivität? - Ein Definitionsversuch im Spannungsfeld zwischen körperlicher Schönheit und Darstellungskompetenz

3. SCHLUSSBEMERKUNGEN

Abkürzungsverzeichnis

Bibliographie

Abbildungsverzeichnis

EINLEITUNG

Wie wichtig ist Schönheit?

Extrem wichtig, folgt man den öffentlichen Diskussionen um den gegenwärtigen „Schönheitswahn“ unserer Gesellschaft.

63 % der Leserinnen, die an der Fragebogen-Aktion der Zeitschrift „Brigitte“ zum Thema „Wie wichtig ist Schönheit?“ Ende 2001 teilgenommen haben, möchten gut aussehen. 70 % von ihnen sind damit einverstanden, sich dafür jünger zu machen (vgl. Brigitte 2002, Nr. 13, S. 93). Für die Entwicklung und Ausprägung des Schönheitskultes werden häufig die Medien, die Kosmetikindustrie, die Schönheitschirurgie und die Modewelt, die unser Schönheitsideal mit ihren Inszenierungen von jungen und extrem dünnen Super-Models prägen, verantwortlich gemacht. Je mehr Frauen (und auch Männer) ihren Körper als hässlich oder als nicht perfekt genug empfinden, desto so höher seien die Einnahmequellen der Schönheitsindustrie.

Doch diese Erklärung für den „Körperkult“ ist nicht ausreichend.

Der neue Kult um den Körper hat viele Erscheinungsformen: Schönheitsoperationen, Fitness- und Muskeltraining, Diäten, Piercings, Brandings, Body Modification, Extremsportarten oder tagelange Raves.

Anliegen der vorliegenden Arbeit ist es, die Ursachen für diesen neuen Kult um den Körper aufzuzeigen und das Streben nach Attraktivität verständlich zu machen. Im ersten Kapitel „Körper und Status“ (1.) soll die Paradoxie der Gleichzeitigkeit von Körperaufwertung und Körperverdrängung in der modernen Mediengesellschaft beschrieben werden (> 1.1 - 1.3). So befürchten kulturkritische Stimmen, dass nur noch der Körper im Mittelpunkt des individuellen und des gesellschaftlichen Interesses steht: „ Der Kult um den K ö rper sei das entscheidende Indiz für eine neue Oberfl ä chlichkeit, mit ihm kündige sich die Verdr ä ngung des Ethischen durch das Ä sthetische an. “ (Klein 2001, S. 54). Andere wiederum erwarten ein „Verschwinden“ des „natürlichen“ Körpers durch die rasanten Entwicklungen in der Bio- und Gentechnologie, der Transplantationsmedizin und der digitalen Medien. Doch dieser Kult um den Körper bei gleichzeitiger Angst vor seinem „Verschwinden“ ist an sich nichts Neues, sondern steht im Zusammenhang mit den Synergien von Körper und Technologie. So fand Anfang des 20. Jahrhunderts eine lebens-philosophische Aufwertung des Körpers (z. B. durch die Lebensreform-, Körperkulturoder Ausdruckstanzbewegung) statt, die sich gegen die Leibfeindlichkeit der Technisierung und Maschinisierung der Industriegesellschaft richtete. „Zurück zur Natur“ lautete die Devise. Der Diskurs um den Naturkörper basierte auf einem antimodernen Konzept. Dieses hat sich mit der Digitalisierung der Kommunikation seit Ende der 70er Jahre geändert. Es wird nicht mehr von der Zerstörung der „ organischen Einheit des Leibes “ (Klein 2001, S. 56) gesprochen, sondern von der „Auflösung“ des Körpers im digitalen Raum. Erneut geht mit der Diskussion um das „Verschwinden“ des Körpers eine alltagskulturelle Aufwertung des Körpers einher. Den einen gilt der Körper als letzter Ort der Selbstvergewisserung, die anderen werten den Kult um den Körper als letzten Todesschrei. Jedoch wird der Körper in der nachmodernen Welt nicht mehr zivilisationskritisch als Natur aufgefasst, sondern als ein soziales Konstrukt und als eine Option verstanden. Die postmodernen Denkfiguren beschreiben den Körper als „ Erfindung “ und als Projektionsfläche von Kultur und Geschlecht (vgl. Klein 2001, S. 58). Der Körper ist in Zeiten der Ästhetisierung und Stilisierung von Lebenswelten ein „ Objekt der Gestaltung, [...] ein formbares Medium zur Inszenierung des Selbst. “ (Klein 2001, S.59).

Der Körperkult wird in den Abschnitten 1.3.1, 1.3.2 und 1.3.3 anhand der Facetten der „Versportlichung“ der Gesellschaft, des „Kultes um die Jugendlichkeit“ und des „Schlankheitskultes“ konkretisiert dargestellt. Dabei soll deutlich werden, dass die Körperverwendung nicht nur der Selbstinszenierung, sondern auch der sozialen Positionierung in der Gesellschaft dient.

Geschlechterspezifische Aspekte des Körperkultes werden in den Abschnitten 1.4 „Verkörperung von Weiblichkeit“ und 1.5 „Verkörperung von Männlichkeit“ thematisiert. Dabei werden das aktuelle ideale weibliche Körperbild und die Tatsache, dass die Körper von Männern zunehmend einer Ästhetisierung ausgesetzt sind, in den gegenwärtigen gesellschaftlichen Kontext eingebunden.

Das zweite Kapitel (2.) dieser Arbeit versucht das große Interesse, welches der Schönheit des Körpers entgegengebracht wird, aus einer weiteren Perspektive zu beleuchten. Es wird dargestellt, inwiefern Attraktivität einen Einfluss auf den Status eines Menschen im alltäglichen Leben hat. Wenn Studien der Attraktivitätsforschung (< 2.2) und alltägliche Erfahrungen zeigen, dass „hübschen“ Menschen soziale Vorteile zukommen, kann der Wunsch und das Streben nach Schönheit verständlich und nicht mehr als rein oberflächlich aufgefasst werden. Der Abschnitt 2.1 verdeutlicht zunächst, wie schwer der Begriff der „Schönheit an sich“ überhaupt zu greifen ist. In dem Abschnitt der „kultursoziologischen Betrachtungen der Statusrelevanz von Attraktivität“ (< 2.3) wird die Bedeutung von Attraktivität in der zunehmenden Unübersichtlichkeit der postmodernen Gesellschaft, vor allem in der Berufswelt, fokussiert.

Der letzte Abschnitt dieser Arbeit (< 2.4) versucht die Attraktivität als Zusammen-spiel von rein physischer Schönheit und persönlicher Darstellungskompetenz zu fassen. Dabei werden auch milieuspezifische Unterschiede im Umgang mit Verschönerungsmaßnahmen deutlich. Sehr häufig hört man bei der Beschäftigung mit dem Thema „Schönheit“ die Einwände: „ Auf Pers ö nlichkeit kommt ’ s an. Auf Ausstrahlung. Und darauf, dass man ein guter Mensch ist. “ (Brigitte 2002, Nr. 13, S. 3).

