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Sicher tauchen - Wasser begreifen. Konzept zur Einführung in das ABC-Tauchen

Examensarbeit 2003 47 Seiten

Sport - Sportpädagogik, Didaktik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Tauchen
2.1 Tauchen mit Kindern und Jugendlichen
2.2 Wasser als besonderer Bewegungsraum – die Eroberung der dritten Dimension

3 Entwicklung eines Konzeptes zur Einführung der Sportart Tauchen in der Sekundarstufe I
3.1 Tauchen im Lehrplan für die Sekundarstufe I in Nordrhein-Westfalen
3.2 Berücksichtigung vorhandener Konzepte zur Vermittlung des Tauchens
3.3 Didaktisch-methodische Vorüberlegungen
3.3.1 Kriterien eines offenen Unterrichtskonzeptes
3.3.2 Prinzipien der Vermittlung - Erfahrungs- und Handlungsorientierung im Lernprozess
3.3.3 Mehrperspektivität im Lernprozess – Verwirklichung erzieherischer Prinzipien
3.4 Das Unterrichtskonzept im Gesamtüberblick
3.4.1 Angaben zur Lerngruppe und Lernvoraussetzungen
3.4.2 Rahmenbedingungen der praktischen Durchführung
3.4.3 Übergeordnete Lernziele der Unterrichtsreihe
3.4.4 Kurzüberblick über die Unterrichtsreihe
3.5 Entwicklung von Möglichkeiten einer zielgruppengerechten Vermittlung ausgewählter physikalischer Gesetzmäßigkeiten
3.5.1 Physikalische Eigenschaften des Wassers
3.5.2 Das Gesetz von Boyle-Mariotte
3.5.3 Das Archimedische Prinzip
3.5.4 Hören unter Wasser
3.5.5 Sehen unter Wasser

4 Kritische Reflexion und Ausblick

5 Literaturverzeichnis

6 Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

7 Anhang

1 Einleitung

Es ist Sache des Lehrmeisters, nicht den Weg selbst, wohl aber das Wie dieses Weges zum letzten Ziele hin in Anpassung an die Eigenschaften des Lehrlings ausfindig zu machen und zu verantworten.

(Takuan 1573-1645)

Tauchen hat einen sehr hohen Aufforderungscharakter. Das freie Bewegen in drei Dimensionen stellt nach der Wassergewöhnung und –bewältigung einen großen Reiz für Kinder dar. Das ist leider nicht immer unproblematisch. Während des öffentlichen Badeverkehrs und im Schwimmunterricht sind häufig Kinder zu beobachten, die mit Schwimm- bzw. Chlorbrillen bis auf Tiefen von über drei Meter abtauchen. Die Gefahr eines Unterdruckbarotraumas der Augen ist ihnen nicht bewusst. Andere geben nach einigen hektischen Versuchen den Beckengrund zu erreichen, mit Ohrenschmerzen auf und ordnen das Tauchen als unangenehme, oft schmerzhafte Erfahrung für sich ein und meiden es für die Zukunft. Wenn der Mensch sich nur dort bewegt, wo er sich sicher fühlt, lernt er nicht mehr.

Auch Erwachsene wissen die rot verfärbten Augen und Abdruckränder der Schwimmbrillen nicht immer richtig zu deuten. Gefährlich wird es gar, wenn Ohrenpfropfen gegen die Schmerzen beim Tauchen angeraten werden. Die Kenntnis eines entstehenden relativen Unterdrucks in luftgefüllten, starren Hohlräumen beim Abtauchen und deshalb das Tragen einer Tauchmaske oder das Tauchen ganz ohne Sehhilfe bzw. die Anwendung z.B. des Valsalva-Manövers[1] zum Druckausgleich im Mittelohr hätten hier ausgereicht die Bewegungsfreiheiten unter Wasser Schritt für Schritt auszubauen, um den Bewegungsraum für sich zu erschließen.

