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Anleitung zum Biegen und Brechen der Sprache

Ein Lesikon

von Iven Einszehn (Autor)

Fachbuch 2013 144 Seiten

Deutsch - Grammatik, Stil, Arbeitstechnik

Leseprobe

Inhalt

VORWORT

VORWORTE
sprachen

SCHREUBEN
Vehler / Feler
Was fehlt dir?
WAS IST DIR?
abern

UNPECH
Pechwunsch
GLÜCKWUNSCH
begreifstutzig

STUTZ
Rohr und Röhre

ÖFTERN

Elter

ERSCHMERZEN
ein Glück
bemöbeln

DEMOEN
auf ein Wort

TELEFONIER MICH

ÜBERFLUß & MANGEL
es schnieselt

WIE SPÄT IST ES?

SATT

MITTWOCH

TAUSENDTAUSEND

Magma & Lava

LIEBE
s

RECHT S SPRECHUNG

DEUTSCHE RICHTIGSCHREIBWEISE

GLÜCK = UNGLÜCK
entschalen

Z.B. DÄMLICH

Arbeitsie

OBST UND GEMÜSE

FREUND UND FREUND
halb voll halb leer
nächste Woche

KRANKHEITSAMT

BABYÖL
miteinander schlafen

IM NAMEN DES VOLKES

Teelicht

WAS GEFÄLLT (WIRD)
elf zwölf

ASCHENBECHER

kalter Atmer

ZEITANGABEN
echt Gold
(k)einen (schlechten) Geschmack
– zimmer
– und –

Leserichtungen

ZWILLINGE

Deckel und – ?

SCHWARZ UND WEIß
rückwärts denken

BRANNT UND BRAND

LÖFFELN, MESSERN, GABELN
Teller und Tassen

DER TAG
altlich

NACH – DENKEN
Un 1
UN 2
Sinn

GESCHWIST

Sprachverständnis

FRAGEWÖRTER
der Mann und der Junge
geradewärts
?

Un-/Rechtsbewußtsein

WAS MACHT DER ARTIKEL DA?
ungemeint

WÖRTER ZUSAMMENNAGELN

Anspruchsvölle

KOMPLIMENT UND KOMPLIZIERT
Lüger

HOCHZEITEN
Anrufentgegennehmer

SPÜLEN UND WASCHEN
hicks

VOM KREBSEN

Frage – n – bogen

UHRZEIT
in der Späte

WAISEN & ?
spenden und spendieren

IRGEND –
der Indik

DER OHNEMENSCH
es dringt

BEGATT (IN)
Klebe(r)

VERWECHSLUNGEN
eins

DIE SCHLAUE 1

Fernseher & Fernhörer

DER ZUGESCHLOSSENE

– logik

ES ORKANT
hockern und sesseln und
Knaben und ?

AUF IMMERWIEDERSEHEN
unentschlossene Art

KONSEQUENZ

Vielleichtigkeit

DER ANDERLÄNDER
halbe Stunden

NOTIZIEREN
sieb –

IN ZAHLEN

Asphaltauto

BRÜDER UND SCHWESTERN
aum

DIE ÄLTERN
das Schrumpftum

NACHWORTE

IVEN EINSZEHN

LETZTE VERÖFFENTLICHUNGEN

Vorwort

Hallo.

Vorworte

Wir unterhalten uns, wir reden miteinander. Daß wir uns dabei verstehen, ist erstaunlich, das sollten wir uns mal bewußt machen: Viele Wörter haben nämlich gar keinen Sinn, bei genauerer Betrachtung, jedenfalls nicht den, den wir kennen. Das fängt in dieser Sammlung gleich mit dem Vorwort an: Ein Wort ist nun wirklich nur ein Wort. Es müßte Vorworte oder Vorwörter heißen.

Mal gibt es Wörter im Überfluß, mal herrscht Mangel. Durch vermeintliche Regelwerke gezogen, dürfte es manches Wort gar nicht geben, jedenfalls nicht so.

Sprache wird gesprochen, nicht gespracht, müßte demnach Sproche heißen – oder Spreche, weil wir sie sprechen. Der Anrufbeantworter beantwortet Anrufe nicht, er nimmt sie entgegen. Der Fernseher sieht nichts, er bildet ab. Der Aschenbecher ist kein Becher, sondern ein Schälchen. Die Kartoffel müßte geschalt werden, nicht geschält, sie hat keine Schäle. In genau 79 Fällen sprechen wir Zahlen numerisch falsch herum. Dem Schluckauf fehlt sein Verb, obwohl man bei diesem Leiden definitiv etwas tut. Rohr und Röhre unterscheiden sich nicht, aber welches Wort ist zuviel?

