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Der evangelische Religionsunterricht der Volksschule ab 1850

Sachanalyse und Unterrichtsvorschläge

Unterrichtsentwurf 2010 27 Seiten

Didaktik - Geschichte

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der evangelische Religionsunterricht in der Volksschule ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
2.1 Exkurs: Die Schule zwischen Staat und Kirche
2.2 Strukturen und Entwicklung der deutschen Volksschule im 19. Jahrhundert
2.3 Geschichte des evangelischen Religionsunterrichts

3. Vorstellung und Analyse von Zeitdokumenten
3.1 Die Stiehlschen Regulative
3.2 Die “Allgemeinen Bestimmungen” von 1872
3.3 Die „Erste Wahrheitsmilch“ - ein elementarer Katechismus

4. Verwendung in der Unterrichtspraxis: Unterrichtseinheit Schule früher

Literaturverzeichnis

Anhang: Dokumentation des Quellenmaterials, Aufgabenstellungen für Schüler, Vorschläge für Arbeitsblätter

Der evangelische Religionsunterricht in der Volksschule in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts

1.Einleitung

Nach dem Ende des Heiligen Römischen Reiches waren die deutschsprachigen Staaten des 19. Jahrhunderts unter Modernisierungszwang geraten. Viele von ihnen waren nach 1806 nur noch verarmte Vasallenstaaten des Frankreichs von Napoleon I, und die Reste mittelalterlicher Ständeordnung und einer auf Landwirtschaft beruhenden Ökonomie ließ die Staaten in dem sich auf die industrielle Revolution vorbereitenden Europa weiter zurückfallen. Der Ausweg waren massive soziale Reformen; neben Reformation von Verwaltung und Militär wurde vor allen Dingen die Neugestaltung des Bildungswesens Kernpunkt des von der Großmacht Preußen begonnen deutschen „social engineering“ im 19. Jahrhundert.

Nach den Ideen der von der Aufklärung beeinflussten Reformer sollte eine rationale(re) Allgemeinbildung nun den Weg zu Chancengleichheit und ethischer Verbesserung aller öffnen, während ihre am protestantischen Pietismus orientierten Allierten mit den Schulreformen eine Verbesserung der christlichen Moral wie des ökonomischen Schicksals der verarmten Bevölkerung verbanden. Allzu liberale Vorstellungen der Reformer wurden allerdings rasch durch konservative Kräfte eingedämmt, und während andauernde Reformbemühungen vor allem für höhere Schulen schnell Wirkung zeigten, änderten sich die Verhältnisse in den Volks- bzw. Elementarschulen erst mit - mit der Gründung des Deutschen Kaiserreichs einhergehenden - weiteren Reformen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts.

Thema der Arbeit. Vor diesem Hintergrund soll in der vorliegenden Arbeit der evangelische Religionsunterricht an deutschen[1] Volksschulen in seiner Entwicklung ab 1850 untersucht und eine Verwendung des Themas für den Unterricht diskutiert und erstellt werden. Zuerst soll dazu eine Einführung in Geschichte und Struktur der Volksschule im 19. Jahrhundert und ihre Stellung zwischen Staat und Kirche sowie die Entwicklung des protestantischen Religionsunterrichts (2) gegeben werden. Im darauf folgenden Abschnitt (3) sollen die für die Schulreform wesentlichen Ministerialerlässe, die sogenannten „Stiehlschen Regulative“ von 1854 und die „Allgemeine Bestimmungen“ von 1872, bezüglich ihrer Bedeutung gerade für den Religionsunterricht vorgestellt und analysiert werden. Daran schließt sich eine inhaltliche Analyse eines zu dieser Zeit verbreiteten Religionsbuches an. Gewählt wurde hier die „Erste Wahrheitsmilch“, ein damals beliebter Minimalkatechismus, der zur Unterweisung der ersten Schuljahre Verwendung fand und wegen seiner Eignung als Anschauungsobjekt für den Unterricht gewählt wurde. Unter (4) soll dann, unter Bezugnahme auf das niedersächsische Kerncurriculum, eine Umsetzung des Themas in den schulischen Unterricht im Fach Sachkunde in der dritten bis vierten Klassenstufe erarbeitet werden; Materialien zum Unterricht und dessen Vertiefung finden sich im Anhang.

