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Bourdieu und der Bildungsweg. Betrachtung der Vater-Sohn-Beziehung im empirischen Interview

Ausarbeitung 2013 28 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bildung
2.1 Begriffsdefinitionen, Entwicklung des Bildungskonzepts
2.2 Humboldt’sches Bildungsideal, damals und heute

3. Bildung als empirischer Forschungsgegenstand
3.1 Das empirische Interview
3.2 Das qualitative Interview bei Pierre Bourdieu

4. Bildung und Ausbildung: Resultat einer Erbschaft?
4.1 Erbe: Bedeutung von Schule und Elternhaus bei Pierre Bourdieu
4.2 Weitere Entscheidungsfaktoren

5. Bildung und Ausbildung des Sébastien K. von Alain Accardo
5.1 Die Lebensgeschichte im Interview
5.2 Sébastiens Entwicklung: Vorgegebenes Schicksal?
5.3 Das widersprüchliche Erbe

6. Paulo Coelho erzählt von seinem Weg
6.1 Die Interviewsituation
6.2 Bildung und Erbe

7. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Volksmund und Wissenschaft scheinen sich einig zu sein: Die Herkunft bestimmt das gesamte Leben. Im Sprichwort heißt es: „Setz einen Frosch auf goldnen Stuhl, er springt doch wieder in den Pfuhl.“ Ähnliches hat die PISA-Studie gezeigt, nämlich dass soziale und familiäre Wurzeln unseren weiteren Lebensweg bestimmen: „Das deutsche Bildungssystem ist im internationalen Vergleich Spitzenreiter bei der sozialen Selektion.“[1] Wer in einer bildungsfernen Familie aufwächst, hat in Deutschland keine sehr guten Chancen, sozialen Aufstieg durch Bildung erlangen und für viele scheint unser Bildungssystem der Garant für die Devise „einmal arm – immer arm“ zu sein. Andersherum steht Kindern von reichen oder gebildeten Eltern ein qualitativ hochwertiger Bildungsweg mit erfolgversprechenden Berufsaussichten weitgehend offen.

Um der Volksweisheit und den viel beachteten quantitativen PISA-Ergebnissen weiter nachzugehen, möchte diese Arbeit sich ebenfalls mit der Frage befassen, inwieweit wir es selber in der Hand haben, einen Bildungsverlauf zu wählen und damit den eigenen Bildungserfolg sicherzustellen. Wie kommt es, dass eine bestimmte Richtung eingeschlagen wird und nicht irgendeine andere? Was verbirgt sich hinter unseren Entscheidungen, die wir doch oft mit viel Bedacht und sorgfältigem Abwägen treffen? Gehen wir möglicherweise einen Weg, der uns ohnehin schon in einer gewissen Weise vorgegeben war?

Der Ansatz der qualitativen empirischen Forschung ist eine Möglichkeit, sich der Beantwortung dieser Fragen zu nähern. Im Einzelnen ist die Arbeit daher wie folgt aufgebaut: Zunächst wird darauf eingegangen, was Bildung bedeutet und welche Definitionen es für diesen Begriff gibt. In der historischen Betrachtung der Entstehung des heutigen Bildungssystems fällt der Blick insbesondere auf Wilhelm von Humboldt. Im weiteren Verlauf der Arbeit, in Abschnitt 3, liegt der Fokus auf der Frage, wie Bildungswege wissenschaftlich erforscht werden können. Dazu werden Hinweise Pierre Bourdieus für das empirische Interview vorgestellt. Bourdieu hat des Weiteren Überlegungen über die familiären Grundlagen angestellt, die den Bildungsweg eines Individuums beeinflussen. Darauf wird im vierten Abschnitt eingegangen. In den Kapiteln 5 und 6 werden dann konkrete Fallbeispiele betrachtet, nämlich die Person des Sébastien K., interviewt und vorgestellt von Alain Accardo sowie der Schriftsteller Paulo Coelho anhand seiner in Interviewform vorgelegten Biografie. Das Fazit schließlich wird zusammenfassend die Frage zu beantworten versuchen, ob die (Aus-) Bildung ein selbstgewählter Weg oder familiär bedingtes Schicksal ist.