Mit dem Tauchsport ist ein Hauch von Abenteuer verbunden, das sollte allerdings nicht bedeuten, dass durch die Ausübung dieser freizeitrelevanten und prinzipiell gesundheitsfördernden Sportart Gefahren für die Gesundheit in Kauf genommen werden müssten. Wenn der Mensch abtaucht, begibt er sich in eine andere (Um-) Welt. Auf diesen Umstand hat er sich einzustellen. Formelhaftes Wissen hilft einem Kind bei der Anpassung seines Verhaltens in der Unterwasserwelt in der Regel kaum weiter, wichtig ist vielmehr „Wasser zu begreifen“und die erworbenen Kenntnisse reflexiv umzusetzen. Untersuchungen von wiacker/schreiber (1991, 89) weisen sogar in der Sporttauchausbildung für Erwachsene einen Theorie-Praxis-Bruch nach, d.h., angeeignetes Wissen ist oft wenig praxisbezogen, so dass trotz besseren Wissens die alten Fehler gemacht werden.

Das Sporttauchen ist eine komplexe Technik, die durch die Anwendung verschiedener naturwissenschaftlicher Disziplinen entstanden ist: Gemeint sind die Physik, die Anatomie, die Physiologie und die Biologie. Der Fokus dieser in ihrem Umfang begrenzten Arbeit liegt auf der Entwicklung eines Konzeptes zum Verständlichmachen der physikalischen Gesetzmäßigkeiten beim Tauchen für Schüler[2] der Sekundarstufe I.

Die besonderen Erfahrungsmöglichkeiten durch das Tauchen stehen, wie auch die medizinischen Risiken, in engem Zusammenhang mit den physikalischen Eigenschaften des Wassers. Die Kenntnis der entsprechenden Gesetzmäßigkeiten und ein diesbezügliches Verhalten ermöglichen einen gefahrenminimierten Unterwasseraufenthalt und einmalige, nicht zu ersetzende Körper- und Selbsterfahrungen unter Wasser. Mit der Entwicklung eines anwend- und übertragbaren Konzeptes ist nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Verantwortung für die Sicherheit ein hoher Anspruch verbunden. Die dargestellten Inhalte werden seit nunmehr drei Schulhalbjahren mit Schülern aus der Sekundarstufe I im Rahmen eines offenen Angebotes erprobt und das während dieser Zeit entwickelte Konzept spiegelt gute Erfahrungen wider. Der vorgestellte Schwerpunkt zum Erschließen der physikalischen Gesetzmäßigkeiten beim Tauchen ist eingebunden in ein Gesamtvermittlungskonzept zur Einführung in das Tauchen mit ABC-Ausrüstung, das im Überblick dargestellt wird. Der hier besonders hervorgehobene Bereich ist als integrativer Bestandteil einer Gesamtkonzeption vor dem Hintergrund der Kriterien eines offenen Unterrichts zu verstehen. Ein individueller „Spürsinn“ für das Medium Wasser lässt sich nicht nach Verordnung erlernen, dieser Prozess ist vielmehr mit subjektorientierten Handlungsmöglichkeiten verbunden.

Es wird deutlich, dass durch die Sportart Tauchen das gesamte Spektrum der pädagogischen Perspektiven im Sport vermittelbar ist und sich interessante Transfermöglichkeiten für fächerübergreifenden Unterricht mit den naturwissenschaftlichen Fächern Biologie und Physik anbieten.

2 Tauchen

Die Sportart Tauchen[3] ist in die Gruppe der Erlebnissportarten einzuordnen. Freizeitsportliches Tauchen umfasst das Tauchen mit ABC-Ausrüstung (Grundausrüstung: Flossen, Maske, Schnorchel), das Apnoetauchen und das Tauchen mit Drucklufttauchgerät (DTG). Das Schnorcheltauchen wird auf einer höheren Fertigkeitsstufe zugleich mit Phasen des Tauchens unter Apnoe verbunden.

Von „Nichttauchern“ wird das Tauchen häufig in die Kategorie der Extremsportarten eingeordnet. Dieses ist, bezogen auf das heutige freizeitsportliche Tauchen, nicht zutreffend, sondern wohl eher auf Unkenntnis und darauf basierenden falschen Vorstellungen (s. Einleitung) zurückzuführen. Das Tauchen lässt sich in drei Phasen einteilen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Druckphasen beim Tauchen und mögliche Probleme (mod. nach de marées 1992)

Das Verlassen der Wasseroberfläche ist demgemäß in Kompressions-, Isopressions- und Dekompressionsphase zu unterteilen. In der Kompressionsphase besteht beim Apnoetauchen vor allem die Gefahr von Unterdruckbarotraumata, in der Auftauchphase wegen der besseren Sauerstoffaufnahme durch die Partialdruckerhöhung (Druckerhöhung in der Lunge) oder beim Streckentauchen vor allem bei vorangegangener Hyperventilation die Gefahr einer Hypoxie[4].