Solche Beispiele sind hier gesammelt, dabei geht es aber nicht um Besserwissenschaft. Mein Interesse gilt keiner Korrektur. Der Sprache soll nicht zu – vermeintlicher – Genauigkeit verholfen werden. Eher soll denen geholfen werden, die auf diese Genauigkeit vertrauen: Es gibt sie nicht. Sprache ist nicht geradlinig und genau. Bücher, von denen wir annehmen, wir hätten sie dort nachzuschlagen, gaukeln uns das bloß vor.

Dabei ist der Begriff Rechtschreibung schon falsch, es gibt nämlich gar kein Recht auf Schreibweisen. Man kann niemanden, der etwas falsch geschrieben hätte, verklagen. Sprache ist gebogen und gebrochen. Und Sprache machen wir uns erst zu eigen, wenn wir sie biegen und brechen. Sprache ist nicht Pflicht, sondern Kür.

Daß die Sache durchaus einen kleinen Haken hat, ist mir bewußt: Man muß die Sprache zunächst einigermaßen gut beherrschen, um dann lustvoll mit ihr richtigfalsch umzugehen. Man muß sehr scharf hinsehen, um dann augenzinkernd vorbeizugucken oder ein Auge zuzudrücken ...

sprachen

Wir haben eine Sprache und einen Sprachgebrauch.

Trotzdem sprachen wir nicht, was folgerichtig wäre, wir sprechen .

Einen Sprech gebrauch zu haben, könnten wir uns demnach noch vorstellen. Eine Spreche hingegen fänden wir vulgär.

Es kommt noch schlimmer:

Wenn ich dir etwas verspreche, habe ich mich noch lange nicht versprochen. Obwohl ich es dir versprochen habe. Definitiv.

Versprochen ist versprochen nicht wahr?

Obwohl wir eine Sprache haben, mit der wir

sprechen, machen wir zudem noch

prüche!

Einer, der Sprüche macht,

sprücht aber nicht.

Da fehlen doch bloß noch Spröcher

spreuchen

spreicheln und das

Spriechtum...

schreuben

In dieser durcheinander vokalisierten Welt,

in der ich Sprache spreche ,

möchte ich auf der Schreibmaschine schreibmaschinen .

Oder wenigstens schreuben .

Ich bestehe drauf.

Vehler / Feler

Außerdem müßte der Fehler falsch geschrieben,

wenn man es richtig machen möchte!

Vehler oder Feler .

Sieht falsch aus, ist falsch, ein Fehler eben.

Und nichts anderes soll ein Fehler doch sein.

Der Fehler ist erst als Vehler oder Feler inhaltlich genau.

Einem Fehler fehlt es zwar an Richtigkeit.

Macht aber einer einen Fehler, dann fehlt doch nicht nur was.

Wenn der Fehler allein darauf beruht, dann könnte er bleiben, wie er ist.

Ein Fehler ist oft aber eine Verfehlung.

Auch der Verfehlung fehlt nichts – nun gut, richtiges Handeln vielleicht.

Eine Verfehlung beruht trotzdem nicht auf dem, was ihr fehlt, sondern auf dem, was sie fehlleistet.

Damit ist eine Verfehlung noch lange keine Fehlleistung, aber damit verlassen wir gerade das Thema.

Das wär ein Feler.

Was fehlt dir?

In allem, was fehlläuft, fehlgeleistet wird und letztlich auch in dem, was fehlt, steckt der Fehler.

Beizeiten werden wir gefragt, was uns fehlt.

Wir haben dann weder einen Fehler noch etwas falsch gemacht.

Und obwohl man demjenigen, dem etwas fehlt, ruhig etwas geben sollte, gibt es auch materiell nichts Fehlendes zu ersetzen.

Wir sind leidend, mitunter sogar krank.

Merkwürdig, nicht?

Ich weiß schon, ich weiß schon, mancher glaubt, daran gäbe es nichts rumzuabern (s. S. 18)

Demjenigen, der gefragt wird, was ihm fehle, fehlt es doch an Ausgeglichenheit, an Zufriedenheit, an Gesundheit.

