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Wirtschaftspolitische Analyse Nigerias von 1960 bis 2010

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 21 Seiten

VWL - Makroökonomie, allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wirtschaftlicher Fortschritt als Konfluenz mehrerer Faktoren
2.1. Politisches System
2.2. Struktureller Wandel
2.3. Wachstum und Kapitalakkumulation
2.4. Schaffung neuer Institutionen

3. Wirtschaftspolitische Entwicklungen Nigerias von 1960 bis 1999
3.1. Vor der Unabhängigkeit
3.2. Die 1960er Jahre
3.2.1. Die Erste Republik und ihr Scheitern (1960-1966)
3.2.2. Militärregime unter Gowon und Biafra-Krieg (1966-1970)
3.3. Die 1970er Jahre
3.3.1. Der Öl-Boom und die Dutch Disease (1970-1975)
3.3.2. Staatlich geführte Entwicklung und Redemokratisierung (1975-1979)
3.4. Die 1980er Jahre
3.4.1. Die Krise nimmt ihren Lauf (1979-1985)
3.4.2. Liberale Ansätze und politischer Balanceakt Babangidas (1985-1989)
3.5. Die 1990er Jahre
3.5.1. Niedergang (1990-1993)
3.5.2. Das „räuberische Regime“ Abachas (1993-1999)

4. Wirtschaftspolitische Entwicklungen Nigerias ab 1999
4.1. Redemokratisierung und Reformpläne Obasanjos
4.2. Analyse der Reformen
4.2.1. Strukturelle Veränderungen
4.2.2. Ökonomischer Diversifikation
4.2.3. Finanzielle Entwicklungen und internationaler Kontext
4.2.4. Korruptionsbekämpfung

5. Fazit.

6. Literaturverzeichnis

7. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Mit rund 152 Millionen Einwohnern[1] ist Nigeria nicht nur das bevölkerungsreichste Land, sondern mit einer Förderung von 1,94 Millionen Barrel Erdöl pro Tag auch der größte Rohölproduzent des afrikanischen Kontinents.[2] Trotz seines enormen Ressourcenreichtums und der Erschließung gewinnbringender Erdölvorkommen versäumte Nigeria jedoch lange die Chance sich zu einer modernen, industrialisierten Volkswirtschaft zu entwickeln. Knapp 30 Jahre der Militärdiktatur haben das Land der über 250 verschiedenen Ethnien[3] zermürbt und heruntergewirtschaftet. Nach dem Erliegen vieler wichtiger wirtschaftlicher, politischer und sozialer Strukturen hat Nigeria seit seiner Redemokratisierung 1999 nun die Chance die jahrzehntelange Leidensgeschichte von Korruption, Armut und Gewalt abzuschließen sowie sich zu Afrikas größter Volkswirtschaft zu entwickeln.

Ziel dieser Arbeit ist es, die verschiedenen strukturellen Schwachpunkte sowie wirtschaftspolitische Fehlverhalten herauszuarbeiten, welche die Stagnation und den Nicht-Voranschritt Nigerias erklären. Um eine detaillierte Analyse der Missstände Nigerias verständlich zu machen, werde ich im ersten Teil erläutern, welche Punkte eine Volkswirtschaft im Prozess ihrer wirtschaftlichen Entwicklung im Allgemeinen realisieren muss. Anhand dieser Aspekte sollen im zweiten und dritten Abschnitt Nigerias Entwicklungen der letzten fünf Jahrzehnte ausgewertet und diskutiert werden. Kernfrage ist dabei immer, wo wirtschaftspolitische Strukturen versagt haben und letztendlich Entwicklungs-strategien gescheitert sind.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2. Wirtschaftlicher Fortschritt als Konfluenzprodukt diverser Faktoren

2.1. Politisches System

Um Fortschritt zu verzeichnen steht allem voran die Gründung eines politischen Systems, das eine konstante, nachhaltige Politik verfolgt sowie wirtschaftliche Entwicklungen kompetent planen und leiten kann. Die Einrichtung eines wirksamen, entpolitisierten Rechtssystems spielt hierbei eine genauso wichtige Rolle, da nur so Eigentumsrechte sowie Verträge zugeordnet, definiert und gewährleistet werden können. Sie stellen die Grundstrukturen des freien ökonomischen Entwicklungsprozesses dar und verhindern externes, verantwortungsloses Eingreifen.[4] Vertrauen und Verlässlichkeit auf Staat und Rechtssystem ist auch insofern von großer Bedeutung, da sie sich stabilisierend auf das soziale Gefüge auswirken. Die Regierung muss ihre fiskal- und geldpolitischen Maßnahmen verantwortungsvoll planen und umsetzen, damit ein stabiles makroökonomisches Umfeld entsteht. Dieses spielt auch bei multilateralen Beziehungen eine wichtige Rolle, denn die Integration in internationalen Handels- und Investitionsmärkten muss auf einem ausgewogenen Staatshaushalt fußen.

