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DDR-Wortschatz im gesamtdeutschen Wörterbuch: Bedeutungsangaben und Markierungen im "Deutschen Wörterbuch" (Wahrig-Burfeind 1994)

Hausarbeit (Hauptseminar) 1996 25 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Verschiedene Arten der Markierung von DDR-/ ostdeutschem Wortschatz im Deutschen Wörterbuch (Wahrig-Burfeind)
1.1 <DDR>
1.2 <DDR>; Bedeutungsangabe im Präsens
1.3 <DDR>; Bedeutungsangabe im Präteritum
1.4 <DDR> als zweite oder weitere Bedeutung
1.5 <ostdt.> - regionale Markierung oder Sprachvariante?
1.5.1 Markierung <mdt.> (= mitteldeutsch)
1.6 Uneinheitliche Markierungen wie <zu Zeiten der zwei deutschen Staaten>, <in Ostblockländern>, <in sozialistischen Ländern>, <früher> etc.

2. Zu den Bedeutungsangaben
2.1 Im Wahrig-Burfeind nicht erfaßte Polysemie bei Verwendung des gleichen Lexems im Ost- und Westsprachgebrauch (sog. "Falsche Freunde"); Vergleich mit Eintragungen zum gleichen Lexem im Handwörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (HDG)
2.2 Unterschiede bei den Bedeutungsangaben zum gleichen Lexem des DDR-/ ostdeutschen Wortschatzes in den Wörterbüchern (HDG, KSE und Wahrig-Burfeind)

3. Lexeme, die mir im ostdeutschen Sprachgebrauch als spezifisch auffallen, im Wahrig-Burfeind aber nicht entsprechend gekennzeichnet oder nicht enthalten sind
3.1 Lexeme, die mir spezifisch ostdeutsch erscheinen, aber im Wahrig-Burfeind nicht gekennzeichnet sind
3.2 Im Wahrig-Burfeind nicht aufgeführte, vereinzelt jedoch im HDG und/ oder KSE enthaltene Lexeme, die mir aus dem Alltagsgebrauch in Ostdeutschland bekannt sind
3.3 Wendungen und andere Elemente des Sprachgebrauchs, die mir Ost-/ DDR-spezifisch erscheinen

4. Fazit

Bibliographie

0. Einleitung

Seit der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik im Jahre 1949 gab es Wörterbücher und Lexika für beide deutsche Staaten, obwohl die Sprache, über die Auskunft gegeben werden sollte, doch eigentlich die gleiche war. Nach der letzten gemeinsamen Ausgabe von 1947 wurde auch der DUDEN (d.i. der Rechtschreibduden), das deutsche Wörterbuch schlechthin, in eine Ost- und Westausgabe aufgespalten - 1951 erschien die erste Ausgabe des Leipziger Dudens, 1955 die erste Mannheimer Ausgabe. Sowohl im Westen als auch im Osten erschienen eigene Großwörterbücher, so in der DDR das Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache[1] und in der BRD das sechsbändige Duden-Großwörterbuch[2]. Die Gründe für die Existenz verschiedener Nachschlagewerke zu Lexemen der deutschen Sprache in Ost und West liegen wohl zum einen darin, daß für die politische Führung der DDR ein eigenes Wörterbuch Zeichen für die staatliche Eigenständigkeit war, andererseits aber auch ein Wörterbuch Mittel zur Propagierung der politischen Ansichten eines Staates ist. Schaut man sich z.B. die Wörterbuchartikel zu den Lexemen 'Kommunismus' und 'Kapitalismus' in einem BRD- und einem DDR-Wörterbuch an, so wird man schnell feststellen, daß auf beiden Seiten der Mauer Wörterbücher auch politische Einstellungen transportiert haben. Zum dritten ist die Existenz getrennter Nachschlagewerke auch dadurch begründet, daß es in beiden deutschen Staaten eine Reihe von Lexemen gab, die entweder nur in einem der beiden Staaten existierten oder in beiden Staaten unterschiedliche Bedeutung hatten.