Oh ja, sehr wohl. Der Arme, ihm geht's nicht gut.

Er wird das so aber nie sagen.

Er wird niemals Dinge benennen, an denen es ihm mangelt, er weiß nur von dem, was er bemängelt.

Kopfschmerzen oder Übelkeit oder Menstruationsbeschwerden.

Die fehlen ihm nicht, ganz im Gegenteil, die hat er.

Was fehlt dir? Der Mangel an keiner Übelkeit.

Was fehlt dir? Es fehlt mir daran, keine Streitigkeiten zu haben.

Zwar darf man alternativ auch fragen: „Was hast du?“ Diese Formulierung wird aber doppeldeutig, nicht allein nach dem Befinden verstanden und wirkt auch weniger höflich.

Was ist dir?

Was hast du?

Ein Unwohlsein, eine Übelkeit, einen Schmerz, eine Krankheit halt.

Eine Krankheit hat man, man besitzt sie aber nicht.

Besitz erfüllt.

Deshalb besitzt man niemals Krebs.

Man hat Krebs.

Wenn nicht wir ihn – hat der Krebs dann uns?

Das wollen wir nicht.

Die Krankheit ist!

Was ist dir?

abern

abern

rumabern

herumabern

Es gibt so viele, die das dauernd machen:

völlig unqualifiziert

herumabern.

Das Wort war längst überfällig.

Wir können es so gut gebrauchen

Ich schenke es uns.

Unpech

Das Glück

Das Glück Was für ein Glück So ein Glück Ach, das Glück

Das Glück Was für ein Glück So ein Glück Ach, das Glück

Das Glück Was für ein Glück So ein Glück Ach, das Glück

Das Glück Was für ein Glück So ein Glück Ach, das Glück

Das Glück Was für ein Glück So ein Glück Ach, das Glück

Das Glück Was für ein Glück So ein Glück Ach, das Glück

Das Glück Was für ein Glück So ein Glück Ach, das Glück

Das Glück Was für ein Glück So ein Glück Ach, das Glück

Das Glück Was für ein Glück So ein Glück Ach, das Glück

Das Glück Was für ein Glück So ein Glück Ach, das Glück

Das Glück Was für ein Glück So ein Glück Ach, das Glück

wenn mans hat

Wenn nicht, hat man Pech. Oder Unglück.

Das Pech

Das Pech Was für ein Pech So ein Pech Ach, das Pech

Das Pech Was für ein Pech So ein Pech Ach, das Pech

Das Pech Was für ein Pech So ein Pech Ach, das Pech

Das Pech Was für ein Pech So ein Pech Ach, das Pech

Das Pech Was für ein Pech So ein Pech Ach, das Pech

Das Pech Was für ein Pech So ein Pech Ach, das Pech

Das Pech Was für ein Pech So ein Pech Ach, das Pech

Das Pech Was für ein Pech So ein Pech Ach, das Pech

Das Pech Was für ein Pech So ein Pech Ach, das Pech

Das Pech Was für ein Pech So ein Pech Ach, das Pech

Das Pech Was für ein Pech So ein Pech Ach, das Pech

wenn mans hat

Wenn nicht, hat man Glück. Nie aber Unpech.

Mit seinem Glück ist man also ganz schön allein.

Pechwunsch

Überhaupt, der Glückwunsch!

Wie kann das sein, daß ich mit herzlichem Glückwunsch Gratulationen aussprechen soll. Aber mein Bedauern keine Entsprechung findet in aufrichtigem Pechwunsch!

oder Glückunwunsch

oder Unglückwunsch

Glückwunsch

Merkwürdig, nicht?

Glückwunsch besteht aus Glück und Wunsch.

Was ein Glück ist, darüber brauchen wir nicht groß zu reden.

Die meisten haben so wenig davon – insbesondere beim Lottospielen –

daß sie es nur zu genau wissen.

Was ein Wunsch ist, das weiß auch jeder ganz genau, besonders mit unerfüllten Wünschen kennt ein jeder sich sehr gut aus. Trotzdem müssen wir darüber reden, das ist nämlich so eine Sache ...

Ein Wunsch verlangt nach etwas, das man haben möchte.

Nichts, das man hat.

Hat man's, ist der Wunsch weg, erfüllt, pfutsch, basta.

