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Judith Schalanskys "Der Hals der Giraffe": Eine Sachanalyse

von Fabian Werner (Autor) Dominik Frasch (Autor) Elena Holling (Autor)

Referat (Ausarbeitung) 2013 23 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorstellung der Autorin Judith Schalansky

Cover und Illustrationen

Aufbau und Inhalt des Roman

Das 1. Kapitel – eine Vorausdeutung auf den Rest des Romans?

Charakterisierung der Hauptfigur Inge Lohmark

Sprachstil

Erzähltheoretische Analyse

„Der Hals der Giraffe“ – ein Bildungsroman?

Interpretation

Rezensionen

Literaturverzeichnis

Vorstellung der Autorin Judith Schalansky

Judith Schalansky wurde am 20. September 1980 in Greifswald (Mecklenburg-Vorpommern) geboren. Sie hat das Ende der DDR folglich noch miterlebt. Dies ist in Anbetracht der Tatsache, dass Motive wie Freiheit und Unabhängigkeit in ihren Werken eine große Rolle spielen, unter anderem in „Atlas der abgelegenen Inseln“, durchaus interessant. Heute wohnt sie in Berlin.

Bevor Judith Schalansky anfing, als Schriftstellerin und Buchgestalterin zu arbeiten, studierte sie Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin und Kommunikationsdesign an der Fachhochschule Potsdam. An der letztgenannten Einrichtung hat sie zudem von 2007, mit Beendigung ihres Studiums, bis 2009 zwei Jahre lang „Typografische Grundlagen“ unterrichtet. Nach dieser Aufgabe trat sie, ebenfalls im Jahr 2009, ein Stipendium in der Villa Aurora, dem Wohnsitz des verstorbenen Schriftstellers Lion Feuchtwanger und seiner Frau Marta, in Los Angeles an.[1]

Schalansky gilt als sehr moderne und facettenreiche Künstlerin, da sie sich im Rahmen ihrer Tätigkeit als Autorin nicht nur für den Schreibprozess an sich, sondern auch für die Gestaltung ihrer und auch fremder Bücher (als Auftragsarbeiten) interessiert. Diese sieht sie als „Gesamtkunstwerke“ an, in denen Seiten, Schrift und Umschlag idealerweise ein einheitliches und stimmiges Bild ergeben sollten.[2] In einem Interview äußerte sie sich zu diesem Thema wie folgt: „Ich möchte am liebsten bei Büchern alles allein machen. Alles sonst empfinde ich als Vergewaltigung. Ich lebe unter dem Zwang, das perfekte Buch zu machen, aber das gibt es natürlich nie.“[3] Nicht umsonst hat Judith Schalansky zahlreiche Designpreise erhalten, unter anderem für „Der Hals der Giraffe“ als schönstes Buch des Jahres 2012.

Als Autorin zeichnet sie sich durch einen, wie sie selbst ausführt, „kindlichen Wissensdurst“[4] aus, der ihre Werke maßgeblich prägt und auch im Roman „Der Hals der Giraffe“ zu erkennen ist. Ohne sich im Vorfeld für biologische Themen und Zusammenhänge zu interessieren – im Gegenteil: das Fach „Biologie“ wählte die Autorin in ihrer Schulzeit ab –, arbeitete sie sich in die Materie ein und las unzählige Biologiebücher, darunter auch Schulexemplare, sowie Lexika zu den im Buch relevanten Themen.[5] Dies spricht im besonderen Maße für die Genauigkeit, mit der Judith Schalansky bei ihren Büchern, die sie auch als „Forschungsobjekte“[6] betrachtet, zu Werke geht.

Auch auf die eigenen Lebenserfahrungen wird in „Der Hals der Giraffe“ Bezug genommen. Da ihre Eltern selbst Lehrer sind bzw. waren – ihre Mutter verlor aufgrund von Stellenkürzungen in Mecklenburg-Vorpommern ihren Arbeitsplatz – wurde sie als Kind des Öfteren in die Lehrerperspektive versetzt, zum Beispiel wenn sie im Lehrerzimmer ihrer Eltern „zu Gast“ war.[7] Diese frühen Erfahrungen mit dem Lehrerberuf haben letztlich auch den Ausschlag dafür gegeben, die Lehrersicht in den Mittelpunkt des Romans zu rücken. „Mich hat das wahnsinnig interessiert, diesen Kosmos, diesen auch sehr abgeschlossenen Kosmos „Schule“, aus der anderen Warte zu erzählen“[8], sagte Schalansky zur Entstehung des Romans und stellt damit eine Besonderheit von „Der Hals der Giraffe“ heraus, nämlich den Erzählstil.

