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Die Einflüsse der historischen Avantgarde auf die Gegenwartsliteratur.

Vergleich von Werken Hugo Balls mit Werken Christopher Eckers

Hausarbeit 2013 21 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theorie der Avantgarde

3. Werkstruktur bei Hugo Ball
3.1 „Karawane“ oder „Zug der Elefanten“
3.2 „Der Rasta-Querkopf (Ein Lied für die Trommel)“

4. Werkstruktur bei Christopher Ecker
4.1 „namen und zahlen“
4.2 „schlafbaum“

5. Vergleich der strukturellen Merkmale bei Ball und Ecker

6. Schluss
6.1 Danksagung

7. Anhang
7.1 Interview von Toke Hoffmeister mit Christopher Ecker

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Vortrag verschiedener avantgardistischer[1] Werke rief bei den Zuhörern oft lautes Gelächter hervor. Sie fühlten sich belustigt, von dem, was vorne vorgetragen wurde, sie konnten nicht folgen, fanden keinen Zugang zu dieser Art der Kunst. Das Paradebeispiel solch einer Vortragsweise ist sicherlich die „Karawane“ von Hugo Ball, bei der er auf der Bühne stehend, einen Zylinder, an eine Mitra erinnernd, einen Umhang aus Pappe gefertigt, sowie klauenartige Handschuhe trug.[2] Das Publikum fühlte sich provoziert, peinlich berührt von diesem Lautgedicht. Derartiges hatten sie zuvor nicht gehört. Es begann mit der historischen Avantgarde im Cabaret Voltaire in Zürich eine neue Art der Kunst. Provokation ist für Kunst sicherlich immer ein Mittel um sich Gehör in der Gesellschaft zu verschaffen. Sie bekommen die mediale Aufmerksamkeit, die sie benötigen, um an Bekanntheit zu gewinnen, um ihre Werke zu verbreiten. Die historische Avantgarde konnte durch die Innovationen provozieren, für sie war es ein Leichtes, Aufmerksamkeit zu erlangen, gegen Kritiker verschlossen sie sich nicht, denn sie wollten geradezu kritisiert zu werden. In Feuilletons, Zeitschriften und durch Plakatanschläge wurde die Kritik verbreitet, die den Kreis der Avantgardisten um Hugo Ball, Hans Arp und Kurt Schwitters stark machte. Doch wovon lässt sich die heutige, moderne Gesellschaft überhaupt noch provozieren? Es ist Vieles zur Normalität geworden. Vieles wird zur Kenntnis genommen, nicht weiter kommentiert und verschwindet aus dem Bereich der Aufmerksamkeit. So schrecken Bilder aus Kriegen zwar auf, doch auch sie sind, aufgrund der Fülle, in der sie auftauchen, keineswegs in der Lage Provokation hervorzurufen. Kann Kunst heute noch provozieren und wenn nein, sollte sie es?

Eine neue Art der Kunst, ebenfalls häufig von lautem, belustigtem Gelächter begleitet, wird ebenfalls von dem Kieler Autor Christopher Ecker, 1967 in Saarbrücken geboren, geschaffen. In der folgenden Arbeit soll es nun darum gehen, inwieweit sich Parallelen zwischen Ecker und der historischen Avantgarde erkennen lassen. Dies erfolgt in mehreren Schritten. Zunächst wird eine kurze Übersicht über die historische Avantgarde im Allgemeinen gegeben, über das Entstehen aus dem italienischen Futurismus, dann wird aber auch speziell auf die historische Avantgarde in Deutschland eingegangen. Die Programmatik wird anhand von Sekundärliteratur eingehend dargestellt werden. Die Zielsetzung der historischen Avantgarde spielt hierbei eine wichtige Rolle, da sie Anlass bietet, die Literatur Eckers mit einigen Beispielen Hugo Balls zu vergleichen. Nach der Darstellung einiger maßgebenden Aspekte schließt sich dann der Vergleich der Werke an. Hierbei wird vor allem eine Strukturanalyse durchgeführt, da sich die Werke zum Teil der expliziten Deutung verschließen. Die Arbeit wird sich in diesem Teil vor allem auf ein Interview mit Christopher Ecker stützen, da zu diesem Thema bisher keinerlei Forschungsliteratur vorliegt. Die Erkenntnisse die aus der strukturellen Analyse gewonnen wurden, werden anschließend mit den theoretischen Äußerungen Eckers in Verbindung gebracht und ausgewertet.

