Lade Inhalt...

Aufgaben und Methodik der Autorenerkennung im Rahmen der Forensischen Linguistik

Seminararbeit 2012 19 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhaltsübersicht

1. Einleitung

2. Definition und Teilbereiche der Forensischen Linguistik

3. Die Rolle des BKA - das System KISTE

4. Aufgaben der Autorenerkennung
4.1. Textanalyse
4.2. Textvergleich

5. Methodik der Autorenerkennung
5.1. behauptete Identität und gewollte Anonymität
5.2. Fehleranalyse
5.3. Stilanalyse
5.3.1 Individualstil und „Sprachlicher Fingerabdruck“

6. Probleme bei der Autorenerkennung
6.1. Textlänge
6.2. Textsorte
6.3. multiple Autorenschaft

7. Zusammenfassung

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Vor etwa 60 Jahren ereignete sich in England einer der spektakulärsten Kriminalfälle der britischen Geschichte. Am 09. März 1950 wurde Timothy John Evans für ein Verbrechen hingerichtet, dass er nicht begangen hatte und zu welchem er zu Unrecht verurteilt wurde (vgl. Drommel 2011: 30). Der 25-jährige Brite wurde angeklagt, seine Frau Beryl und seine Tochter Geraldine ermordet zu haben. Grund für diese Anklage war sein Erscheinen bei der Polizei am 30.11.1949, wo er sagte, er hätte seine Frau beseitigt und wolle sich stellen. Im Prozess beteuerte Evans jedoch mehrmals seine Unschuld. Es wurden vier Vernehmungsprotokolle angefertigt, wobei eines davon Evans‘ Geständnis beinhaltete, was ihm zum Verhängnis wurde. Im Jahr 1967 analysierte der schwedische Linguist Jan Svartvik die Protokolle und stellte fest, dass in allen Protokollen umgangssprachliche und dialektale Formen zu finden waren (vgl. Fobbe 2011: 110-111). Dies spiegelte die sprachliche Kompetenz Evans‘ wider, welcher ein „einfacher, kaum durchschnittlich intelligenter Arbeiter [war], der nur seinen Namen schreiben und ein paar Wörter lesen konnte.“ (Fobbe 2011: 110). Eines der Vernehmungsprotokolle enthielt hingegen schriftsprachliche Formen und stilistisch gehobene Wendungen, wie „I took her down to the flat below the same night whilst the old man was in hospital“ oder „he handed me the money which I counted in his presence“ (zitiert nach: Svartvik 1968: 22, 24), (Fobbe 2011: 111). Diese Tatsachen stellten die Authentizität der Protokolle in Frage. Die Resultate dieser linguistischen Analyse führten dazu, dass Timothy John Evans posthum freigesprochen wurde. Es stellte sich später heraus, dass Evans‘ Vermieter Reginald Christie der Täter war. Christie hatte Evans manipuliert, sodass dieser ihm bei der Beseitigung der Leichen half und sich für den Tod seiner Tochter und seiner Frau verantwortlich machte.

Dieser Fall war unter Anderem einer der ersten und bedeutendsten Kriminalfälle, welcher mit Hilfe von forensischer Linguistik (FL) aufgeklärt wurde. In der vorliegenden Arbeit möchte ich die Bedeutung der forensischen Linguistik näher erläutern. Hauptgegenstand dabei ist die Autorenerkennung, welche einen Teil dieser sehr umfangreichen Disziplin darstellt. Ich werde einen kurzen Überblick über die Teilbereiche der forensischen Linguistik sowie Informationen zur Rolle des deutschen Bundeskriminalamtes geben. Hauptsächlich werde ich auf die Aufgaben und Methodik der Autorenerkennung Bezug nehmen und abschließend auf spezielle Problemstellungen eingehen.