2. Der evangelische Religionsunterricht in der Volksschule ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts

2.1 Exkurs: Die Schule zwischen Staat und Kirche

Im Laufe des 16. Jahrhunderts ebnete die Institutionalisierung und Zusammenarbeit der reformatorischen Bewegung mit Städten und Landesfürsten den Weg von den Stadt- und Klosterschulen für die mittelalterlichen Eliten hin zu einer umfassenderen Bildungsinfrastruktur nicht nur in protestantischen Staaten. Durch vom Landesfürsten aus weltlichen und geistigen Mitgliedern zusammengesetzte Konsitorien – kirchenleitende Behörden – wurden Kirchenordnungen erstellt, die erstmalig eine Konstanz in der religiösen und nicht-religiösen Bildung garantierten. Die Kirche wurde nun Trägerin der öffentlichen Schule, d.h. Pfarrer beaufsichtigten und instruierten die Lehrer, unterrichteten aber nicht selber (Stoodt 1985: 12-13).

Im 18. Jahrhundert vergrößerte sich aufgrund des Modernisierungszwangs die Einflussnahme staatlicher Behörden auf die Schulen deutlich; Schulpflicht und das mehrstufige Schulsystem wurden in Österreich, Preußen und später auch den anderen deutschen Staaten eingeführt. 1794 wurden in Preußen die Schulen komplett unter staatliche Aufsicht gestellt, ohne allerdings die Kirche aus ihrer Aufsichtsfunktion zu entlassen (Stoodt 1985: 52-54) oder einen auch nur ansatzweise kritischen Religionsunterricht zu erlauben (Helmreich 1966: 69). Anfang des 19. Jahrhunderts wurden dann vielerorts die bislang konfessionell gebundenen Schulen in kommunale Schulen umgewandelt; kurzzeitig wurde sogar mit einem ökumenischen Religionsunterricht experimentiert (Stoodt 1985: 68). In Preußen wurde dann ab 1808 den Städten und Gemeinden in bestimmten Grenzen die Organisation der Schulen überlassen. In der Tradition der Aufklärung stehende Bildungsreformer wie Wilhelm von Humbold und J.W. Süvern legten hier die Grundlage für das humanistische Gymnasium und erdachten – nie realisierte – frühe Entwürfe eines christlich orientierten, aber von kirchlichen Kontrolle befreiten Schulwesens (Stoodt 1985: 69-71). Demgegenüber restaurativ wirkten Gesetzinitiativen deutscher Staaten - wie die später in dieser Arbeit untersuchten Preußischen Regulative -, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine Beschränkung von Volksschullehrerausbildung und Reorientierung des Unterrichts an christlich-reaktionären Werten einforderten, ohne allerdings die Kirchen in der Schulverwaltung wieder institutionell zu stärken. 1872 stellte das – unten näher vorgestellte - Schulverwaltungsgesetz des neugegründeten Kaiserreichs Schulen und kirchliche Inspektoren ausdrücklich unter staatliche Aufsicht. Formal blieb der Kirche jetzt nur noch Einfluss auf den Religionsunterricht; neben Unterrichtsbesuch mit Eingriffsrecht, Mitsprache bei Berufung der Religionslehrer, Schulbuchauswahl und Lehrplänen unterrichteten allerdings in manchen Teilen Deutschlands auch noch Geistliche selber (Helmreich 122 - 127). Die gesellschaftliche Bedeutung der Kirche in dieser Zeit darf allerdings trotz dieser Entwicklungen nicht unterschätzt werden. Im Kaiserreich war zumindest der Protestantismus aufs engste mit allen Bereichen des öffentlichen Lebens verflochten, Kirchen waren steuerlich privilegiert oder gar finanziell gefördert, und religiöse Themen wie der „Kulturkampf“ Bismarks gegen die römisch-katholische Kirche oder wissenschaftliche Bibeluntersuchungen wurden in der Öffentlichkeit über alle Konfessionen hinweg mit großer Intensität diskutiert (Kliss 2005: 74-78).