Aber ganz unwichtig ist gutes Aussehen eben doch nicht.

1. KÖRPER UND STATUS

Diese Arbeit geht von der Annahme aus, dass Informationen, die sich auf das Image, den Status oder die „Klasse“ eines Individuums beziehen, sich nicht zuletzt am Körper konkretisieren.

Neben einem biologischen und materiellen Körper, der Gegenstandsbereich von Biologie, Physiologie, Medizin und Ernährungslehre sein kann, existiert ein oftmals unterschätzter sozialer und kultureller Körper.

Zwischen Körper und Gesellschaft bzw. Körper und Kultur herrschen Zusammenhänge und Abhängigkeiten. So steckt in Ess- und Trinkgewohnheiten, in der Gestik, in den historischen Formen körperlichen Arbeitens und Vergnügens und in den verschiedenen Persönlichkeitsidealen immer ein sozialer Faktor. Der Körper ist Objekt sozialer und kultureller Zuschreibungen. Ästhetische Ideale, Vorstellungen von Gesundheit, Krankheit und Natürlichkeit sowie auch Emotionen und Affekte sind sozial determiniert und in ihren kulturhistorischen Zusammenhang eingebunden.

Wechselnde Normen und Werte in verschiedenen Kulturen und Epochen, aber auch in den unterschiedlichen sozialen Schichten und Milieus, erscheinen als Faktoren der Körpermodellierung und prägen Körperstile, Körpereinstellungen sowie die Inanspruchnahme der menschlichen Natur mit.

So ist der Körper ein sozialer und kultureller Körper und damit Träger von Symbolen und Elementen der Gesellschaft (vgl. Rittner 1986, S. 125). Früher galt das Motto „Kleider machen Leute“. Anhand der Bekleidung konnte der gesellschaftliche Status, z. B. durch die prunkvolle Mode der Oberschichten oder durch die Uniformen des Militärs, festgestellt werden. Heute müsste dieses Sprichwort sich eigentlich in „Körper machen Leute“ gewandelt haben. Inszenierungen durch Kleidung oder Kosmetik reichen für eine gelungene Selbstdarstellung nicht mehr aus. Die höhere Wertschätzung des Körpers seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts erklärt sich zum Teil aus der Entfremdung des Menschen in der digitalisierten Arbeitswelt. Die erhöhte Aufmerksamkeit, die dem Körper entgegengebracht wird, beispielsweise durch Fitnesstraining, Aerobic, gezieltes Muskeltraining bis hin zu Schönheitsoperationen, bildet eine Gegenbewegung zu der Nutzlosigkeit des Körpers im Alltag. An die Stelle der Körperbildung durch körperliche Arbeit tritt ein ästhetischer Diskurs (vgl. Wagner-Douglas/ Wippermann 1998, S. 185-186). Die Entwicklung des „Körperkultes“ soll im folgenden ersten Kapitel aufgezeigt werden. Zunächst werden drei kultursoziologische Ansätze dargestellt, die zum Verständnis der Entwicklung des Verhältnisses Körper - Gesellschaft beitragen (> 1.1). Die Körperdistanzierung in der Alltagswelt wird unter Abschnitt 1.2 verdeutlicht. Der „Körperkult“ wird unter den Gesichtspunkten der Versportlichung der Gesellschaft, dem Jugendlichkeits- und Schlankheitskult fokussiert (> 1.3). Aktuelle Körpermoden wie Tätowierungen, Piercings oder Scarification werden in die Darstellungen nicht mit einbezogen, stellen aber einen Teil dieser Körperbewegung dar.

Im Abschnitt 1.4 wird ein Blick auf das aktuelle, weibliche Körperideal von Frauen und dessen gesellschaftliche Einbindung geworfen.

Der Abschnitt 1.5 thematisiert die verstärkte Aufmerksamkeit, die dem männlichen Körper, insbesondere in der medialen Darstellung, zukommt.

1.1 Grundlegende kultursoziologische Arbeiten zum Verhältnis Körper Gesellschaft

Die Sozialwissenschaften haben lange die soziale Determinante der Körperverwendung vernachlässigt.

Mittlerweile ist jedoch eine Fülle an neueren Arbeiten entstanden, die die soziale und kulturelle Gebundenheit der Körperlichkeit eindrucksvoll und materialreich beschreiben. An dieser Stelle sollen exemplarisch drei klassische Ansätze zum Thema Körper - Gesellschaft vorgestellt werden, die für die vorliegende Arbeit Relevanz haben und anhand derer die Perspektive und Herangehensweise dieser Arbeit verständlich werden soll.

Eine grundlegende Arbeit hat Norbert Elias (1976, zuerst 1939) in „Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen“ verfasst, in der er aufzeigt, wie sehr die abendländische Geschichte, die als Prozess der Zivilisation erscheint, sich als „Körperformungs-Geschichte“ zeigt. Diese Arbeit macht deutlich, dass Identitätsbildung, Körperaneignung, körperliches Empfinden und Handlungsstrukturen eng miteinander verwoben sind und Änderungen in einem Teilbereich zu Veränderungen des Gesamtgeflechts führen (vgl. Rittner 1986, S. 134-135). Elias stellt anhand der von ihm zusammengestellten Zitate aus Manierenschriften, Tischzuchten und Hofordnungen des Mittelalters und der Renaissance in mittelhochdeutscher, englischer, lateinischer und französischer Sprache die für die Neuzeit typische beginnende Körperdistanzierung dar. Ein vormals als rein funktional betrachteter Körper, der sich durch Affekte und prompte Reflexe auszeichnete, wird durch immer stärker und nachdrücklicher arbeitende Rationalitätsschübe in der Geschichte immer weiter zurückgedrängt. Die Manierenschriften, die für eine kleine Minderheit des Adels verfasst wurden, strebten eine Erziehung zu einem „gesitteten“ Ess- und Trinkverhalten an. „Erzogen“ werden Hände und Füße, der Mund, die Lippen, die Augen und die Zunge. Die Distanzierung und Beherrschung des Körpers ist, so wird es bei Elias deutlich, eine Erziehung einzelner Organe und Sinne, „ ein Training zur Distanzierung des physiologisch Ursprünglichen “ (Rittner 1986, S. 134). Die Geschichte der Einführung von Messer und Gabel, von Schnupf- oder Taschentüchern, deren Benutzung zunächst nur den Oberschichten vorbehalten war, dokumentiert die systematische und methodische Disziplinierung der Organe mit Werkzeugen, die sich zwischen Antrieb und Handlung oder „ buchst ä blich zwischen H ä nde und Z ä hne schieben “ (Rittner 1986, S. 135).