Der Glückwunsch ist dem Grunde nach also eine Art des Bedauerns und sollte nur ausgesprochen werden gegen Menschen, die wahrlich keinen Grund zur Freude haben.

Trotzdem erhält den Glückwunsch derjenige, der hat, nicht jener, der sich zu haben wünscht.

Was für ein Unsinn, so ein Glückwunsch!

Ich wünsch mir doch den Lottogewinn, bevor ich ihn bekomme.

Da müßte ich auch vorher Glückwünsche erhalten!

Seit ich das weiß, sehe ich mich außerstande, noch irgendwem zu gratulieren. Ich habe nämlich versucht, es eine Zeitlang richtig zu machen und gelte seither als ganz besonderes Arschloch.

begreifstutzig

Wie können wir begriffsstutzig sein, wenn wir manches zwar nicht begriffen haben, es dem Wesen nach aber nicht begreifen?

Es ist nicht der Begriff, den wir nicht verstehen.

Wenn dem so wäre, könnten wir wohl begriffsstutzig sein.

Der begriffsstutzige Mensch hat aber in der Regel ein Problem damit, den Sinn einer Sache zu begreifen.

Er ist also begreifstutzig .

Begreifstutzig und sonst gar nichts.

Stutz

Vieles mag uns stutzig machen,

der Stutz daran sollte uns aber im besonderen.

Rohr und Röhre

Wir haben das Rohr und die Röhre.

Mancher glaubt sicher, er könne da unterscheiden.

Da wird das Rohr kürzer und die Röhre länger, weiter, tiefer.

Könnte stimmen, der Aussprache nach.

Rohr klingt recht kurz, Röhre schon länger.

Röhre hört sich auch weiter und tiefer an, nicht wahr?

R ö h r e.

Rohr.

Irgendwie schlüssig.

Prompt findet man, in einer Röhre könnten Rohre gut und gern Platz finden, umgekehrt hingegen schaue die Röhre aus dem Rohr an beiden Enden heraus.

Eine Röhre muß gar nicht unbedingt zwei Enden haben (rein logisch betrachtet schon, sonst wäre das Ding ein Zylinder, gar ein Topf), in der Imagination jedoch nicht. In der Vorstellung beginnen wir die Röhre zu denken an ihrem Anfang, bis zu ihrem Ende gelangen wir aber nicht, so lang sind Röhren.

Das Rohr denken wir ganz kurz.

Von vorne bis hinten.

Wir können es überschauen ohne jeden Zweifel.

Man mag das alles umgekehrt empfinden.

Vielleicht sind einem Röhren auch einfach schmale Rohre.

Das ist völlig unwichtig.

All das Denken um Rohre und Röhren beruht, Irrtum um Irrtum, auf der Annahme, wenn es die beiden Begriffe schon gibt, müßten sie zu unterscheiden sein.

Sind Sie aber nicht.

Die oben versuchte Unterscheidung beispielsweise wird sofort hinfällig bei Luftröhre und Speiseröhre.

Recht kurze Rohre, nicht wahr?

Allenfalls, wenn es einen Unterschied gäbe oder man unbedingt darauf bestehen möchte, einen haben zu wollen, könnte man der Röhre zubilligen, mehr zu sein, als bloß Rohr.

Ein Rohr von besonderer Funktion sozusagen, kein Allerweltsrohr.

Durch eine Röhre fließt oder gelangt nur etwas ganz Bestimmtes.

Durch ein Rohr fließt in der Regel zwar auch nur etwas Bestimmtes.

Im Gegensatz zur Röhre könnte es aber irgend etwas sein. Oder?

Sind Röhren also ganz besondere Rohre, unabhängig von ihrer Größe, Form, Beschaffenheit?

Wieso haben wir dann Gasleitungen? Keine Gasröhren ? Nicht einmal Gasrohre?

Wir sollten dann auch keine Heizungsrohre haben, sondern Heizungsröhren. Durch Heizungsrohre läuft Heizung, sonst nichts.

Dieses Durcheinander, ja?

Da wird die Röhre mal zum Rohr und umgekehrt.

Oder sie ist eine Leitung oder sie ist eine unentschlossene Rohrleitung und beim Samenleiter nicht einmal das.

Da ist von der hohlen Funktion bald gar nichts mehr zu entdecken.

