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Platons "Laches": Definitionsversuche der Tapferkeit und das Scheitern der Überführung von "Wissen" in propositionales Wissen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 20 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Vorbemerkungen

3. Gesprachsverlauf und Argumentation
3.1 Rahmenhandlung: Exposition
3.2 Diskursive Dialogebene
3.2.1 Erster AnlaufeinesDefinitionsversuchs
3.2.2 Definitionen des Laches
3.2.3 Definition des Nikias

4. Probleme der Deflnitionsversuche

5. Rettungsversuche der Definitionen

6. Ruckschlusse aus der Aporie fur propositionales Wissen

7. Zusammenfassung

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Laches gilt in der Wirkgeschichte der Forschung als kaum bedeutend. Das muss nicht verwundern, werden doch die entwickelten Themen bspw. in der Politeia weiterentwickelt; aufierdem endet dort der Definitionsversuch von Tapferkeit nicht in der Aporie. Merkwurdigerweise kann man aber aus diesem Definitionsdialog eben durch das aporetische Ende, mehr Erkenntnisse gewinnen als die sokratischen Aporien, die i. d. R. immer erkenntnisfordernd sind, sonst vermuten lassen. Es wird zu zeigen sein, dass durch die Aporie der Tapferkeitsdefinition auch das Verhaltnis von implizitem und propositionalem Wissen, somit die Uberfuhrbarkeit von Wissen, problematisiert wird.

Die Arbeit solljedoch zunachst den Dialog genauer darstellen. Ausgangspunkt wird die Rahmenhandlung resp. die szenische Dialogebene sein, die wichtige Voraussetzungen und Ruckschlusse fur die diskursive Ebene bietet. Sodann sollen die Definitionsversuche und ihre Widerlegungen, die dazu fuhren, dem Gemeinsamen der Tapferkeit stetig naher zu kommen, genauer betrachtet werden. Ebenso werden die Antworten auf ihre formal-logische Gestalt, die sich ebenfalls stetig einer Definition nahern, gepruft werden mussen. Anschliefiend wird die Untersuchung formaler Schwierigkeiten zwischen sokratischem Anspruch der Was-ist-X-Frage und den Antworten der Gesprachspartner aufschlussreich sein fur das Problem, implizites Wissen in propositionales zu uberfuhren. Letzteres soll abschliefiend skizziert werden, um die Aporie des Definitionsdialoges uber das Scheitern der Definitionen hinaus zu interpretieren.

2. Vorbemerkungen

Der Dialog Laches zahlt zu den platonischen Fruhdialogen, genauer zu den Tugenddialogen - wie auch Charmides und Euthyphron. Diese Dialoge sind v. a. dadurch gekennzeichnet, dass sie das Wesen der BegrifFe untersuchen, die einem Problem zugrunde liegen, welches in der Exposition noch allgemeiner verhandelt wurde. Dieses Problem ergibt sich in der Regel aus einer praktischen „Alltags“- Situation (Laches: die Frage nach der richtigen Erziehung, Euthyphron. vor dem Gericht, Frommigkeit bzgl. der Klage gegen seinen Vater); die Gesprachspartner sind also interessiert an der Klarung des Problems und verstehen sich in gewisser Weise als Experten auf dem untersuchten Gebiet, zumal sie sich mit dem Problem bereits auseinandergesetzt haben und in der weiteren Untersuchung der Tugenden meinen, daruber urteilen zu konnen, z. B., weil sie in Beschaftigungsgebieten tatig sind, denen bestimmte Tugenden zugesprochen werden, oder, weil sie aus einem gewissen Alter heraus (wie Kephalos in der Politeia) sich befahigt fuhlen, uber Lebensfuhrungsfragen und somit uber Tugenden verstandig urteilen zu konnen.

Der Laches zahlt ebenso zu den ,,aporetischen Definitionsdialogen“1, da das eigentliche Problem durch Sokrates zuruckgestellt wird und zunachst Sinn und Bedeutung des zugrundeliegenden Begriffes, auf den man sich schliefilich bezieht, der aber durch seine schwachen Konturen (somit durch verschiedene Prasuppositionen der Gesprachspartner) die Argumentation verwirrt, untersucht werden sollen, um dann anhand der gewonnenen Klarheit die fragliche Problemlage kompetenter und zielgerichteter beantworten zu konnen. Dazu kommt es jedoch nicht, da kein Definiens gefunden wird, das allen Einwanden standhalten kann, somit der Dialog in einer scheinbaren Ausweglosigkeit endet resp. die Weiterfuhrung vertagt wird. Dieses methodisch exakte und zielgerichtete (wenn auch realiter nicht zielerreichende) Vorgehen schlagt Sokrates meist dann vor, wenn bestimmte Handlungen, Verhaltensweisen oder Absichten (normativ) thematisch werden, die sich auf zugrundeliegende Vorstellungen von Begriffen, Entitaten, Konzepten, Dispositionen (wie Tapferkeit, Besonnenheit, Gerechtigkeit, also Tugenden, Wissen etc.) beziehen, welche wiederum alles andere als eindeutig sind; somit soil zunachst ihre Begriffsextension eingegrenzt, also definiert oder referenzialisiert, und -intension geklart werden. Dafur stellt Sokrates die prominente Was-ist-X-Frage, die eine Realdefinition intendiert und in der Suche nach einer wahrheitsdefiniten zweiwertigen2 Bisubjunktion besteht (wie Tapferkeit ist verstandige Beharrlichkeit).