Diese Zurücksetzung der Körperlichkeit erschien in einer körperbetonten Agrargesellschaft des Mittelalters, in der die Robustheit des Körpers, die Schnelligkeit der Reaktionen und die Affekte überlebensnotwendig zum Bestehen von Hungersnöten, Seuchen, Naturbedrohungen und Kriegen war, als unnatürlich und mühsam. Trotzdem ist die Körperdistanzierung und der Aufbau neuer, dadurch bewirkter psychischer und intellektueller Leistungen, nicht aufzuhalten gewesen. Der Prozess der Natur- und Bedürfnisbeherrschung setzt sich im Laufe der Geschichte bis in die untersten sozialen Schichten durch. Als wichtigstes Ergebnis der Distanzierung des Körpers, die die abendländische Geschichte prägt, erscheint die Fähigkeit, den Körper von dem Selbst zu trennen. Was außen mittels Messer, Gabel und den Maschinen geschieht, passiert im Inneren mit der Psyche. Aus der Körperbeherrschung entsteht die Modellierung der typisch europäisch, westlichen Identität, bei der die von Norbert Elias beschriebene Ausdehnung der Scham- und Peinlichkeitsschwelle ein Begleitphänomen ist. Der Fremdzwang zur Selbstkontrolle wird im Laufe der Zivilisation immer mehr internalisiert und wandelt sich zum Selbstzwang. Anhand Elias Darstellung der zu Beginn der Neuzeit einsetzenden Körperdistanzierung wird deutlich, wie wenig konstant der Umgang mit der Körperlichkeit des Menschen ist. So kann „Über den Prozess der Zivilisation“ zum weiteren Verständnis des aktuellen Diskurses über das „Verschwinden des Körpers“ (mit Zunahme der virtuellen Arbeits- und Lebenswelten des Menschen) versus dem „Körperkult“ (der Bedeutungszunahme der Körperlichkeit) beitragen.

Für das Phänomen, dass sich Schicht- und Klassenunterschiede auch am Körper manifestieren, ist das Werk von Pierre Bourdieu (1982) „Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft“ als ausschlaggebend anzuführen. In diesem entwickelt Bourdieu zum ersten Mal einen theoretischen Bezugsrahmen für die Erfassung divergierender Körperphänome. Anhand empirischer Studien, die von 1963 - 1979 durchgeführt wurden, untersucht er die schichtspezifischen Unterschiede der französischen Gesellschaft in Kulturbereichen wie der Musik, Theater, Film, Wohnungseinrichtung, Essen und Trinken und eben auch in der Kleidung und dem Umgang mit dem Körper. Diese kann man auch auf Deutschland übertragen. Bourdieu verdeutlicht die verschiedenen Lebensstile, die zur Abgrenzung der herrschenden Klasse von der Mittel- und Unterschicht dienen: „ Die im objektiven wie im subjektiven Sinn ä sthetischen Positionen, die ebenso in Kosmetik, Kleidung und Wohnungsausstattung zum Ausdruck kommen, beweisen und bekr ä ftigen den eigenen Rang und die Distanz zu anderen im sozialen Raum. “ (Bourdieu 1999, S. 107). Bourdieu geht davon aus, dass Schicht-, Klassen- und Milieuunterschiede in einem unterschiedlichen Habitus geltend gemacht werden. Den Habitus-Begriff führt Bourdieu ein, um eine Überwindung der, aus seiner Sicht, künstlichen Spaltung zwischen Objektivismus und Subjektivismus zu erzielen, um also „ eine Vermittlung von struktur- und handlungstheoretischer Perspektive vorzunehmen. “ (Brandl-Bredenbeck 1999, S. 40). Den Begriff des Habitus definiert Bourdieu selbst nirgendwo kurz und bündig. Annette Treibel (1997) versucht in ihrer „Einführung in soziologische Theorien der Gegenwart“ den Habitus folgendermaßen zu erklären: „ Im Habitus eines Menschen kommt das zum Vorschein, was ihn zum gesellschaftlichen Wesen macht: seine Zugeh ö rigkeit zu einer bestimmten Gruppe oder Klasse und die ‚ Pr ä gung ‘ , die er durch seine Zugeh ö rigkeit erfahren hat. “ (Treibel 1997, S. 206). Zum besseren Verständnis drückt Treibel es vereinfacht aus: „ [...] niemand kann aus seiner oder ihrer Haut. Wer als Kind einer Bauersfamilie im Hunsrück geboren ist, ‚ hat ‘ einen v ö llig anderen Habitus als das Kind einer Unternehmersfamilie in Hamburg. “ (Treibel 1997, S. 206). Der Habitus ist verantwortlich für abweichende ästhetische Ideale, für Unterschiede in den Geschmacksäußerungen, den Körperidealen, den hygienischen Praktiken, dem Kunst- oder Musikgeschmack oder den Ess- und Trinkgewohnheiten. Bourdieu legt in seiner Theorie der ästhetischen Distinktion drei Geschmacks-Dimensionen fest: Den legitimen Geschmack des Bildungs- und Großbürgertums, die zusammen die herrschende Klasse bilden, in dessen Bewertung von Ästhetik die Form und der Stil Vorrang vor dem Inhalt hat; den mittleren Geschmack der Mittelklasse (Angestellte, technische Berufe) und den populären Geschmack des Kleinbürger- und Arbeitertums, deren Geschmäcker sich eher an der Funktion, Substanz und Praktikabilität orientieren, so dass man von einem „Notwendigkeitsgeschmack“ (vgl. Treibel 1997, S. 215) sprechen könnte. Zentrale Aussage des Bourdieuschen Geschmacksbegriffs ist, dass der Geschmack und die Selbstinszenierung nie etwas Individuelles oder ein persönlicher Verdienst ist, sondern immer als etwas Gesellschaftliches betrachtet werden muss. Nirgends vollzieht sich die soziale Abgrenzung effektiver als über den Körper (vgl. Klein 2001, S. 61). So entwickeln soziale Klassen ebenso deutlich unterscheidbare Mittel körperlicher Selbstpräsentation:

Bourdieu kommt zu dem Ergebnis, dass die Frauen der unteren Schichten sich selbst und ihre Körper nicht so hoch schätzen wie bürgerliche Frauen. Insgesamt betrachtet messen sie der Schönheit, Gesundheit und Schlankheit ihrer Körper weniger Wert und Interesse bei:

„ Eine ganze Gruppe konvergierender Merkmale zeigt, dass diese Frauen ihrem K ö rper weniger Wert und weniger Interesse beimessen als die Frauen aus anderen Klassen:

z. B. meinen 40,2 % der Frauen von Landwirten und 36,0 % der Arbeiterfrauen (aber nur 24,2 % der Frauen aus der herrschenden Klasse und 33,2 % der Frauen aus den mittleren Klassen), dass sie unter dem Sch ö nheitsdurchschnitt stehen; 13,0 % und 14,0 % (gegenüber 10,1 % und 7,6 %) glauben, dass sie ä lter aussehen als sie sind, und die Frauen aus den unteren Klassen bewerten ihr Aussehen (ausgenommen Haut, Nase und H ä nde) stets schlechter als das der Frauen aus den oberen Klassen. Imübrigen halten sie Sch ö nheit für weniger wichtig und bringen für K ö rperpflege systematisch weniger Zeit, Geld und Interesse auf (Z.Q. XLIV). “ (Bourdieu 1999, 596).

