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Müßiggang in der modernen Großstadt: Franz Hessels „Ein Flaneur in Berlin“ und Georg Simmels „Die Großstädte und das Geistesleben“

Hausarbeit 2013 16 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. Georg Simmel: Die Großstädte und das Geistesleben
2. Franz Hessel: Ein Flaneur in Berlin
2.1. Die literarische Flaneurfigur
2.2. Kurze Skizzierung des Inhalts
3. Die Bedeutung der Großstadt für den Flaneur
3.1. Der Flaneur und das Tempo der Großstadt
3.2. Flanerie – eine Form des Selbstschutzes
3.3. Die Inkarnation des Großstädters
3.4. Flanieren im Sitz der Geldwirtschaft
3.5. Spazieren mit Herz

III. Schluss

IV. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Die Seele baumeln lassen. Freiheit schnuppern. Sich keinem Zwang unterwerfen und einfach mal sein. Schönheit genießen. – Und das inmitten dem hektischen, lärmenden, teilweise stinkenden Berlin? Kann das funktionieren? Warum ist es wichtig? Wie passen Müßiggang und Großstadt zusammen? Welche Perspektiven eröffnet ein Zusammenspiel?

In dieser Hausarbeit möchte ich untersuchen, wie die Rolle des Müßiggangs in der modernen Großstadt in Franz Hessels „Ein Flaneur in Berlin“ im Vergleich mit Georg Simmels Essay „Die Großstädte und das Geistesleben“ dargestellt wird.

Zunächst werde ich dazu einen groben Überblick über die beiden Texte geben.

Der in Georg Simmels 1903 veröffentlichten „Philosophie des Geldes“ enthaltene Essay „Die Großstädte und das Geistesleben“, die eine soziologisch-philosophische Perspektive der Stadtbetrachtung bietet, stellt er die charakteristischen Eigenschaften der Großstadt im Vergleich zum Landleben bzw. der Kleinstadt, ihre Auswirkungen auf das Individuum sowie ihre Bedeutung dar.

Franz Hessel stellt mit seinem „Flaneur in Berlin“ von 1929 eine Figur vor, die in einer solchen Großstadt lebt. In diesem Buch erzählt ein „Müßiggänger inmitten der Geschäftigen“[1], was er bei seinen Berlinerkundungen wahrnimmt, womit sich ein Vergleich der beiden Texte dazu eignet, zu untersuchen, wie die damalige Literatur Müßiggang und Großstadt vereint.

Im Folgenden sollen danach die charakteristischen Eigenschaften der modernen Großstadt, wie sie der Begründer der Stadtsoziologie Georg Simmel herausgearbeitet hat, auf ihre Bedeutung für den Müßiggänger in der Großstadtlandschaft bei Hessel untersucht werden.

Besonders wird betrachtet, in welchem Verhältnis Müßiggang in der Großstadt zur Blasiertheit, zum Liberalismus und zur Liebe (im weitesten Sinne) steht, und schließlich welche möglichen Rollen des Müßiggangs in der Großstadt die Literatur anbietet.

II. Hauptteil

1. Georg Simmel: „Die Großstädte und das Geistesleben“

Erstes bedeutendes Merkmal der Großstadt im Vergleich zur Kleinstadt oder dem Landleben ist laut Simmel ihr Tempo. Alle Kräfte der Großstadt greifen pünktlich und perfekt wie kleine Zahnräder ineinander, um Chaos zu vermeiden. So sind auch ihre Bewohner dem Diktat der Zeit unterworfen[2]. Simmel bezeichnet den Menschen als „Unterschiedswesen“, das die Dinge in ihrer Ungleichheit wahrnimmt. Aufgrund der herrschenden Vielfalt (an Menschen und generell Verschiedenem) in der Stadt, prasseln neue Eindrücke nur so auf die Menschen ein, und sie müssen diese Impressionen im Sprint verarbeiten[3]. Dies ist wohl der Grund dafür, weshalb die großstädtische Wahrnehmung in der Literatur zu jener Zeit (zwischen 1900 und 1930, als sich die Kleinstädte zu Metropolen entwickelten) geprägt ist von Bewegung, Verkehr und Dynamisierung[4].

Das zweite wichtige Charakteristikum der Großstadt in Simmels Essay ist die Tatsache, dass Großstädte die Sitze der Geldwirtschaft sind[5].

Zudem hat der Großstädter, um die Seele gegen das schnelle Tempo, gegen „die Vergewaltigung der Großstadt“ zu schützen, ein „Schutzorgan gegen die Entwurzelung“ gebildet: Die Verstandesmäßigkeit[6]. Simmel siedelt sie in den oberen Schichten der Seele an, während Gefühlsmäßigkeit in den Tiefen zu finden sei und „an dem ruhigen Gleichmaß ununterbrochener Gewöhnung“[7] wachse, wie sie auf dem Land herrscht.

Geldwirtschaft und Verstandesmäßigkeit haben Sachlichkeit und Formalität gemein[8]. So ist die Großstadt nicht nur Ort des Verstandes, sondern auch der Anonymisierung und der Versachlichung sozialer Beziehungen.

