Lade Inhalt...

William Kentridge. Zeno Writing

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 21 Seiten

Kunst - Kunstgeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Kapitel

2. Ein Traum(a) in fünf Akten?

3. Im Reich der Schatten

4. Der aktivierte Betrachter - Zum Verhältnis von Einbildungskraft und Erinnerung

5. Die Magie der bewegten Bilder

6. Das Konzept ,Zufall‘ oder ,A new sense of automatism‘

7. Komplexität statt Drama

8. Zurück zur Moderne - Nostalgie oder Strategie?

9. Rückblick auf eine besondere Reise

10. Literaturverzeichnis

1. Kapitel

Wir sehen, wie Wörter und Zahlen auf einem weißen, linierten Hintergrund erscheinen. Die Hand, die sie zeichnet, bleibt unsichtbar. Nur das Kritzeln des Stiftes ist zu hören. Die Zeichen scheinen wie von selbst zu entstehen. Gleichzeitig tauchen sie an verschiedenen Stellen des Blattes auf, wachsen zu Wörtern heran. Dicke schwarze Balken legen sich über sie und immer noch bleibt die Hand, die hier durchstreicht, unsichtbar. Vergeblich versucht der Zuschauer die Zeichen zu lesen. Es handelt sich um eine verschlüsselte Schrift. Sie operiert mit den uns vertrauten Mitteln, mit Buchstaben und daraus gebildeten Wörtern. Der Code ist uns allerdings nicht bekannt. Die Zeichen entwickeln sich scheinbar spontan und unkontrolliert und offenbaren dadurch ihre Rätselhaftigkeit.

Das Schriftbild führt über zum nächsten Bild. Die schwarzen Balken nehmen jene Formen vorweg, die im folgenden Bild eine Landschaft erscheinen lassen. Durch eine Staffelung von schwarzen, hügelartigen Flächen entsteht ein tiefer Raum. Ohne diese Formen gäbe es keinen Horizont, sie unterteilen die weiße Fläche in Boden und Himmel. Die Illusion ist nicht perfekt. Der Raum bleibt abstrakt und öffnet sich gerade deswegen den verschiedensten Assoziationen. Man kann in ihm sowohl in dichten Nebel versunkene Berge als auch eine düstere Moorlandschaft sehen. Ohne Frage handelt es sich um eine rätselhafte, fantastische Landschaft, eine Traumlandschaft ohne festen Boden. Figuren, schwarze Silhouetten, treten auf.

Zuerst stelzt ein Mischwesen aus Mädchenkopf und Vogelkörper auf umgedrehten Bohrtürmen durchs Bild. Als nächstes blicken wir wieder auf ein flaches Papier, das von Wörtern bevölkert ist. Wie ein Band im Wind weht eine Linie über das Blatt, man hört den Luftzug. Einen Moment später stehen wir erneut vor der tiefen Landschaft. Im Hintergrund bewegt sich ein Mann mit Hut und Mantel von Links kommend auf eine zweite Figur im Zentrum zu. Deren Gestalt und Bewegungen lassen an einen Menschenkörper denken, auch wenn ihr Kopf eher einem Lautsprecher ähnelt. Seltsamerweise hört man weiterhin Schreibgeräusche. Das weibliche Vogelwesen taucht im Vordergrund auf und versperrt uns mit seinen Bohrturmstelzen den Blick auf die Szene im Hintergrund. Die Beine wirken dieses Mal riesig und so nah, dass man das Gefühl bekommt, das Wesen bewege sich nicht mehr im Bildraum, sondern vor der Leinwand, als sei es hinübergetreten in den Kinosaal. Wieder erscheint das Schriftbild. Eine lebendig gewordene Linie durchquert es. Aus ihr entsteht am unteren linken Bildrand eine Form, die uns an einen bekannten Gegenstand erinnert. Es handelt sich nicht um die Abbildung eines Waschbeckens und trotzdem projizieren wir unsere Vorstellung dieses alltäglichen Gegenstandes in die ihm ähnelnde Form. Zurück in der Landschaft. Der Mann im Mantel ist mittlerweile bei der Lautsprecherfigur angekommen. Eine abrupte Drehung um 90 Grad verwandelt ihn in einen Gegenstand, in eben jenes Waschbecken, das noch kurz zuvor als Zeichnung zu sehen war. Neue Assoziationen werden freigesetzt. Die Erinnerung an den Mann lässt einen das Waschbecken anders sehen, plötzlich ist da die Ähnlichkeit zu einem menschlichen Skelett. Währenddessen schaut vom linken Vordergrund aus das Mädchen-Vogel-Wesen ins Bild. Ihr Blick und der der Lautsprecherfigur, die sich nun im Mittelgrund befindet, scheinen auf die Verwandlung gerichtet zu sein. Die Blicklinien fallen zusammen, bilden eine einzige, in die Tiefe führende Diagonale. Es scheint als würde hier spielerisch über Raumillusion und Perspektive reflektiert.

