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Die Gestalt der Fee: Ursprung der Feendarstellungen und deren Aufgabe im Artusroman

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 23 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

1. Einleitung

Die Forschungsliteratur zu der Gattung Artusroman nimmt an, dass dieser ihre Hauptquelle in Britannien (England, Irland, Bretagne) hat. Weiter zurück liegt die Annahme, die mündlichen keltischen Erzählungen, d.h. keltische Mythologie sei die Hauptquelle der arthurischen Tradition.

Viel ist über König Artus und seine Tafelrunde geschrieben worden. Auch von den deutschen Gelehrten, aber nur wenige wussten, dass sie diese wunderbaren Sagen den Kelten[1] zu verdanken haben. Ihre Mythen haben die europäische Literatur bereichert. Keltische Literatur wird kaum von einer anderen übertroffen, da sie sehr reich an Einbildungskraft und glänzender Schilderung ist. Genau wegen dieser Vielfältigkeit hat man gerne die Motive aus den Mythen übernommen und sie der damaligen mittelalterlichen Kultur angepasst.

Die Artusepik geht zurück auf die Kämpfe des keltischen Königs Artus gegen die Angelsachsen im 6. Jahrhundert und ist durch keltische Mythologie geprägt.

Die märchenhafte Gestaltung des Artusromans ist mit seiner Stoffquelle eng verbunden. Die Schauplätze (Schlösser, Wälder, Quellen, Brunnen) und das Auftreten der Märchen- und Fabelwesen (sprechenden Tieren, Drachen, Riesen und Zwergen) bilden den Hintergrund für das Märchenhafte. Diese Tradition, die in Irland, Wales und Cornwall entstanden ist, wurde von den Gechichtenerzählern an die Bretonen weitergegeben. Diese widerum gaben sie an Franzosen und Anglonormanen weiter.

Sowohl die Topographie des Artusromans, als auch die verschiedene Gestalten wurden als Motive aus der keltischen Mythologie übernommen. Zudem nimmt man an, dass die arthurischen Feen der keltischen Mythologie entsprungen sind, da man eine enge Beziehung zwischen ihnen und den keltischen Göttinnen ausmachen kann.

Diese Arbeit beschäftigt sich dementsprechend mit der Motivik der Feen im mittelhochdeutschen Artusroman und welche Funktion sie in der Handlung des Romans zu erfüllen haben.

2. Herkunft der Feenfiguren in der Artusliteratur

Das Wort Fee ist auf das lateinische Wort fatum zurückzuführen. Dies bedeutet soviel wie ‚Schicksal‘ oder ‚Schicksalsspruch‘. Das mittelhochdeutsche feie ist ein Lehnwort aus dem Französischen. Die altfranzösischhe Form fae oder auch fée entspringt dem englischen fay.

Der Name wurde den höheren weiblichen Wesen gegeben, die sich um das Schicksal der Menschen kümmerten und die Zukunft voraussagen konnten. Ausserdem sind sie mit Zauberkräften ausgestattet.

Feen sind eine Quelle der Inspiration und Faszination für Menschen seit vielen Jahrhunderten. Sie gehören unzertrennlich zu den Artusromanen des Mittelalters, aber es ist schwierig zu sagen was eine Fee charakterisiert, weil ihre Figur vom Autor zu Autor andere Züge annimmt.

2.1 Keltische Mythen

Die Ursprünge der Feenfigur liegt in der keltischen Mythologie. Dieser Ansicht sind die zahlreichen Forscher, die sich mit Feen befasst haben. Die Feen sollen demnach frühere keltische Gottheiten gewesen sein. Sie sind zwar nicht unsterblich, wie es Gottheiten normalerweise sind, aber altern offensichtlich langsamer als Menschen. Desweiteren vergeht die Zeit im Feenreich scheinbar langsamer als in der übrigen Welt.