Die grundlegende These Bourdieus ist also, dass der Körper - ebenso wie die Körperideale - ein Produkt der Gesellschaft ist, das seinerseits wiederum auf diese einwirkt. Die vorliegende Arbeit geht von dem Postulat der Manifestation von Klassen-und Schichtunterschieden am Körper aus. Der milieuspezifische Umgang mit dem Körper wird daher in die Betrachtungen von Attraktivität mit einbezogen. Wie unterschiedlich die Körperverwendungen und Inszenierungen in Alltagssituationen sind und wie sehr dabei Körperhaltung, Mimik und soziale Situation aufeinander abgestimmt werden müssen, geht aus vielen Einzelanalysen der Schule des „Symbolischen Interaktionismus“ (vgl. hierzu: Herbert Blumer 19691, George Herbert Mead 19732 in: Treibel 1997, S. 108-115) und der „Ethnomethodologie“ (vgl. hierzu Erving Goffman 19693 in: Treibel 1997, S. 133-134) hervor, bei denen aufgezeigt wird, wie Körperkontrolle, Körperausdruck und Selbstdarstellung je nach sozialen Anlässen und Räumen variieren. Ob Party, Kneipe, Kaufhaus oder Großraumbüro, es ergeben sich jeweils unterschiedliche, auf das Milieu abgestimmte Körper-Choreografien.

Anhand der Untersuchungen des „Symbolischen Interaktionismus“ wird deutlich, welche große Rolle der Körper bei Ritualen des Sich-Kennenlernens, des Verabschiedens, bei freundlichem wie aggressivem Verhalten spielt: „ Wo vieles unausge sprochen bleibt, kommunizieren die K ö rper und werden die sozialen Situationen durch ihre Signale definiert. “ (Rittner 1986, S. 130).

So dient der Körper, seine Verwendung in Interaktionen und seine Inszenierung, als identitätsbildener Faktor. Die Vertreter des „Symbolischen Interaktionismus“ verstehen die Identität nicht als Konstante oder etwas Gleichbleibendes, sondern als etwas, das im sozialen Interaktionsprozess der Wechselbeziehung mindestens zweier Menschen erst ausgehandelt werden muss. Dieses geschieht, indem die sog. „Ich-Identität“ zwischen dem „I“ , welches das „Ich“ als spontanes und kreatives Subjekt beschreibt, und dem „Me“, welches das „soziale Selbst“ in Beziehung zu anderen Menschen darstellt (nach G. H. Mead vgl. Treibel 1997, S. 112), vermittelt.4 Die „Ich-Identität“ ist also die Balance der Aufrechterhaltung dieser beiden Identitäten einer Person. In der vorliegenden Arbeit wird die Bedeutung der postmodernen Gesellschaft für die Identitätsentwicklung in Bezug auf den Umgang mit dem Körper zum Ausdruck gebracht.

1.2 Körperdistanzierung, ein „Verschwinden des Körpers“ in komplexen, postmodernen Gesellschaften?

In den nächsten Abschnitten soll thematisiert werden, welche Bedeutung dem Körper in komplexen Gesellschaften zukommt, das heißt, wie die Körperverwendung zwischen einer zunehmenden Körperdistanzierung in der immer mehr durch Virtualität geprägten Alltags- und Arbeitswelt und dem gleichzeitigen Bedeutungszuwachs des „Körper-kultes“ balanciert.

In komplexen Gesellschaften ist die Distanzierung des Körpers maximal fortgeschritten. Der Körper wird durch die modernen Kommunikationsmedien (Internet, Handys etc.) immer mehr aus persönlichen Interaktionen verdrängt und seine Eigenschaften werden entfunktionalisiert. Die Entkonkretisierung der Lebensverhältnisse wird mit Bezeichnungen wie „abstrakte Gesellschaft“ oder „anonyme Gesellschaft“ ausgedrückt.

Zunehmende Klagen über eine Körperfeindlichkeit und eine gleichzeitig gesteigerte Körperaufmerksamkeit zeigen, dass diese Probleme kollektiv empfunden werden.

Vom Babyalter an unterliegen unsere Körper einem immer stärker werdenden Zugriff, angefangen vom Sauberkeitstraining in der primären Sozialisation, über das Erlernen des Stillsitzens der Erstklässler bis zum Verharren an bewegungs- und reizarmen (PC-) Arbeitsplätzen. Formen der Selbstbeherrschung zeugen von den Folgen der Geschichte der Körperdistanzierung in den Gefühlen und Verhaltensweisen: Man muss „sich beherrschen“, „an sich halten“, „sich zusammenreißen“ oder darf sich „nicht gehen lassen“. Dabei kann einen der Körper „verraten“, beispielsweise durch Erröten oder ein Zittern in der Stimme in Situationen, in denen es auf eine gute Selbstbeherrschung ankommt. Die Vertreter des „Symbolischen Interaktionismus“, wie Erwin Goffman in seinen Betrachtungen der Alltagskultur (vgl. Rittner 1986, S. 138-140), haben beobachtet, dass der Körper im Alltagsleben oftmals als etwas Fremdes und latent Bedrohliches erscheint: Der Körpergeruch, Achselschweiß, Haare eines Vorgängers im Waschbecken, der „ gelegentlich unliebsame Zwang zur Benutzung vielleicht noch warmer Klobrillen “ (Rittner 1986, S. 140), Abdrücke von Zähnen auf einem liegengelassenen Brötchen oder Schuppen auf dem Nacken des Nachbarn sind neuzeitliche Beispiele für Ekel. Der Einsatz von Deosprays, von Wasch-, Antischuppen-oder Putzmitteln korrespondiert mit diesen. Mit ihnen wird versucht, Hautoberflächen, Schleimhäute, Körperöffnungen, Pickel, Schuppen und Gerüche des Körpers unter Kontrolle zu bringen. Man erkennt, wie sehr die Geschichte der Körperdistanzierung internalisiert wurde: „ Das scheinbar natürliche Empfinden, die mehr oder minder ausgepr ä gten Schwindel des physiologisch get ö nten Ekels sind, dies wird deutlich, ein sozialgeschichtliches und kulturelles Produkt. Die menschliche Natur ist zweite Natur. Die Geschichte der K ö rperdistanzierung sitzt demnach mit ihren Auswirkungen in den K ö rpern, in den Gefühlen, in der Empfindlichkeit wie im Ged ä chtnis des Menschen. “

(Rittner 1986, S. 140).

