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Die Shoah in Serbien 1941/1942

Unter besonderer Berücksichtigung der Rolle der deutschen Wehrmacht

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 31 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Vorgeschichte – Die Besetzung Jugoslawiens durch die Wehrmacht

3) Die deutsche Besatzungsstruktur und erste Maßnahmen gegen die Juden

4) Die Wehrmacht und der Kampf gegen die Partisanen im Sommer

5) General Böhme und die Ermordung der männlichen Juden

6) Die Vergasung der jüdischen Frauen und Kinder aus dem KZ Sajmište

7) Schlussbetrachtung

8) Quellenverzeichnis

9) Literaturverzeichnis

1) Einleitung

„Seit Mitternacht schweigen nun an allen Fronten die Waffen. […] Die deutsche Wehrmacht ist am Ende einer gewaltigen Übermacht ehrenvoll unterlegen. Der deutsche Soldat hat, getreu seinem Eid, im höchsten Einsatz für sein Volk für immer Unvergeßliches geleistet. […] Jeder Soldat kann deshalb die Waffe aufrecht und stolz aus der Hand legen […].“[1] Diese Passagen aus dem letzten Bericht der Wehrmacht vom 9. Mai 1945 markieren die Geburtsstunde der Legende einer „sauberen“ Wehrmacht, deren zentrale Botschaft lautet: Die Wehrmacht hat ehrenhaft im Rahmen der geltenden Konventionen des Kriegs- und Völkerrechtes gekämpft, an den Verbrechen des NS-Regimes und der SS, etwa dem Holocaust, war sie nicht beteiligt. Die entscheidende Weichenstellung für die Legendenbildung wurde noch im Herbst 1945 mit der von hochrangigen deutschen Militärs verfassten Generalsdenkschrift vollzogen, die sich gegen die Intention der alliierten Sieger richtete, den Generalstab des Heeres vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg als verbrecherische Organisation anzuklagen. Die Autoren dieser Verteidigungsschrift versuchten darin, sämtliche Verantwortung für Kriegsverbrechen auf Hitler und die SS abzuwälzen und das Heer in eine Distanz zum NS-Regime zu bringen, um es gleichsam als Opfer dieses Systems zu generieren. So führte die Generalsdenkschrift unter dem Punkt der Geiselfrage aus: „Im Herbst 1942 erließ Hitler einen Befehl über Geiseln. In dem Befehl wurde die Unterdrückung kommunistischer Ausschreitungen in den besetzten Gebieten gefordert. In jedem Falle, in dem Deutsche durch solche Umtriebe getötet würden, sollte eine größere Zahl Einwohner des betreffenden Landes erschossen werden. Dieser Befehl wurde einheitlich abgelehnt. Hitler bestand jedoch auf der Durchführung.“ Und zum Thema Judenverfolgung hieß es weiter: „Die Maßnahmen gegen die Juden wurden vom Reichsführer SS [Heinrich Himmler] getroffen und durchgeführt. Sie erfolgten außerhalb des Machtbereiches der Heeresdienststellen und ohne deren Kenntnis.“[2]

Das in der Generalsdenkschrift entworfene Bild der anständigen untadeligen Wehrmacht einerseits, der verbrecherischen NS-Führung um Hitler inklusive der SS andererseits wurde, gleichwohl vor dem Nürnberger Hauptkriegsverbrechertribunal sowie in drei Nachfolge- und weiteren Einzelprozessen von den Alliierten hohe deutsche Militärs angeklagt und verurteilt worden waren,[3] vor allem in der jungen Bundesrepublik zu einem gesellschaftlichen Konsens erhoben.[4] Entscheidend für die Herausprägung dieser Sichtweise bei den Deutschen war nicht nur, dass den Prozessen der Alliierten von Anfang an der Makel der „Siegerjustiz“ anhaftete, sondern auch, dass die Wehrmacht unter den Umständen des einsetzenden Kalten Krieges von den westlichen Besatzungsmächten und der Regierung Adenauer frühzeitig nahezu vollständig rehabilitiert wurde, um den Boden für eine Wiederbewaffnung der Bundesrepublik im Rahmen des transatlantischen Verteidigungsbündnisses zu bereiten.[5] So äußerte der designierte Oberbefehlshaber der NATO in Europa, US-General Eisenhower, während seiner Deutschland-Reise im Januar 1951, „daß ein wirklicher Unterschied zwischen deutschen Soldaten und Offizieren als solchen und Hitler und seiner kriminellen Gruppe besteht.“[6] Und Bundeskanzler Adenauer erklärte 1952 vor dem Deutschen Bundestag „im Namen der Bundesregierung [...], daß wir alle Waffenträger unseres Volkes, die im Namen der hohen soldatischen Überlieferung ehrenhaft zu Lande, auf dem Wasser und in der Luft gekämpft haben, anerkennen.“[7]