2. Theorie der Avantgarde

Im beginnenden 20. Jahrhundert bildete sich sowohl in der bildenden Kunst und Literatur eine neue Strömung heraus. Die Künstler, die sich selbst als Avantgardisten[3][4], als Vorreiter, bezeichneten und somit auch im Selbstverständnis der Avantgarde angehörten, waren der existierenden Kunst überdrüssig. Es existierte ein „abgrundtiefes Mißtrauen der Avantgarde gegenüber dem traditionellen Kunstwerk, gegenüber dem Werk mit seiner Aura und seiner besonderen Weise, eine Botschaft zu übermitteln.“[5] Sie waren als Schriftsteller unzufrieden mit den Ausdrucksmöglichkeiten einfacher Wörter, fühlten sich beschränkt in ihrer Arbeit und suchten nach einem Weg, Neues zu erschaffen, Anderes zu erschaffen und mit ihrer Kunst gegen Kunst zu protestieren. Dieser scheinbare Widerspruch ist durchaus gewollt und beabsichtigt, lässt er doch das Wesen dieser Kunstströmung, die in Zürich im Cabaret Voltaire entstand, erkennen. Jedoch gibt Walter Delabar zu bedenken: „Kunst im Selbstverständnis der Avantgarden[6] wollte nicht mehr Kunst sein, sie wollte alles sein und überall wirken, in der Politik, im Wirtschaftsleben, in der Gesellschaft, im Alltag.“[7] Es ist zwar richtig, dass Avantgarden überall wirken wollen, sich allumfassende Wirkung erhoffen, dass ihr Medium, um dies durchzusetzen, hingegen die Kunst selbst ist, lässt sich nicht bestreiten. Diesen Versuch unternimmt Bürger in der „Theorie der Avantgarde“:

„Im ästhetischen Kunstwerk ist die für den Status der Kunst in der bürgerlichen Gesellschaft charakteristische Abgehobenheit des Werkes von der Lebenspraxis zu dessen wesentlichen Gehalt geworden. Damit erst wird das Kunstwerk Selbstzweck im vollen Sinne des Wortes. Im Ästhetizismus wird die gesellschaftliche Folgenlosigkeit der Kunst manifest. Ihr setzen nun die die avantgardistischen Künstler nicht eine innerhalb der bestehenden Gesellschaft folgenreiche Kunst entgegen, sondern eben das Prinzip der Aufhebung der Kunst in Lebenspraxis.“[8]

Jedoch gibt Bürger zu, dass diese Art der Konzeption eine Bestimmung des Verwendungszwecks nicht mehr zulässt.[9] Die Kunst der Avantgarde integriere sich zwar in die Lebenswelt, jedoch könne man ihr einen Verwendungszweck nicht absprechen, da die Avantgardisten den Kunstbetrieb kritisierten und ihr Publikum provozierten.

In allem Handeln beteuerten Hugo Ball, Kurt Schwitters und die anderen Avantgardisten aus der Gründungszeit immer wieder ihre absolute Freiheit. Sie fühlten sich frei von jeglicher Tradition, von jeglicher Regelhaftigkeit[10] und vollzogen eine Umwälzung nicht nur des Produktes Literatur, sondern auch des Prozesses des Literaturschaffens. So eröffnet sich die Kunst „die ‚absolute Freiheit’ ihrer Gestaltungs- und Wirkungsmöglichkeiten. […] Sie überforderten sich und ihr Publikum zugleich radikal, indem sie alles infrage stellten, alle Konventionen unterliefen und sich gegen jede Form von Ordnung wandten.“[11]. Delabar übersieht indes einen wichtigen Punkt in seinen Äußerungen. Sich gegen jede Form von Ordnung zu wenden, bedeutet, dass im Endeffekt keinerlei Ordnung existiert. Es ist jedoch zu kurz gedacht zu behaupten, avantgardistische Literatur sei frei jeglicher Ordnungsprinzipien. Nur weil die Ordnungsstruktur nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist, bedeutet dies sogleich nicht, dass keine vorhanden ist. Es muss tiefer in die Materie eingedrungen werden, dann können Struktur- und Ordnungsmomente festgestellt werden. Dieses Faktum wird ebenfalls dadurch bewiesen, dass die Literatur keinesfalls zufällig ist. Auch Lautgedichte erfüllen das Kriterium der Motiviertheit und schon daraus resultiert eine Ordnung, denn ohne Ordnung kann keine Motiviertheit entstehen, während sich ohne Motiviertheit keine Ordnung entwickelt. Delabar stützt seine These der Abwesenheit von Ordnung darauf, dass „im Resultat die Wahrnehmung und Interpretation von Realität als Referenz, auf die sich Signifikant und Signifikat beziehen, verändert [wird]“[12]. Die Beziehung von Signifikat (signifié) als das Bezeichnete, als der Gegenstand, und Signifikant (signifiant) als das Bezeichnende, das Lautbild, gerät für unser humanistisches, traditionelles Alltagsverständnis in ein Ungleichgewicht. Wir können diese Dissonanz nicht fassen, sind verwirrt und das leitet uns von Ordnungslosigkeit zu sprechen, ohne die Entwicklung zuvor vollständig reflektiert zu haben. Was die Avantgarden hingegen taten, war, die Ordnung, vor allem die bürgerliche, zu kritisieren. Sie greifen die gesellschaftliche Ordnung an, allerdings ohne, wie oben erwähnt, selbst ordnungslos zu werden.[13]

