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Die Apokalypse in Richard Wagners "Ring des Nibelungen"

Seminararbeit 2010 22 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Mythen als Wagners Grundlage

3. Der Strom des Lebens

4. Die anfängliche Welt des Ringes
4. 1 Erda
4. 2 Weltesche
4.3 Freia
4.4 Die Rheintöchter und das Rheingold

5. Die Speerzivilisation
5.1 Die Geburt der Zivilisation
5.2 Die Problematik der Speerzivilisation
5.3 Wotan
5.4 Alberich

6. Verfall der Speerzivilisation
6.1 Der Raub des Rheingoldes
6.2 Der Ring
6.3 Walhall
6.4 Verrat an Freia und Betrug an den Riesen

7. Die Idee des freien Menschen
7.1 Siegmund und Sieglinde
7.2 Siegfried
7.3 Brünnhilde

8. Die Apokalypse in der Götterdämmerung

9. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Am 21. Dezember 2012 wird, laut dem Mayakalender, die Welt untergehen. Solche Vorhersagen über den Untergang der Welt gibt es viele, was beweist, dass sich die Menschheit immer wieder mit diesem finalen Ereignis beschäftigt. Viele andere Religionen beschäftigen sich ebenfalls mit diesem Thema und kommen zu unterschiedlichsten Ergebnissen, die in ihren Glauben eingebettet sind.

Im Christentum handelt das letzte Buch des Neuen Testaments, die Offenbarung des Johannes, von dieser Apokalypse und beschreibt in symbol- und bildhafter Sprache die Visionen, die dem Autor über das Ende der Welt zuteil wurden. In der nordischen Mythologie ist es Ragnarök, das Ende der Götter, welches das Ende der bestehenden Welt einleitet. Dieses Ende der alten Welt stellt bei beiden Schriften aber kein absolutes dar, sondern markiert den Punkt, ab dem eine neue bessere Welt entsteht, die den Platz der vorangegangenen einnehmen wird.

In der Literatur wurde und wird dies Thematik immer wieder aufgegriffen und adaptiert, so auch bei Richard Wagners Tetralogie ‚Der Ring des Nibelungen‘. Wagner zeichnet in diesem imposanten Bühnenfestspiel die Geschichte einer ganzen Welt von ihrer Geburt an, bis zum unausweichlichen Untergang, der wiederum nur Neubeginn für die folgende Welt darstellt. Dabei nutzt er vor allem die nordische Mythologie als Vorlage, weshalb viele dieser Charaktere auch bei Wagner zu finden sind. Konflikte entstehen dabei vor allem durch Machtgier, Egoismus und die scheinbar unvereinbaren Prinzipien Natur und Zivilisation, was nur durch das revolutionär Neue beendet werden kann.

Das Ziel dieser Hausarbeit ist es, das Entstehen und Vergehen der alten Welt darzustellen, sowie Wagners Vorstellungen einer neuen, besseren Welt zu betrachten. Das Augenmerk liegt hierbei nicht nur auf der Welt des Ringes als Ganzem; gerade die Bilder und die Quellen, welche von Wagner genutzt wurden, sowie das Verhalten und die Konflikte der Charaktere in dieser Welt sollen unter dem Aspekt der Apokalypse betrachtet werden. Zum Verständnis von Wagners Werk ist es ebenfalls unabdingbar, seine Ansichten und Ideen an gegebener Stelle kurz zu thematisieren um ihre Auswirkungen auf den Ring anzeigen zu können.

2. Die Mythen als Wagners Grundlage

Im Ring des Nibelungen verknüpft Richard Wagner viele Quellen miteinander, wobei gerade die ältesten Quellen die wichtigste Rolle spielen. Zu Beginn nutzte Wagner das Nibelungenlied und zeitgenössische Werke wie Friedrich de la Motte-Fouqués ‚Sigurd – Held des Nordens‘ um ein Drama verfassen zu können, welches grob der Handlung der ersten Hälfte des Nibelungenlieds entsprach und mit Siegfrieds Tod endete. Schon schnell kam Wagner aber mit diesen mittelalterlichen und zeitgenössischen Quellen nicht zurecht, da sie seiner Meinung nach zu stark in die Geschichte eingebettet waren und sich somit nicht für ein Drama eigneten. So gelangte er zu den altnordischen Liedern der Edda und der Völsungasaga, welche den Ring maßgeblich beeinflussten, während das Nibelungenlied nur noch eine Schablone darstellte und dem gesamten Geschehen untergeordnet wurde.