Sokrates - so muss man vorwegnehmen - setzt in der gemeinsamen Untersuchung dabei ein Wissen ein, dass in der Fahigkeit oder Fertigkeit besteht, seine Gesprachspartner von ihrem Scheinwissen, das sie in der Exposition noch als sicheres Wissen einschatzen (zumal sie einige Erfahrungen auf dem Gebiet gemacht haben, in welchem das Problem verortet wird), zu befreien, sie also uber sich selbst aufzuklaren. Aus eben diesem Grund bestehen die Teildialoge darin, den Erfahrungshorizont des Gesprachspartners zu hinterfragen - er muss somit ,,Rechenschaft ablegen“ und zeigen, wer er war und ist. (Laches 186a-187b) Damit wird innerhalb der platonischen Textkonstruktion der Erfahrungsbereich der Experten abgesteckt resp. ihr Wissen kontextualisiert.

3. Gesprachsverlauf und Argumentation

3.1 Rahmenhandlung: Exposition

Die beiden Vater Lysimachos und Melesias suchen bei den beiden Militars Laches und Nikias Rat bei der Erziehung ihrer Kinder. Anlass dazu bot ein Fechtkampf, zu dem die Vater eingeladen hatten und dem somit alle vier beigewohnt haben. (178a-179a) Da die beiden Ratsuchenden - enttauscht ob ihrer eigenen Erziehung, die nach eigenen Aussagen sie zwar nach Gutdunken leben liefi, aber durch die sie auch nichts von Wert bewirken konnten - ihre Kinder besser erziehen wollen (sie also befahigen wollen, etwas Bedeutenderes in ihrem Leben zu schaffen), tragen sie an die beiden Feldherren die Bitte heran, ihnen zu helfen. (179c-e) Sie setzten ihre Hoffnungen in die Unterweisung der beiden Knaben in die Fecht- oder Kampfkunst als einem geeigneten Mittel, aus ihnen recht tuchtige Manner zu machen. Die beiden Kollegen und Rivalen Laches und Nikias versprechen, Ihnen in dieser Angelegenheit zu helfen, doch wundert sich Laches, warum Sokrates bei einer solchen Unterredung fehle. (180b-181a) Man ist sich sodann einig, ihn dazu zu holen; dieser zeigt sich jedoch zunachst zuruckhaltend und schlagt vor, die Ansichten der Erfahreneren anzuhoren. Laches und Nikias aufiern ihre Meinungen also, die die Fechtkunst als ErziehungsmaBnahme kontrar bewerten; auch deutet sich das zugrundeliegende Kriterium der Tapferkeit an. Nikias befurwortet die Unterrichtung, Laches lehnt das allerdings ab. (181d-184c) Lysimachos versucht daraufhin Sokrates als Schiedsrichter zu gewinnen (184d), der diese Position, insofern sie lediglich eine Seite unterstutzen sollte, ablehnt, da es nicht um die Quantitat der erhobenen Stimmen fur eine Position gehe, sondern um die qualifizierteste Ansicht fur die beste Erziehung der Knaben. (184d-185e) Somit wird die Diskussion auf inhaltliche Argumentationen und die „Kunstverstandigkeit“ gelenkt (185e-186a), was vor allem fur alle deutlich werden kann, wenn die beteiligten gut erzogenen Manner, die Methoden ihrer Erzieher erklarten oder andererseits ihre padagogischen Erfolge beschrieben. (185e-186a) Deshalb bittet Sokrates - da er beteuert dazu nichts beitragen zu konnen - Nikias und Laches uber ihrer Erziehung oder ihre eigenen Erfolge zu berichten. (186e- 187c). Zuvor wird jedoch von Nikias die Sokratische Methode als unermudliches Hinterfragen derjeweiligen personlichen Positionen thematisiert (187e-189b), somit als voraussetzungslose Untersuchung, die in ihrem Verlauf immer auf den Wissens- und Erfahrungshorizont der Gesprachspartner bezogen ist: Mir also ist es weder ungewohnt noch ungewunscht, vom Sokrates gepruft zu werden, vielmehr schon lange wusste ich es beinahe , dass von den Knaben nicht die Rede sein wurde, wenn Sokrates zugegen ware, sondern von uns selbst. (188b) Sokrates schlagt sodann vor, die Erorterung der Erziehungsstile auszusetzen und stattdessen grundlegender zu beginnen bei jener Sache, die die Seele verbessere: die Tugend resp. Tuchtigkeit. Da allerdings die Untersuchung der ganzen Tugend ein zu grofies Thema darstelle und die eigentliche Frage den Zweck der Fechtkunst fur die Erziehung betraf, soll im Folgenden geklart werden, was Tapferkeit sei (schliefilich sei dies auch der Zweck, der der Fechtkunst allgemein beigemessen wird). (189d-190e) Wenn also gezeigt werden kann, was Tapferkeit ist, wird sowohl eine Vorstellung davon gewonnen, auf welche Weise sie die Seele zum Guten ausrichtet, ebenso ob die Fechtkunst wirklich dazu beitragen kann und ferner welche Kunst ebenfalls resp. sonst dazu geeignet ist.