2.1 Tauchen mit Kindern und Jugendlichen

Das Tauchen stellt einen sehr engen Bezug zum Freizeitbereich der Kinder und Jugendlichen dar und steht somit der kindlichen Erlebniswelt sehr nahe. Schwimmen gehört zu den beliebtesten Freizeitaktivitäten (brettschneider/brandl-bredenbeck 1997). Damit sind allerdings vor allem für Kinder und Jugendliche weniger das Bahnenschwimmen als vielmehr die vielfältigen Bewegungsformen im Wasser gemeint.

wilke (1995, 69) bezeichnet den Tauchanfänger provokativ als einen „sensorischen Schwächling“, dabei stützt er seine Aussage auf mehrjährige Studien von arnaud/boyer (1979) mit 10-14-jährigen Schülern, die überraschend Tiefwassersituationen ausgesetzt waren und dabei eine senkrechte Körperposition im Wasser, eine überstreckte Wirbelsäule mit Kopf im Nacken und tretende Abdruckbewegungen bis hin zum Versuch von Greifbewegungen aus dem Wasser heraus feststellten. Diese Verhaltensweisen traten bei nicht schwimmfähigen und schwimmfähigen Schülern auf (1995, 69). Diese Ergebnisse sind bereits 24 Jahre alt, ein ähnliches Verhalten ist in der Praxis aber auch heute zu beobachten. Es liegt nicht fern anzunehmen, dass der Prozess der Wasserbewältigung in vielen Fällen als unzureichend zu bezeichnen ist, das fügt sich in den Rahmen der einleitend (s.1) geschilderten Problemlage.

Die Vermittlung eines fundierten Kenntnisstandes sollte gleichermaßen ausreichende sensorische Entwicklungsmöglichkeiten und Anreize berücksichtigen. Das ist durch eine enge Verzahnung von Theorie und Praxis umzusetzen.

Die vorliegende Arbeit fokussiert die Anfängerausbildung im Tauchen und bezieht sich auf Ausbildungssituationen im Hallenbad. Das mit dem Tauchsport verbundene intensive Naturerlebnis durch die Beobachtung der Flora und Fauna der Unterwasserwelt kann hier keine Berücksichtigung finden, die Fähigkeit sicheren Tauchens stellt dafür allerdings die notwendige Basis dar. Das individuelle Fortbewegen und der Aufenthalt unter Wasser ist für den Tauchanfänger bereits ein großes Erlebnis. Die sensomotorischen Anforderungen sind für die Lernenden so groß, dass zusätzliche Ablenkungen durch die Umgebung sogar als nachteilig zu bewerten sind bzw. die Schwimmbadausbildung klare Vorteile aufweist.

Eine bewusste Atmungssteuerung hat beim Tauchen einen großen Einfluss auf die Angstbewältigung (rahimi 1997). Die Atmung ist daher ein übergeordnetes Thema in der gesamten Tauchausbildung. Den Stellenwert der Atmung für das Wohlbefinden im und unter Wasser gilt es vor allem Kindern und Jugendlichen frühzeitig zu vermitteln.

Die Tauchausbildung mit Kindern und Jugendlichen bedarf nach hoffmann (1998, 77) einer leistungsgerechten Definition der Ausbildungsziele und „die kindgerechte Vermittlung der Ausbildungsinhalte erfordert vom Ausbilder ein umfangreiches Wissen“. Dabei steht das Anforderungsprofil der Sportart Tauchen der individuellen Leistungsfähigkeit der Kinder gegenüber. Wie sich eine kindgerechte Vermittlung –speziell von notwendigen Kenntnissen physikalischer Gesetzmäßigkeiten- umsetzen lässt, wird unter Punkt 3.5 erarbeitet.

