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Merkmale literarischer Textsorten in den Kinderzeitschriften DER BUNTE HUND und AL‐‛ARABI AṢ‐ṢAGĪR (Der kleine Araber)

Vergleichende Studie

Magisterarbeit 2011 195 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungen

0. Einleitung

1. Zum Begriff „Kinderzeitschriften“
1.1. Definition, Kriterien und Funktion der Kinderzeitschrift
1.2. Typologie der Kinderzeitschriften
1.2.1. Nach dem Inhalt
1.2.2. Nach dem Adressaten
1.2.3. Nach sonstigen Aspekten
1.3. Historischer Rückblick
1.3.1. Kinderzeitschriften im arabischen Sprachraum
1.3.2. Kinderzeitschriften in Deutschland

2.Textsorten in den Kinderzeitschriften AL ARABI A AG R und DER BUNTE HUND
2.1. Bewertung der Zeitschriften AS und BH
2.1.1. Entstehung und Entwicklung
2.1.2. Zielgruppe
2.1.3. Ziel und Konzeption
2.1.4. Autoren und Illustratoren
2.1.5. Erscheinungsbild und formale Gestaltung
2.2. Textsorten und Textsortenklassifikation
2.3. Klassifikation der Textsorten in den Zeitschriften AL ARABI A AG R und DER BUNTE HUND
2.4. Inhaltliche und formale Merkmale nichtliterarischer Textsorten in AL ARABI A AG R und DER BUNTE HUND

3. Literarische Textsorten in den Zeitschriften AL ARABI A AG R und DER BUNTE HUND
3.1.Tierdichtung
3.1.1. Anthropomorphisierung
3.1.2. Darstellungsformen
3.1.3. Die Figuren
3.1.4. Funktion
3.2. Phantastische Erzählungen Modelle der Phantastischen Erzählungen
3.2.1. Die geschlossene Sekundärwelt
3.2.2. Die offene Sekundärwelt
3.2.3. Die implizierte Sekundärwelt
3.3. Realistische Erzählung
3.3.1. Alltagsgeschichten
3.3.2. Abenteuerliche Geschichten
3.3.2. Problemorientierte Geschichten
3.4. Comics, Bildgeschichten und Manga
3.4.1. Bildgeschichte
3.4.2. Comic
3.4.3. Manga
3.5. Kinderlyrik
3.5.1. Typologie der Kinderlyrik
3.5.2. Exkurs: Metren der arabischen Lyrik
3.5.3. Metren und optische Gestaltung der Kinderlyrik in AL ARABI A AG R und DER BUNTE HUND

4. Vergleichende Analyse exemplarischer Texte
4.1. Distanz und Nähe in der Mensch Tier Beziehung anhand der Geschichten 'Der Esel singt für uns' ( ) und 'Urmel aus dem Eis'
4.1.1. Anthropomorphisierung, Figurenkonfiguration und konstellation
4.1.2. Aussage
4.1.3. Komposition und Aufbau der Texte
4.1.4. Erzählstrukturen
4.1.5. Sprache
4.2. Geschichten aus dem Kinderzimmer: 'Die Plüschpuppe wünscht' ( ) und 'Annabella Klimperauge'
4.2.1. Das Motiv der verlebendigten Spielzeuge
4.2.2. Figurentypisierung und konstellation
4.2.3. Aussage
4.2.4. Komposition und Aufbau der Texte
4.2.5. Erzählstrukturen
4.3. Darstellung kindlicher Innenwelten in 'Sitz Nr. 6 im Wagen Nr.6' (6 6 ) und 'Mimis Hunger'
4.3.1. Darstellung innerpsychologischer Vorgänge
4.3.2. Erzählstrukturen
4.4. Narrative Struktur in den Comics 'Robo und Arabo' ( ) und 'Pelle und Bruno'
4.5. Heroische Figuren in 'Flucht' ( ) und 'Der Held'