Im Wörterfeld der nächsten Zeichnung fließen mehrere Linien zusammen, um die Konturen eines weiblichen Aktes zu bilden. Die angrenzende Schrift verdichtet sich dabei zu einem dunklen Hintergrund, von dem sich der helle, sinnliche Körper abzuheben beginnt. Nach und nach erscheinen Brüste, Beine und Scham einer sich gerade entblößenden Frau. Und schon befinden wir uns wieder vor der Bühne. Gleich einem sich hebenden Vorhang durchqueren die Stelzen ein weiteres Mal den Vordergrund. Eine neue Figur gesellt sich zur Zweiergruppe im hinteren Bereich und singt in den Lautsprecherkopf.

In der nächsten Einstellung ist die Lautsprecherfigur nah an uns herangerückt. Von links erscheint nun eine Gestalt, deren Form an die Silhouette einer Frau erinnert, aber nicht nur. Die Figur ähnelt vor allem einem mechanischen Apparat, dessen Teile beziehungsweise Glieder sich synchron zur Musik bewegen. Die Töne scheinen der Figur, gleich einem Musikinstrument, zu entweichen.

Plötzlich wird die Stimmung dramatisch. Mit dem Auftreten weiterer Figuren, einer Frau mit extravagantem Kleid und Hut, die von zwei kleineren Gestalten flankiert wird, beginnt ein Chorgesang, wobei Lautstärke und Pathos ansteigen. Das Erscheinen mehrerer aufgeregter Lautsprecherfiguren und einer wild durchs Bild klappernden Zange bringt schließlich Chaos ins Bild.

„Wenn die Zauberkräfte des Schattens und des Doubles auf einem weißen Bildschirm in einem nächtlichen Saal zusammenwirken, wenn der Zuschauer in seiner Wabe steckt - eine Monade, die für alles, mit Ausnahme der Bildwand, verschlossen ist, eingehüllt in die doppelte Plazenta einer anonymen Gemeinschaft und der Dunkelheit -, wenn die Ventile jeder eigenen Tat verstopft sind, dannöffnen sich für ihn die Schleusen des Mythos, des Traumes, der Magie.“ 1

2. Ein Traum(a) in fünf Akten?

Die Videoarbeit Zeno Writing, mit der William Kentridge 2002 an der Documenta 11 teilnahm, kombiniert Schattentheater mit animierten Zeichnungen und dokumentarischem Filmmaterial. Auch wenn der Titel des Film auf Italo Svevos Roman La coscienza di Zeno von 1923 anspielt, ist er keineswegs die visuelle Umsetzung der literarischen Vorlage. Während der Romanleser in eine autobiographische Erzählung eintaucht - Der Protagonist Zeno Cosini therapiert sich durch das Schreiben eines Tagebuches selbst - versucht der Zuschauer vergeblich die fünf Kapitel des Films zu einer Geschichte zu verbinden. Bezüge zwischen Roman und Film gibt es dennoch. Kentridge thematisiert den Prozess des Schreibens. Mit dem Titel ‚Zeno schreibt’ wird suggeriert, dass es Zenos Gedanken sind, die sich vor den Augen des Zuschauers entfalten.

Charakteristisch für Kentridges Arbeitsweise ist die Kombination verschiedener Medien. Zeno Writing fasziniert vor allem durch den eleganten Wechsel von einem Medium zum anderen, durch die fließenden Übergänge zwischen den Bildern. Motive, die Kentridge mit Kohle auf weißes Papier zeichnet, werden von den aus schwarzem Tonpapier gerissenen und zusammengesetzten Schattenfiguren aufgegriffen oder fließen ein in die aus Filmaufnahmen in Schwarzweiß montierte Bilderflut. Während die Gestaltung der Tonpapierfiguren und das gezeichnete Interieur vor allem an die bürgerliche Welt des ausgehenden 19. Jahrhundert denken lassen, zeugen die Filmaufnahmen von kollektiven Erfahrungen zur Zeit des ersten Weltkrieges. Aufnahmen eines sprudelnden Brunnens oder einer gehobenen Gesellschaft in sommerlicher Kleidung stehen im Kontrast zu den düsteren Frontaufnahmen, den Schützengräben und Explosionen. Auf einer formalen, assoziativen Ebene geht das sprudelnde Wasser jedoch den Schutt spritzenden Detonationen voraus, entwickelt sich filigran gezeichnetes Schmiedewerk aus aufsteigendem Zigarettenrauch. Was Kentridges Bilder- Collage vermittelt ist die Atmosphäre einer von großen Veränderungen geprägten Zeit. Während die Verwandlung eines gezeichneten Ehebettes in einen Käfig die Ambivalenz von Annehmlichkeiten und Enge der bürgerlichen Welt spüren lässt, machen die Prozessionen gebeugter Menschen-Bäume, von Stacheldraht gesäumte Landschaften und Rauchschwaden eine von Not und Krieg gezeichnete Realität sichtbar.

