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Emergente Ästhetik - Netzwerke des Ästhetischen und ihre Übertragungskanäle

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 15 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Technizität des Sozialen

Emergente Ästhetik

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Literatur / Abbildungen

Einleitung

Phänomene des Ästhetischen sind im soziologischen Deutungsrahmen zumeist nur als einfache Symptome von Moden bekannt, die auf der angeblichen Kreativleistung einiger weniger Opinion-Leader oder genialer Künstler beruhen. Warum eine Mode dann so und nicht anders aussieht, kann damit in der Regel nicht beantwortet werden. Dafür muss der Platzhalter Stil (oder noch fragwürdiger: Geschmack) herhalten. Stil und Geschmack halte ich für zwei der schwammigsten und nutzlosesten Kategorien der ästhetischen wie auch der soziologischen Ideenlehre, da sie einen ideologischen Schleier über etwas legen, dass in vielen Fällen einen „härteren“ Ursprung hat, als es manchem wohl lieb wäre. Härter deshalb, weil der Ursprung dieses Etwas in den Gefilden der Hardsciences zu suchen ist.

Im Rahmen dieser Arbeit möchte ich einige provokante Thesen entwickeln, die alle zum Ziel haben, eine gewisse Technizität des Sozialen aufzuzeigen. Ich werde zunächst untersuchen, was die auch heute noch als revolutionär zu bezeichnende medientheoretische Position Marshall McLuhans für Folgen für die Soziologie haben könnte. Was ist eigentlich Gesellschaft, wenn das Medium die Botschaft ist?

Mit Hilfe dieser Vorüberlegung möchte ich ein bestimmtes ästhetisches Kommunikationsnetzwerk skizzieren und seine hochgradig emergente Natur aufzeigen: Das Operationssystem der digitalen Architektur. In diesem System emergiert eine völlig neue ästhetische Dimension der Formen- und Raumdefinition. Der Fokus der Untersuchung gilt hier dem Medium dieser Emergenz: den Übertragungskanälen dieses soziokulturellen Interaktionsraums, der sich in einem Verbund aus Maschinen (Computern) und Maschinenmitarbeitern (Architekten) formiert.

Angestrebt wir eine Art der Techniksoziologie, die ihr Präfix auch wirklich ernst nimmt, und nicht nur hilflos Maschinen als schlechtere Menschen definiert, die ihren Erfindern dienen sollten. Eine Techniksoziologie, die Gesellschaft als einen Mensch-Maschine-Verbund definiert, und die den Menschen darüber versteht, dass sie seine technologischen Praktiken (Kulturtechniken) und Extensionen (Medien im weitesten Sinne) untersucht. Eine Techniksoziologie, die versucht, die Blaupausen der Konstruktionszeichnungen zu lesen und die Codezeilen der Software-programme zu decodieren.

Technizität des Sozialen

"Alle Medien massieren uns gründlich durch. Sie sind dermaßen durchgreifend in ihren persönlichen, politischen, ökonomischen, ästhetischen, psychologischen, moralischen, ethischen und sozialen Auswirkungen, dass sie keinen Teil von uns unberührt, unbeeinflusst, unverändert lassen. Das Medium ist Massage. Jegliches Verständnis sozialer und kultureller Wandlungen ist unmöglich, ohne eine gewisse Kenntnis der Wirkung von Medien als Umwelten."[1]

Die klassische Soziologie gefiel sich gerne darin, in einem tautologisch anmutenden Argumentationsrahmen die Phänomene des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu erklären: Menschen tun dies und das, weil sie so und so sind. Gruppen tun dies und das, weil der Einzelne darin so und so beschaffen ist. Und so weiter... Die materielle Umwelt wurde dann gerne als unwichtige Scheinvariable zur Seite getan, schließlich ist der Mensch ja das Maß aller Dinge und sowieso: Ich denke, also bin ich. Je mehr aber die industrielle Revolution die Menschen beschleunigte, desto mehr Denker ahnten, dass die Umwelt, die ja noch dazu immer Wirkungsmächtiger wurde (technische Erfindungen, neue Medien), vielleicht doch einen gewissen Effekt auch auf das Soziale des Menschen haben könnte. Die Kybernetik der 1940er Jahre könnte als der paradigmatische Wendepunkt in der Betrachtung der Wirkungsmacht der technologischen Sphäre auf den Menschen gesetzt werden. Plötzlich fanden sich progressive Soziologien mit Mathematikern und Ingenieuren an einem Tisch sitzend wieder, und man hatte sich so einiges zu erzählen. Norbert Wiener publizierte dann auch noch Cybernetics or Control and Communication of the Animal and the Machine, ein Buch, dass ja nicht nur den Menschen unter die Tiere subsumiert, sondern diese Subgruppe auch noch gleich mit den Maschinen gleichsetzt, und Gesellschaften wurden plötzlich zu Systemen, die nach Steuer- und Regelvorgängen untersucht wurden.

Einige Jahre später dann machte der Anglistik-Professor (heute aber nur noch unter der Bezeichnung Medientheoretiker bekannte) Marshall McLuhan mit der schockierenden These auf sich aufmerksam, dass doch eigentlich das Medium selbst die Botschaft sei. Es sollte also gar nicht so wichtig sein, was im Fernsehen läuft, sondern der simple Umstand, dass soundsoviele Menschen gleichzeitig Fernsehen schauen, sollte nun wichtiger sein.[2] Dieses Konzept, die semantischen Inhalte einer Botschaft außer Acht zu lassen, und dafür den Fokus der Untersuchung auf die Übertragungskanäle und ihre Wirkungsweisen zu setzten, hatte nicht umsonst eine Subkategorie der Kybernetik, die Informationstheorie nach Shannon, bereits einige Jahr zuvor streng mathematisch formuliert. Doch McLuhan dachte weiter. Ihn interessierte vor allem, was die Verbreitung von Technologien an Folgen für die soziale und kulturelle Formation einer Gesellschaft zur Folge hat. Zu diesem Zweck definiert er Medien als konkrete Extensionen der menschlichen Sinne. (Medien sind bei McLuhan übrigens nicht nur die Klassiker wie Schrift, TV, Internet etc..., sondern auch Dinge wie Kleidung, Strassen oder Waffen.) Und so wie ein Kurzsichtiger die Welt durch eine scharfe Brille völlig anders wahrnehmen und erleben kann, so transformiert jede neue Technologie als Extension des menschlichen Körpers den gesamten Mensch-Maschine-Verbund namens Gesellschaft.

„In a culture like ours, […] it is sometimes a bit of a shock to be reminded that, in operational and practical fact, the medium is the message. This is merely to say that the personal and social consequences of any medium – that is, of any extension of ourselves – result from the new scale that is introduced into our affairs by each extension of ourselves, or by any new technology.”[3]

[...]


[1] McLuhan 1967, S. 26.

[2] Eine Idee übrigens, der sich die kritische Inhaltsanalyse der europäischen Rezeptions-forschung bis heute hartnäckig verweigert. (Siehe die Debatte: Erzeugt mediale Gewalt reale Gewalt? Eine Streitfrage, die übrigens schon Platon als unbeantwortbar und recht sinnlos stehen lies.)

[3] McLuhan 1964, S. 7.

Details

Seiten
15
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638251297
ISBN (Buch)
9783638801836
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v21542
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Soziologische Theorie
Note
1,3
Schlagworte
Emergente Netzwerke Emergenz Strukturen

Autor

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