5. Ergebnisse der Arbeit

Anhänge
Anhang 1: 'Der Esel singt für uns' ( )
Anhang 2: 'Urmel aus dem Eis'
Anhang 3: 'Die Plüschpuppe wünscht' ( )
Anhang 4: 'Annabella Klimperauge'
Anhang 5: 'Sitz Nr. 6 im Wagen Nr.6' (6 6 )
Anhang 6: 'Mimis Hunger'
Anhang 7: 'Robo und Arabo ' ( )
Anhang 9: 'Flucht' ( )
Anhang 10: 'Der Held'

Literaturverzeichnis
Primärliteratur
Sekundärliteratur
Internet Quellen
Sonstige Quellen

Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

0. Einleitung

Kinderzeitschriften stellen den Anfang der Kinderliteraturgeschichte dar. Um 1770 erschienen in Deutschland die ersten periodisch veröffentlichten, an Kinder gerichteten Publikationen, und zwar Das Leipziger Wochenblatt für Kinder von J.C. Adelung, gefolgt von Christian Felix Weißes Kinderfreund. Im arabischen Raum wurde im Jahr 1870 die erste Schülerzeitschrift mit dem Namen Rawdat al-Mad ris vom ägyptischen Denker Rifa’a a - aht w herausgegeben. Seither spielen Kinderzeitschriften eine zentrale Rolle in der Kinderliteratur beider Kulturen und beeinflussen das Leseverhalten der Kinder.

Frühere Untersuchungen, die sich mit Kinderzeitschriften sowohl im arabisch- als auch im deutschsprachigen Raum befasst haben, wurden fast nur auf medien- /kommunikationswissenschaftlichen oder rezeptionstheoretischen Ansätzen aufgebaut. Šu aib al- ub ši beschäftigt sich in seinem Buch Kinderpresse im arabischen Raum1 mit den Themen, den journalistischen und literarischen Textsorten und vor allem mit dem Layout und der formalen Gestaltung der Kinderzeitschriften. Na l ’ All m schrieb ein Buch aus zwei Bänden mit dem Titel Entwicklung der Kinderzeitschriften in Ä gypten und der arabischen Welt2 über die formale und inhaltliche Entwicklung der Kinderzeitschriften in der arabischen Welt sowie ihre Rolle bei der Wertevermittlung. Die Rolle der Kinderzeitschriften bei der Persönlichkeitsbildung der arabischen Kinder wurde von T riq al-Bakri in seiner Untersuchung3 erforscht. Ähnlich dazu ist die Untersuchung von Mirfat a - arab ši über die Rolle der Kinderzeitschriften zur Unterstützung der Kommunikationsrechte bei den Kindern.4 In Michael Sommers Untersuchung Die Kinderpresse in der Bundesrepublik Deutschland. Angebot, Konzepte, Formen, Inhalte5, stellt er dar, wie Kinderpresse als Gegenstand verschiedener Disziplinen gilt. Außerdem setzte er sich mit den Aspekten der Rezeption, Verlagsstrukturen, Strategien und Angeboten, sowie Formen und Inhalten der Kinderpresse in Deutschland auseinander. Die von Ellen Kurz angefertigte Diplomarbeit Kinderzeitschriften an der Fachhochschule Stuttgart6 gibt einen Marktübersicht und eine annotierte Empfehlungsliste im Internet. Schließlich untersucht Sonja Stetter in ihrer Abschlussarbeit7 das Konzept, die Entwicklung und Rezeption der Zeitschrift DER BUNTE HUND.

Es werden kaum literaturwissenschaftliche Ansätze bei der Untersuchung von Kinderzeitschriften in Anspruch genommen. Vor allem kinderliterarische Genres in den Kinderzeitschriften stehen in fast keiner Untersuchung im Mittelpunkt, obwohl Kinderzeitschriften dadurch einen wichtigen Beitrag zur Leseförderung leisten können. Sie beziehen nämlich das ganze Spektrum der Textsorten ein, wobei die Auswahl der Texte vom Interesse und der Lesemotivation der Kinder abhängt. Dabei gelten Kinderzeitschriften als Einstieg in anspruchsvolle Bücher. Aus diesem Forschungsdefizit wollte ich mich mit der Kinderliteratur in den Kinderzeitschriften auseinander setzen.