2.2 Strukturen und Entwicklung der deutschen Volksschule im 19. Jahrhundert

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts stand anspruchsvollen Bildungsreformvorhaben eine nach unseren Maßstäben triste Wirklichkeit gerade des sg. „niederen Schulwesens“ gegenüber. Die intellektuelle Speerspitze der frühen Reformer verfolgte das humanistische Ideal des gebildeten Bürgers mit herkunftsunabhängigem Chancenzugang; den nach der Wiener Konferenz 1815 maßgeblichen konservativeren Kräften ging es eher um bessere Ausbildung als Basis ökonomischer Konkurrenzfähigkeit (Wehler 1989: 403 – 404). Als Ergebnis dieses bildungspolitischen Konflikts wurde vor allen Dingen das höhere Schulwesen reformiert; Auswirkungen auf die Volksschule zeigten sich viel langsamer.

Die Volksschule ab 1800. Die deutschsprachigen Staaten, die später das Deutsche Kaiserreich bilden sollten, waren um 1800 ökonomisch noch weitgehend von der Land- und Forstwirtschaft geprägt. Der größte Anteil der Bevölkerung arbeitete in der noch stark traditionsgebundenen Landwirtschaft und war wirtschaftlich nahezu autark; diese Unabhängigkeit umfasste sowohl die Produktion von Lebensmitteln und Kleidung wie auch anfallende handwerkliche Arbeiten (Krueger 1970: 9). Unter diesen Bedingungen wurden den Kindern in der häuslichen Erziehung vor allen Dingen praktische Fertigkeiten vermittelt, die ihr frühes Eingliedern in die ökonomische und soziale Struktur der Gutshöfe ermöglichten; eine über religiöse Unterweisung und das allernötigste Minimum an Kulturtechniken wie Schreiben, Lesen und Rechnen hinausgehender intellektueller Unterricht wurde in dieser Bevölkerungsschicht meist als unnötig oder gar - wegen des Arbeitskraftausfalls - als belastend erachtet (Krueger 1970: 10-11).

Der Volksschulunterricht[2] fand meist in provisorischen Räumlichkeiten statt; nicht selten unterrichtete ein Lehrer in einer Klasse mehr als 100 Schüler. In einem heute kaum mehr vorstellbaren Maß war der gesamte schulische Rahmen vom gemeinsamen Morgengebet bis zum Unterricht in den meisten Fächern durch die christliche Religion bestimmt; die religiöse Unterweisung selber fand überwiegend durch gemeinsames Lesen von biblischen Texten und Auswendig lernen des Katechismus statt (s.u.). Wichtigstes Bildungsziel war das Lesen, das dank ungenügender Lehrmethodik nach der Schule allerdings nur von wenigen beherrscht wurde; andere Unterrichtsfächer waren Rechnen, Schreiben, Singen und vereinzelt „Realien“, also Sachkunde (Krueger 1970: 15 -19). Die Ausrüstung der Schulen beschränkte sich meist auf Katheder, Wandtafel, Schulbänke mit Tintenfässern und einige Bücher (Bibel, Katechismus, Fibel, Lese- und Rechenbuch) hauptsächlich für den Lehrer – und wohl häufig einen Stock, den Prügel dürften eine wichtige didaktische Maßnahme der kaum ausgebildeten Volksschullehrer gewesen sein. Meist wiesen sie einen anderen beruflichen Hintergrund auf – Küster, Handwerker, ausgemusterte Soldaten – und waren für ihre Arbeit lediglich durch den Besuch einer städtischen Schule qualifiziert; eine formelle Ausbildung war zumindest im frühen 19. Jahrhundert noch die Ausnahme[3] (Wehler 1987: 287). Gerade auf dem Land wurden die Lehrer schlecht bezahlt und mussten zum Lebensunterhalt häufig zusätzlich noch Landwirtschaft betreiben; nicht selten setzten sie ihre Zöglinge während der Schulzeit zur Bewirtschaftung ihrer eigenen Güter ein. Dies wurde von den Eltern – die pauschal pro Kind Schulgeld zahlten – als Gegenleistung für das Tolerieren von Fehlzeiten gebilligt; bei saisonalem Anstieg des Arbeitskraftbedarfs fiel der Unterricht auch manchmal ganz aus (Krueger 1970: 12-14). Angesichts dieser Umstände ist es nicht verwunderlich, das die Quote der die Schule tatsächlich besuchenden schulpflichtigen Kinder zu Anfang des 18. Jahrhunderts trotz mehrerer staatlicher Edikte sehr niedrig blieb, sie betrug 1816 maximal 60 % (Friedrich 1987: 187).