2.2 Wasser als besonderer Bewegungsraum – die Eroberung der dritten Dimension

Ausgehend von den Charakteristika des Schwimmsports (zyklische Gleich- oder Wechselschlagbewegungen), sind die Erlebnis- und Erfahrungsmöglichkeiten beim Tauchen um einige Aspekte zu ergänzen.

Der Schwebezustand ermöglicht uneingeschränkte Bewegungen im dreidimensionalen Raum, wobei die Bewegungen mit der individuell gewünschten Geschwindigkeit und um alle Achsen des menschlichen Körpers durchgeführt werden können. Der im Vergleich zum Luftwiderstand viel größere Wasserwiderstand bietet die Möglichkeit taktiler und kinästhetischer Wahrnehmungen als “sensorische Antwort” auf die durchgeführten Bewegungen. Intensive Körpererfahrungen im dreidimensionalen Raum werden dadurch mit weit überdurchschnittlicher Motivation - Angstfreiheit vorausgesetzt - vermittelbar.

Die nachfolgende Konzeptentwicklung orientiert sich an einer Analyse der Bedingungen, den Planungen und Entscheidungen für die Durchführung, der Realisierung und einem anschließenden Reflektieren bzw. einer Zielkontrolle und sich evt. ergebenden Modifikationen.

3 Entwicklung eines Konzeptes zur Einführung der Sportart Tauchen in der Sekundarstufe I

3.1 Tauchen im Lehrplan für die Sekundarstufe I in Nordrhein-Westfalen

Tauchen als Sportart ist in der Vergangenheit nur vereinzelt Gegenstand der Lehrbemühungen gewesen, die Vermittlung und Optimierung der vier Schwimmtechniken stand im Vordergrund (s. vorangegangene Richtlinien). Die Richtlinien und Lehrpläne[5] für das Fach Sport aus dem Jahr 2001 des Landes Nordrhein-Westfalen besitzen bundesweit Vorbildcharakter (vgl. Bildungsserver anderer Bundesländer), was den Anspruch des Doppelauftrages und ein Konzept zu seiner Verwirklichung betrifft.

Das Tauchen ist in den neuen Lehrplänen unter dem Inhaltsbereich „Bewegen im Wasser – Schwimmen“ berücksichtigt (RuL 2001, 76). In dem Sinne ein breites Fundament von Erfahrungen und koordinativen Mustern zu schaffen um die Freude am Bewegungsraum Wasser zu vermitteln, wird unter anderem auch das Schnorcheln und Tauchen genannt. Exemplarisch wird „einen Tauchgarten bewältigen,…Taucherfahrungen machen, Tauchaufgaben lösen,… die Unterwasserwelt entdecken und mit der Angst umgehen“ aufgeführt. Spezielle Angaben sind im Rahmen der Richtlinien nicht möglich.

Im regulären Sportunterricht würde die hier vorgestellte Unterrichtsreihe für eine Einführung in das Tauchen mit ABC-Ausrüstung den zeitlichen Rahmen sprengen. Die Darstellungen beziehen sich auf ein Konzept im Rahmen eines offenen Angebotes an der Ganztagsschule, sodass die teilnehmenden Schüler die Möglichkeit nutzen, über den Zeitraum eines Schulhalbjahres begleitend zum Schwimmunterricht explizit das Tauchen zu erlernen.

3.2 Berücksichtigung vorhandener Konzepte zur Vermittlung des Tauchens

Mit dem Buch „Tauchen an Schulen und Hochschulen“, herausgegeben von lüchtenberg, gibt es seit 1991 zugleich eine Metaanalyse zu verschiedenen Vermittlungsmodellen für den Tauchsport. Dabei fanden auch unveröffentlichte Arbeiten ihre Berücksichtigung. Modelle für die Vermittlung des Tauchens für Kinder und Jugendliche liegen vor allem von hoffmann (1995) und lüchtenberg (1991) vor. Im Zusammenhang mit dem Erlernen sicheren Tauchens für diese Zielgruppe wird mehrfach die Bedeutung einer Vermittlung betont, welche die Aneignung notwendiger theoretischer Kenntnisse in einer engen Verbindung mit der Praxis ermöglicht. Konkrete Konzepte gibt es dazu noch nicht. Vor diesem Hintergrund stellt die vorliegende Arbeit somit für den eingegrenzten Bereich der Einführung in das ABC-Tauchen hoffentlich eine sinnvolle Ergänzung zu vorhandenen Konzepten dar.