Bei der Auswahl des Untersuchungskorpus habe ich mich für die Zeitschriften AL- ARABI A - AG R und DER BUNTE HUND nicht nur wegen der guten Qualität der Texte entschieden, sondern auch weil die literarischen Textsorten darin größeren Umfang haben als die nichtliterarischen. Hans Gärtner schreibt zur Zeitschrift BH:

Hans-Joachim Gelbergs 1981 ins Leben gerufener »Bunter Hund« betont das Kinderliterarische, vereinigt Textsorten zeitgenössischer, oft sehr junger und noch weniger bekannter Autoren, will für Schriftsteller zugleich ein Forum neuer Tendenzen der gegenwärtigen Kinderliteratur sein wie auch für sie, ihr Schaffen und ihre Bücher bei Kindern Verständnis und Verstehen fördern, besticht durch ein hohes gesamtkünstlerisch- ästhetisches Niveau. Das Belletristische hat Vorrang vor dem Sachlich-Nonfiktionalen, die Grafik vor dem Foto.8

Annegret Völpel bestätigt das folgendermaßen: "Aus dem nahezu unüberschaubar gewordenen Kinderzeitschriftenmarkt ragt ein Magazin durch seine außergewöhnliche Spezialisierung auf Kinderliteratur heraus."9 All m hat in ihrer Untersuchung den Inhalt von fünf panarabisch meistverkauften Kinderzeitschriften, darunter auch AS, miteinander verglichen und statistisch analysiert. Die Untersuchung hat gezeigt, dass AS den größten Teil von fiktionalen Textsorten, die Qualität und Vielfältigkeit der Formen zeigen, zur Verfügung hat.10

Die vorliegende Arbeit beruht hauptsächlich auf der komparatistischen Analyse über die Sprachgrenzen hinweg. Da beide Zeitschriften keinen direkten oder indirekten Einfluss aufeinander hatten, geht es in dieser Untersuchung um einen typologischen Vergleich, der nicht auf Kontakten, sondern auf Analogien basiert. Emer O'Sullivan zufolge beschäftigt sich die kinderliterarische Komparatistik

(...) - wie die allgemeine Komparatistik - mit Phänomenen, die die Grenzen einer Nationalliteratur überschreiten und ordnet sie in die jeweils spezifischen, sprachlichen, kulturellen, sozial- und literaturgeschichtlichen Zusammenhänge ein.11

Das Hauptspezifikum der kinderliterarischen Komparatistik ist es, dass sie die traditionellen Felder der Komparatistik bearbeitet,

wobei die Theorien, Fragestellungen und Methoden der Vergleichenden Literaturwissenschaft nicht einfach übernommen werden können, sondern auf ihre Relevanz und Anwendbarkeit im Bereich der Kinderliteraturforschung überprüft werden müssten.12

O'Sullivan zufolge besteht die Aufgabe der kinderliterarischen Komparatistik darin, nicht nur das "wirklich Gemeinsame" der Kinderliteraturen, sondern auch "das individuell Verschiedene, das Besondere und Eigentümliche der Literaturen" zu verdeutlichen.13 Daher bestrebe ich mich in dieser Untersuchung, einerseits die formalen und inhaltlichen Merkmale der kinderliterarischen Genres im Korpus sowie deren Funktion zu erforschen. Andererseits beabsichtige ich die Konvergenzen und Differenzen im Inhalt und der Darstellungsweise der Texte in den beiden Kinderliteraturen herauszustellen. Damit ist diese Arbeit ein Versuch, eine Basis für weitere intensive Beschäftigungen mit der Kinderliteratur in den Kinderzeitschriften aufzubauen.