In den nordischen Mythen sah Wagner den gesuchten Stoff für ein Drama, welches nicht zeitlich gebunden, sondern vorgeschichtlich angesiedelt werden konnte. „Der Menschen und Geschlechter rastloses Streben und Drängen nach nie erreichten Zielen erhält aus ihren Ur- und Stammsagen meist eine deutlichere Erklärung, als sie aus ihrem Auftreten in der nackten Geschichte […] zu erlangen ist.“[1] So schrieb Wagner selbst über die Stoffe der nordischen Mythologie und hielt sie für archaischer und archetypischer als das Nibelungenlied. Obwohl diese Quellen noch älter als das Nibelungenlied sind, wollte er keine bloße Darstellung der Vergangenheit, sondern suchte „[…] die Zukunft, die er sich in der politisch trüben Gegenwart erträumte, […] aus Bildern der Vergangenheit zu sinnlicher Erkennbarkeit zu gestalten.“[2] Wagner beanspruchte also für sein Werk, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in sich zu vereinen und somit ein „Weltmythos aus Mythen“[3] zu sein. Der Untergang im Ring ist deshalb nicht nur der Untergang der Wotans, sondern erhebt sich durch die archetypischen Quellen aus der Geschichtlichkeit und macht die Apokalypse in der ‚Götterdämmerung‘ zu einem die ganze Menschheit betreffenden Ereignis.

Somit hat es Richard Wagner geschafft, ein Werk voller Allegorien und Symbole zu entwerfen, in welchem sich jeder Mensch irgendwo erkennen kann. Die alten Quellen, die dazu benutzt wurden, führen nicht zu einer Rückwärtsgewandtheit, sondern ermöglichen gerade dadurch die zeitliche Ungebundenheit, sodass Danielle Buschinger völlig passend schreibt, dass “der Ring ein Drama der heutigen Zeit, und nicht das einer lange zurückliegenden und fabelhaften Vorzeit [ist].“[4]

3. Der Strom des Lebens

Dem ‚Ring des Nibelungen‘ liegt ein zentraler Gedanke zugrunde, nämlich der des ewigen Entstehens und Vergehens, zu dem auch der Tod notwendig gehört. Schon in der Natur ist dieser Prozess zu beobachten; neues Leben ist erst möglich, wenn ihm durch den Tod des alten, vorangehenden Lebens Platz geschaffen wurde. Eine Blume kann deshalb im Frühjahr nur dann gedeihen, wenn ihr die Pflanze aus dem vorherigen Jahr durch ihr Absterben den benötigten Platz geräumt hat. Auch bei Hochkulturen lässt sich dieses Gesetz erkennen; Rom und Griechenland, die komplette Antike ging unter und machte somit dem christlichen Abendland Platz.

Dieses stete Werden und Vergehen nennt Peter Berne den „Strom des Lebens“[5], der alles Lebende in sich vereint und an dem jedes Lebewesen einen gewissen endlichen Anteil hat. Die Zivilisation des Rings – in Wotan verkörpert – weigert sich aber, sich als einzelne Welle im Strom des Lebens zu sehen und versucht ihrem Sterben entgegenzuwirken. Somit unterbricht sie aber genau diesen stetigen Strom des Lebens und hemmt ihn durch ihren Egoismus. Die Ideen, die Wotan zur Rettung seiner Zivilisation hervorbringt, sind deshalb schon von Beginn an zum Scheitern verurteilt, da sie nicht das Nachrücken des Neuen zum Ziel haben, sondern lediglich eine Erneuerung des Alten. Allein die Idee Wotans, seine Zivilisation retten zu müssen, beweist, dass er nicht dazu fähig ist, sich dem Strom des Lebens unterzuordnen und sich als einen Teil anzusehen, der seine Aufgabe vollbracht hat und somit überflüssig ist.