Die Feen sind zwar höhere Wesen bezeichnet, doch sie stehen den Menschen weit näher als Götter. Während sie sich aus der Ferne bewundern und verehren lassen, mischen sich die Feen unter das Volk. Sie werden meistens als heiter, besonders schön und niemals alternd beschrieben und darüber hinaus auch noch als glückbringend. All das spiegelt wider, dass die Feen von ihrem Wesen her, das gute Prinzip verkörpern.

Die Feen und andere märchenhafte Wesen des Artusromans leben in der Anderwelt[2]. Für die Kelten gab es keine scharfe Trennung zwischen Diesseits und Jenseits. Man spricht eher um einen fließenden Übergang. Menschen konnten die Anderwelt an geographischen Initialpunkten betreten: Höhlen, Brunnen, Quellen oder Seen. Die Anderwelt war ein genaues Abbild unserer Welt. Sie ist nur viel prächtiger und strahlender und ein Ort des grenzenloses Glücks, wo es weder Hunger noch Krankheit oder Tod gibt.

Das Territorium der Feen, wie schon aus der keltischen Mythologie bekannt, überschneidet sich manchmal mit dem der Menschen. Durch ein Tor im Berg, in einer Schlucht oder Höhle gelangt man in die Feenwelt, die unter Umständen geographisch der realen Welt entspricht. Seen, Flüsse, Täler, Berge, Wiesen sind wie in der Wirklichkeit. Diese Welt macht aber meist einen reicheren Eindruck. Allerdings ist sie nur ein wesentlicher Teil der Artuswelt.

Die schönen Bewohnerinen der Anderwelt, die Feen, können unsere Welt einfach betreten. Nicht selten verlieben sich die Erdenbewohner nicht selten in die zauberhaften Geschöpfe. Die Beziehung zwischen einem Sterblichen und einer Fee findet man in vielen Artusromanen.

2.2 Fee Morgane

Die bekannteste Fee ist eindeutig Morgane. Sie ist die Schwester des König Artus, die eine wichtige Rolle als Herrscherin über die Feeninsel Avalon[3] spielt. In der klassischen Mythologie war Morgane eine der drei Königinnen, die dem sterbendem Artus auf dem Schlachtfeld von Camelot erscheint.[4] Aus diesem Grund zieht man erste die Parallelen zu der keltisch-irischen Göttin Mórrígan. Sie gilt als Prototyp aller keltischen Feen und somit auch als direkte Vorgängerin Morgans. Man hat ihr Name als „Königin der Spukgeister“ gedeutet und sie als Botin des Totenreiches bezeichnet.[5] Sie ist die triadische Göttin des Himmels, der Erde und der Unterwelt. Zudem ist sie die dreifaltige Mondgöttin und erscheint in Gestalt einer Jungfrau, Braut und einer alten Frau. Sie ist von überwältigender Schönheit. Ihre magische Vögel können Lebende in Tod versenken und die Toten wiedererwecken. Sie herrscht über ein Paradies mit goldenen Äpfeln.[6] Mórrígan ist auch unter einem anderen Aspekt bekannt.

Sie tritt als Kriegesgöttin auf. Einer Beschreibung nach hat Mórrígan lange, schwarze Haare, desweiteren ist sie als furchteregende Furie, die oft in Gestalt eines Raben über dem Schalchtfeld kreist, um Tod und Zerstörung anzukündigen, bezeichnet. Als Kriegesgöttin erscheint sie ebenfalls als altes Weib oder nimmt doch das Aussehen einer schönen, jungen Frau an.[7]

Der walisische Gegenpart zu Mórrígan ist die Muttergottheit Modron. Sie ist die Tochter Afallachs (eines Königs des Feenvolkes Tylwyth Teg) und Mutter und Gattin des Sohnenkönigs Mabon. Sie wird stets von Zaubervögeln begleitet und als Herrscherin über das Leben und den Tod beschrieben. Somit hat man hier lediglich mit der Variation desselben Themas, wie bei Mórrígan zu tun.