Ich gehe in der vorliegenden Arbeit folgenden Fragen nach:

- Welche Textsorten gibt es?
- Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede bestehen in der Themen-, Motiv- und Figurenauswahl oder in der Darstellungsweise zwischen arabischen und deutschen Texten?
- Wie bezieht sich die äußerliche Form konsequent auf den Inhalt?

Vom Aufbau her gliedert sich die vorliegende Arbeit in vier Kapitel:

Nach der Einleitung wird im ersten Kapitel der Begriff 'Kinderzeitschrift', dessen Kriterien und Funktion erläutert. Dabei nähert es sich dem Gegenstand terminologisch-deskriptiv. Danach wird auf die Typologie der Kinderzeitschriften nach dem Inhalt, dem Adressaten und nach sonstigen Aspekten eingegangen. Dieses Kapitel vermittelt auch einen historisch- analytischen Überblick über die arabischen und deutschsprachigen Zeitschriften für Kinder.

Im zweiten Kapitel werden zunächst die Zeitschriften AS und BH nach Zielgruppe, Konzeption, Autoren und Illustratoren bewertet. Im nächsten Schritt beschäftige ich mich mit dem Begriff 'Textsorten' und dessen Einteilung in fiktionale und nichtfiktionale Texte. Danach wird ein Konzept zur Einteilung literarischer Textsorten in den Zeitschriften AS und BH erstellt. Anschließend werden Form und Inhalt nichtliterarischer Textsorten in beiden Zeitschriften analytisch-deskriptiv dargestellt.

Das dritte Kapitel beleuchtet die literarischen Textsorten in den Zeitschriften AS und BH. Deskriptiv-analytisch werden die Hauptmerkmale der Genres anhand von unterschiedlichen Beispielen aus dem Korpus erläutert. Dabei werden auch kulturelle Homogenität bzw. Heterogenität hervorgehoben, die sich durch Themenwahl und Darstellungsweise zeigen.

Im vierten Kapitel werden für die gewählten Genres stellvertretende Texte aus dem Korpus hermeneutisch analysiert. Dabei werden Querverbindungen und Querverweise zwischen den arabischen und deutschen Texten untersucht. Es wird ebenfalls erforscht, wie die Themen und Motive unterschiedlich behandelt, wie die Figuren dargestellt werden und wie der Inhalt durch das Erzählverhalten, die Sprache und die äußerliche Form vermittelt wird. Die Arbeit wird anschließend mit den Ergebnissen abgeschlossen.

Um den Untersuchungsgegenstand zu konkretisieren, werden die Ausgaben der Zeitschrift DER BUNTE HUND vom November 2007 bis Juli/August 2008, sowie AL- ARABI A - AG Rs Ausgaben vom April 2008 bis April 2009 in die Untersuchung hineingenommen. Allerdings werden die fiktionalen Beiträge, die von den kindlichen Rezipienten selbst verfasst wurden, aus der Analyse ausgeklammert.

Übersetzung von Titeln der Geschichten, Verlagsnamen, Textstellen o.ä. wird durch den Verfasser der Arbeit vorgenommen. Bei der arabischen Umschrift wird an der DIN-Norm 31635 der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft (DMG) gehalten.

1. Zum Begriff „Kinderzeitschriften“

1.1. Definition, Kriterien und Funktion der Kinderzeitschrift

Bei der Definition der Kinderzeitschriften sind folgende Aspekte zu berücksichtigen: Die Differenzierung zwischen Zeitung und Zeitschrift, Altersgruppe der Rezipienten und Kriterien der Kinderzeitschrift.