Die Ordnung der Avantgarde wird ebenfalls an einem einzigartigen Merkmal deutlich: die Programmatiken werden in Manifesten gebündelt veröffentlicht. Das Manifest, in Alltagssprache verfasst und für jedermann verständlich und für viele zugänglich, bietet die exzellente Möglichkeit der Selbstdarstellung, der Provokation, der Abgrenzung zu bestehenden Kunstrichtungen.[14] Asholt und Fähnders formulieren weiter:

„Jenseits aller Vielfalt und Widersprüchlichkeit avantgardistischer Schreibpraxis läßt (sic!) sich in den Manifesten die Einheit der Avantgarde erkennen: ihre Utopie eines Ganzheitsentwurfs, die, um es mit Benjamin zu formulieren, beabsichtigt ‚mit einer Praxis brechen zu wollen, die dem Publikum die literarischen Niederschläge einer bestimmten Existenzform vorlegt und diese Existenzform selber vorenthält’“.[15]

Keine andere Epoche ist so geprägt von der Veröffentlichung von Manifesten wie die Avantgarde. Beginnend mit dem Manifest des Futurismus von F.T. Marinetti werden die Ziele und Absichten der Avantgardisten in diesen Schriften, die teilweise Appellcharakter aufweisen, zusammengefasst und prägnant geschildert.

Was die Avantgarde will, welche Ziele und Absichten sie verfolgt, lässt sich nur schwerlich zusammenfassen, da, wie oben erwähnt, eine Mehrzahl von Avantgarden existiert, die zum Teil recht unterschiedlich wirken und produzieren.

[...]


[1] Ist in dieser Arbeit von „Avantgarde“ die Rede, so ist stets die historische Avantgarde gemeint.

[2] Vgl. Hugo Ball: Zinnoberzack, Zeter und Mordio. Alle Dadatexte, Hg. v. Eckhard Faul. Göttingen 2011, S. 137.

[3] Vgl. Peter Bürger: Theorie der Avantgarde. Frankfurt/Main 1974.

[4] Der Begriff Avantgarde stammt aus dem französischen Militärvokabular und bedeutet übersetzt „Vorreiter“ oder „Vorhut“. Die Avantgarden ritten vor dem Heer, um den Feind auszukundschaften und Informationen einzuholen.

[5] Wolfgang Asholt/ Walter Fähnders (Hg.): Manifeste und Proklamationen der europäischen Avantgarde (1909-1939). Stuttgart/Weimar 2005, S. XV.

[6] Delabar spricht hier treffend von Avantgarden im Plural, da sich diese literarische Strömung der Moderne nicht auf einzelne Programmatiken beschränken lässt, sondern in ihrer Vielfalt wirkt.

[7] Walter Delabar: Klassische Moderne. Deutschsprachige Literatur 1918-33. Berlin 2010, S. 57.

[8] Peter Bürger: Theorie der Avantgarde, S. 69

[9] Vgl. ebd.

[10] Eines der zentralen Prinzipien avantgardistischer Literatur, insbesondere der Gedichte, ist das Prinzip der „parole in libertà“: Worte in Freiheit (vgl. hierzu: Peter Demetz: Worte in Freiheit, München/Zürich 1990). Die Worte sollen in ihrem jeweiligen Wortsinn verwendet werden, ohne Konnotation. Worte sollten zudem von ihren Zwängen befreit werden.

[11] Walter Delabar: Klassische Moderne. Deutschsprachige Literatur 1918-33, S. 57

[12] Ebd., S. 62.

[13] Vgl. ebd. S. 66.

[14] Vgl. Wolfgang Asholt, Walter Fähnders (Hg.): Manifeste und Proklamationen der europäischen Avantgarde (1909-1939). S. XV.

[15] Ebd., S. XIV.

Details

Seiten
21
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656440895
ISBN (Buch)
9783656441540
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v215585
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien
Note
2,0
Schlagworte
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