3.3 Didaktisch-methodische Vorüberlegungen

Die didaktisch-methodischen Vorüberlegungen sind Kernbestandteil dieser Arbeit. Erst vor ihrem Hintergrund lassen sich die unter 3.5 genannten Impulse für Erschließungsmöglichkeiten durch die Schüler im Sinne einer „zielgruppengerechten“ Vermittlung ausgewählter physikalischer Gesetzmäßigkeiten (3.5) einordnen.

3.3.1 Kriterien eines offenen Unterrichtskonzeptes

In den RuL wird darauf verwiesen, dass es zu den Grundsätzen gehöre, Sportunterricht „in der Spannung zwischen Anleiten und Öffnen zu gestalten“ (2001, 55). In der dargestellten Unterrichtsreihe wechseln sich Phasen mit anleitender und impulsgebender Funktion des Lehrers mit offenen Phasen im Lernprozess ab.

Die Inhalte des Sportunterrichts beschränken sich auch heute oft noch auf die Vermittlung traditioneller Sportarten mit dem primären Ziel der Verbesserung der motorischen Fähigkeiten. Eine Umsetzung der RuL scheint erst in Ansätzen zu funktionieren. Die Erweiterung der sozial-affektiven Kompetenz, die Freude an weniger zielgerichteten Bewegungsabläufen, die Entwicklung eines positiven Selbstbildes, die Anleitung zu sinnvoller Freizeitgestaltung, die Reduzierung der Lehrerdominanz, der Abbau von Frontalunterricht, der größere Freiraum für Schüleraktivitäten werden häufig zu wenig beachtet.

Für einen freizeitorientierten Sportunterricht, in dem der Vermittlung von Prozess-qualifikationen eine besondere Gewichtung zukommt, muss der Schüler bereits im Lehr- und Lernprozess inhaltsbezogene Handlungsalternativen kennen lernen, entwickeln und praktizieren können (vgl. brodtmann 1979, 108 f.). Ein auf die Lebenssituation 'Freizeit' bezogener Sportunterricht sollte vor allem als offener, handlungsorientierter Sportunterricht konzipiert und durchgeführt werden. Dafür bietet die Form des offenen Angebotes nicht nur für die Schüler, sondern auch für mich als Lehrenden ein geeignetes Experimentierfeld mit direkten Übertragungsmöglichkeiten für den regulären Sportunterricht.

Der Terminus "Offener Unterricht" wird in der Fachliteratur in unterschiedlichen Bedeutungen und Zusammenhängen angewendet. "Eine offene Unterrichtskonzeption basiert darauf, den Schülern Mitentscheidungsmöglichkeiten einzuräumen, wobei das Ausmaß der Mitentscheidungsmöglichkeit den Grad der Offenheit des Sportunterrichts ausmacht" (hildenbrandt/laging 1981, 24).

In vielen Fällen wird "Offener Unterricht" mit "schülerorientiertem", "erfahrungsoffenem" oder "handlungsorientiertem" Unterricht gleichgesetzt (vgl. bielefelder sportpädagogen 1989, 187 ff.).

Ein großer Vorteil des offenen Unterrichts liegt in einer natürlichen Binnendifferenzierung und damit in der Möglichkeit, das Individuum gemäß seinem erreichten Lernstand optimal zu fördern. Das ist nicht unabhängig von den Rahmenbedingungen und den Erfahrungen der Schüler mit offenen Unterrichtssituationen möglich.

Sicherlich ist es sinnvoll und auch erstrebenswert, genormte Bewegungsmuster im Sportunterricht zu erlernen und anzuwenden. Auf die Bedeutung der klassischen Schulsportarten muss aus diesem Grund hier nicht näher eingegangen werden. Eine Öffnung des Unterrichts in dafür geeigneten Phasen sollte aber das Bestreben aller Lehrer sein. Den Grad der Öffnung bestimmen dabei verschiedene Faktoren, wie beispielsweise die zu erlernenden Inhalte, das Leistungsvermögen der Schüler, die zur Verfügung stehende Zeit, das Sozialverhalten und das Alter.