Man nimmt an, dass diese zwei Gottheiten als Vorlage für die entstandene Figur der Fee Morgane gedient haben.. Diese Annahme kann durch die lange Beschreibungen der Fee, die in Hartmanns von Aue Erec Fâmurgân heisst, teilweise bestätigt werden.

In dieser Beschreibung heilt die Königin Ginover den verwundeten Erec mit einem Pflaster, das Fâmurgân angefertigte. Seiner Beschreibung der Fee kann man folgende Charakteristika entziehen: Sie wird als außernatürliches Wesen bezeichnet. Sie kennt sich mit Zauber aus. Sie kann Menschen, bzw. Männer in Tiere verwandeln und dann ihnen ihre ursprüngliche Gestalt wieder zurückgeben. Sie ist eine Dämonin, der die Tiere und Teufel dienen. Sie ist der Heilkraft kundig und hat schon einige Tote geheilt. Durch ihre Flugkünste vermöge sie in einer Handumdrehung die Welt umrunden. Sie beherrsche die vier Elemente und außerdem auch die Welt und Unterwelt, ohne die christliche Macht anzuerkennen.

wundert nû deheinen man,/ der’z gerne vernæme, von wannen diz phlaster kæme,/ daz hâte Fâmurgân,/ des küneges swester, dâ verlân/ lange vor, dô si erstarp./ waz starker liste an ir verdarp/ unde vremder sinne!/ si was ein gotinne./ nu enmac diu wunder niht gesagen/ von ir, man muoz ir mê verdagen,/ der diu selbe vrouwe phlac./ doch sô ich meiste mac,/ sô sage ich, waz si kunde./ swenne si begunde/ ougen ir zouberlist,/ sô hâte si in kurzer vrist/ die werlt umbevarn dâ/ unde kam si wider sâ./ ich enweiz, wer si’z lêrte./ ê ich die hant umb kêrte/ oder zuo geslüege die brâ,/ sô vuor si hin und schein doch sâ./ si lebete ir vil werde:/ in lufte als ûf der erde/ mohte si ze ruowe sweben,/ ûf dem wâge und dar under leben./ ouch was ir daz untiure,/ si wonte in dem viure/ als sanfte als ûf dem touwe./ diz kunde diu vrouwe./ und sô si des gern began,/ sô machete si den man/ ze vogele oder ze tiere./ dar nâch gap si im schiere/ wider sîne geschaft:/ si kunde eht zoubers die kraft./ si lebete vaste wider gote,/ wan ez warte ir gebote/ daz gevügel zuo dem wilde/ an walde und an gevilde,/ und daz mich daz meiste/ dunket, die übelen geiste,/ die dâ tiuvel sint genant,/ die wâren alle under ir hant./ si mohte wunder machen,/ wan ir muosten die trachen/ von den lüften bringen/ stiure zuo ir dingen,/ die vische von dem wâge./ ouch hâte si mâge/ tiefe in der helle:/ der tiuvel was ir geselle:/ der sande ir stiure/ ouch ûz dem viure,/ swie vil si des solde/ von dem ertrîche,/ des nam si unangestliche/ alles selbe genuoc./ diu erde deheine wurzen truoc,/ ir enwære ir kraft erkant/ alse mir mîn selbes hant. [...] sô gewan daz ertrîche,/ daz wizzet wærlîche,/ von zouberlîchem sinne/ nie bezzer meisterine/ danne Fâmurgân,/ von der ich iu gesaget hân./ von diu wære er niht wîser man,/ swer im wolde dar an/ nemen grôz laster,/ ob ouch si ein phlaster/ vür in geprüeven kunde./ jâ, wæn, man iender vunde,/ swie sêre man wolde ersuochen/ die kraft ûz arzâtbuochen,/ sô krefteclîche liste,/ die si wider Kriste/ uopte, sô des gerte ir muot. (V. 5153-5215/ 5226-5247)