2. Bildung

2.1 Begriffsdefinitionen, Entwicklung des Bildungskonzepts

Eine allgemeingültige Bedeutung des Begriffes Bildung gibt es nicht. Als gemeinsame Grundlage der meisten Definitionen kann Bildung verstanden werden als der Prozess, bei dem der Mensch ein reflektiertes Verhältnis zu sich, zu anderen und zur Welt erlangt. Konkretere Definitionen sehen Bildung etwa so:

- Bildung ist Erziehung und eigenes Streben sowie deren Ziel, die sittliche Reife und geistige Fähigkeit, Wissensgehalte und ethische Werte zu integrieren.[2]
- Bildung bedeutet, die menschliche Entfaltung und Entwicklung der geistig-seelischen Werte und Anlagen durch Formung und Erziehung zu bewältigen.[3]

Einen weiteren Zugang bietet die Etymologie, denn in „Bildung“ ist das Wort „Bild“ enthalten, was auf ein Bildungskonzept hinweist, das Formung, Entstehung, Sichtbarmachung beinhaltet. Demnach wäre Bildung nicht nur Aneignung von Wissen, sondern auch Entwicklung und Reifung des Geistes oder des ganzen Menschen. Deutlich wird diese Vorstellung auch aus religiöser Sicht: Der Mensch sei ein Abbild Gottes, wäre Gott nachgebildet.

Im geschichtlichen Verlauf wurde die Frage unterschiedlich beantwortet, ob der Mensch sich selber forme und bilde oder ob Bildung von außen an ihn herangetragen werde. Während historisch lange von einem vorgegebenen Rahmen ausgegangen wurde, innerhalb dessen eine Person sich bilden könne, wird Bildung heute eher als aktives Tun verstanden, das mit Anstrengung verbunden ist und über den gesamten Lebensverlauf hinweg andauert.

Bildung bezeichnet darüber hinaus zum einen die Aktivität des sich- oder andere-Bildens, etwa im Sinne einer staatlichen Aufgabe, wie sie in einem Satz wie „Es muss mehr Geld in Bildung investiert werden“ gemeint ist. Hier wird oft ein Zusammenhang zum Begriff der Erziehung hergestellt.[4] Zum anderen steht das Wort Bildung für eine Ressource, über die einige mehr, andere weniger verfügen. Das letztere Bildungskonzept wird dann als Status im Sinne von „höherer Bildung“ oder „Kultiviertheit“ im Zusammenhang mit einem bestimmten Kulturverständnis verwendet – so auch bei Pierre Bourdieu:

Daher besitzen von allen Unterscheidungen diejenigen das größte Prestige, die am deutlichsten die Stellung in der Sozialstruktur symbolisieren, wie etwa Kleidung, Sprache oder Akzent und vor allem die „Manieren“, Geschmack und Bildung. Denn Sie geben sich den Anschein, als handelte es sich um Wesenseigenschaften einer Person, ein aus dem Haben nicht ableitbares Sein, eine Natur, die paradoxerweise zu Bildung, eine Bildung, die zu Natur, zu einer Begnadung und einer Gabe geworden seien. Der Einsatz in diesem Spiel um öffentliche Verbreitung und Distinktion ist [...] nichts anderes als jenes Streben nach Auszeichnung, das nun mal jede Gesellschaft als ein Zeichen von „Bildung“ zu würdigen pflegt.[5]

Bildung wird häufig auch dahingehend verstanden, dass sie nicht nur dem Individuum dienen solle, sich selbst zu verbessern und zu entwickeln. Auch soll sie den Einzelnen seinen Platz in der Gesellschaft verstehen lassen und ihn dazu befähigen, ein nützliches Mitglied dieser Gesellschaft zu sein, zum Beispiel „im Sinne der Fähigkeit, sich mit der sozialen Mitwelt handelnd auseinanderzusetzen.“[6]

Zur Komplexität dieser Konzepte trägt die Unterscheidung bei, die – zumindest im Deutschen - zwischen Ausbildung und Bildung gemacht werden kann. Während Bildung einen übergreifenden Vorgang bezeichnet, der nach heutigem Verständnis lebenslang andauert und – wie oben dargestellt – Konzepte von Erziehung einerseits und von „Kultiviertheit“ andererseits beinhaltet, ist Ausbildung meistens eine berufsorientierte, befristete und geregelte Phase des Bildungsprozesses, die zeitlich im Lebensablauf zwischen allgemeinbildender Schule und Erwerbsarbeit steht. Im Zuge der Individualisierung von Lebensentwürfen, die heute vielfach von Brüchen, Neuanfängen und mehrere Berufsausbildungen geprägt sind, relativiert sich jedoch diese einfache Definition. Das zeigt zum Beispiel die Frage, ob universitäre Bildung eher dem grundlegenden, persönlichkeitsformenden Bilden dient oder konkret eine berufliche Qualifizierung bietet. Die Antwort darauf hinge von verschiedenen Faktoren ab, etwa vom jeweiligen Hochschulverständnis oder vom Studienfach.