Mit der Auflösung der alten DDR und dem Beitritt des Staates zur Bundesrepublik hat zwar die Trennung der Wörterbücher aufgehört zu existieren, nicht aber die Lexeme, die spezifisch sind und waren für die DDR und für das heutige Ostdeutschland. Natürlich werden Bezeichnungen für Dinge und Institutionen, die es nur in der DDR gab, heute lediglich bei der Erzählung und Wiedergabe von Vergangenem verwendet, doch gibt es darüber hinaus auch Lexeme, die dem westdeutschen Sprachnutzer fremd vorkommen, weil sie in der DDR geprägt wurden und von den Ostdeutschen natürlich nach wie vor verwendet werden - man ändert seinen Alltagssprachgebrauch nicht schlagartig wenn das politische System sich wandelt.

Gegenstand dieser Arbeit soll die Untersuchung von Markierung und Bedeutungserklärung von DDR-/ ostdeutschen Lexemen in einem neuen gesamtdeutschen Wörterbuch sein, das 1994 von Renate Wahrig-Burfeind herausgegebene Deutsche Wörterbuch[3]. Da die Differenzen zwischen Wortschatz Ost und Wortschatz West sich vor allem auf Substantive erstrecken, diejenige Wortklasse, die im Sprachwandel traditionell die meisten Neubildungen aufweist, wird sich diese Arbeit wesentlich auf die Substantive konzentrieren. Dabei soll vor allem vom Standpunkt des Wörterbuchnutzers ausgegangen werden, genauer gesagt vom Standpunkt eines Wörterbuch- und Sprachnutzers, der in der alten BRD geboren und (auch sprachlich) sozialisiert wurde und seit einiger Zeit in Ostdeutschland lebt (wie es auch bei mir selbst der Fall ist). Mir ist es als ein solcher "sprachlicher Grenzgänger" oft passiert, daß ich im Sprach- und Schriftgebrauch um mich herum auf Wörter traf, die mir fremd waren oder zumindest im verwendeten Zusammenhang unklar blieben. Ich habe allerdings nie ein Wörterbuch aufgeschlagen, sondern die Sprachverwender selbst gefragt. Aus den Antworten die ich erhielt und aus meiner Alltagserfahrung habe ich mir nach und nach eine Art "internes ostdeutsches Lexikon" aufgebaut, das mir bei dieser Arbeit zugute kam, um Diskrepanzen zwischen der Bedeutungserklärung im Deutschen Wörterbuch (im folgenden kurz 'Wahrig-Burfeind' genannt) und meinen "internen Bedeutungserklärungen" festzustellen. Nicht zuletzt war mein "internes Lexikon" auch bei der Aufgabe hilfreich, überhaupt DDR-/ ostdeutschen Wortschatz im Wahrig-Burfeind ausfindig zu machen, da wegen des Umfangs in dieser Arbeit auf eine systematische Untersuchung aller im Wahrig-Burfeind enthaltenen Lexeme dieser Art verzichtet wurde. Methodisch gesehen habe ich zum einen alle die Lexeme, die mir im Alltagssprachgebrauch spezifisch ostdeutsch erscheinen, im Wahrig-Burfeind nachgeschlagen, zum anderen auch einige Buchstaben systematisch in Hinsicht auf entsprechend markierte Lexeme untersucht, so z.B. die Buchstaben d und k. Mit dieser Methode habe ich versucht, eine möglichst breite Erfassung der unterschiedlichen Kennzeichnungsarten und Bedeutungserklärungen zu erreichen.

Bei der Wiedergabe der Wörterbuchartikel habe ich auf grammatische Angaben wie Geschlecht und Deklinationsgruppe verzichtet, da diese für den Untersuchungsgegenstand keine Rolle spielen. Weiterhin bin ich typographisch stets der Schreibweise der Wörterbuchartikel im Wahrig-Burfeind gefolgt: das Lexem oder Lemma ist fettgedruckt, die Bedeutungserklärung kursiv und die Kennzeichnungen (Verwendungsgebiet, Etymologie, Stilebene etc.) erscheinen in spitzen Klammern (<.>). Eigene Anmerkungen innerhalb eines wiedergegebenen Wörterbuchartikels, z.B. zusammenfassende Wiedergabe einer anderen Bedeutungserklärung als der mit <DDR> markierten, sind in eckige Klammern ([...]) gesetzt.