In den nachindustriellen Gesellschaften, die durch Medienkommunikation und eine globalisierte Wirtschaft geprägt sind, wird der physische Körper zunehmend unwichtig. Die Arbeit erfordert nicht mehr körperliche Kraft, sondern mentale Arbeitsleistungen und die Fähigkeit diese Bewegungsarmut auszuhalten. Diese Körperunterdrückung erschwert die Identitätsbildung innerhalb des Körper-Selbst-Verhältnisses, dabei kann der Körper überfordert werden, Stress sammelt sich an. Dieses hat auch gesamtgesellschaftliche und wirtschaftliche Folgen. Die Kosten des Gesundheitssektors nehmen bedingt durch den Anstieg der durch Stress mit verursachten Krankheiten, wie zum Beispiel den koronaren Herzkrankheiten, die eine der Haupttodesursachen in westlichen Kulturen darstellen, zu. So kann die Körperunterdrückung durch nicht abgebauten Stress, durch Bewegungsarmut oder eine unausgewogene Ernährung krank machen (vgl. Rittner 1986, S. 141-142). Weiter laufende Prozesse der Rationalisierung und Technisierung des Arbeitslebens, vor allem durch die sehr weitreichende Entwicklung und Anwendung der Informationstechnologie, die in nahezu alle Arbeits-bereiche und Freizeitgestaltungsmöglichkeiten (Internet, Computerspiele, Cyberspace) eingedrungen ist, werden die Prozesse der Körperdistanzierung und Körperausschaltung und die damit verbundenen Probleme körperlicher Unausgelastetheit der Menschen noch weiter vorantreiben.

1.3 Körperkult

Dem zuvor beschriebenen Prozess der Körperdistanzierung steht gegenwärtig eine starke Körperaufwertung und Körperthematisierung gegenüber. Was zunächst widersprüchlich erscheint, lässt sich jedoch logisch in den Gesamtzusammenhang einfügen: Körpererfahrungen werden als Form der Authentizitätssuche kultiviert. Nicht mehr die Distanzierung des Körpers ist identitätsstiftend, sondern seine Beschwörung und Thematisierung (vgl. Rittner 1986, S. 144). Die Körperthematisierung wird zu einem Akt der Identitätsarbeit und Identitätssicherung.

Zahlreiche seit Ende der 80er Jahre erscheinende kultursoziologische Arbeiten weisen darauf hin, dass der Körper in spätmodernen Gesellschaften zu einem Gegenstand der bewussten Gestaltung wird. In der sog. „ Inszenierungsgesellschaft “ (Willems/ Jurga 1998 in: Meuser 2000, S. 212) gewinnt der Körper als Medium der Selbstdarstellung an Bedeutung. Man spricht von einem „Körperboom“. Bryan Turner (1996), dessen Buch „The Body and the Society“ eines der am meisten referiertesten des kulturwissenschaftlichen Körperdiskurses ist, begreift die Spätmoderne als eine „ somatische Gesellschaft “ ( „ somatic society “ ), „ in which our major political and moral problems are expressed through the conduit of the human body. “ (Turner 1996 zit. n. Meuser 2000, S. 211). Eine Vielzahl von Entwicklungen ist Turner zufolge für diese Ausprägung verantwortlich. Hierzu zählt die Ausbreitung einer „ Konsumkultur “ ( „ consum culture “ ), in welcher Fitness und körperliches Wohlbefinden ( „ feeling good “ ) zu zentralen Werten werden, die das Wachstum einer Industrie fördern, die von der Kommerzialisierung des Körpers lebt und diese zugleich vorantreibt.

Die Darstellungen des modernen Körperkultes in den nächsten Abschnitten sollen verdeutlichen, dass der Körper zwar eine sehr hohe Aufmerksamkeit in der Gesellschaft erfährt und der Umgang mit dem Körper immer breiter öffentlich diskutiert wird, der Körper selbst jedoch in seinen Affekten und Trieben nicht unzivilisiert „laufen gelassen“ wird, sondern wiederum einer starken Disziplinierung ausgesetzt ist. Arnd Krüger und Bernd Wedemeyer (1995) behaupten in ihrer Einleitung zu „Kraftkörper - Körperkraft. Zum Verständnis von Körperkultur und Fitness gestern und heute“: „ Die K ö rperkultur und [der] Sport domestiziere und kanalisiere den letzten Rest r ä uberischen Instinkts des Menschen. “

Noch Anfang der 80er Jahre stellte die Beschäftigung mit dem Körper eine als positiv empfundene Alternative zu einer sich durch Distanz zum Körperlichen auszeichnenden Welt dar (vgl. Rittner 1982 in: Krüger/ Wedemeyer 1995, S.12). In den letzten Jahren hat sich dieses gewandelt. Nun ist es wichtig, im Besitz des „richtigen“ Körpers zu sein, vor allem für die eigene Identität. Dem Körper wird eine starke Aufmerksamkeit entgegengebracht, der Körperkult produziert eine neue Körpernorm, die rigoros und eindeutig vorgibt: Der Körper hat stark, ästhetisch, gesund, ewig jugendlich und abwehrkräftig zu sein, er muss schön und attraktiv sein.

Die Medien, Film und Werbung sowie die Gesundheits- und Schönheitsbranche verwenden und tradieren den gestählten Körper. Der gesunde, leistungsfähige, schöngeformte Körper wird zum „Maß aller Dinge“. Der Körper erhält einen neuen sozialen Wert, wobei der Geist-Körper-Mythos („Edler Körper“ = „Edler Geist“, „Wer schön ist, ist auch gut“), der schon über Jahrhunderte besteht, immer noch wirksam ist. Der starke, attraktive Körper repräsentiert damit auch entsprechend innere Werte. Unbewusst werden dabei diejenigen ausgegrenzt, wie z. B. Übergewichtige oder Körperbehinderte, deren Körper nicht der Norm entsprechen (vgl. Krüger/ Wedemeyer 1995, S. 109). So werden Übergewichtigen negative Charaktereigenschaften wie träge, faul oder undiszipliniert zugeschrieben.