2.2. Struktureller Wandel

Struktureller Wandel beschreibt die Ausweitung ökonomischer Aktivitäten und deren steigende Effizienz. Unter der Prämisse nicht extern induziert worden zu sein oder sich auf einzelne Sonderereignisse (z.B. Boom oder Schock) zurückführen zu lassen, müssen sie ein Resultat der eigenen wirtschaftlichen Erweiterung darstellen. Mögliche Faktoren wären beispielsweise eine diversifizierte Herstellung, neue Dienstleistungen, erhöhte Produktivität und höhere Gewinne. In Entwicklungsländern lässt sich struktureller Wandel primär erkennen, wenn die Produktion von Agrargütern auf Industrieerzeugnisse verlagert wird.[5]

2.3. Wachstum und Kapitalakkumulation

Erst ein jährlicher Anstieg des Gesamtwachstums um circa 6% ermöglicht Realzuwachs des durchschnittlichen Einkommens und bildet die Grundlage für Sparaufkommen und Investitionen, die auch in Zukunft Wachstum versprechen.[6] Wirtschaftlicher Aufstieg hängt dabei allem voran von beständigen, inländischen Investitionen ab. Diese Kapitalakkumulation kann nur erzeugt werden, wenn der Staat eine gerechte Einkommensverteilung gewährleisten kann. Die so geschaffene Basis für zurückgehende Arbeitslosigkeit und das glaubwürdiges Engagement der Regierung allen Marktteilnehmern gegenüber ermöglicht hierbei eine steigende Kapitalerweiterung.[7]

2.4. Schaffung neuer Institutionen

Darüber hinaus sind weitere neue Institutionen notwendig, die es privaten Akteuren am Markt ermöglichen mehr Einsicht in interne Prozesse zu haben, damit sich aufgebautes Vertrauen positiv auf Spar- und Investitionstätigkeiten auswirken kann. Die Existenz einer unabhängigen Zentralbank, die den monetären Spielraum von Regierungen begrenzt oder die Installation wichtiger privater Institutionen wie Börsen oder diversen Finanzberichtsbehörden dominieren hier. Außerdem würde die Offenlegung der Kapitalbilanz Regierungen durch verlangsamte Geldzirkulation und nachteilige Wechselkursveränderungen für undiszipliniertes fiskalpolitisches Verhalten bestrafen.[8]

3. Wirtschaftspolitische Entwicklungen Nigerias von 1960 bis 1999

3.1. Vor der Unabhängigkeit

Vor der Kolonialisierung setzte sich das Gebiet des heutigen Nigerias aus drei Regionen zusammen, die sich kulturell unterteilen lassen.[9] Das flächenmäßig größte Gebiet im Norden beheimatete vor allem die islamischen Stämme der Hausa und Fulani. Im Westen hingegen dominierte hingegen die Kultur der Yoruba, während die Igbo überwiegend die erdölreiche Region des Nigerdeltas im Osten besiedelten.[10] Seit der Anwesenheit der Briten ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die drei Regionen 1914 zur gemeinsamen britischen Kolonie erhoben. Durch die indirect rule überließen die Kolonialherren den islamischen Herrschern im Norden weitgehend ihre Macht, während gleichzeitig der Süden politisch sowie ökonomisch nach europäischem Standard erschlossen wurde. Somit waren die südlichen Regionen zwar administrativ, wirtschaftlich und militärisch wesentlich weiterentwickelt als der Norden.[11] Die Briten hinterließen dennoch eine nur ungenügende ausgeprägte Infrastruktur und eine schwache Grundlage für weitere wirtschaftliche Entwicklungen.[12] Zu diesem Zeitpunkt wurde die einkommensschwache nigerianische Wirtschaft hauptsächlich von der Produktion und dem Export landwirtschaftlicher Erzeugnisse dominiert.[13]