Wichtig für das Verständnis des Ringes ist hierbei auch die Weltanschauung, welche die Ideen Wagners im Ring durchzieht. Im Gegensatz zum christlichen Dualismus zwischen Diesseits und Jenseits, herrscht im Ring eine „vertiefte Weltbejahung“[6] wie sie im Pantheismus vorkommt; Gott ist dort eins mit Kosmos und Natur, was sich in Wagners Charakter Erda widerspiegelt. Daher ist auch im Ring die neue Welt, die den Neubeginn nach der Apokalypse darstellt, keine jenseitige, sondern eine im Diesseits fest verankerte Welt, die trotzdem wesenhaft neu ist. Hierin spiegeln sich Wagners Ansichten, die mit den christlichen Vorstellungen des Jenseits oder auch des reinen Geistes kollidieren. Wagners Weltbejahung kommt daher, dass er „die Sinnenwelt [als] die einzige Wirklichkeit überhaupt“[7] sieht. Nur das, was mit den Sinnen erfassbar ist, also das Diesseitige, ist Wirklichkeit, und für Wagner von Interesse.

Der Lebensstrom bleibt im Ring aber kein abstrakter Begriff, sondern wird durch das Bild des Rheinflusses greifbar. Sowohl bildlich, als auch musikalisch zeigt Wagner den „nie endenden Lebensstrom“[8] auf. Das musikalische Wellenmotiv, welches anfangs aus einem einzigen Ton besteht, lässt sich vom Quellenursprung bis zum mächtigen Strom verfolgen und baut sich immer weiter aus einzelnen Wellen auf. Der Rheinfluss zeigt mit seine dynamischen Wesen, wie der Lebensstrom, das Symbol der Unendlichkeit auf, die nur durch stetiges Werden und Vergehen Bestand hat und überlebt die Apokalypse nicht nur, sondern wirkt in ihr als reinigende Kraft, die „vom Ufer her mächtig angeschwollen [ist] und [ihre] Fluth über die Brandstätte bis an die Schwelle der Halle [wälzt].“[9]

4. Die anfängliche Welt des Ringes

Die anfängliche Welt des Ringes stellt die Natur und den Zustand von paradiesischer Harmonie dar. Es ist die von Erda geschaffene Natur, die später durch Wotan ausgenutzt und geschädigt wird. Sie scheint Wotans Herrschaft ausgeliefert und nicht imstande zu sein, sich zur Wehr setzen zu können. Aber gerade diese anfängliche Welt des Ringes ist es, die in der Götterdämmerung durch Feuer und das Wasser des Rheinflusses von Wotan und seinem Gefolge befreit und gereinigt wird. Somit bleibt sie wieder als Grundlage für eine nachfolgende Kultur bestehen und spiegelt den anfänglichen harmonischen Zustand am Ende des Ringes wider.

[...]


[1] Wagner, Richard: Gesammelte Schriften und Dichtungen. Band 2. Hildesheim (1976). S. 119.

[2] Richard-Wagner-Handbuch. Hrsg. von Ulrich Müller und Peter Wabnewski. Stuttgart (1986). S. 32.

[3] Richard-Wagner-Handbuch. S. 31.

[4] Buschinger, Danielle: Das Mittelalter Richard Wagners. Würzburg: Königshausen und Neumann 2007. S.77.

[5] Berne, Peter: Apokalypse. Weltuntergang und Welterneuerung in Richard Wagners „Ring des Nibelungen“. Worms: Wernersche Verlagsgesellschaft 2006. S. 79.

[6] Berne, Peter: Apokalypse. S. 175.

[7] Berne, Peter: Apokalypse. S. 179.

[8] Berne, Peter: Apokalypse. S. 79.

[9] Wagner, Richard: Der Ring des Nibelungen. Text mit Notentafeln der Leitmotivik. Hrsg. von Julius Borghold. Mainz: Schott 2009. S. 347.

Details

Seiten
22
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656430896
ISBN (Buch)
9783656433309
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v215231
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau – Institut für Germanistik
Note
1,3
Schlagworte
apokalypse richard wagners ring nibelungen

Autor

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