Angesichts der beschriebenen Vielfalt von Bildungs- und Ausbildungskonzepten erhält die Ausgangsfrage dieser Arbeit nach der Steuerbarkeit des Bildungsweges eine weitere Dimension: Nicht nur stellt sich die Frage nach der Wahl einer bestimmten Schullaufbahn oder eines konkreten Ausbildungsganges. Des Weiteren ist zu beobachten, dass mancher Berufsweg direkt verläuft und andere von Umwegen und Abzweigungen gekennzeichnet sind. Es stellt sich also nicht nur die Frage nach dem Ziel des Weges, sondern auch die nach dem Verlauf des Weges.

2.2 Humboldt’sches Bildungsideal, damals und heute

„Wer sich mit der deutschen Tradition des Bildungsbegriffs beschäftigt, stößt früher oder später unwillkürlich auf Wilhelm von Humboldt. Humboldt gilt als einer der Begründer einer kritischen neuzeitlich-bürgerlichen Pädagogik“[7]. Wilhelm Freiherr von Humboldt lebte von 1767 bis 1835. Er war preußischer Staatsmann und Philosoph. Humboldt war – ebenso wie zum Beispiel Goethe und Schiller – ein Denker des Humanismus, der in der klassischen Antike ein Menschenbild beschrieben sah, das er in seine Vorstellung des vollendeten Menschen übernahm. Als Verfechter des humanistischen Bildungsideals strebte er den allseitig ausgebildeten Menschen an und ging davon aus, dass das Bedürfnis sich zu bilden in uns allen angelegt sei und nur geweckt werden müsse:

Es gibt zwei Gegenstände, welche immer in der Seele willkommene Aufnahme finden, die Freude an der Natur und die Beschäftigung mit Ideen. (…) Einzelne, bestimmte Ideen verstehe ich darunter gar nicht, sondern die Beschäftigung mit innerem, tieferem Nachdenken selbst. Dies Nachdenken kann von allem ausgehen und sich an alles heften, nur sein Ziel, (…) ist immer nur eins und dasselbe, nämlich das menschliche Schicksal im ganzen und seine Lösung in dem Augenblicke, wo alles Irdische zurücktritt und seinen Wert verliert und nur das rein Geistige übrigbleibt, dasjenige, was man nur insofern noch menschlich nennen kann, als der Mensch auch zu dem Höchsten bestimmt ist.[8]

Vor diesem Hintergrund war Humboldt der Meinung, Bildung müsse allen zugänglich gemacht werden. Im Rahmen seiner Amtstätigkeiten reformierte er das gesamte preußische Bildungssystem: In der von ihm neu entworfenen Schulstruktur sollten alle nach ihren Fähigkeiten gefördert und nach den gesellschaftlichen Bedarfen gebildet werden. Dabei ging es nicht um den wirtschaftlichen Nutzen einer Ausbildung, sondern darum, die Persönlichkeit zu formen und zu einem starken Individuum zu werden.

Das heutige deutsche Bildungsverständnis ist wesentlich von Wilhelm von Humboldt geprägt. Doch neue Stimmen werden seit einiger Zeit laut. Es wird unter anderem gefordert, das Bildungssystem müsse sich stärker an den Anforderungen des Marktes orientieren. Schüler und Schülerinnen würden zu wenig auf die Berufstätigkeit vorbereitet und bräuchten mehr wirtschaftliche Kenntnisse. Auch an den Universitäten werden nicht-wirtschaftliche oder nicht-naturwissenschaftliche Fächer kritischer als früher betrachtet, insbesondere wenn sie nicht auf ein klar umrissenes Berufsbild vorbereiten. Wäre Humboldt selbst darauf angesprochen worden, hätte er vielleicht so geantwortet, wie er in einem Bericht an den König im Jahr 1809 schrieb:

Es gibt schlechterdings gewisse Kenntnisse, die allgemein sein müssen, und noch mehr eine gewisse Bildung der Gesinnungen und des Charakters, die keinem fehlen darf. Jeder ist offenbar nur dann ein guter Handwerker, Kaufmann, Soldat und Geschäftsmann, wenn er an sich und ohne Hinsicht auf seinen besonderen Beruf ein guter, anständiger, seinem Stande nach aufgeklärter Mensch und Bürger ist. Gibt ihm der Schulunterricht, was hierzu erforderlich ist, so erwirbt er die besondere Fähigkeit seines Berufs nachher sehr leicht und behält immer die Freiheit, wie im Leben so oft geschieht, von einem zum andern überzugehen.[9]