Neben diesen politischen Ehrenbezeugungen waren es in erster Linie die in den 50er Jahren vielfältig erschienen Memoiren ehemaliger deutscher Generäle, die das positive Bild der Wehrmacht und ihrer harten, aber scheinbar angemessenen Kriegsführung in der westdeutschen Öffentlichkeit zementierten. Dabei konnten zahlreiche Verfasser, darunter der bis 1942 amtierende Generalstabschef des Heeres, Generaloberst Halder, an ihre Arbeiten in der Historical Division der US-Armee anknüpfen. Diese hatte nach Kriegsende hunderte von deutschen Offizieren, die meisten davon Generäle, angeworben, um eine Darstellung des Kriegsgeschehens aus ihrer Perspektive anfertigen zu lassen. Während die US-Militärs hofften, von den Erfahrungen der Wehrmacht im Kampf gegen die Sowjetunion im sich abzeichnenden Ost-West-Konflikt profitieren zu können, nutzten die beteiligten Wehrmachtsoffiziere unter Verwendung des von den Amerikanern bereitwillig zur Verfügung gestellten historischen Quellenmaterials die sich bietende Möglichkeit, „die Spuren des von der Wehrmachtführung zu verantwortenden Vernichtungskrieges“ zu verwischen und dem deutschen Soldaten ein Denkmal zu setzen.[8] In der apologetischen Erinnerungsliteratur ehemaliger Wehrmachtsoffiziere finden sich denn auch wenig bis keine Hinweise auf Kriegsverbrechen oder gar den Mord an den europäischen Juden.[9] In Anbetracht des Umstandes, dass die Akten der Wehrmacht bis in die 60er Jahre der Öffentlichkeit nicht zugänglich waren, übten Generaloberst Halder und seine früheren Kameraden großen Einfluss auf die deutsche Kriegsgeschichtsschreibung über den Zweiten Weltkrieg aus, da Historiker jener Zeit auf deren „Expertenwissen“ angewiesen waren und in der Folge oftmals ihre unkritische Sicht auf die Wehrmacht übernahmen.[10]