Carsten Winter sieht keine allgemeinverbindliche Zeitschriften-Definition. Es ist üblich geworden, Zeitung und Zeitschrift unter dem Oberbegriff „Presse“ zu behandeln. Zeitung und Zeitschrift teilen folgende Merkmale: Disponibilität (Verfügbarkeit), Periodizität, Publizität und Aktualität. Generell ist eine Zeitschrift Winter zufolge nicht primär an Aktualität orientiert. Zeitungen haben mehr Publizität als Zeitschrift. Grundsätzlich unterscheidet sich die Zeitschrift von der Zeitung durch das Merkmal der Universalität. In der Zeitung werden nämlich alle Themen behandelt, was in der Gesamtheit aller Zeitschriften, nicht in den einzelnen Heften, zu finden ist. Die Zeitschrift liegt nahe am Buch, hat aber kürzere und aktuellere Beiträge. Sie ist auch dem Brief in seinen Stilformen und Konventionen ähnlich, hat aber eine eigene Darstellungsweise und einen anderen Umgang mit Inhalten, drucktechnische Entwicklungen, bessere Illustrationen und fotografische Gestaltung.14

Charlotte Niederle stellt folgende Kriterien fest, die die Kinderzeitschrift vom Buch unterscheiden15:

1. Inhaltliche und formale Vielfaltgestaltung: Eine Kinderzeitschrift soll die Vielschichtigkeit des Kinderlebens widerspiegeln. Die Fülle der Interessen und die Vielfalt der Umweltbeziehungen und Sachbezüge müssen das Bild einer Kinderzeitschrift prägen. Dabei sollten sämtliche formale Gestaltungselemente wie Fotos und Illustrationen, sachliche Anleitungen, Reportagen, kürzere und längere Erzählungen genutzt werden. Niederle erwähnt, dass Köhlert hingegen meint, die Vielschichtigkeit und Vielgestaltigkeit der Kinderzeitschrift tragen in sich die Gefahr der Verzettelung und Oberflächlichkeit. Niederle tritt aber nicht für ein verwirrendes Durcheinander, ein Zufallsprodukt oder eine ungegliederte Stoffsammlung ein. Sie ist für eine geordnete Vielfalt.16

2. Aktualität: Köhlert meint dazu:

Aktualität bedeutet nicht, dass ein behandeltes Ereignis oder ein Gegenstand zugleich Ergebnis und Gegenstand des Augenblicks ist, die Aktualität besteht in der Verbindung zu einem zu diesem Zeitpunkt besonders begründeten Interesse.17

Für Dovifat nach Niederle ist jede Aktualität aus der Zeit geboren und wird von ihr bestimmt. Sie entspricht der Zeit. Aktualität bedeutet demnach für die Kinderzeitschrift, über große Ereignisse wie Olympische Spiele, neueste Entdeckungen und Erfindungen aus der Wissenschaft usw., in einer dem Kind gemäßen Weise zu berichten. Aktualität bedeutet auch, dass die Kinderzeitschrift den Ablauf des Jahres mit seinen Ereignissen und Festen berücksichtigt, aber auch das Eingehen auf Gegebenheiten und Probleme, die für Kinder von großer Wichtigkeit sind. Die Wahl der Themen ist demnach nicht gleichgültig. Die Kinderzeitschrift soll deshalb bedeutsame Themen behandeln.18

3. Kurzlebigkeit und Effektivität: Eine Zeitschrift hat im Vergleich zum Buch nur eine kurze Lebensdauer und die Möglichkeit, beim erst- und oft auch einmaligen Lesen eine Wirkung zu erzielen. Kinderzeitschriften können viele Themen, Anliegen und Probleme immer wieder, in kürzeren oder längeren Abständen, in verschiedenster Weise ständig neu und wirkungsvoll an die Kinder heranbringen.19

