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Kommunikatives Handeln als Voraussetzung für eine fungible bürgerliche Öffentlichkeit nach Jürgen Habermas

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 15 Seiten

Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhalt

1 .Einleitung

2. Strukturwandel in der Öffentlichkeit
2.1. Bürgerliche Öffentlichkeit
2.1.1. Herausbildung der bürgerlichen Öffentlichkeit
2.1.2. Folgen für die Entwicklung des Publikums
2.1.3. Kritik
2.2. Zerfall der Öffentlichkeit
2.2.1. Ursachen des Zerfalls
2.2.2. Folgen für die Bürgerliche Öffentlichkeit
2.2.3. Die Rolle der Presse
2.2.4. Folgen für den Sozialstaat
2.2.5. Kritik

3. Die Theorie des kommunikativen Handelns
3.1. Die Rolle der Vernunft
3.2. Die Rolle der Wissenschaft
3.3. Soziales Handeln und Sprache

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1961 legte Jürgen Habermas seine politikwissenschaftliche Habitilationsschrift „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ vor, in der er den Begriff „Öffentlichkeit“ als ein grundlegendes politisches Ordnungsprinzip betrachtet, an dem der strukturelle Wandel der Gesellschaft expliziert werden kann. Für das Funktionieren einer Demokratie ist es für Habermas von entscheidender Bedeutung, dass die Bevölkerung an allen wesentlichen Prozessen aktiv teilnimmt. Neben dem Ziel, dem Willen der Öffentlichkeit durch Herausbildung einer öffentlichen Meinung Ausdruck zu verleihen, ist auch die Möglichkeit der Bevölkerung, Kritik an staatlichen Vorgängen zu üben, ein wichtiges Element politischer Teilhabe. Entscheidend für diese Partizipation an Demokratie ist die Möglichkeit des Einzelnen, kommunikativ und rational zu handeln. Die Voraussetzungen hierfür erläuterte Habermas 1981 in der „Theorie des kommunikativen Handelns“. Beides – die Bedingungen für vernunftorientiertes kommunikatives Handeln als auch die dadurch erst möglich werdende Herausbildung einer aktiv politisch partizipierenden bürgerlichen Öffentlichkeit – sollen in der vorliegenden Hausarbeit dargestellt und miteinander in Beziehung gesetzt werden.

2. Strukturwandel in der Öffentlichkeit

Im „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ definiert und analysiert Habermas zunächst den Begriff der Öffentlichkeit, bevor er auf historische Veränderungen in deren Struktur und Funktion eingeht. Dabei beschreibt er die bürgerliche Öffentlichkeit zunächst idealtypisch, indem er deren Entwicklung aus den Formen der mittelalterlichen Arkanöffentlichkeit des 17. und 18. Jahrhunderts betrachtet. Das hierbei entwickelte Modell vergleicht er nun mit der Öffentlichkeit in sozialstaatlichen Massendemokratien, die einem Erosionsprozess unterliegen, auf den später genauer eingegangen wird. Er verwendet den Begriff der „Öffentlichkeit“ folglich sowohl als realhistorischen Beobachtungsgegenstand als auch als normatives Prinzip.[1]

2.1. Bürgerliche Öffentlichkeit

Unter der bürgerlichen Öffentlichkeit versteht Habermas grob gesagt die Sphäre der zum Publikum versammelten Privatleute.[2] Er nimmt bei der Konzeption seiner bürgerlichen Öffentlichkeit eine Unterscheidung vor: Basierend auf der historischen Entwicklung der öffentlichen Sphäre, welche er im Mittelalter als rein repräsentative Öffentlichkeit bezeichnet,[3] unterteilt er die Öffentlichkeit mit der Herausbildung der bürgerlichen Gesellschaft im 17. Jahrhundert zum einen in private und zum anderen in öffentliche Elemente.[4]

2.1.1. Herausbildung der bürgerlichen Öffentlichkeit

Die Anfänge der bürgerlichen Gesellschaft gehen ökonomisch betrachtet mit der Entstehung des Kapitalismus einher, denn die frühkapitalistische Marktwirtschaft ist ursächlich dafür, dass es zu einer Trennung zwischen den Reproduktionsprozessen des Lebens und der rein staatlichen Sphäre kommt.[5] Die wirtschaftliche Bedeutung des Kleinbürgertums wächst stetig, was dazu führt, dass dieses sich immer stärker von der staatlichen Gewalt abgrenzt und vermehrt auch eigene Interessen durchzusetzen sucht. Dies geschieht vor allem im Rahmen der bürgerlichen Öffentlichkeit, unter der in diesem Zusammenhang Privatleute verstanden werden, die miteinander in Diskussion treten, was im öffentlichen Räsonnement zur Herausbildung einer öffentlichen Meinung führt.[6]

Als Kanal für diese öffentliche Meinung wird verstärkt die Presse genutzt, welche sich aufgrund der Herausbildung des frühkapitalistischen Waren- und Nachrichtenverkehrs ebenfalls in einem Entwicklungsprozess befindet und sich zu einem Instrument gegen die Herrschaft der Obrigkeit wandelt.[7] Vor allem die britischen coffee houses, die französischen Salons und die deutschen Tischgesellschaften betrachtet Habermas als entscheidende „Zentren einer zunächst literarischen, dann auch politischen Kritik, in der sich zwischen aristokratischer Gesellschaft und bürgerlichen Intellektuellen eine Parität der Gebildeten herzustellen beginnt.“[8]