Der Körper und das Aussehen war zu keiner Zeit bedeutungslos, jedoch scheint der Kult um das perfekte Aussehen in den letzten Jahren extremer geworden zu sein. Verglichen mit älteren Erhebungen geben 1993 63% der befragten Männer und 68% der befragten Frauen an, dass ihnen äußere Attraktivität sehr wichtig ist (vgl. Rodin 1994 nach Müller-Streitbörger 1993 in: Müller 1995, S. 104). In einer Meinungsumfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach für den Deutschen Studienpreis der Körber Stiftung zum Thema „Wie viel Körper braucht der Mensch?“ im September/ Oktober 2000 war auffällig, dass die meisten Befragten jede Abhängigkeit von dem aktuellen Schönheitsideal bestritten und den gegenwärtigen Körperkult kritisierten, zugleich aber ganz genau über das gängige Schönheitsideal Bescheid wussten: Rund 70% waren sich einig darüber, dass das Schönheitsideal für Frauen „ vor allem schlank “ und für Männer „ vor allem muskul ö s und gut durchtrainiert “ ist (vgl. Piel 2001, S. 168-169). Bei der Befragung wurde deutlich, dass die jüngeren Befragten der Körperkultivierung und auch Schönheitsoperationen gegenüber signifikant positiver eingestellt waren: „ 42% der Unter-30-J ä hrigen pl ä dieren ganz eindeutig dafür, dass man an seinem K ö rper arbeiten muss: erstens, um fit zu bleiben, zweitens, um beruflichen Erfolg zu haben, und drittens, um beim Wettbewerb der Geschlechter nicht vorzeitig aus dem Rennen geworfen zu werden. “ (Piel 2001, S. 169).

Zusammenfassend lässt sich behaupten, dass „ die physische Nutzlosigkeit des K ö rpers eine ideologische Aufwertung nach sich zieht. “ (Krüger/ Wedemeyer 1995, S. 12). Im Folgenden soll dieses anhand der „Versportlichung“ der Gesellschaft und dem Jugendlichkeits- und Schlankheitskult näher beleuchtet werden.

1.3.1 „Versportlichung“ der Gesellschaft

Sportivität ist in der modernen Gesellschaft zu einem bedeutenden Wert geworden. Sportlichkeit wird mit Fitness und Gesundheit assoziiert und ist sozial erwünscht. Ein Boom der Sport- und Fitnessstudios, sowie der Freizeit- und Sportartikelindustrie zeugen von der massiven Verkörperlichung des Freizeithandelns. Man kann nahezu von einer sozialen Verpflichtung zur Sportlichkeit für jedermann sprechen. Damit einher geht auch die Sportlichkeit des Körpers als Schönheitsideal oder das Eindringen der Sportlichkeit in die Mode. So lebt nicht mehr nur die Jugendmode von sportiven Elementen, das „Sneakers-“ (Turnschuh) Tragen ist auch im geschäftlichen Leben vieler Branchen ein Usus, sportliche Mode zeugt von „Hipp-Sein“, von einem „Mit-der-Zeit gehen“. Der Umfang der Sportnachrichten in den Tageszeitungen, sowie die Berichterstattung der einzelnen Fernsehkanäle über sportliche Großereignisse ist in den letzten Jahren bedeutend angewachsen. Der „‘ Kult des K ö rpers ‘ als idealisiertes Bild moderner Empfindung “ (Sieber 1999, S. 54) wird uns durch die ausufernde Medialisierung des Sports in den Massenmedien beständig in Erinnerung gerufen.

Zeitschriften (z. B. „Fit for Fun“), die sich ausgiebig mit dem Training und der Gesund und Fiterhaltung des Körpers befassen, schießen wie „Pilze aus dem Boden“. In nahezu jeder Frauenzeitschrift oder Illustrierten findet man neben Diät- Kosmetik- oder Modetipps immer auch sportliche Übungen für das Körpertraining. Nachzufragen ist, wie es zu diesem enormen Eindringen der Bedeutung der Sportlichkeit in viele Bereiche des gesellschaftlichen Lebens kommt.

Der Sport ermöglicht dem Einzelnen die Entdeckung des eigenen Körpers. „ Er [der Sport] ist ein etablierter und gesellschaftlich akzeptierter Ort zur Artikulation verdr ä ngter K ö rperlichkeit. “ (Bette 2001, S. 91). Er ermöglicht es, sich Identität im wahrsten Sinne des Wortes „zu erarbeiten“ nach der Devise: „ Ich schwitze, also bin ich. “ (Bette 2001, S. 93). Der Intellektualisierung und Rationalisierung des modernen Lebens, bei der die Körperlichkeit immer mehr verdrängt wird, setzt der Sport ein körperorientiertes Handeln entgegen. Die Bewegungsarmut der Arbeitsplätze wird durch die „Körperarbeit“ in der Freizeit kompensiert. Dabei geht es bei der sportlichen Betätigung nicht darum, direkt verwertbare Arbeitsschritte besser ausführen zu können (wie es in der Industriegesellschaft der Fall war), sondern um die Teilnahme am allgemeinen Gesundheits- und Leistungsversprechen des Sports und um das Einbringen von vorzeigbaren Symbolen am Körper. „ Der K ö rper wird nicht mehr in den Sport, sondern der Sport in den K ö rper investiert. “ (Pauser 1992 zit. n. Brandl-Bredenbeck 1999, S. 30).

In einer immer komplexer werdenden Gesellschaft, in der klassischen Institutionen wie der Familie, der Schule, politischen Parteien oder der Kirche immer weniger Bedeutung in der individuellen Lebensgestaltung zukommt, wenden sich Individuen verstärkt ihrem eigenen Körper zu. Dieses soll das Gefühl vermitteln, Kontrolle über die unmittelbare Lebenswelt ausüben zu können. Daher erscheint die Aufwertung körperbezogener Charakteristika wie das äußere Erscheinungsbild, Kleidungs- und Essgewohnheiten und die sportliche Leistungsfähigkeit als einleuchtende und logische Konsequenz aus dieser Entwicklung. „ Der K ö rper ist schon lange nicht mehr nur das Mittel zum Zweck - er wird immer mehr zum Zweck selbst. “ (Brandl-Bredenbeck 1999, S. 31).

Dabei spielt das Individualitätsbestreben eine entscheidende Rolle. Das Bedürfnis des Sich-Abgrenzens von anderen, die Darstellung der Besonderheit des Einzelnen nährt die Mode-, Sport- und Freizeitindustrie. Innerhalb des Sports werden Sportarten wie Jogging, Surfen, Inlineskating oder Mountainbiking immer beliebter. Sie sind Ausdruck von Individualisierungsbestrebungen innerhalb des Sports und erfordern keine Vereinsanbindung mehr. Sie können zu jeder Zeit, ohne Rücksichtnahme auf andere betrieben werden: Schnell mit Aerobic oder Bodybuilding ein paar Muskeln auftrainieren, duschen und dann nach Hause und sich wohlfühlen (vgl. Müller 1995, S. 115). Ziel dieser Sportarten ist es, nicht diese zu beherrschen, sie sind ohnehin leicht erlernbar, sondern den Körper. Durch die „Arbeit am Körper“ wird Wohlbefinden und Selbstbewusstsein erlangt, der Erfolg des Trainings wird relativ schnell für den „Blick“ der Mitmenschen sichtbar. Dabei besitzen „ Sport und Individualisierung eine hohe Affinit ä t, weil es im und durch den Sport m ö glich ist, am undüber den K ö rper ‚ feine Unterschiede ’ (Bourdieu 1982) zu demonstrieren. “ (Bette 2001, S. 94). Der Sportkörper dient also auch zum Kult der Distinktion, des Sich-Unterscheidens von anderen5: „ Der funktionsf ä hige, fit getrimmte, jugendlich gestylte und sportive K ö rper wird zu einem Statussymbol, zu einer Projektionswand für die Darstellung von Besonderheit. “ (Bette 2001, S. 94). So ist es nicht verwunderlich, dass das Attribut „sportlich“ als ästhetisches und erotisches Ideal fast selbstverständlich in sehr vielen Bekanntschaftsannoncen auftaucht. Der Sport dient (neben Diäten und anderen Verschönerungsmaßnahmen) dazu, den neuen Frauenkörper zu gestalten, welcher nicht mehr üppig, weich und kurvenreich sein soll, sondern schlank, straff und dezent muskulös, sich also dem männlichen Körper annähert.