Die Öffnung der Archive beförderte ab der zweiten Hälfte der 60er Jahre innerhalb der historischen Forschung eine differenziertere Wahrnehmung der Wehrmacht, sowohl im Hinblick auf ihre Rolle bei der Planung von Hitlers Eroberungs- und Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion[11] als auch ihr Verhältnis zur nationalsozialistischen Weltanschauung.[12] 1978 zeigte der Historiker Christian Streit in einer aufsehenerregenden Studie über die Behandlung der in deutsche Kriegsgefangenschaft geratenen sowjetischen Soldaten auf, dass die Wehrmacht in erheblichem Umfang an der Vernichtungspraxis im Rahmen des Russlandfeldzuges beteiligt gewesen war.[13] Die Mär der ritterlich zu Felde gezogenen Wehrmacht einerseits, der für die Kriegsverbrechen und den Holocaust allein verantwortlichen NS-Führungsriege und der SS andererseits, wurde vor allem im Zusammenhang mit der Erforschung des Russlandkrieges weitgehend widerlegt.[14] So konstatiert der Historiker Gerd Ueberschär „ein hohes Maß an Mitverantwortlichkeit, Verstrickung und Teilhabe der Wehrmachts- und Heeresführung“ an dem deutschen Vernichtungskrieg im Osten, den diese in „Zusammenarbeit mit den Polizei- und SD-Sondereinheiten […] unter dem Vorzeichen der Unmenschlichkeit und der Verbrechen antrat und führte.“[15] Blieben diese Erkenntnisse noch bis Mitte der 90er Jahre im wesentlichen auf die Kreise der Wissenschaft beschränkt, so war es, bei aller berechtigten Kritik ob der teilweisen Fehlerhaftigkeit und Polemik, das Verdienst der ersten, zwischen 1995 und 1999 in über 30 deutschen und österreichischen Städten gezeigten „Wehrmachtsausstellung“ des Hamburger Instituts für Sozialforschung, die aktive Mitwirkung der Wehrmacht an Kriegsverbrechen in das Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit gerufen zu haben. Die Heftigkeit der Kontroversen, die zwischen Befürwortern und Gegnern der Ausstellung geführt wurden und die weit über die Grenzen der Historikerzunft hinausreichend Politik, Medien und Gesellschaft in Atem hielten, offenbarte, wie tief die Legende der „sauberen“ Wehrmacht im kollektiven Gedächtnis der Deutschen bis dato verwurzelt war und welche Bedeutung sie zudem für das Selbstverständnis der Bundesrepublik im Umgang mit der Geschichte des Nationalsozialismus und der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg gespielt hatte.[16]

Spätestens nach der zweiten „Wehrmachtsausstellung“, die in einer überarbeiteten Version zwischen 2001 und 2004 begutachtet werden konnte, wird heute die Tatsache, dass die Wehrmacht sowohl bei der Ausgestaltung als auch bei der Umsetzung von verbrecherischen Befehlen in zentraler Weise eingebunden war, von keiner seriösen Stelle mehr ernsthaft in Zweifel gezogen. Während sich dabei das Interesse von Forschung und Öffentlichkeit vornehmlich auf den deutschen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion konzentriert,[17] haben in der Betrachtung von Wehrmachtsverbrechen andere Kriegsschauplätze häufig weniger Beachtung gefunden, gleichwohl die qualitativen Dimensionen wie im Falle Serbiens, gerade auf dem Feld der Juden- und Partisanenbekämpfung, nicht minder gering waren. So hebt der Historiker Christopher Browning hervor, „dass das erste systematische Massaker an europäischen Juden außerhalb der Sowjetunion im Oktober 1941 von der deutschen Wehrmacht in Serbien begangen wurde.“[18]

Die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung Serbiens nach dem deutschen Einmarsch im April 1941 ist vor allem seit den 80er Jahren in zahlreichen Publikationen wissenschaftlich gut erschlossen und dokumentiert.[19] Besondere Meriten auf diesem Gebiet hat sich dabei Christopher Browning erworben, der zu der Einschätzung gelangt, dass, im Gegensatz zu der Vergasung der jüdischen Frauen und Kinder aus dem KZ Sajmište 1942, die Erschießung der jüdischen Männer durch die Wehrmacht im Herbst 1941 „nicht bewusst als Teil der europaweiten ‚Endlösung der Judenfrage’ begangen“ wurde, sondern in der Hauptsache „durch lokale Faktoren begründet [war], die mit dem Partisanenkrieg und der Vergeltungspolitik der Wehrmacht zusammenhingen.“ Obwohl Browning damit der Wehrmacht attestiert, nicht in der ausdrücklichen Absicht gehandelt zu haben, die gesamte jüdische Bevölkerung in Serbien auszulöschen, so konzediert er doch, dass die Juden getötet wurden, weil sie Juden waren.[20] Der Historiker Walter Manoschek indes kommt in seiner zum Standardwerk avancierten Studie über die Judenvernichtung in Serbien zu dem Ergebnis, dass mit der gezielten Ermordung der männlichen Juden „zeitlich zwar parallel zum Entscheidungsprozeß der zentralen NS-Instanzen, aber von ihm unabhängig, […] die deutschen Besatzungsorgane in Serbien autonom den Entschluß [gefasst hatten], mit der ‚Endlösung der Judenfrage’ in ihrem regionalen Zuständigkeitsbereich zu beginnen.“[21]