4. Kürze und Prägnanz der Darstellung: Eine Kinderzeitschrift verfügt über eine geringe Seitenanzahl, auf denen sie möglichst vieles abwechslungsreich darbieten soll. Deshalb beschränkt sich die Zeitschrift auf das Wesentliche, richtige und sorgfältige Themenwahl, Kürze und Prägnanz in der Darstellung. Die detaillierte Behandlung eines Themas ist dabei nicht die Aufgabe der Kinderzeitschrift, sondern die der Schule, der persönlichen Belehrung oder des Buches. Aufgabe der Kinderzeitschrift ist „bestimmte Themen nur anzupeilen, aufzureißen, Interessen zu wecken und damit Voraussetzungen zum eigenen Nachdenken, zur eigenen Aktivität zu schaffen.“20

Gärtner21 zufolge haben Kinderzeitungen und -zeitschriften die Kriterien Periodizität, Publizität (Zugänglichkeit), Aktualität und Universalität gemeinsam. Zeitungen unterscheiden sich aber von Zeitschriften dadurch, dass sie häufiger erscheinen (täglich, wöchentlich) als Zeitschriften (14-tägig, monatlich, etc.). Außerdem muss die Zeitung immer aktuell sein. Die Zeitschrift ist zwar zeitgemäß, aber muss nicht unbedingt zeitnah sein.

Schließlich meint Iglal Halifa, dass die Zeitschrift vom Buch seine Tiefe und von der Zeitung die Vielfalt des Inhalts nimmt.22

Die Altersgruppe der Adressaten der Kinderzeitschriften ist ebenfalls nicht einheitlich bestimmt. Bei Rogge werden unter Kinderzeitschriften

besonders für Heranwachsende bis zu zwölf Jahren hergestellte selbstständige Publikationsorgane [...] verstanden, die periodisch erscheinen und eine Mischung aus Unterhaltung, Information und Wissensvermittlung enthalten.23

Michael Sommer kritisiert die Tatsache, dass die Jugendzeitschrift als Sammelbegriff zur Bezeichnung von Publikationen für Kinder und Jugendliche angesehen wird. Das hängt mit der häufigen und pauschalen Benennung der gesamten Kinder- und Jugendliteratur als „Jugendliteratur“ zusammen. Für ihn soll aber als Jugendzeitschrift nur jene Zeitschrift bezeichnet werden, die "für Heranwachsende über 12 Jahre gedacht ist." Er definiert demnach die Kinderzeitschriften als „für Heranwachsende bis zu etwa zwölf Jahren bestimmte selbständige Publikationen, die periodisch (mindestens dreimal im Jahr) erscheinen.“24

Meier betrachtet die Anberaumung der Altersschwelle für Jugendzeitschriften (10. Lebensjahr) bei Gärtner sowie bei anderen Studien, die das 13./14. Lebensjahr (wie Schmidbauer/Löhr25 ) für den Beginn von „Jugend“ festlegen, als relativ niedrig. Er hält aber Gärtners Zuordnung in Bezug auf psychologisch und soziologisch einsetzende Verfrühung und die damit veränderte tatsächliche Leserrealität für plausibel.26 Die vorliegende Arbeit folgt der Ansicht, dass Kinderzeitschriften für eine Lesergruppe bis 14 Jahre gedacht ist, da die Heranwachsenden nach diesem Alter andere Ansprüche und Interessen haben, die in einem anderen Typ von Zeitschriften, nämlich Jugendzeitschriften, zu finden sind.