Neben den Körpermodellierungsaspekten fördert das Sporttreiben ein „körperbezogenes Selbsterleben“. Durch körperliche Aktivität gelangt der Körper in das Aufmerksamkeitszentrum eines Individuums, ein Gefühl der Körper-Selbst-Harmonie und Empfindungen der Selbstübereinstimmung können so ausgelöst werden: „ Ist der K ö rper erst einmal beansprucht und zu h ö heren Leistungen und Anstrengungen getrieben - so wie es beispielsweise beim Marathonlaufen oder alpinen Bergsteigen in extremer Weise geschieht - so forcieren die von ihm ausgehenden Signale und Symptome das Ich zu einer aufmerksamen Besch ä ftigung mit ihm. Ein gesteigerter Puls, eine erh ö hte Herzfrequenz, der keuchende Atem und unter Umst ä nden bohrende Seitenstiche fokussieren die Aufmerksamkeit. Konsonant und lustvoll kann dieses k ö rperbezogene Selbsterleben werden [...]) (Rittner 1986, S. 147). So kann gerade beim extremen Fitnesstraining, das manchmal einer Folter gleicht, die Lust am eigenen Körper, eine gewisse Autoerotik, welche eng mit körperlichem Schmerz und dessen Überwindung verbunden ist, als Gefühl von Glück, Macht und Überlegenheit empfunden werden.

Das Individuum formt sich durch das Sporttreiben neu, erfährt, erfindet und verwirklicht sich selbst.

1.3.2 Der Kult um die Jugendlichkeit

Das ästhetische Ideal unserer Zeit und Kultur ist geprägt von einem Kult um die Jugendlichkeit.

In den Medien, in Film und Fernsehen, in Illustrierten, Frauen- und Männerzeitschriften werden nahezu nur junge, fitte, attraktive Menschen dargestellt. Auch die Werbebranche wirbt fast ausschließlich mit jungen Körpern. Der alternde Mensch verschwindet damit aus der Öffentlichkeit und aus dem medial geprägten Bewusstsein der Gesellschaft, und dieses, obwohl sich, demographisch betrachtet, die Alterspyramide immer mehr zu Gunsten der über Sechzigjährigen verschiebt.

Wie kommt es zu dieser Idealisierung des jugendlichen Körpers und zu dem Wunsch den Körper so lange wie möglich jugendlich und leistungsfähig zu erhalten? Eine Antwort findet sich in der, in der Moderne verankerten, Verdrängung bestimmter, an die Endlichkeit erinnernden Körperthemen, wie Krankheit, Altern, körperlicher Verfall und dem Tod, die durch die Betonung des Immer-noch-Jung-Seins verhindert bzw. aufgeschoben werden sollen. Der Wunsch nach einem frischen, knackigen, faltenlosen, erotischen, gesunden und auf vielerlei Weise verwendbaren jugendlichen Körper, wird gerade bei denjenigen erweckt, die das Leben in den dominanten gesellschaftlichen Institutionen bereits hinter sich haben, den älteren Erwachsenen.

In diesem Zusammenhang kommt es zu dem „ Ph ä nomen einer paradoxen Ausbeutung des Symbols der Jugendlichkeit. “ (Bette 1989, S. 117). Es wird nämlich ein Idealbild von einer Alters- und Sozialkategorie entworfen, der Jugend, die im Prinzip keinen hohen gesellschaftlichen Status besitzt, über wenig Geld verfügt, von Erwachsenen abhängig ist und von diesen infantilisiert wird. Dieses ist aber nur scheinbar ein Widerspruch, denn die Jugendlichkeit repräsentiert einen Wert, welcher der Gesellschaft, dem Nicht-Jugendlichen, abhanden gekommen zu sein scheint: Erwachsene reagieren auf die im Zivilisations- und Modernisierungsprozess hervorgerufenen Verluste an Konkretheit, Unmittelbarkeit und Körperlichkeit mit der Mystifizierung der Jugendlichkeit. In einer hochgradig differenzierten, komplexen Gesellschaft erscheint der jugendliche Körper als Gegenpol zu dem zurückgedrängten Körper. Je stärker der Mensch im Laufe des Zivilisationsprozesses in seiner Innerlichkeit geformt wird, Fremdzwänge in Selbstzwänge transformiert und sein Selbst in der Öffentlichkeit diszipliniert zeigen muss (wie es Elias beschreibt), desto bedeutungsvoller ist die Jugendlichkeit als Symbol von Spontanität, Vitalität und Unbekümmertheit (vgl. Bette 1989, S.117). So hat die Jugendkultur in sämtliche Kulturbereiche von der Mode bis zur Musik Einzug gehalten. Der Wunsch nach einem jugendlichen Körper ist allgegenwärtig. Die Anstrengung, jugendlich frisch auszusehen, beschäftigt einen ganzen Industriezweig: die Kosmetik- und Schönheitsbranche.