Der Roman ist nicht die erste Veröffentlichung der Autorin. Im Jahr 2006 brachte sie mit „Fraktur mon Amour“ ein Kompendium ihrer typografischen Tätigkeit heraus. Zwei Jahre später erschien dann „Blau steht dir nicht“, ihr Romandebüt. Bevor 2011 der zweite Roman „Der Hals der Giraffe“ veröffentlicht wurde, erregte 2009 der bereits erwähnte „Atlas der abgelegenen Inseln“, ein literarisches, aber vor allem kartografisches Werk, große Aufmerksamkeit und wurde mit dem 1. Preis der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet. Für das Jahr 2013 ist die Buchreihe „Naturkunden“ geplant. Hier tritt sie erneut als Gestalterin und Herausgeberin auf.[9]

Cover und Illustrationen

Schon das Cover des Buches ist eine genaue Betrachtung wert. Es besteht aus einem groben Leineneinband und wirkt auf den Leser zunächst schroff und abweisend, ähnlich wie ein altes Schulbuch. Die Aufmachung ist beabsichtigt, da diese, laut Judith Schalansky, den Charakterzügen der Handlungsperson Inge Lohmark sehr nahe kommt. Dabei betont die Autorin die atmosphärische Komponente des Covers; Form und Inhalt sollen ein stimmiges Bild ergeben.

Auch die Illustrationen im Buch sollen die Erzählung visuell unterstützen. Die Zeichnungen sind Bildproduktionen aus älteren naturwissenschaftlichen und biologischen Werken und zeigen die im Unterricht besprochenen Lebewesen aus der Tier- und Pflanzenwelt, zum Beispiel Quallen und Fledermäuse. Das Weltwissen wird dem Leser so anhand von Plakaten und Tafelbildern näher gebracht. Ein „Buch über Bildung“ sei auch immer ein „Buch über Bilder“[10], so Judith Schalansky. Ob es sich aber um einen „Bildungsroman“, wie auf dem Cover zu lesen ist, handelt, wird in der Sachanalyse an anderer Stelle noch kritisch hinterfragt werden.

Aufbau und Inhalt des Romans

Der Roman ist in drei Kapitel gegliedert. Die jeweiligen Titel („Naturhaushalte“, „Vererbungsvorgänge“ und „Entwicklungslehre“) verweisen auf die Themen des Biologieunterrichts. Auf der linken Seite der Kopfzeile ist der Kapitelname zu sehen, auf der rechten Seite der Kopfzeile wechseln sich verschiedene Fachbegriffe, gemäß des Inhalts der Seite, ab. So ist der Aufbau des Romans dem eines Schulbuchs sehr ähnlich.

Im ersten Kapitel des Romans wird die Protagonistin Inge Lohmark, die am Darwin-Gymnasium in Mecklenburg-Vorpommern unterrichtet, vorgestellt. Wie die anderen beiden Kapitel des Buches ist die erzählte Zeit ein Tag aus dem Leben der Protagonistin.

Der Tagesablauf des ersten Tages im Herbst ist recht unspektakulär. Das Schuljahr hat begonnen und Inge Lohmark gibt eine Biologiestunde. Anschließend unterhält sie sich mit ihrer jungen Kollegin Schwanneke. Nach einem kurzen Aufenthalt im Lehrerzimmer und einer Unterhaltung mit ihren anderen Kollegen gibt sie eine Sportstunde. Als sie von der Schule nach Hause fahren will, stellt sie fest, dass ihr Auto nicht funktioniert. Sie entscheidet sich, den Bus zu nehmen und beobachtet an der Bushaltestelle, wie ihre Schülerin Ellen von anderen Schülern geärgert und angegangen wird. Inge Lohmark greift jedoch nicht ein. Auf ihrem Weg von der Bushaltestelle nach Hause trifft sie ihren Nachbarn Hans. Auch mit diesem unterhält sie sich kurz, bevor sie Zuhause ihre E-Mails abruft. Sie erfährt durch eine Rundmail von ihrer Tochter Claudia, die in Amerika lebt, dass diese dort geheiratet hat.[11]

Zu Beginn des zweiten Kapitels denkt sie über die Ehe mit ihrem Mann Wolfgang nach und muss erkennen, dass sich beide nichts mehr zu sagen haben. Seitdem ihre gemeinsame Tochter ausgewandert ist und sich Wolfgang der Straußenzucht widmet, fühlt sich Inge Lohmark zunehmend allein gelassen.

Auf dem Weg in die Schule macht sie sich innerlich über die Schülerinnen und Schüler und ihre „Rangordnung“ im Bus lustig. Nur von ihrer Schülerin Erika hat sie ein differenziert positives Bild. In der Schule angekommen, lässt Inge Lohmark einen unangekündigten Test schreiben. Sie kommt zu der Erkenntnis, dass alle Kinder im Zuge der „Leistungsgesellschaft“ zu ihrem Glück gezwungen werden müssen.