Das Anliegen dieser Arbeit ist es, die aufgeworfene Problematik nach den Ursachen und Motiven der Shoah in Serbien in Beziehung zu den hierfür verantwortlichen Akteuren zu bringen. Im Mittelpunkt soll in diesem Kontext die Wehrmacht stehen, unter deren Kommando die Verwaltung in Serbien organisiert war. Konkret geht es nachfolgend darum zu analysieren, welche Rolle die Wehrmacht bei der Ermordung der Juden in Serbien gespielt hat, welche Umstände genau dazu geführt hatten und inwieweit sie diesbezüglich mit den anderen Besatzungsbehörden kooperiert hat, um so einerseits die Besonderheiten des Holocausts in Serbien aufzudecken, andererseits den Blick für die Beteiligung der Wehrmacht an den deutschen Kriegsverbrechen während des Zweiten Weltkrieges zu schärfen. Es ist jedoch nicht die Intention des Autors, einzelne Personen oder gar die Wehrmacht in ihrer Gesamtheit pauschal zu verurteilen. Denn grundsätzlich „muß für die Mehrheit aller Wehrmachtangehörigen gelten, daß sie in gutem Glauben und ohne Verfehlungen ihre soldatische Pflicht erfüllt haben.“[22]

2) Vorgeschichte – Die Besetzung Jugoslawiens durch die Wehrmacht

Der Fokus der strategischen Kriegskonzeption Hitlers hatte sich nach der Kapitulation Frankreichs und der Vertreibung der britischen Truppen vom europäischen Festland im Sommer 1940 in den Osten mit Blick auf die Sowjetunion verlagert. Als Kampf zur Gewinnung von „Lebensraum“ für das deutsche Volk und als Kreuzzug gegen den „jüdischen Bolschewismus“ ohnehin seit langem von Hitler ins Auge gefasst, bot die militärische Niederwerfung der Sowjetunion zudem „die Chance, England von seinem europäischen Hoffnungsanker zu lösen“ und es zu einem Kompromissfrieden mit Deutschland zu zwingen.[23]

Hitler sah sich durch die Weigerung Großbritanniens aus dem Krieg auszuscheiden für den geplanten Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion vor die Aufgabe gestellt, der Entstehung weiterer Fronten in Europa entgegen zu wirken, um eine Zersplitterung der deutschen Kräfte analog zum Ersten Weltkrieg auf mehrere Kriegsschauplätze zu vermeiden. Besonders in Südosteuropa wünschte Hitler keinerlei militärische Verwicklungen. Einerseits wollte er Großbritannien keinen Anlass für ein erneutes Festsetzen auf dem europäischen Kontinent liefern, andererseits die Sowjetunion zu keinen intervenierenden Maßnahmen auf dem Balkan in Richtung der für die deutsche Kriegswirtschaft lebensnotwendigen rumänischen Erdölfelder verleiten.[24] Anstelle einer militärischen Expansion strebte Hitler vielmehr danach, den nach seiner Machtergreifung 1933 eingeschlagenen Kurs fortzusetzen, die Balkanstaaten sowohl politisch als auch wirtschaftlich eng an Deutschland zu binden und diese für die Ziele der deutschen Kriegs- und Rüstungspolitik einzuspannen. Die Bewahrung politisch stabiler Verhältnisse auf dem Balkan hatte daher für Hitler oberste Priorität, garantierte ein solcher Zustand der „Ruhe“ Deutschland doch am ehesten die Möglichkeit, die wirtschaftliche Ausbeutung dieser Staaten ungehindert voranzutreiben.