Ägyptische Kinderliteraturforscher definieren Kinderzeitschriften folgendermaßen: Für H di Nu m n al-Ha t ist Kinderpresse solche Presse, die an Kinder gerichtet und von Erwachsenen redigiert wird. Laila A mad Karam Ad-D n zufolge ist eine Kinderzeitschrift die erste Begegnung des Kindes mit Literatur und Kunst. Sie kann eine wichtige Rolle spielen, indem sie dem Kind erste Erfahrungen des Lesens und der künstlichen Ästhetik bietet. Außerdem ist die Kinderzeitschrift ein wichtiges Mittel zur Information und Unterhaltung, was eine positive Beteiligung an der Erweiterung der Kenntnisse des Kindes hat. assan Ši ta betrachtet Kinderzeitschriften als kulturell bereichernde Medien, die den Bedürfnissen der Kinder entsprechen. Sie legen in den Kindern die von den Eltern gewünschten Werte an. Sie sind gedruckte, illustrierte, die Kinder anregende Materialien, die sich an der Bildung ihrer Persönlichkeit beteiligen und ihnen allgemeingültige kulturelle Werte vermitteln. Sie erweitern das Wissen der Kinder, bereichern ihre Erfahrungen und beschäftigen sie aktiv, damit die Kinder ihre Freizeit mit etwas Nützlichem verbringen. Für Nutaila R šid ist die Kinderzeitschrift ein kulturelles, pädagogisches, informierendes und unterhaltsames Medium, das das Kind anspricht und aktuell ist. Sie übernimmt die Aufgabe, Werte, Prinzipien und Verhaltensmaßstäbe zu vermitteln.27 Betrachtet man die letztgenannten Definitionen, so fällt auf, dass sie nicht das Wesen der Kinderzeitschrift an sich beschreiben, sondern ihre Funktion und Aufgabe. Altersstufe der Rezipienten und Merkmale der Kinderzeitschrift werden dabei nicht genau definiert oder bestimmt.

1.2. Typologie der Kinderzeitschriften

Im Folgenden werden Kinderzeitschriften nach den Aspekten Inhalt oder Adressat eingeteilt. Was sich nicht darin eingliedern lässt, wird unter „sonstigen Aspekten“ zusammengefasst. Innerhalb der Kategorien wird außerdem nach den Aspekten unterteilt, die die Zeitschrift besonders prägen.

1.2.1. Nach dem Inhalt

1.2.1.1. Comiczeitschriften: Die Gleichung <Kinderzeitschriften = Comics> findet Gärtner nicht zutreffend. Für ihn beliefern die reinen Comiczeitschriften das Kind von A bis Z mit bunten Geschichten. Die handelnden Figuren werden zu Titelhelden, wie Goofy, Mickey Maus, Bussi Bär oder Winnie Puuh. Weitere Informationen, Werbung, Witze oder Gewinnspiele sind dagegen nur spärlich enthalten.28 Die Comicmagazine sind mit Abstand die verbreitetsten und beliebtesten.

Dolle-Weinkauff unterscheidet zwei publizistische Grundformen der Comics:

Zum einen als Heftserie wie Gespenster, Mosaik und Batman, die je Ausgabe eine bzw. nur wenige abgeschlossene oder Fortsetzungsgeschichten um einen Helden oder eine Heldengruppe präsentiert, zum anderen als Comicmagazin wie Mickey Maus, Wendy oder Yps, das eine Reihe kürzerer oder längerer Comics mit unterschiedlichen Protagonisten und dazu einen redaktionellen Teil oder weitere Lese- und Beschäftigungsangebote in Form von Reportagen, Bastelbögen, Rätseln und dergleichen bietet.29

Für ihn sind diese Zeitschriften für Kinder zwischen sieben und zwölf Jahren, „mit Übergängen nach unten und oben.“ Beispiele für diesen Typ im arabischen Raum sind ebenfalls Mickey (Ägypten & Vereinigte Arabische Emirate), Bugs Bunny und Naqq r al- ašab Woody (Saudi-Arabien), Tom & Jerry (Ägypten & Saudi-Arabien), Madinat al-Ba (VAE) oder sogar die Zeitschriften mit übersetzen Mangas Spacetoon, Spacetoon Girls (Syrien) und Al-Kong-F (Saudi-Arabien).