3.2. Die 1960er Jahre

3.2.1. Die Erste Republik und ihr Scheitern (1960-1966)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nach der Entlassung in die Unabhängigkeit im Jahr 1960 formten die Regionen basierend auf einer föderalen Verfassung das Land Nigeria in seiner heutigen Form. Zu diesem Zeitpunkt bestand die Haupteinnahmequelle noch aus dem Export von überwiegend landwirtschaftlichen Erzeugnissen (80% aller Exporte[14] ), jedoch zeichnete sich bereits eine immer bedeutender werdende Rolle des in den späten 1950er Jahren entdeckten Erdöls ab.[15] In den Anfangsjahren der Ersten Republik lag der wirtschaftliche Fokus deutlich darauf, die ökonomischen Entwicklungen in die Hände des Staats zu legen. Protektion, Subventionen (vor allem für den rapide wachsenden Ölsektor) und die Gestaltung strategischer Unternehmungen auf Bundes- und Regionalebene räumten der Regierung eine stets wichtiger werdende Bedeutung ein. So wurde die Ausrichtung des wirtschaftlichen Geschehens auch durch die Zunahme staatlich bestimmter Anstellungen sowie öffentlicher Investitionen bestimmt, um die von der Regierung gewünschte Umverteilung von Ressourcen zu erzielen.[16] Die zusätzliche Machtverlagerung von Kernaufgaben auf die regionale Ebene entmachtete nicht nur die Bundesregierung weitgehend, sondern schürte auch die bestehenden ethnischen Konflikte durch regionalen Konkurrenzkampf weiterhin an, der auch in den folgenden Jahrzehnten immer wieder für Unruhe sorgen wird. Die nun aufgeteilte Kontrolle über Ressourcen, Exporteinnahmen und Institutionen erlaubte es den regionalen Regierungen ansässige Banken als Finanziers ihrer eigenen politischen Interessen zu gewinnen, während sie ihren Machterhalt durch ein Abhängigkeitsverhältnis der Bevölkerung (Vergabe von Arbeitsplätzen, Kapital und Lizenzen) sicherstellten.[17] Kapitalallokation und der Erfolg oder Misserfolg einer privaten Unternehmung war demnach nicht von seiner wirtschaftlichen Performance, sondern von der Unterstützung des jeweiligen regionalen Führers abhängig. Die Begünstigung gewisser Eliten durch korrupte Transaktionen erzeugte Patronagenetzwerke und behinderte verantwortungsvolle, wirtschaftliche Entwicklung sowie Wachstum. Die Angst der Regionen von einer der anderen dominiert zu werden, erzeugte ein Spannungsverhältnis, das eine konstante Linie, Umsetzung und Planung der nationalen Wirtschaftspolitik unmöglich machte.[18] Durch die starke Zunahme gewaltsamer Ausschreitungen unter den verschiedenen ethnischen Gruppen sowie den wachsenden regionalen Konkurrenzkampf, erlebte Nigeria 1966 seinen ersten Militärputsch, welcher den ersten Demokratisierungsversuch zerschlug. Es konnte kein politischer Rahmen aufgebaut werden, der es ermöglichte Ressourcen- und Kapitalflüsse verantwortlich zu kontrollieren und auszubauen. Eine Grundlage für die Planung langfristiger fiskal-politischer Maßnahmen und Investitionen konnte nicht geschaffen werden.

[...]


[1] Vgl. Central Intelligence Agency, Fact Book (2010)

[2] Wert: 2008 Vgl. U.S. Energy Information Administration (2009)

[3] Vgl. Central Intelligence Agency, Fact Book (2010)

[4] Vgl. Lewis, Peter M. (2007), S. 44

[5] Vgl. Singer, H.W.; Sumit, Roy (1993), S. 2

[6] Vgl. Lewis, Peter M. (2007), S. 42

[7] Vgl. Lewis, Peter M. (2007), S. 44

[8] Vgl. ebd., S. 14

[9] Vgl. Maier, Karl (2002), S. 8

[10] Vgl. ebd., S. 9

[11] Vgl. Osaghae, Eghosa E. (1998), S. 413

[12] Vgl. Lewis, Peter M. (2007), S. 58

[13] Vgl. Lewis, W. Arthur (1967), S. 9

[14] Vgl. Stapleton, G. Brian (1967), S. 214

[15] Vgl. Pearson, Scott R. (1970), S. 34

[16] Vgl. Lewis, Peter M. (2007), S. 129

[17] Vgl. ebd., S. 130-132

[18] Vgl. Maier, Karl (2002), S. 12

Details

Seiten
21
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656429067
ISBN (Buch)
9783656434740
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v214772
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Institut für Wirtschaftswissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Volkswirtschaftslehre VWL Makro Makroökonomie Afrika Nigeria Westafrika Fiskalpolitik Geldpolitik Erdöl Ölpreis Patronage Biafra-Krieg Dutch Disease Obasanjo Ölboom Ölsektor Babangida Weltbank Abacha Korruption IMF Staatsverschuldung Korruptionsbekämpfung Transparency International Protektionspolitik Holländische Krankheit

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Titel: Wirtschaftspolitische Analyse Nigerias von 1960 bis 2010