„Something about shadows makes us very consious of the activity of seeing“ 2

3. Im Reich der Schatten

Kentridge begann seine Erforschung von Schatten um 1996 mit dem ersten in einer Reihe von Projekten, die auf Albert Jarrys Theaterstück Ubu Roi von 1896 zurückgehen. Die dafür verwendete Technik bei der Figuren hinter einer rückwärtig beleuchteten Projektionsfläche bewegt werden, entwickelte Kentridge in seinen anderen auf Schatten basierenden Arbeiten weiter. Für Shadow Procession (1999) filmte er die Silhouetten von Scheren, Zirkel, Kaffeekannen und Figuren aus Papierausrissen. Die aus gerissenem Tonpapier, später auch aus Gegenständen, zusammengesetzten Figuren wurden von Kentridge nicht nur animiert, sondern auch für Collagen oder für Theaterproduktionen verwendet. Zeno Writing entstand in Zusammenarbeit mit der Handspring Puppet Company, mit der Kentridge seit 1992 kooperiert. Vorläufer der Figuren aus dem Film stammen aus diversen Theaterprojekten.3 Die Theaterproduktion Zeno at 4 a.m.4 ging der Videoarbeit Zeno Writing voraus, der wiederum eine Bühnenfassung mit dem Titel Confessions of Zeno5 folgte.

Kentridge Schattenfiguren, egal ob sie auf der Bühne von Puppenspielern bewegt und dabei auf die Leinwand projiziert werden oder wie im Film in mehrschichtigen Papierkulissen auftreten, sind stumm. Anfang der 80er Jahre hatte sich Kentridge an der École Internationale de Théâtre Jacques Lecoq in Paris zum Pantomime ausbilden lassen. Sowohl Kentridges Zeichnungen als auch sein Schattenspiel scheinen von dieser non-verbalen Ausdrucksweise, bei der über Gestik und Körperhaltung kommuniziert wird, beeinflusst.

In Vorträgen, Interviews und Texten über seine Schattenarbeiten bezieht sich Kentridge immer wieder auf Platons Höhlengleichnis. Ein Bild das bis heute metaphorisch für den Weg zur Erkenntnis steht und zugleich eine durchaus treffende Beschreibung der Welt des Kinos darstellt. Kentridge versteht Platons Gleichnis als „an astonishingly powerful image - one of the founding documents of the Western philosophical tradition. It sets the tone for the questions of enlightenment, and moving towards light as being moving towards knowledge.“6 Für Platon sei das Verlassen der Höhle ein Streben zum Wissen, weg von Ideologie oder falschem Bewusstsein, weg von der Erscheinung, hin zur Substanz beziehungsweise zum Wesen. Während das Licht in Platons Gleichnis für Erkenntnis steht, repräsentieren Schatten tiefe Ignoranz und Primitivismus.

[...]


1 Morin, Edgar: Der Mensch und das Kino. Eine anthropologische Untersuchung, Stuttgart 1958, S. 111

2 William Kentridge: Black Box: Between the Lens and the Eyepiece, in: Ausst.-Kat. William Kentridge: Black Box/ Chambre Noire (Deutsche Guggenheim), Berlin 2006, S. 43

3 Am 11.06.2002, in einem Vortrag für Studenten der Städelschule in Frankfurt am Main, beschrieb Kentridge den Entstehungsprozess der Videoarbeit Zeno Writing, die zu diesem Zeitpunkt bereits auf der Documenta 11 in Kassel zu sehen war. Eine Aufzeichnung des Vortrags befindet sich in der Bibliothek der Städelschule.

4 Für die Theaterproduktion wurden Figuren aus Papier, Holz und anderen Materialien auf der Bühne bewegt, aufgenommen und auf eine Leinwand projiziert. Daneben traten Sänger, ein Streichquartett sowie ein Schauspieler auf, vgl. William Kentridge: Praise of Shadows, in: Ausst.- Kat. William Kentridge (Castello die Rivoli Mueso d‘Arte Contemporanea) Rivoli-Torino 2004

5 Confessions of Zeno wurde vom Schauspiel Frankfurt produziert und am 13. Juni 2002 in der Kommunikationsfabrik Schmidtstrasse uraufgeführt.

6 William Kentridge: Praise of Shadows, in: Ausst.-Kat. William Kentridge (Castello die Rivoli Mueso d‘Arte Contemporanea) Rivoli-Torino 2004, S. 156

Details

Seiten
21
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656429258
ISBN (Buch)
9783656436089
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v214746
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,3
Schlagworte
william kentridge zeno writing

Autor

Zurück

Titel: William Kentridge. Zeno Writing