Im handlungsorientierten Unterricht (vgl. meyer 1991, 395 ff.) sollen die subjektiven Interessen der Schüler zum Bezugspunkt der Unterrichtsarbeit gemacht werden und die Schüler zu selbständigem Handeln ermutigt und angeleitet werden. Das Tauchen im Sportunterricht im Rahmen eines offenen Angebotes bietet eine sehr gute Möglichkeit für einen offenen und handlungsorientierten Unterricht. Offene Aufgabenstellungen ermöglichen das Finden und Erproben von Bewegungsideen im Umgang mit den verschiedensten Materialien und der ABC-Ausrüstung.

Das Unterrichtsgeschehen ist neben der Vermittlung der Fähigkeit zu kenntnisgeleitetem, sicherem Tauchen auch auf die Förderung von Kreativität ausgerichtet, womit eine möglichst offene Unterrichtsform verbunden ist. Die Schüler erhalten dabei Anregungen für eine weiterführende Freizeitbeschäftigung, welche erst dann wirklich selbstständig durchführbar ist, wenn die notwendigen Sicherheitsbedingungen begriffen worden sind. Der Sicherheitsaspekt ist dabei zugleich an den „Spürsinn für das Medium Wasser“ geknüpft. Kreatives Bewegungshandeln kann und darf hier nur auf der Basis ausreichender Kenntnisse der Sicherheitsbedingungen stattfinden.

Sieht man Sportunterricht nicht nur unter dem Gesichtspunkt, vorgegebene Inhalte nach schematischen Verfahren zu lernen und zu üben, so ist eine Öffnung der Unterrichtspraxis unumgänglich. Das bedeutet, dass alle Ziel- und Inhaltsentscheidungen unter Berücksichtigung der Interessen, Bedürfnisse, Möglichkeiten und Fähigkeiten der am Unterricht beteiligten (Schüler und Lehrer) gefällt werden müssen. Eigenständigkeit, Selbstverantwortung und das Erleben, dass Sport für jeden eine positive Bedeutung haben kann, ist nur dadurch zu erreichen, dass den Schülern die Gelegenheit eingeräumt wird, den schulischen Lernprozess selbst- bzw. mitbestimmend gestalten zu können. Das Experimentieren unter offenen Fragestellungen bedarf dabei einer soliden Vorbereitung und für die Unterrichtsplanung das Durchdenken möglicher Alternativen.

Offenheit und Handlungsorientierung verlangen unter anderem auch nach induktiven Vorgehensweisen, die den Schülern genügend Bewegungsspielraum einräumen. Sie sollen Eigentätigkeit sowie Kreativität in verschiedenen Experimentier- und Spielformen entwickeln und gültige Unterrichtsergebnisse erarbeiten. Nach dem Prinzip des induktiven Unterrichts folgt der Aufgabenstellung das Suchen nach Lösungen. Daran schließt sich das Herausstellen gültiger und besonders geeigneter Lösungen mit einer Phase des Einübens (z.B. mit Partnerkorrekturen) und einer Phase der Anwendung an.

Das Explorieren und Spielen, um sicheres Tauchen zu erlernen, ermöglicht es den Schülern, Erfahrungen auf sozialer, kognitiver, emotionaler und motorischer Ebene zu sammeln. Sie sind unter anderem aufgrund der handlungsorientierten Entwicklung von Spielformen gefordert, Kreativität, Selbständigkeit, Kritikbereitschaft, Konfliktfähigkeit, Toleranz und Kooperation zu zeigen.

Das Lernen in der Gruppe spielt dabei eine wichtige Rolle. Auch das Erlernen von Mitverantwortlichkeit für den Partner ist als ein herausragendes Merkmal beim Tauchen zu bezeichnen. Gruppenarbeiten zum sportlichen Handeln, Experimentieren und Diskutieren bieten sich an.

Das übergeordnete, theoretisch begründete Ziel des Gruppenunterrichts besteht darin, die Schüler durch die gemeinsame Arbeit bei der Bewältigung der Lernaufgabe zum solidarischen Lernen zu befähigen (vgl. meyer 1991, 248). Die Kleingruppenarbeit dient vor allem dazu, im Zusammenhang mit der Förderung motorischer und kognitiver Kompetenzen auch solche Kompetenzen zu fördern, die für die Bewältigung der sozial-affektiven Dimension sportlichen Handelns (z. B. Kooperation, Kommunikation) benötigt werden (vgl. brodtmann 1979, 139).