2. Definition und Teilbereiche der forensischen Linguistik

Im weiten Sinne definiert Fobbe den Forschungsbereich der forensischen Linguistik als „alles Sprachliche im Bereich des Rechts [...], das es linguistisch zu untersuchen gilt.“ (Fobbe 2011: 15). Dies schließt allgemein sprachliche Problemstellungen im polizeilichen sowie gerichtlichen Bezug ebenso mit ein wie Untersuchungen der Sprache als Mittel der Justiz. Im engeren Sinne wird die FL als Analyse und Präsentation von sprachlichen Daten, welche im juristischen Zusammenhang betrachtet werden, beschrieben. (vgl. Fobbe 2011: 16). Wie oben schon erwähnt, umfasst die forensische Linguistik sehr viele Forschungs- und Anwendungsfelder. Dem Bereich der Autorenerkennung steht die Sprechererkennung gegenüber, welche sich mit der Analyse von gesprochenen „Texten“ auseinandersetzt und demnach der forensischen Phonetik zuzuordnen ist. Stimmenanalyse und Stimmenvergleich bilden hierbei die wichtigsten Untersuchungsgebiete, um einen Produzenten gesprochener Texte zu identifizieren bzw. zu kategorisieren. Weitere Anwendungsbereiche der FL sind die Gesprächsanalyse im forensischen Kontext, das Gerichtsdolmetschen, die forensische Semantik sowie die Auseinandersetzung mit der Sprache der Vernehmung (vgl. Dern 2003: 45).

3. Die Rolle des BKA - das System KISTE

In den 1970er Jahren hat das deutsche Bundeskriminalamt (BKA) angesichts der Terrorbekämpfung in Deutschland innerhalb des Kriminaltechnischen Institutes den Teilbereich Autorenerkennung eingerichtet (vgl. Rathert 2006: 51). Dort untersuchen Linguisten inkriminierte Texte, i.e. Texte, welche eine Straftat darstellen bzw. welche mit einer Straftat in Verbindung stehen. Es werden drei verschiedene Themenkomplexe bearbeitet. Diese bilden „die Textanalyse (Autorenanalyse), den Textvergleich (Autorenvergleich) sowie die Pflege der Sammlung inkriminierter Schreiben und die Sammlungsrecherche.“ (Schall 2007: 572f). Die zu untersuchenden Texte können größtenteils den Deliktbereichen Erpressung und Bedrohung zugerechnet werden. Folgendes Diagramm zeigt die prozentuale Verteilung der verschiedenen Deliktbereiche, welche in der Vergangenheit (von 1999-2005) beim BKA forensisch-linguistisch analysiert wurden (vgl. Schall 2007: 573):

Abbildung 1: (Quelle: BKA. KT 54-Autorenerkennung)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zum Zweck der Sammlungspflege und Sammlungsrecherche wurde 1989 nach §2 des BKA-Gesetzes das System KISTE (Kriminaltechnisches Informationssystem Texte) eingeführt, welches inkriminierte Texte jeglicher Art enthält, die der Polizei zur Verfügung stehen. Im Oktober 2003 befanden sich mehr als 3.000 Texte in diesem Apparat (vgl. Schall 2007: 583). Die Korpusarbeit in KISTE stellt ein bedeutendes System zur Textverwaltung dar. Neben der Sammlung inkriminierter Schreiben werden zudem administrative Daten wie Erst- und Folgeschreiben, Deliktklasse sowie Erläuterungen zu Verfasser und Tathergang gespeichert. Die Texte werden wortgetreu mit sämtlichen Fehlern in das System eingepflegt und linguistisch aufbereitet indem eine Textkorrektur und Deflexion erfolgt, d.h. der Wortbestand wird in seine Grundformen übertragen (vgl. Baldauf 1999: 99, vgl. Schall 2006: Teil 2). Anschließend wird das zu untersuchende Schreiben einer linguistischen Analyse unterzogen. Dabei werden Fehler und Auffälligkeiten auf unterschiedlichen Sprachebenen klassifiziert, wie etwa Besonderheiten bei Interpunktion und Orthographie oder Merkmale auf morphologischer und syntaktischer Ebene. Des Weiteren werden nicht-fehlerhafte Bestandteile wie Formatierungsaspekte (Datumsformat, Abkürzungen, Absatz- und Textgestaltung) kategorisiert. Alle Merkmale werden an entsprechender Textstelle markiert. Aus jedem einzelnen Text kann anhand einer solchen Klassifizierung ein umfassendes Befundprotokoll erstellt werden (vgl. Schall 2007: 583). KISTE bietet darüber hinaus die Möglichkeit, zahlreiche Statistiken aufzurufen, unter Anderem „Angaben zur Häufigkeit markierbarer Fehlertypen, zur Vorkommenshäufigkeit bestimmter Wörter sowie zur durchschnittlichen Satzlänge von Texten.“ (Baldauf 1999: 99). Des Weiteren können Zusammenstellungen von verschiedenen Fehlermerkmalen gesucht werden, um vergleichbare Verwendungen der Sprache aufzuspüren. Die automatische Ähnlichkeitsrecherche stellt als zusätzlicher Bestandteil des Systems eine wichtige Funktion dar, indem eingehende Texte mit dem schon bestehenden Textkorpus abgeglichen werden, um mögliche Text- und somit Tatzusammenhänge aufzudecken. Hierbei wird vorrangig der Gebrauch von Funktionswörtern, welche im Gegensatz zu Inhaltswörtern eher unbewusst verwendet werden und größtenteils themenunabhängig sind, in den Texten miteinander verglichen. Trotz dieses hilfreichen Systems sei jedoch anzumerken, dass der menschliche Sachverstand und die fachliche Analyse des Linguisten in der forensischen Linguistik unverzichtbar bleiben (vgl. Baldauf 1999: 99f).