1. Verschiedene Arten der Markierung von DDR-/ ostdeutschem Wortschatz im Deutschen Wörterbuch (Wahrig-Burfeind)

Vor der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten war die Markierung von DDR-Wortschatz in einem BRD-Wörterbuch recht eindeutig: mit der Markierung 'DDR' wurden diejenigen Lexeme versehen, die vornehmlich in der DDR verwendet wurden und/ oder Dinge bezeichneten, deren Existenz auf das Gebiet der DDR beschränkt war. Mit dem Ende der DDR teilten sich die DDR-spezifischen Lexeme in zwei Gruppen auf. Zum einen gelten heute die Lexeme, die nur in der DDR existente Dinge bezeichnen, gewissermaßen als veraltet, da es ihren Bezeichnungsgegenstand nicht mehr gibt. Die zweite Gruppe besteht aus denjenigen Lexemen, die weiterhin im Gebrauch sind, da die von ihnen bezeichneten Gegenstände vom Ende des Staates DDR nicht beeinflußt wurden. Der Redaktion eines neuen gesamtdeutschen Wörterbuchs wird sich nun die Frage stellen, wie und ob der Unterschied in Existenz/ Nicht-Mehr-Existenz des bezeichneten Gegenstandes in der Markierung des entsprechenden Lexems zum Ausdruck gebracht werden soll.

Im Erklärungsteil, der dem eigentlichen Wörterverzeichnis vorangestellt ist, wird zur Kennzeichnung <DDR> vermerkt: "Wörter, die aus dem Gebiet der Ex-DDR stammen oder dort gebraucht werden"[4].

Im folgenden habe ich versucht, anhand der im Wahrig-Burfeind auftretenden verschiedenen Markierungen des DDR-/ ostdeutschen Wortschatzes nachzuvollziehen, welchen Prinzipien bei der Konzeption dieses Wörterbuchs gefolgt worden ist.

Dabei gibt es bei den mit der Markierung <DDR> versehenen Lexemen drei verschiedene Obergruppen: die Markierung <DDR> ohne weitere Merkmale in der Bedeutungserklärung, dann die mit der Markierung <DDR> versehenen Lexeme, deren Bedeutung erkennbar im Präsens erklärt wird, und diejenigen mit <DDR> markierten Lexeme, deren Bedeutungserklärung im Präteritum erfolgt.

Die so gekennzeichneten sind Lexeme, die ausschließlich in der DDR verwendet wurden, also Neuprägungen oder Entlehnungen aus dem Russischen. Sie sind zu unterscheiden von Lexemen, die auch in der alten BRD existierten, aber mit einem anderen Bedeutungsinhalt. In diesem Fall wird der in der DDR gebräuchliche Bedeutungsinhalt im Wahrig-Burfeind meist als zweite oder weitere Bedeutung aufgeführt. (siehe 1.4)

1.1 <DDR>

Die wohl am häufigsten auftretende Markierung ist die Kennzeichnung <DDR> ohne jegliche Zusätze oder sonstige Merkmale.

Zu unterscheiden sind hier zum einen Lexeme, deren Bezeichnungsgegenstand als DDR-ausschließlich heute nicht mehr existiert. Aus dieser Gruppe finden sich im Wahrig-Burfeind z.B.:

Blauhemd blaues (Uniform-)Hemd eines Mitglieds der FDJ; <umg> dessen Träger

Dispensairebetreuung vorbeugende medizinische Betreuung gesundheitlich gefährdeter Personen [zu frz. dispensaire, "kleines Krankenhaus",...]

Deli / Delikatladen Delikatessen-, Feinkostgeschäft

Diversant Saboteur, Störer [zu lat. diversus, "abgekehrt, entgegengesetzt"]

Kader... <in Zus.> Arbeitskräfte im allgemeinen betreffend (~gespräch, ~politik, ~bedarf)

~abteilung = Personalabteilung

~reserve für Leistungsfunktionen vorgesehene Nachwuchskräfte

Kaderwelsch <umg.> politisch-ideologische Funktionärssprache

Kindertag <kurz für> Internationaler Tag des Kindes, mit zahlreichen Kinderfesten, jährlich am 1. Juni begangener Feiertag

Kombinat staatseigener Konzern, Zusammenschluß der Betriebe eines Industriezweiges

Republikflucht <..., im offiziellen Sprachgebrauch der DDR> illegales Verlassen der DDR

Sättigungsbeilage neben Fleisch bzw. Fisch und Gemüse dritter Bestandteil des Mittagessens (Kartoffeln, Reis, Teigwaren o.ä.)