Für die Kooperation ist eine spielgemäße Vermittlung von Vorteil. Aufgrund ihrer explorativen Erfahrungen und dem Erwerb neuer motorischer Fertigkeiten werden die Schüler auch zunehmend kreativ in der Entdeckung neuer Bewegungs- und Spielmöglichkeiten. Soll dem Schüler die Möglichkeit eröffnet werden, zum Subjekt seines eigenen sportlichen Handelns zu werden (vgl. hildenbrand/laging 1981, 41), so ist ein Unterrichtsarrangement notwendig, "das die Herstellung eines Spiels als Aufgabe stellt und einen Prozess auslöst, in dem ein Spiel hervorgebracht, wenn nötig geändert oder weiterentwickelt wird. Eine solche genetische Form eines Spielhergangs ordnet die Inhalte eines Lernzusammenhangs - im Hinblick auf das Endglied - zu einem geschlossenen Werdegang, bei dem alle Stufen einander bedingen und aufeinander aufbauen" (dietrich 1984, 21). Die Hauptaufgabe des Lehrers bei einer genetischen Vorgehensweise besteht darin, die Lernsituation so vorzustrukturieren, dass der Schüler einen individuellen Zugang finden kann (vgl. brodtmann/landau 1982, 19 ff.).

Alternativ wäre auch eine eher produktorientierte Vermittlung der Inhalte möglich. Der Vorteil einer solch gesteuerten und strikten Vorgehensweise läge sicherlich in der Zeitersparnis, doch ein Spürsinn für das Wasser lässt sich so nicht entwickeln und die Lernenden hätten später vielleicht das geschilderte Problem (vgl. wiacker 1991) des trägen Wissens, welches keinen oder nur geringen Einfluss auf ihr Handeln hat. Kreativität und Selbstbestimmung können zudem nicht von außen in eine Gruppe induziert werden. Sie verlangen nach Eigenaktivität und Selbstorganisation. Den Schülern muss die Möglichkeit eröffnet werden, die Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen, um so die Fähigkeit zur Einflussnahme auf den eigenen Lernprozess zu erfahren und zu verinnerlichen.

3.3.2 Prinzipien der Vermittlung - Erfahrungs- und Handlungsorientierung im Lernprozess

Erfahrungs- und Handlungsorientierung beziehen sich auf die Begegnung mit etwas Neuem woraus sich erst der Anlass zur Auseinandersetzung bzw. zum Lernen ergibt (vgl. beckers 2000, 92 f.) Zu den weiteren Prinzipien der Vermittlung gehört die Mehrperspektivität (s. 3.3.3). Das Lehren und Lernen sportlicher Handlungen orientiert sich vor dem Hintergrund der Kriterien eines offenen Unterrichts an den von tholey (1987) formulierten Prinzipien:

[...]


[1] Druckausgleich im Mittelohr durch Druckerhöhung im Nasen-Rachenraum, benannt nach seinem Entdecker Valsalva.

[2] Im Folgenden wird die Bezeichnung männlicher Personen generisch verwendet, weibliche Personen sind dabei immer mit eingeschlossen.

[3] Einen Überblick leistet das Kompendium KROMP, T./ROGGENBACH, H. J./BREDEBUSCH, P.: Praxis des Tauchens. Stuttgart 1996.

[4] Sauerstoffmangel, welcher im Gehirn auftretend zur Bewusstlosigkeit führen kann.

[5] Im Folgenden werden die „Richtlinien und Lehrpläne für die Sekundarstufe I – Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen“ (2001) kurz mit RuL bezeichnet.

Details

Seiten
47
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638252522
ISBN (Buch)
9783638701259
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v21692
Institution / Hochschule
Universität Paderborn – Studienseminar
Note
1,0
Schlagworte
Sicher Wasser Entwicklung Konzeptes Einführung ABC-Tauchen

Autor

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Titel: Sicher tauchen - Wasser begreifen. Konzept zur Einführung in das ABC-Tauchen