Anschließend kommt es im Lehrerzimmer zu einer kontroversen Diskussion, an der sich vor allem ihr Kollege Thiele beteiligt. Im Verlauf des Gesprächs verteidigt er mit Inbrunst sein kommunistisches Gedankengut und stößt dabei auf Unverständnis seitens seiner Kollegen. Auch den Schulleiter Kattner, der die Schülerschaft im Rahmen eines „Appells“ zu mehr Zusammenhalt am Gymnasium aufruft, kann Inge Lohmark nicht wirklich ernst nehmen. Statt den Ausführungen Kattners zu folgen, denkt sie an Claudia und an ihr früheres Leben. Der Leser erfährt, dass Inge Lohmark vor längerer Zeit ein Kind abgetrieben hat.

In der Mensa wird sie dann in ein Gespräch mit Frau Schwanneke verwickelt. Ihre Kollegin verrät ihr, dass sie keine Kinder bekommen kann, und bricht in Tränen aus. Inge Lohmark weiß mit diesem Gefühlsausbruch überhaupt nicht umzugehen. Als sie abends noch einmal in die Schule kommt, trifft sie erneut auf Kattner, der sie zur Seite nimmt und ihr rät, sich eine andere Anstellung zu suchen, da sie müde und ausgelaugt wirkt. Inge Lohmark nimmt dies zur Kenntnis.[12]

Am Anfang des dritten Kapitels ist Inge Lohmark im Frühjahr mit dem Auto auf dem Weg zur Schule, als sie den liegen gebliebenen Schulbus am Straßenrand sieht. Inge Lohmark reagiert nicht, lässt die wartenden Kinder am Bus stehen und fährt weiter. Im weiteren Verlauf der Fahrt verlässt sie jedoch den kürzesten Weg zur Schule, fährt zu der Haltestelle, an der Erika wartet und nimmt diese mit. Auf dem weiteren Weg zur Schule entsteht ein durch Inge Lohmark angestoßenes, stockendes Gespräch, bei dem sich Erika offensichtlich unwohl fühlt. An der Schule angekommen, werden Inge Lohmark und Erika von der Kollegin Schwanneke gesehen. Inge Lohmark ist diese Tatsache sehr unangenehm. Sie kann sich ihr Verhalten, d. h. die Mitnahme von und das Verhalten gegenüber Erika und sich selbst nicht erklären und stuft ihr eigenes Verhalten als für sie untypisch ein.

[...]


[1] Vgl. Landesakademie für Fortbildung und Personalentwicklung an Schulen (Hrsg.): Judith Schalansky. http://lehrerfortbildung-bw.de/lak/co/standort/kulturprogramm/literatur/judith_schalansky/index.html (21.02.2013).

[2] Vgl. Deutsche Welle (Hrsg.): Judith Schalansky über die Kunst, Bücher zu gestalten | Kultur 21. Video veröffentlicht bei YouTube am 08.01.2012. http://www.youtube.com/watch?v=qdxrvq_x62o (21.02.2013), hier 0:19 - 0:41 Min.

[3] Platthaus, Andreas: Wie tut man Büchern Gewalt an, Frau Schalansky? http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/judith-schalansky-im-gespraech-wie-tut-man-buechern-gewalt-an-frau-schalansky-11882564.html (21.02.2013).

[4] Deutsche Welle 2012: hier 3:40 - 3:43 Min.

[5] Vgl. Deutsche Welle 2012: hier 9:19 - 9:37.

[6] Ebd.: hier 3:47 - 3:51 Min.

[7] Paschen Literatur (Hrsg.): Judith Schalansky liest aus „Der Hals der Giraffe“. Video veröffentlicht bei YouTube am 11.11.2011. http://www.youtube.com/watch?v=VWOxXcqufuc (21.02.2013), hier 8:14 - 8:30 Min.

[8] Ebd.: hier 6:54 - 7:01 Min.

[9] Vgl. Matthes & Seitz Berlin: Naturkunden - herausgegeben von Judith Schalansky.

http://www.matthes-seitz-berlin.de/reihe/naturkunden-herausgegeben-von-judith-schalansky.html (21.02.2013).

[10] Vgl. Paschen Literatur 2011: hier 3:24 - 3:28 Min.

[11] Vgl. Schalansky, Judith: Der Hals der Giraffe. Ein Bildungsroman. Berlin 2011. S. 7ff.

[12] Vgl. ebd. S. 85ff.

Details

Seiten
23
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656427520
ISBN (Buch)
9783656440406
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v214523
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,3
Schlagworte
schalansky giraffe gegenwartsliteratur analyse interpretation

Autoren

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Titel: Judith Schalanskys "Der Hals der Giraffe": Eine Sachanalyse