Das Älterwerden6 manifestiert sich vor allem und zuerst an der Haut.7 Die Haut dient als Metapher, um das Alter von Personen kenntlich zu machen (vgl. Mittag [Hg.] 2000, S. 99). So verwundert es nicht, dass die faltenfreie, glatte, straffe, frisch aussehende und helle Haut ein Zeichen von Jugendlichkeit ist. Es ist nicht überraschend, dass enorme Anstrengungen unternommen werden, diese zu imitieren oder so lange wie möglich zu erhalten. Es gibt daher in der Kosmetikindustrie und in der kosmetischen Chirurgie eine Methodenvielfalt, den Alterungsprozessen der Haut zu begegnen: Antifaltenpräparate mit Enzymen, Ceramiden, Lipiden , Sauerstoff oder den Vitaminen A (Retinol) oder C, Vitamin A-Säure, Fruchtsäuren (Alpha-Hydroxysäuren), Chemical-Peeling (mit Vitamin A-Säure, Trichloressigsäure, Phenol oder Fruchtsäuren in höherer Konzen-tration als in Kosmetikpräparaten), Dermabrasion (Abschleifen der Haut mittels speziellen Schleifköpfen), Skin-Resurfacing (Hautabtragung per Lasertechnik), Unterspritzen von Falten mit Hyaluronsäure, Eigenfett (Lipofilling) oder Kollagen,

Botulinum-Toxin A Injektionen („Botox“)8, bei denen Mimikfalten an Stirn, Oberlippe, „Krähenfüße“ oder „Zornesfalten“ für ca. ein halbes Jahr durch eine vorübergehende Lähmung der Gesichtsmuskeln gemindert bzw. geglättet werden, endoskopische Lift-ings, Aufpolstern der Wangenknochen oder der Kinnpartie durch Silikonimplantate, Face-Liftings („engl. Gesichtshebung“, oder SMAS-Liftings) bei fortgeschrittener Hautalterung (vgl. Jacobs/ Vorndamme 1997, S. 53-97). Zudem verwenden in den USA sehr viele Frauen (und z. T. auch Männer) Hormonpräparate gegen das Altern.

Der Traum von dem perfekten, jungen Aussehen stellt einen erheblichen Wirtschaftsfaktor dar. Die Amerikaner/innen investieren mehr Geld in Schönheit und Fitness als sie für soziale Zwecke oder Bildung ausgeben. Amerikanische Frauen in gehobenen Positionen geben bis zu einem Drittel ihres Einkommens für Schönheitspflege aus. In Deutschland belaufen sich die jährlichen Wachstumsraten der Kosmetikindustrie auf bis zu 15% (vgl. Posch 1999, S. 179). 1998 wurden in Deutschland 17,7 Milliarden Mark für Kosmetik und Körperpflege ausgegeben (vgl. Trapp 2001, S. 65), wobei insbesondere Antifaltenprodukte sehr beliebt waren.

Nancy Etcoff (2001, S. 126-127) gibt in „Nur die Schönsten überleben. Die Ästhetik des Menschen“ an, dass fast die Hälfte aller kosmetischen Chirurgen der Welt in den USA praktiziert, ein Drittel davon in Kalifornien, wo bekanntlich der Kult um die Schönheit exzessiv betrieben wird. In den USA sind nach Angaben der „American Society of Plastic and Reconstructive Surgeons“ 1996 die meisten Schönheits-operationen bei weißen Frauen zwischen dreißig und fünfzig durchgeführt worden. Der Trend des „age dropping“, zu Deutsch etwa „Weglassen des Alters“, d. h. schon in den Dreißigern kleine „Prozeduren“ gegen den Alterungsprozess durchführen zu lassen, zeugt von dem Wunsch nach immerwährender Jugendlichkeit und könnte zukünftig bedeuten, dass wir gar nicht mehr wissen, wie es aussieht zu altern.

Männer wie Frauen lassen sich die Nase operieren oder die Ohren anlegen, wenn es aber um die Behandlung der alternden Haut geht, überwiegen eindeutig die Frauen.

[...]


1 Anm.: H. Blumer: „ Symbolic Interactism. Perspectiv and method “, Englewood, Cliffs/ New Jersey 1969.

2 Anm.: G. H. Mead: „ Geist, Identit ä t und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviourismus “ , Frankfurt/ M. 1973.

3 Anm.: E. Goffman: „ Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag “ , München 1969.

4 Anm.: Erving Goffman fasst den gleichen Sachverhalt mit den Kategorien „persönliche Identität“ und „soziale Identität“ zusammen.

5 Anm.: Dabei ist jedoch oftmals gerade der Sportkörper ein „nivellierter Körper“, vor allem im Bodybuilding.

6 Anm.: Grundsätzlich kann man die Theorien der Alterung zwei Mechanismen zuordnen: 1.) den „intrinsischen Mechanismen“ der auf einem genetischen Code beruhenden „programmierten Alterung“, dem sog. Zeitaltern und 2.) den „extrinsischen Mechanismen“ der Alterung duch Abnutzung, die durch Umweltfaktoren, von denen alle Lebewesen mehr oder weniger betroffen sind, bedingt werden (vgl. Schlotmann 2000, S. 103).

7 Anm.: Als vorrangiges Zeichen der normalen, intrinsischen (nicht uv-induzierten oder durchs Rauchen bedingten) Hautalterung zeigt sich der Verlust der Elastizität, wodurch die Haut schlaff und faltig wirkt. Die elastischen und kollagenen Fasern des Coriums ballen sich zu unregelmäßigen, leicht brechenden Bündeln zusammen (UV-Strahlen und eventuell auch das Nikotin beschleunigen diesen Prozess erheblich). Die Epidermis verschmälert sich ohne eine wesentliche Änderung der Hornschichtdicke. Der regelmäßige Aufbau der Hornschicht ist jedoch gestört, der Turnover fast doppelt so langsam wie im Jugendalter, und das Wasserbindungsvermögen ist reduziert, dadurch wird die Haut rauher und trockener. Die Verzahnung der Epidermiszapfen mit den Papillen des Coriums nimmt ab, im Corium vermindert sich der Gewebsturgor, wodurch die Schlaffheit der Altershaut entsteht. Zudem produzieren die Talgdrüsen weniger Sekret. Alterspigmentflecke können entstehen, da sich die Melanozyten verringern und unregelmäßiger Melanin produzieren. Insgesamt ist die Haut schlechter durchblutet, leichter verletzlich und die Wundheilung verlangsamt. Jedoch ist die Altershaut in ihren wesentlichen Schutzfunktionen kaum eingeschränkt (vgl. Mittag [Hg.] 2000, S. 99 und Fritsch 1998, S. 714-715).

8 Anm.: Botulinum-Toxin A wird von Bakterien gebildet und ist als Auslöser von Lebensmittelvergiftungen bekannt. Extrem verdünnt wird es sehr erfolgreich bei Erkrankungen eingesetzt, bei denen Muskelverkrampfungen gelöst werden sollen. Da mimische Gesichtsfalten ebenfalls durch Muskelverkrampfungen entstehen, wird es bei der Faltenbekämpfung eingesetzt (vgl. http://www.1txa.de/41/botulinum.html v. 3.07.2002). Diese Methode ist in den USA sehr populär, es werden regelrechte „Botox-Parties“ veranstaltet, bei denen ein Mediziner seinen Patientinnen „Botox“ zwischen Häppchen und Sekt injiziert.

Details

Seiten
84
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638253413
Dateigröße
3.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v21817
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für gewerblich-technische Wissenschaften Fachrichtung Körperpflege und Kosmetologie
Note
1
Schlagworte
Körper Status Eine Betrachtung Attraktivität Kontext

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Titel: Körper und Status. Eine Betrachtung von Attraktivität im aktuellen soziokulturellen Kontext