4. Aufgaben der Autorenerkennung

Es wurde bereits erklärt, wobei es sich um inkriminierte Texte handelt. Diese sind, wie ebenfalls schon erwähnt, oft Erpressungen und Bedrohungen, zum Teil aber auch Bekennerschreiben aus der terroristischen, rechts- oder linksextremistischen Szene sowie Entführungsschreiben. Solche Schreiben haben nach Schall immer mit sprachlichen Handlungen zu tun, d.h. ohne diese sprachlichen Äußerungen können diese Verbrechen nicht begangen werden. Darüber hinaus konstituiert der inkriminierte Text an sich die Straftat selbst (vgl. Schall 2007: 567f). Die FL spielt somit im Ermittlungsprozess von sprachlichen Straftaten und Straftaten, welche mit sprachlichen Handlungen einhergehen, eine wichtige Rolle.

4.1. Textanalyse

Ziel der Textanalyse ist es, den Autor eines Textes einzuschätzen und seine sprachliche Kompetenz inklusive seiner sprachlichen Eigentümlichkeiten zu erfassen. Die Textanalyse dient nicht dazu, das individuelle sprachliche Vermögen des Verfassers zu beschreiben, sondern vielmehr Merkmale mit „Signalwirkung“ oder „Indikatorfunktion“ (zitiert nach: Fleischer/Michel/Starke 1996: 43; Dern 2003: 46) herauszufiltern, welche Aussagen über die Lebensumstände des Autors ermöglichen. Dieser soll somit kategorisiert und nicht identifiziert werden (vgl. Dern 2003: 46).

In Anlehnung an Rathert besteht die Zielsetzung der Textanalyse in der Entwicklung eines sprachlichen Profils des Autors, welches im bestmöglichen Fall Angaben zu folgenden Aspekten macht: „a) Muttersprache, b) regionale/dialektale Zugehörigkeit, c) Altersgruppe, d) Bildungsgrad, e) Ausbildung/Tätigkeit sowie f) Erfahrung in der Textproduktion“ (Rathert 2006: 52). Die genannten Punkte werden nun näher beschrieben.