Entwicklung bis 1900. Dies änderte sich erst im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts; verbesserte Kontrollmaßnahmen der Schulbehörden samt massiven Strafandrohungen – bis zur Verweigerung von Kommunion/Konfirmation der Kinder – bewirkten jetzt signifikante Veränderungen (Friedrich 1987: 126-127). Überkonfessionelle „Simultanschulen“ mit nach Konfession getrenntem Religionsunterricht waren die Antwort auf die - nach der Neuordnung der deutschen Staatsgrenzen 1815 - in vielen Staaten gemischte Bevölkerung (Helmreich 1966: 76-77). Auch wurde – zusammen mit der mit Johann Friedrich Herbart verbundenen Akademisierung der Pädagogik (s.u.) - nun ein systematischer Ausbau der Lehrerseminare[4] für das Elementarschulwesen betrieben (Nipperdey 1983: 465). Ab etwa 1840 dann wurden Unterweisungen in deutscher Grammatik Teil des Curriculum der Volksschulen, und Pädagogen wie Adolph Diesterweg forderten einen rationaleren, entkonfessionalisierten Religionsunterricht (Helmreich 1966: 82, s.u.). Mit der preußischen Verfassung von 1850 wurden Lehrer Staatsbeamte und die Schule mit öffentlichen Geldern unterstützt (Helmreich 1966: 84); als Reaktion auf allzu liberale Ansichten wurde vier Jahre später durch den Ministerialrat Stiehl die eine - Religionsunterricht und Auswendig lernen betonende - Standardisierung des Lehrplans durchgesetzt (s.u.), die auch das vorläufige Ende vieler Simultanschulen (Helmreich 1966: 84-85) war.

[...]


[1] Aufgrund des begrenzten Umfangs dieser Arbeit, der Quellenlage, und dem politischem Gewicht Preußens konzentriert sich diese Arbeit auf Preussen; vereinzelt werden Quellen aus anderen deutschsprachigen Staaten bzw. anderen Provinzen des Kaiserreichs herangezogen (vgl. Kliss 2005:29-30).

[2] In dieser Zusammenfassung wird sich auf die ländliche Situation konzentriert; in den kleineren Städten war die Situation vergleichbar (Krueger 1970: 21). Die Verhältnisse in den größeren Städten werden in der Fachliteratur - wegen kleineren Klassengrößen - manchmal als weniger desolat beurteilt. Dies änderte sich jedoch mit der vermehrten Industrialisierung ab 1820, mit der Kinder gerade der ärmsten Bevölkerungsschichten derart massiv in die Produktionsprozesse eingebunden wurden, das in ihrem Alltag keine Zeit für eine schulische Bildung blieb (vgl. Krueger 1970: 22 ff.).

[3] Die Lehrerausbildung in den verschiedenen deutschsprachigen Staaten gestaltete sich in Details unterschiedlich. In Ostfriesland (Vandré 1973: 51) und Bayern (Schönfeld 2003: 27) wurden bis 1850 Lehramtskandidaten nach dem „Zunftprinzip“ ausgebildet, zukünftige Lehrer mussten also längere Zeit unbezahlte Unterrichtsgehilfen eine etablierten Lehrers werden, bevor sie sich eine eigene Stelle suchen konnten.

[4] In geschichtlicher Perspektive nicht viel mehr als eine Kuriosität blieb auch eine kurze Anstrengung des preußischen Staates, zur Hebung der Unterrichtsqualität Elementarschullehrer in der Schweiz durch den einflussreichen Pädagogen Pestalozzi ausbilden zu lassen (Krueger 1970: 25-26).

Details

Seiten
27
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656428299
ISBN (Buch)
9783656438557
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v215014
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Freiburg im Breisgau – Ev. Theologie
Note
bestanden
Schlagworte
religionsunterricht volksschule sachanalyse unterrichtsvorschläge

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Titel: Der evangelische Religionsunterricht der Volksschule ab 1850