1.2.1.2. Pädagogisch ausgerichtete Zeitschriften: Sie werden auch „Zeitschriften mit Schulempfehlung“ genannt. Siegfried Buck zufolge handelt es sich um eine kleinere Gruppe von Publikationen, die "eine starke pädagogische Strukturierung aufweisen und dementsprechend von unabhängigen pädagogischen Institutionen empfohlen werden."30 Rogge zufolge "dominieren [...] Unterhaltung, Informationen und pädagogische Intention, verbunden mit Bücher- und Medientipps"31 vom Inhalt her. Sie beziehen sich meistens auf kreative bzw. sozialpolitische Aktivitäten. Dazu gehören z.B. DER BUNTE HUND, Benni, Bimbo, Mücki, Spatz, und im arabischen Raum (auch wenn sie von offiziellen Behörden wie dem Kultusministerium oder dem Ministerium für Information herausgegeben werden) vor allem AL- ARABI A - AG R, Qatr an-Nada und M id.

[...]


1 Kairo: lam al Kutub Verlag (2002).

2 Kairo: Egyptian General Organisation for Book. Bd. 1 (2004) und Bd. 2 (2006).

3 Kinderzeitschriften und ihre Rolle bei der Persönlichkeitsbildung der arabischen Kinder. Kafr aš Šai : Al Ilm wa l m n Verlag (2005).

4 Einführung in die Kinderpresse. Kairo: D r al Fikr al Arabi Verlag (2003).

5 Hamburg: Verlag Dr. Kova (1994).

6 Hochschule für Bibliotheks und Informationswesen, Stuttgart (2000).

7 DER BUNTE HUND. Eine Kinderzeitschrift des Beltz & Gelberg Verlag. Konzept, Entwicklung und Rezeption. Abschlussarbeit am Institut für Kinder und Jugendbuchforschung, Johann Wolfgang Goethe Universität, Frankfurt am Main (2000).

8 Gärtner, Hans: Zu einer Typologie moderner Kinderzeitschriften (1985), S. 10.

9 Völpel, Annegret: Gegen den Mainstream: "DER BUNTE HUND" (2006), S. 8.

10 Vgl. Allam, Na l ’ (2006), S. 79 ff.

11 O'Sullivan, Emer: Ansätze zu einer komparatistischen Kinder und Jugendliteraturforschung (1996), S. 304.

12 Ebd.

13 Vgl. ebd.

14 Vgl. Winter, Carsten: Zeitschrift (1998), S. 413 f.

15 Niederle, Charlotte: Die Kinderzeitschrift im Urteil ihrer Leser (1972), S. 17.

16 Ebd. S. 17 f.

17 Ebd. S. 19.

18 Ebd. S. 19 f.

19 Ebd. S. 20 f.

20 Ebd. S.21 f.

21 Vgl. Gärtner, Hans: Zu einer Typologie moderner Kinderzeitschriften (1985), S. 4 5.

22 Vgl. Iglal Halifa nach an Na r, Wal d Abd al Fatt : Die Rolle der ägyptischen Kinderzeitschriften zur religiösen Erziehung bei den Schülern der Mittelschule. Eine Studie (2004), S. 45.

23 Zit. aus Rogge, Jan Uwe: Zeitung/Zeitschrift (1984), S. 146.

24 Sommer, Michael: Die Kinderpresse in der Bundesrepublik Deutschland (1994), S. 16.

25 Schidbauer, Michael/Löhr, Paul: Der Markt der kommerziellen Kindermedien (1985), S. 55 f.

26 Meier, Bernhard: Zeitschriften für Kinder und Jugendliche (2002), S. 640.

27 an Na r, Wal d Abd al Fatt (2004), S. 45 ff.

28 Gärtner, Hans (1985), S. 148 ff.

29 Dolle Weinkauff, Bernd: Comics am Kiosk (1997), S. 24.

30 Buck, Siegfried: Kinderzeitschrift für das Grundschulalter (1988), S. 37.

31 Rogge, Jan Uwe: Zeitung/Zeitschrift (1984), S. 148.

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Titel: Merkmale literarischer Textsorten in den Kinderzeitschriften DER BUNTE HUND und AL‐‛ARABI AṢ‐ṢAGĪR (Der kleine Araber)