2.1.2. Folgen für die Entwicklung des Publikums

Die in diesem Rahmen angestellten Überlegungen haben laut Habermas drei gemeinsame formale Elemente. Zum einen treten Statusunterschiede in den Hintergrund, weder das Ansehen öffentlicher Ämter, noch wirtschaftliche Abhängigkeiten beeinflussen die Meinungsbildung der Diskutierenden. Zweitens unterliegen die entscheidenden Themen wie Philosophie, Literatur und Kunst nicht mehr allein der Interpretation von Kirche und Staat. Vielmehr findet eine Überführung der Kultur in Warenform statt, was sie der allgemeinen Diskussion zugänglich macht. Drittens zeichnet sich das Publikum durch eine prinzipielle Öffentlichkeit aus.[9]

Allerdings stand dieser faktischen Offenheit des Publikums die Tatsache gegenüber, dass der Besitz von Eigentum Voraussetzung dafür war, jene Bildung und Autonomie zu erlangen, die notwendig war um Diskussionen ungeachtet sozialer Hierarchien führen zu können. Somit blieb das Publikum letztlich auf einen kleinen exklusiven Teil begrenzt und große Teile der Bevölkerung waren von der bürgerlichen Öffentlichkeit ausgeschlossen.[10] Dies ist Habermas wohl bewusst, denn er betrachtet die Idee des Publikums mit dieser geschichtlichen Entwicklung zwar nicht als wirklich, aber dennoch als institutionalisiert und wirksam.[11]

Habermas betrachtet die bürgerliche Öffentlichkeit als ein politisches Ordnungsmodell, in dem Staat und Bürgergesellschaft als Grundpfeiler eines freiheitsverbürgenden Systems fungieren. Hierin verankert sind auch die bürgerlichen Forderungen nach garantierten Grundrechten sowie einer Parlamentarisierung, die einen bürgerlichen Autonomiebereich ohne jede staatliche Reglementierung sicherstellen sollen.[12] Die Bildung der bürgerlichen Öffentlichkeit trägt somit dazu bei, dass ein bürgerlicher Rechtsstaat entstehen kann, in dem das gesellschaftliche Allgemeininteresse erfüllt wird. Neben der Verfügungsgewalt über Eigentum und dem Schutz der privaten Sphäre, dient die institutionalisierte Öffentlichkeit laut Habermas also gleichzeitig auch als eine Instanz mit der Tendenz auf Ablösung von Herrschaft.[13]

Die Herrschaft als solche wird durch eine politisch agierende Öffentlichkeit in Frage und zur Diskussion gestellt. In letzter Konsequenz zielt die Öffentlichkeit folglich darauf, den Staat als Herrschaftsinstrument abzulösen und eine Selbstorganisation der Gesellschaft zu erreichen. Im Detail argumentiert Habermas dahingehend, dass die Gesetzgebung, wenn sie aus der öffentlichen Meinung resultiert, das objektiv Richtige und das gesellschaftlich Gerechte in den Gesetzen vereint, und folglich nicht als Herrschaft gelten kann.[14] Nach seinem Verständnis der bürgerlichen Öffentlichkeit traut Habermas dem bürgerlichen Publikum also durchaus zu, im freien Austausch von Einzelmeinungen, zur objektiv „wahren, rationalen Meinung zu gelangen.[15] Damit folgt er dem Gedanken der Aufklärung.

[...]


[1] vgl. Heming, Öffentlichkeit, Diskurs und Gesellschaft, 1997, S. 25

[2] Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit, 1990, S. 86

[3] Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit, 1962, S. 16

[4] vgl. Jäger, Öffentlichkeit und Parlamentarismus, 1973, S. 10

[5] vgl. Gripp, Jürgen Habermas, 1984, S. 20

[6] vgl. Wiggershaus, Die Frankfurter Schule, 1986, S.618

[7] vgl. Jäger, Öffentlichkeit und Parlamentarismus, 1973, S. 11f.

[8] Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit, 1962, S 47

[9] Jäger, Öffentlichkeit und Parlamentarismus, 1973, S. 12

[10] vgl. Reese-Schäfer, Jürgen Habermas, 2001, S. 40

[11] Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit, 1962, S. 97

[12] vgl. Heming, Öffentlichkeit, Diskurs und Gesellschaft, 1997, S. 36f.

[13] vgl. Wiggershaus, Die Frankfurter Schule, 1986, S. 618

[14] vgl. Heming, Öffentlichkeit, Diskurs und Gesellschaft, 1997, S. 37f.

[15] vgl. Heming, Öffentlichkeit, Diskurs und Gesellschaft, 1997, S. 41

Details

Seiten
15
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656428992
ISBN (Buch)
9783656444398
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v214789
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Philosophisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
Jürgen Habermas Philosophie Frankfurter Schule Medienkritik

Autor

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