All diese genannten Eigenschaften der Großstadt wirken sich, glaubt man Simmel, auf das Individuum aus und äußern sich am meisten in einer „seelische Erscheinung“, die er als „Blasiertheit“ bezeichnet[9]. Blasiertheit rühre aus der Unfähigkeit des Menschen, auf die Masse an neuen Reizen jedes Mal mit der dafür nötigen Energie zu reagieren. Sie werden zwar noch wahrgenommen, aber ihnen wird keine Bedeutung mehr beigemessen. Blasiertheit sei die „Abstumpfung gegen die Unterschiede der Dinge“[10]: Eine äußerliche Reserviertheit und innerliche Gleichgültigkeit bis hin zur Aversion gegenüber den Dingen und Menschen zum Schutz der eigenen Seele.

Blasiertheit, Anonymisierung und Versachlichung repräsentieren die eine Seite, die das Leben in der Großstadt auszeichnet.

Auf der Kehrseite bedeuten sie aber auch Gewinn und Ausdifferenzierung persönlicher Freiheit[11] und Individualität[12]. Durch die Heterogenität der Menschen in der Großstadt und ihre bloße Anzahl gewinnt der Mensch, anders als im engen, festen und begrenzten sozialen Bindungsnetz der Kleinstadt, Bewegungsfreiheit. Diese Freiheit ist zweischneidig zu sehen, da wie Simmel betont Freiheit nicht gleich persönlichem Glück zu setzen ist.

Frei sind aber nicht nur ihre Bewohner, sondern auch die Großstadt selbst ist unabhängig von den in ihr lebenden Persönlichkeiten. So charakterisiert Simmel die moderne Großstadt: Als Ort, an dem die objektive, „über alles Persönliche hinauswachsende Kultur“[13] die Überhand gewinnt, während das Individuum dem gar nicht gewachsen ist. Konkret bedeutet das eine Erleichterung des Lebens durch die permanenten, allgegenwärtigen Angebote an Zerstreuung, die die Menschen „wie in einem Strome tragen, in dem es kaum noch eigener Schwimmbewegung bedarf“[14]. Andererseits sind diese dargebotenen Lebensinhalte zunehmend unpersönlich. Die Ausbildung der Individualität erklärt sich also durch die Schwierigkeit, in einer großen Anzahl von Leuten und der herrschenden Unpersönlichkeit überhaupt aufzufallen und seine Person zur Geltung zu bringen.

[...]


[1] Müller, Lothar: „Peripatetische Stadtlektüre. Franz Hessels Spazieren in Berlin“. In: „Genieße froh, was du nicht hast. Der Flaneur Franz Hessel“. Hrsg.: Michael Opitz & Jörg Plath. Verlag Königshausen & Neumann GmbH. Würzburg 2007. S. 75

[2] Simmel, Georg: „Die Großstädte und das Geistesleben“ (1903). In: „Die Großstadt. Vorträge und Aufsätze zur Städteausstellung.“ Jahrbuch der Gehe-Stiftung Dresden. Hrsg.: Th. Petermann. Dresden 1903. Band 9. S. 185-206. S.3

[3] Ebd. S.1

[4] Becker, Sabrina: „Urbanität und Moderne. Stunden zur Großstadtwahrnehmung in der Literatur 1900-1930“. Werner J. Röhrig Verlag. St. Ingbert 1993. S.49

[5] Simmel, Georg: „Die Großstädte und das Geistesleben“ (1903). In: „Die Großstadt. Vorträge und Aufsätze zur Städteausstellung.“ Jahrbuch der Gehe-Stiftung Dresden. Hrsg.: Th. Petermann. Dresden 1903. Band 9. S. 185-206. S. 2

[6] Ebd.

[7] Ebd. S. 1

[8] Ebd.

[9] Simmel, Georg: „Die Großstädte und das Geistesleben“ (1903). In: „Die Großstadt. Vorträge und Aufsätze zur Städteausstellung.“ Jahrbuch der Gehe-Stiftung Dresden. Hrsg.: Th. Petermann. Dresden 1903. Band 9. S. 185-206. S. 4

[10] Ebd.

[11] Simmel, Georg: „Die Großstädte und das Geistesleben“ (1903). In: „Die Großstadt. Vorträge und Aufsätze zur Städteausstellung.“ Jahrbuch der Gehe-Stiftung Dresden. Hrsg.: Th. Petermann. Dresden 1903. Band 9. S. 185-206. S. 6

[12] Ebd. S. 7 und Müller, Lothar: „Die Großstadt als Ort der Moderne. Über Georg Simmel“. In: Scherpe, Klaus R.: „Die Unwirklichkeit der Städte. Großstadtdarstellungen der Moderne und Postmoderne“. Hrsg.: Burghard König. Rowohlts Taschenbuch Verlag GmbH. Heinbeck bei Hamburg 1988. S. 24

[13] Simmel, Georg: „Die Großstädte und das Geistesleben“ (1903). In: „Die Großstadt. Vorträge und Aufsätze zur Städteausstellung.“ Jahrbuch der Gehe-Stiftung Dresden. Hrsg.: Th. Petermann. Dresden 1903. Band 9. S. 185-206. S. 10

[14] Ebd.

Details

Seiten
16
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656429081
ISBN (Buch)
9783656435372
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v214770
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Peter Szondi-Institut
Note
1,3
Schlagworte
Hessel Simmel Müßiggang Muße Großstadt

Autor

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Titel: Müßiggang in der modernen Großstadt: Franz Hessels „Ein Flaneur in Berlin“ und Georg Simmels „Die Großstädte und das Geistesleben“