Der Krieg des italienischen Achsenpartners gegen Griechenland im Oktober 1940, welcher sich für die Italiener schnell zu einem Desaster entwickelte und in deren Folge ein britisches Expeditionskorps in Griechenland anlandete und strategisch wichtige Inseln in der Ägäis besetzte, veranlasste Hitler indes zu dem Entschluss, im Frühjahr 1941 in Griechenland einzumarschieren und die britischen Streitkräfte aus der Ägäis zu vertreiben, um die südliche deutsche Flanke für den Feldzug gegen die Sowjetunion abzusichern und die rumänischen Erdölfelder bei Ploieşti vor eventuellen britischen Bombenangriffen zu schützen.[25] Alarmiert durch die Anwesenheit britischer Truppen in Südosteuropa drängte Hitler nunmehr darauf, den im September 1940 geschlossenen Dreimächtepakt zwischen Deutschland, Italien und Japan auf die Balkanstaaten auszuweiten, um diese noch massiver und intensiver der deutschen Einflussnahme zu unterziehen und sie als Verbündete, sowohl gegen Großbritannien als auch gegen die Sowjetunion, zu gewinnen.[26] Speziell Jugoslawien galt es unter deutsche Kontrolle zu bringen, war das Land doch aufgrund seiner ausgedehnten Erzlagerstätten und seiner vielfältigen Agrarprodukte für die deutsche Kriegswirtschaft von zentraler Bedeutung.

Die jugoslawische Regierung Cvetković verschleppte jedoch die Verhandlungen über einen Beitritt des Landes zum Dreimächtepakt, bis sie sich schließlich angesichts des deutschen Drucks genötigt fühlte, den Bündnisvertrag am 25. März 1941 zu unterzeichnen.[27] Daraufhin kam es am 27. März in Belgrad zu einem von serbischen Luftwaffenoffizieren angeführten Putsch und zur Bildung einer neuen Regierung.[28] Begleitet wurde der Umsturz in Jugoslawien von vereinzelten Ausschreitungen der Bevölkerung gegenüber der im Land lebenden deutschen Minderheit und deutschen Einrichtungen. Gleichwohl die neue jugoslawische Regierung unmittelbar nach ihrer Einsetzung verlautbaren ließ, alle Verpflichtungen aus dem Dreimächtepakt erfüllen zu wollen, hatte Hitler bereits wenige Stunden später die Entscheidung getroffen, dass der jugoslawische Staat „so rasch als möglich zerschlagen werden“ müsse.[29] Die Anwendung militärischer Gewalt gegenüber Jugoslawien hielt der in seiner Eitelkeit tief verletzte Hitler nunmehr für gerechtfertigt, da es sich bei dem Putsch seiner Meinung nach um eine antideutsche Verschwörung serbischer Kräfte handelte, die von Großbritannien geschürt und unterstützt worden sei.[30] Neben dem innigen Verlangen, den als Demütigung seiner eigenen Person empfundenen Staatsstreich zu vergelten[31] und einem Prestigeverlust Deutschlands auf dem Balkan vorzubeugen, spielten vor allem, den Krieg gegen die Sowjetunion vor Augen, strategische Gründe für Hitler eine erhebliche Rolle bei dessen Entschluss, Jugoslawien zu besetzen: Einerseits sollte im Verbund mit der Eroberung Griechenlands die als „weich“ eingeschätzte deutsche Südflanke gesichert werden, andererseits sollte Jugoslawien den wirtschaftlichen und verkehrstechnischen Interessen Deutschlands gänzlich unterworfen werden.[32]

Am 6. April 1941 begann ohne vorherige Kriegserklärung mit dem Unternehmen „Strafgericht“, der Bombardierung Belgrads durch die Luftwaffe, der deutsche Angriff auf Jugoslawien. Binnen weniger Tage hatte die Wehrmacht den Großteil des Landes sowie die Hauptstadt Belgrad eingenommen. Am 17. April kapitulierten schließlich die Reste der jugoslawischen Armee bedingungslos.[33]

[...]


[1] Letzter Bericht des Oberkommandos der Wehrmacht vom 09.05.1945 (zit. nach: Pätzold, Kurt, Ihr waret die besten Soldaten, S. 176-177).