Ob ein Autor Muttersprachler des Deutschen ist, kann nicht mit hundertprozentiger Sicherheit gesagt werden. Es besteht jedoch die Möglichkeit, Aussagen zur muttersprachlichen Kompetenz des Deutschen zu machen, wobei dies ebenso nicht in allen Fällen geklärt werden kann. Grund dafür ist die Tatsache, dass es deutsche Muttersprachler gibt, welche folglich muttersprachliche Kompetenz aufweisen sollten, sich jedoch auf Grund von geringen sprachlichen Fertigkeiten nicht besonders gut ausdrücken können. Auf der anderen Seite kann ein Autor ohne muttersprachliche Kompetenz die Fähigkeit besitzen, sich sprachlich adäquat auszudrücken (vgl. Schall 2007: 579). Ferner kann es schwierig sein, festzustellen, ob ein Text von einem Verfasser mit Deutsch als Fremdsprache stammt oder ein Verstellungsversuch darstellt (vgl. Rathert 2006: 54f).

Regionale bzw. dialektale Zugehörigkeit lässt sich anhand von aussprachebedingten orthographischen und lexikalischen Ausprägungen herleiten, sofern diese verwendet werden. Bei einigen Dialekten, wie etwa des Westmitteldeutschen, des Ostmitteldeutschen sowie des Fränkischen, ist das Phänomen der Lenisierung zu beobachten, welches die Orthographie betrifft (vgl. Dern 2003: 49). Dies zeigt sich in der Verwendung der Buchstaben /b, d, g/ an Stelle von /p, t, k/. So schreibt man beispielsweise „Götzen“ statt „Kotzen“, oder „Blagade“ statt „Plakate“. Andere Dialekte machen von der Vokalkürzung Gebrauch, zum Beispiel schreibt man „sit“ statt „sieht“ oder „nider“ statt „nieder“ (vgl. Rathert 2006: 56). Auch anhand der Kasusverwendung kann man einen Dialekt identifizieren. Im Hessischen wird beim Gebrauch der Präposition „bei“ typischerweise der Akkusativ verwendet. Zudem kann ein Verfasser seine Herkunft verraten, indem er ein auffälliges Datums- und Ortsformat wählt (vgl. Schall 2007: 580).

Das Alter eines Autors kann lediglich sehr grob eingegrenzt werden, etwa in die Kategorien „Jugendlicher“, „reifer Erwachsener“ oder „alter Mensch“. Diese Gruppierungen lassen sich auf lexematischer Ebene anhand von Modewörtern feststellen: „geil (zeitgenössisch) im Unterschied zu toll (etabliert) oder knorke (veraltet).“ (Schall 2007: 580). Zusätzlich können grammatische Endungen wie -mäßig (zeitgenössisch) oder das Dativ -e (veraltend) sowie der Gebrauch von Phraseologismen Aufschluss über die Altersgruppe des Schreibers geben. (vgl. Schall 2007: 580).

Der Bildungsgrad lässt sich üblicherweise durch das Ausdrucksvermögen ermitteln. Eigenschaften auf Ebenen wie Fehlervorkommen, Syntax, Ausdrucksstärke, Fremdwortgebrauch, Terminusgebrauch sowie Verwendung von Redewendungen sind dabei zu bewerten. Die thematische Gestaltung sowie die Argumentationsstruktur tragen ebenfalls zur Einschätzung des Bildungsgrades bei. (vgl. Schall 2007: 581). Anschauliche Beispiele, welche aus authentischen Tatschreiben stammen, entnehme ich von Dern: „Kaundaun (statt Countdown), lequidieren, opservieren, Foot Bereich (statt Food Bereich), subzessiv, Exisdenz, Rubrick, Versant, Standaď (Dern 2003: 48). Manche Verfasser unternehmen den Versuch, durch die Verwendung eines gehobenen Stils von ihrer mangelnden sprachlichen Kompetenz abzulenken.

[...]

Details

Seiten
19
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656440178
ISBN (Buch)
9783656439936
Dateigröße
617 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v215263
Institution / Hochschule
Universität Siegen – Germanistik
Note
1,3
Schlagworte
Autorenerkennung Forensische Linguistik BKA KISTE sprachlicher Fingerabdruck Textanalyse Textvergleich Stilanalyse Fehleranalyse

Autor

Zurück

Titel: Aufgaben und Methodik der Autorenerkennung im Rahmen der Forensischen Linguistik