Humboldt ging also davon aus, dass es mit der richtigen Grundlage möglich sei, „von einem zum anderen überzugehen“. Diese Vorstellung von Übergängen scheint recht modern und erinnert an die – mal positiv, mal negativ interpretierten – vielfältigen Möglichkeiten, die dem Individuum in heutigen westlichen Gesellschaften offen stehen. Veränderungen sowohl in Bezug auf Lebensentwürfe als auch insbesondere im Hinblick auf berufliche Tätigkeiten sind mittlerweile anerkannt. Grundsätzlich sieht Humboldt die Bedeutung von Bildung darin, dass sie eine Basis zur Verfügung stellt, die für alle gleich sein sollte und nach deren Aneignung dann die Wahl des Berufes anstehe. Diese Berufswahl sollte demnach zumindest von der Grundbildung unabhängig sein.

Ein Schwerpunkt von Humboldts Reformen lag auf der Ausrichtung neuer Universitäten, deren Schwerpunkt er in der Einheit von Forschung und Lehre sah. Dass dieses bisher wenig diskutierte, sondern als selbstverständlich angenommene Modell nun wieder in die Bildungsdebatte kommt, liegt auch am aktuellen sogenannten Bologna-Prozess. In dessen Verlauf soll zum einen eine Vereinheitlichung der universitären Strukturen in Europa erreicht werden. Gleichzeitig wird die Neuausrichtung aber möglicherweise auch eine marktorientiertere und geradlinigere Universitätsausbildung mit sich bringen. Nach einem solchen Verständnis widerspräche das Bologna-Modell dem Universitätsmodell Humboldts. Es ist jedoch schwierig zu interpretieren, ob die darin vorgesehenen Strukturen auch grundsätzlich dem Humboldt'schen Bildungsverständnis entgegen stehen. Denn es ging Humboldt um die freie Entfaltung des Individuums, das sich für sich selbst und für die Gemeinschaft zum Nutzen entwickeln sollte, die in einem europäischen Bachelor- und Mastersystem auch umgesetzt werden können.

Unabhängig von Humboldts Ansichten kann davon ausgegangen werden, dass im Rahmen dieser neuen Ausrichtung die Entscheidung für einen Studiengang die Wahl für einen Beruf zu einem früheren Zeitpunkt nötig macht, als es vielleicht in bisherigen Magister- oder Diplomstudiengängen der Fall war. Unbeantwortet bleibt jedoch noch immer die Frage, welche individuellen Faktoren zur Wahl des Studienganges führen: Handelt es sich bei dieser Wahl um eine freie Entscheidung? Oder gibt es so etwas wie ein vorgegebenes Schicksal in Bezug auf den Bildungsweg?

[...]


[1] Wolfgang Barth, Bildung in der Einwanderungsgesellschaft, in: Chancengerechtigkeit durch Bildung-Chancengerechtigkeit in der Bildung. Bausteine einer sozialen Bildungspolitik, hrsg. v. AWO Bundesverband e.V. Essen 2006, S. 253-263, hier S. 256.

[2] Duden Lexikon. Mannheim/Wien/Zürich 1980.

[3] Vergl. Bernward Hoffmann, Medienpädagogik. Eine Einführung in Theorie und Praxis. Paderborn 2003, S. 127.

[4] Im Englischen ist eine Unterscheidung zwischen diesem Bildungsverständnis und dem Wort Erziehung nicht vorgesehen. Beides wird „education“ genannt.

[5] Pierre Bourdieu, Strukturalismus und soziologische Wissenschaftstheorie. Die Unerlässlichkeit der Objektivierung und die Gefahr des Objektivismus, in: Pierre Bourdieu, Zur Soziologie der symbolischen Formen. Frankfurt am Main 1983, S. 40.

[6] Thomas Rauschenbach, Neubesinnung nach dem PISA-Schock? Die Reformbemühungen des Kindergartens im Lichte des 12. Kinder- und Jugendberichts, in: Chancengerechtigkeit durch Bildung-Chancengerechtigkeit in der Bildung. Bausteine einer sozialen Bildungspolitik, hrsg. v. AWO Bundesverband e.V. Essen 2006, S. 106-121, hier S. 109.

[7] Bernhard Bolle, Das Lernberatungsgespräch im bildungstheoretischen Blickwinkel. Münster/New York/München 2008, S. 7.

[8] Wilhelm von Humboldt, Briefe an eine Freundin. Leipzig 1912, S. 74.

[9] zitiert nach: Thomas Ellwein, Die deutsche Universität. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Königstein 1985, S. 116.

Details

Seiten
28
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656440857
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v215595
Note
Schlagworte
bourdieu bildungsweg betrachtung vater-sohn-beziehung interview

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