[2] Generalsdenkschrift, verfasst unter Leitung von Generalfeldmarschall von Brauchitsch in Nürnberg, am 19.11.1945 übergeben an die US-Anklagebehörde beim Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg (zit. nach: Pätzold, Kurt, Ihr waret die besten Soldaten, S. 180-181).

[3] Nürnberger Nachfolgeprozesse: Milch-Prozess (Fall II), Prozess Generäle Südost (Fall VII) und Generalsprozess (Fall XII); Einzelprozesse u.a. gegen die Generalfeldmarschälle Kesselring und von Manstein.

[4] Wette, Wolfram, Die Wehrmacht, S. 234-237; Mit einigen Abstrichen jenseits der staatlichen Propaganda stieß die Vorstellung einer „sauberen“ Wehrmacht auch in der DDR auf eine gewisse Resonanz. So wurde bei Gründung der Nationalen Volksarmee 1956 bewusst an Uniformen und Dienstränge der Wehrmacht angeknüpft.

[5] Unterstützend wirkte zudem die Tatsache, dass 1945 vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg aus formalen Gründen weder der Generalstab des Heeres noch das Oberkommando der Wehrmacht als verbrecherische Organisationen angeklagt worden waren, Vgl. Wette, Wolfram, Die Wehrmacht, S. 209.

[6] Pressekonferenz von US-General Eisenhower, designierter NATO-Oberbefehlshaber in Europa, in Frankfurt a. Main vom 23.01.1951 (zit. nach: Wette, Wolfram, Die Wehrmacht, S. 233).

[7] Rede von Dr. Adenauer, Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, vor dem Deutschen Bundestag vom 03.12.1952 (zit. nach: Frei, Norbert, Vergangenheitspolitik, S. 77).

[8] Wette, Wolfram, Die Wehrmacht, S. 228.

[9] Vgl. u.a. Manstein, Erich von, Verlorene Siege, Bonn 1955.

[10] Wette, Wolfram, Die Wehrmacht, S. 228; Hinzu kam noch eine aus den Erfahrungen des Schlachtfeldes gespeiste Bewunderung amerikanischer und britischer Militärs ob der professionellen Führungskunst der Wehrmacht und der Tapferkeit des deutschen Soldaten, die sich auch in Arbeiten bekannter angelsächsischer Militärhistoriker (u.a. Liddell Hart) niederschlug, Vgl. Ebenda S. 227.

[11] Vgl. Hillgruber, Andreas, Hitlers Strategie, Politik und Kriegführung 1940-1941, München 1965.

[12] Vgl. Messerschmidt, Manfred, Die Wehrmacht im NS-Staat, Zeit der Indoktrination, Hamburg 1969.

[13] Vgl. Streit, Christian, Keine Kameraden, Die Wehrmacht und die sowjetischen Kriegsgefangenen, Stuttgart 1978.

[14] Vgl. u.a. Ueberschär, Gerd/Wolfram Wette (Hrsg.), „Unternehmen Barbarossa“, Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion 1941, Berichte, Analysen, Dokumente, Paderborn 1984; Benz, Wigbert, Der Rußlandfeldzug des Dritten Reiches, Ursachen, Ziele, Wirkungen, Frankfurt a. Main 1986.

[15] Ueberschär, Gerd, Der Mord an den Juden und der Ostkrieg, S. 50-51.

[16] Wette, Wolfram, Die Wehrmacht, S. 263-264; Zur Rezeption der ersten Wehrmachtsausstellung Vgl. Thiele, Hans-Günther (Hrsg.), Die Wehrmachtsausstellung, Dokumentation einer Kontroverse, Bremen 1997.

[17] Vgl. u.a. Gerlach, Christian, Kalkulierte Morde, Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrussland 1941 bis 1944, Hamburg 1998; Römer, Felix, Der Kommissarbefehl, Wehrmacht und NS-Verbrechen an der Ostfront 1941/42, Paderborn 2008.

[18] Browning, Christopher, Die Entfesselung der „Endlösung“, S. 481.