Das einleitende Rahmengesprach resp. die szenische Dialogebene3 ist an Bedeutung nicht zu unterschatzen und es ware verlustreich es auf den Status der literarischen Dekoration4 zu reduzieren. Die Ebene kontextualisiert nicht nur das zu untersuchende Problem, sondern skizziert zudem die Erfahrungshorizonte der Gesprachspartner, antizipiert und legitimiert das methodische Vorgehen, betont die sokratische Vorsicht gegenuber (Schein-)wissen und deutet demgegenuber die Vorteile der Maieutik fur die Wahrheitssuche an.

Die zu erorternde Frage nach der richtigen Erziehung wird durch den situativen Kontext des Schaukampfes und den daraufhin erbetenen Ratschlag eingefuhrt und wahrend des Dialoges nie aus den Augen verloren. Gerade durch das Zuruckstellen des unubersichtlichen Problems und die Konzentration auf den zugrundeliegenden Begriff soll die Ausgangsfrage besser beantwortet werden konnen; gleichzeitig ermoglicht dies erst ein methodisches Vorgehen.

Dass die beiden Vater Rat bei den Generalen suchen, darf deswegen nicht wundern, weil - wie Sokrates betont - die Kampfkunst nach der allgemeinen Meinung Tapferkeit bewirke, somit Laches und Nikias durch diese Verknupfung als Sachverstandige gelten mussen. Die Suche nach dem Wesen von Tapferkeit kann in dieser konkreten Gesprachssituation an den Erfahrungshorizont der beiden anknupfen und gleichsam dieses als sicher geltende Vorwissen auf Scheinwissen prufen. Dabei deutet sich schon ein Grund des Scheinwissens (naturlich neben der Tatsache, dass unreflektierte Meinungen oft als Wissen gelten) bzw. Schwierigkeiten des Wissensbegriffs an. Sokrates fragt Laches fast nebenbei nach dem Sinn und der Legitimation, die Untersuchung durchzufuhren. Er statuiert, man musse uber Tugend etwas wissen, um jemanden anleiten zu konnen, sie zu entwickeln, und fragt anschliefiend den Laches: Wovon wir aber -wissen, davon mussen wir dock auch sagen konnen, was es ist? (190c) Laches ist sich der Tragweite dieser Behauptung keineswegs bewusst und bestatigt dies. Dass aber gerade darin die Schwierigkeit liegt, Tapferkeit zu definieren, wird erst spater im Parmenides thematisch bzw. fur den Laches-Dialog durch den Gesprachsverlauf und die Aporie praktisch deutlich.

[...]


1 Vgl. Wieland, Wolfgang: Das sokratische Erbe. Laches. In: Kobusch, Theo u. Burkhard Mojsisch (Hrsg.): Platon. Seine Dialoge in der Sicht neuer Forschungen. Darmstadt: Wiss. Buchges. 1996, S. 12.

2 Vgl. Wieland (wie Anm. 1), S. 13.

3 Vgl. Puster, Rolf W.: Zur Argumentationsstruktur Platonischer Dialoge. Die Was-ist-X-Frage in Laches, Charmides. Der grofiere Hippias u. Euthyphron. Freiburg [u.a.]: Alber 1983, S. 56.

4 Vgl. Wieland (wie Anm. 1), S. 11.

Details

Seiten
20
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656429845
ISBN (Buch)
9783656438311
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v214589
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Philosophisches Fakultät I - Institut für Philosophie
Note
1,0
Schlagworte
platons laches definitionsversuche tapferkeit scheitern überführung wissen

Autor

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