Ein Leiter leitet bloß oder auf einer Leiter geht’s hinauf und hinab oder der Leiter hat was zu sagen und bestimmt alles.

Der Samenleiter hat damit eine ganz und gar diffuse Bezeichnung.

Wahrscheinlich, weil man sich mit dem, was in ihm vorgeht, lieber nicht beschäftigen wollte, als man einen Namen dafür brauchte.

Da wir nun so gar nichts geklärt haben, bleiben ein paar echte Fragen:

Sollte das alles ursprünglich einmal ganz einfach gewesen sein?

Das Rohr technisch, die Röhre anatomisch, etwa?

Ich hätte noch eine Harnröhre zu bieten.

Wo bleiben wir da mit dem altertümlichen Backrohr oder auch der Backröhre (die/das von manchen gar Ofenrohr genannt wird, obwohl ein Ofenrohr doch mit dem Backrohr nicht zu verwecheln ist. Man bekommt in ein Ofenrohr doch kein Backblech hinein. Der Schornsteinfeger würde sich jedenfalls wundern)?

Und wenn einer in die Röhre guckt, ist dann eigentlich das Backrohr gemeint?

Und ist ein Ring streng genommen nicht ein sehr kurz geratenes Rohr ?

Wie breit darf ein Ring dann werden, bevor er sich zum Rohr erhebt?

Und weshalb wissen wir von Röhrchen, nicht aber von Rohrchen ? Und von Röhrenchen auch nicht?

öftern

Alles darf ich öfter.

Machen, haben, wollen.

So oft ich will.

Nichts darf ich öftern.

Das trifft mich in meinem Hang zu ausgeprägter Übertreibung.

Elter

Es ist schon grotesk, da fehlen hier und da dringend benötigte Worte, das Pendant zu satt etwa (s. S. 40).

Gleichzeitig gibt es Worte, derer wir uns nicht bedienen.

Ein Wort jedenfalls wird niemals benutzt (außer von Medizinern vielleicht, die noch nie dabei erwischt wurden):

Elter.

E l t e r.

Elter.

Das Wort ist derart ungebräuchlich, daß man damit kaum etwas anzufangen weiß, wenn man es so allein für sich stehend vorfindet. Selbst, wenn man das Wort endlich mal kennengelernt hat, erscheint es einem falsch geschrieben, unglaubwürdig, eher als Variante, eine neue Schreibweise eines bekannten Wortes.

Dabei sollte das Elter heutzutage gar nichts Ungewöhnliches sein.

Wo gibt's denn noch intakte Familien mit beiden Eltern?

erschmerzen

der an Hunger stirbt, verhungert

der an Durst stirbt, verdurstet

der an Schmerz stirbt, verschmerzt

wer blind wird, erblindet

wen Schmerz befällt, erschmerzt

ein Glück

Wir haben Glück.

Es ist ein Glück.

Immer nur eins .

Welch ein Glück!

Wir haben ein Glück, niemals mehrere Glücke!

Weshalb wir da überhaupt ein Glück haben können,

wenn mehr gar nicht geht, möchte ich mal verstehen.

Nun ja, man soll ja bescheiden bleiben. Ein Glück reicht für den Augenblick, man muß das ja auch verarbeiten. Was soll man da mit mehreren Glücken gleichzeitig? Gut, meinetwegen.

Wo bleibe ich aber mit dem Glück eines anderen Menschen?

Mehrerer Menschen?

Wenn nur zwei Menschen auf einmal Glück haben, haben sie auf sehr verschiedene Weise beide ein Glück.

Man kann beider Glück nicht einfach über einen Kamm scheren.

Der eine wüßte mit dem Glück des anderen womöglich gar nichts anzufangen. Der eine findet tausend Euro, der andere wird knapp nicht vom Auto überfahren.

Definitiv zwei Glücke.

Zwei ganz verschiedene Glücke.

Nicht ein Glück.

Mit dem Glück sollte es wie mit Fleisch sein.

Bei Fleisch gibt es weder Einzahl noch Mehrzahl oder es ist beides in einem oder es ist Einzahl, bezeichnet aber alles, ist also Mehrzahl. Ich weiß es auch nicht und das ist mir auch völlig egal. Wurscht sozusagen.

Jedenfalls ist es nicht ein Fleisch.

Fleisch ist Fleisch.

Und Glück ist Glück.