[19] Neben den im Literaturverzeichnis angeführten Schriften Vgl. u.a. Glišić, Venceslav, Der Terror und die Verbrechen des faschistischen Deutschland in Serbien von 1941 bis 1944, Diss. phil., Humboldt-Universität Berlin, 1968; Browning, Christopher, The Final Solution in Serbia, The Semlin Judenlager – A Case Study, in: Yad Vashem Studies 15 (1983), S. 55-90; ders., Fateful Months, Essays on the Emergence of the Final Solution, New York/London 1985; Shelach, Menachem, Sajmište – An Extermination Camp in Serbia, in: Holocaust and Genocide Studies 2 (1987), S. 243-260.

[20] Browning, Christopher, Die Entfesselung der „Endlösung“, S. 497-498.

[21] Manoschek, Walter, „Serbien ist judenfrei“, S. 194.

[22] Volkmann, Hans-Erich, Zur Verantwortlichkeit der Wehrmacht, S. 1222; Jedwedes Pauschalurteil über die Wehrmacht verbietet sich allein schon wegen der Zahl von 18 Millionen Männern, die in ihr gedient hatten.

[23] Hildebrand, Klaus, Das vergangene Reich, S. 735.

[24] Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 3, S. 356-367 (Schreiber) und S. 418-419 (Vogel); Die UdSSR hatte im Sommer 1940 bereits Teile Rumäniens (Bessarabien, nördliche Bukowina) gemäß den Vereinbarungen des im Rahmen des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes 1939 abgeschlossenen geheimen Zusatzprotokolls okkupiert und darüber hinaus das Baltikum, Ostpolen und das südöstliche Karelien besetzt.

[25] Führerweisung Nr. 20 vom 13.12.1940 (zit. nach: Hitlers Weisungen für die Kriegführung, S. 81).

[26] Hitler hatte die Furcht, Jugoslawien könnte unter dem englandfreundlichen Prinzregenten Paul auf die Seite der Alliierten überwechseln, Vgl. Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 3, S. 438 (Vogel).

[27] Ebenda S. 437-440 (Vogel); Die jugoslawische Regierung war bestrebt gewesen, das Land aus dem Krieg herauszuhalten, um den Fortbestand des Vielvölkerstaates zu garantieren.

[28] Der Putsch richtete sich zum einen gegen die immer engere Anbindung Jugoslawiens an Deutschland, zum anderen gegen die nach Meinung der Serben zu einseitig von Kroaten bestimmte Politik der bis dato amtierenden Regierung Cvetković, Vgl. Ebenda S. 442 (Vogel).

[29] Führerweisung Nr. 25 vom 27.03.1941 (zit. nach: Hitlers Weisungen für die Kriegführung, S. 106).

[30] Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 3, S. 443-444 (Vogel).

[31] Unterschwellig dürfte die Verachtung Hitlers gegenüber den Serben ob ihrer angeblich „historischen“ Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges und der Wunsch nach Rache seine Kriegsentscheidung begünstigt haben.

[32] Führerweisung Nr. 25 vom 27.03.1941 (zit. nach: Hitlers Weisungen für die Kriegführung, S. 106).

[33] Der Zusammenbruch Jugoslawiens wurde wesentlich durch den langjährigen Konflikt zwischen Serben und Kroaten um die Führung im südslawischen Staat beschleunigt. Mit der Aussicht, einen unabhängigen kroatischen Großstaat gründen zu wollen, hatten die Achsenmächte bereits vor Feldzugsbeginn weite Kreise der national gesinnten Kroaten auf ihre Seite gezogen. Infolge dessen leisteten die kroatischen Armeeverbände beim Angriff der Wehrmacht kaum Widerstand, Vgl. Vogel, Detlef, Deutschland und Südosteuropa, S. 539.

Details

Seiten
31
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656428275
ISBN (Buch)
9783656437932
Dateigröße
772 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v215020
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Historisches Institut
Note
1,3
Schlagworte
shoah serbien unter berücksichtigung rolle wehrmacht

Autor

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Titel: Die Shoah in Serbien 1941/1942