Daraus schließt man, dass die folgende Charakteristika der Mórrígan sowohl auf Modron als auch auf Fâmurgân/Morgane zutreffen: Sie ist eine außernatürliche Frau. Sie kann ihre Gestalt verändern. Sie kann fliegen und sich in einen Vogel verwandeln und zuletzt kann sie die Verwundeten vom Schlachtfeld holen, um sie zu heilen.[8]

Dies sind genug Beweise, dass die Fee Morgane des deutschen Artusromanes ihren Ursprung in der irischen Göttin Mórrígan hat. Über eine Zwischenstufe, durch die Gestalt der walisischen Muttergöttin Modron fand sie den Eingang erst in die matière de Bretagne. Aus den französischen Quellen schöpften schließlich die deutschen Autoren ihre Ideen.

Somit ist Morgane in der mittelhochdeutschen Literatur als ‚Abglanz‘ der irisch – keltischen Göttheiten zu betrachten. Der keltische Mythos erlebte allerdings eine große Transformation in dem Artusroman. Nur einzelne Aspekte des Keltischen wurden auf die Feen übertragen. Die anderen Charakeristika wurden von dem Autor selber hinzugefügt.

So auch in dem Fall der Fee Morgane: Sie ist die heilende Schwester des Artus, aber nicht länger als gute Fee dargestellt.[9] Unter dem Einflus des Christentums wurden ihr boshaftige Eigenschaften zugeschrieben. Demnach ist sie eine Priesterin der schwarzen Kunst und in Verbund mit dem Teufel. Sie übt die Nekromantie aus und wird sogar als Dämonin bezeichnet. Ein solches Bild von ihr ist auch für die anderen Feen des Mittelalters weniger vorteilhaft. Da viele mittelalterlichen Autoren die Fee Morgane als Vorlage für ihre Feefiguren nehmen.

[...]


[1] Kelten sind kein bestimmter Volksstamm, sondern eine Gruppe von Völkern, denen eine der zahlreichen keltischen Sprachen eigen ist.

[2] Anderwelt ist wahrscheinlich aus Lucanus' De bello civili I hergeleitet, hier findet man den Namen orbis alius. Lucanus meint allerdings damit nicht direkt das Totenreich. Erst die mittelalterliche Keltische Literatur gibt dem Begriff die Deutung „Jenseitige Welt“.

[3] Avalon ist als mystische, im Nebel verborgener Ort beschrieben. Die Ankunft auf Avalon sei nur Eingeweihten möglich, welche die Macht haben, die heilige Barke zu rufen, und den Weg durch die Nebel zu finden.

[4] Aus Geoffreys of Monmouth ‚Historia‘.

[5] De Vries, Jan: Keltische Religion, Stuttgart, 1961. S.138

[6] Die walisischen Texte nennen Avalon ynys avallach, was mit ‚Insel der Apfelbäume‘ übersetzt werden kann und der Apfelbaum wiederrum gilt als typisches Zeichen der Anderwelt. Ó Riain-Raedel, S. 33.

[7] Axelrod, Gerald: Wo die Zeit keine Macht hat. Feen, Hexen und Druiden in der Sagenwelt Irlands, Freiburg 2000, S. 24

[8] Ó Riain-Raedel, Dagmar: Untersuchungen zur mythischen Struktur der mitttelhochdeutschen Artusepos, Berlin 1978 (Philologische Studien und Quellen, Heft 91), S. 31

[9] Bei Geoffrey ist Morgane eine gute Fee, die allerdings sowohl über die Kunst der Gestaltverwandlung verfügt, als auch über das Vermögen zu fliegen.

Details

Seiten
23
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656429685
ISBN (Buch)
9783656434511
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v214649
Institution / Hochschule
Universität Stuttgart – Abteilung für Germanistische Mediävistik
Note
1,7
Schlagworte
gestalt ursprung feendarstellungen aufgabe artusroman

Autor

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Titel: Die Gestalt der Fee: Ursprung der Feendarstellungen und deren Aufgabe im Artusroman