Oder?

Beim Fleischer würde ich zwar kaum ein Fleisch bestellen. Wenn es hervorragend war, kann ich aber durchaus ein gutes Fleisch gegessen haben.

Vegetarier haben es deshalb noch lange nicht besser.

Denken Sie mal über Obst und Gemüse nach ... (s. S. 55f)

(Kleiner Nachtrag: In Bayern scheint es Landstriche zu geben, in denen man es beim Fleisch wie mit dem Glück hält. Dort gehen die Leute tatsächlich ein Fleisch kaufen. Die Menge ist dabei nicht von Bedeutung.)

bemöbeln

Eine Wohnung wird möbliert.

Ein Saal wird bestuhlt.

Die Wohnung könnte auch bemöbelt werden, das ginge wohl noch.

Der Saal aber stuhliert ?

Das mögen wir nicht.

Und wenn man in dem Saal essen möchte?

Der Saal wird weder betischt noch tischiert.

Kein Mensch macht das.*

Es ist einem nicht einmal freigestellt, das zu tun, wenn man essen möchte. Genaugenommen müßte man hier verhungern.

*Zugegeben: Den Schweizern ist das zuzutrauen, die parken ihre Autos nicht, die parkieren.

Demoen

Mit Abkürzungen ist das so eine Sache.

Genauer gesagt, mit Wortkürzungen.

Demonstration etwa wird abgekürzt kurz Demo.

Braucht man die Mehrzahl, wird einfach ein s angehängt: Demos.

Müßten es nicht Demoen sein?

Demo nstration en .

auf ein Wort

Auf dem Gymnasium hatte ich einen Deutschlehrer, der darauf hinwies, Worte und Wörter seien ein und dasselbe.

Plural für Wort.

Mein Gespür sagte mir damals etwas anderes.

Worte sind niemals irgendwelche Wörter, sondern sie stehen in einem Sinnzusammenhang.

So werden gesprochene Wörter zu dem, was sie sind: Deine Worte.

Der Deutschlehrer wollte von meinem Einwand nichts wissen.

Er beharrte darauf, daß es keinen Unterschied gäbe.

Nach über fünfzehn Jahren habe ich endlich mal im Duden nachgeschlagen und herausgefunden, daß dieser Deutschlehrer ein kompletter Idiot war. Ich glaube, er hieß Ulf Heinrich.

Obwohl es sich mit Wörtern und Worten so verhält wie dargelegt, wieso vertraue ich dann „ auf dein Wort“ oder gebe nichts drauf?

Ich könnte ebenso „ auf deine Worte / deine Wörter“ vertrauen oder drauf pfeifen.

Und wie kann ich auf ein Wort mit dir sprechen?

Ein Wort ist doch wirklich nur ein Wort.

Das würde ich sogar noch diesem Deutschlehrer glauben –

nach allem, was ich mittlerweile über ihn weiß.

telefonier mich

ich rufe an

ich telefoniere

ich rufe dich an

ich telefoniere dich nicht

wir telefonieren miteinander

und jeder einzelne telefoniert

keiner aber telefoniert den anderen

telefonier mich

(hübscher Slogan für die Telekom)

Überfluß & Mangel

genug & genügend

ausreichend & ..?

Herrscht in dem einen Fall Überfluß?

Ein Wort würde doch genügen.

Herrscht in dem anderen Fall Mangel?

Falls nicht, wäre im ersten Fall ein Wort ausreichend.

reicht es?

es genugt wohl.

es schnieselt

es regnet

es schneit

es nieselt

daß es nieselt, das ist eine sprachliche Großzügigkeit, das sollten wir uns mal bewußt machen

wenn es nieselt, herrscht nämlich Nieselregen, nicht Niesel

es nieselregnet aber nicht

da haben wir es einfacher, es nieselt bloß

– wenn es oft nieselt und wir viel davon sprechen, können wir von der gesparten Zeit ins Kino gehen

es regnet

es schneit

es nieselt

es schnieselt nie, obwohl oft der Fall

[...]

Details

Seiten
144
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656430193
ISBN (Buch)
9783656433767
Dateigröße
704 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v214483
Note
Schlagworte
anleitung biegen brechen sprache lesikon

Autor

  • Iven Einszehn (Autor)

    1 Titel veröffentlicht

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Titel: Anleitung zum Biegen und Brechen der Sprache