Abkürzungen für Institutionen, Verbände etc. wie DSF, DTSB, DEFA, DFD, DBD, KB

Die mit diesen Lexemen bezeichneten Gegenstände gibt es nicht mehr (Blauhemd, Dispensairebetreuung, Deli/ Delikatladen, Zusammensetzungen mit Kader~, Kaderwelsch, Kindertag, Kombinat, Republikflucht, sämtliche Institutionen) oder diese Lexeme traten nur in einer Art "offiziellen DDR-Sprache" auf (Diversant, Sättigungsbeilage), die mit dem Ende der DDR ebenfalls verschwunden ist[5].

Des weiteren finden sich unter den im Wahrig-Burfeind mit der Markierung <DDR> (ohne Zusätze und weitere Merkmale z.B. in der Bedeutungserklärung) versehenen Lexemen auch solche, die immer noch in Aussagen über Gegenwart und Zukunft verwendet werden, weil ihr Bezeichnungsgegenstand weiter existiert[6]. Hier wären u.a. zu nennen:

Datsche Wochenendhaus, Landhäuschen [zu russ. Datscha ]

Feierabendheim Altersheim

Ferienlager in den Sommerferien für Schulkinder veranstalteter kollektiver Aufenthalt in Erholungsgebieten

[...]


[1] Klappenbach/Steinitz (Hrsg.), Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache, Berlin (Ost) 1978

[2] Duden. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache in sechs Bänden, herausgegeben unter der Leitung von Günther Drosdowski, Mannheim 1976-1981

[3] Deutsches Wörterbuch, herausgegeben von Renate Wahrig-Burfeind, Gütersloh 1994

[4] Wahrig-Burfeind, a.a.O., S. 13

[5] Bei der Zuordnung zu dieser "offiziellen Sprache" kann ich mich nur auf die Aussagen von in der DDR aufgewachsenen Sprachbenutzern stützen, da die meisten Ost-West-Wortschatzvergleiche zwar durch die Benutzung von Zeitungstexten als Textkorpus die Existenz solcher Lexeme in der offiziellen Sprache nachweisen können (so in: Hellman, M. (Hrsg.): Ost-West-Wortschatzvergleiche, Tübingen 1984 (Forschungsberichte des IdS, Band 48). Als Textkorpus werden in dieser Untersuchung Zeitungsartikel aus dem 'Neuen Deutschland' und der 'Welt' verwendet.), nicht aber die Tatsache, daß der normale Sprachnutzer der DDR diese Lexeme wohl kaum in seinen Alltagswortschatz aufgenommen haben wird. Eine typische Antwort auf die Frage nach der Verwendung z.B. des Lexems ' Sättigungsbeilage ' war folgende: "Das Wort tauchte nur auf Speisekarten auf. Gesagt hat das niemand." Diese Antwort reicht naturgemäß nicht für ein verallgemeinernde wissenschaftliche Aussage, aber sie gibt doch durch die Art der Verankerung im Sprachbewußtsein eines einzelnen ehemaligen DDR-Bürgers Hinweise auf den Verwendungskontext des Lexems.

[6] Hierbei kann ich mich wiederum nur auf meine eigenen Erfahrungen mit dem Alltagssprachgebrauch in Ostdeutschland beziehen. Da ich aus meiner Erfahrung weiß, daß mit diesen Lexemen auch heute noch Dinge bezeichnet werden, denke ich, daß hier eine solche Verallgemeinerung zulässig ist.

Details

Seiten
25
Jahr
1996
ISBN (eBook)
9783638250665
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v21445
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
DDR-Wortschatz Wörterbuch Bedeutungsangaben Markierungen Deutschen Lexikologie Gegenwartssprache

Autor

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Titel: DDR-Wortschatz im gesamtdeutschen Wörterbuch: Bedeutungsangaben und Markierungen im "Deutschen Wörterbuch" (Wahrig-Burfeind 1994)