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Eine kulturgeschichtliche Diagnostik des deutschen sozialen Organismus

NSU und AFD

Wissenschaftliche Studie 2013 31 Seiten

Geschichte - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

1. Eine Biographie des deutschen sozialen Organismus

2. Spuren der politischen Kultur im Land der Dichter und Denker: Die NSU

3. Europaskeptik und Staatsraison: Die DM-Nostalgie und die AFD in Deutschland, die Euroskepsis und das Deutschland-Misstrauen in Großbritannien, europäischer Widerwille und Ressentiment in Frankreich, Europa Ärgernis in Italien und EU Verdruss in der Peripherie der Europäischen Union

1. Eine Biographie des deutschen sozialen Organismus

Obstina initiis

Wehret den Anfängen

Oder, um das römische Dictum kontextbezogen zu paraphrasieren, sollte man die Anfänge zumindest erkennen und zu deuten suchen, denn auch unter einer kleinen Spitze eines beobachtbaren Eisberges befindet sich in der Regel ein unsichtbares Massiv und bisweilen sogar vom Ausmaß eines Himalayas, der Länder über nationale und kulturelle Grenzen hinweg dominieren kann.

Heute ist der 13. Mai. Abermals jährt sich das Ende des 2. Weltkrieges, der so vielen Menschen das Leben kostete und nur Chaos hinterlassen hat, unter dem die Menschheit heute noch leidet. Dieses Erbe bedingt die sozialpolitischen Phänomene der NSU und der AFD mit, da sie auf einer Kontinuität von affinen Werte als Determinanten von Sozialverhalten in historisch diversen Phasen und Kontexten basieren. Die Fragen, die den Menschen auf der Seele brennen und die sie überzeitlich bewegen, weil sie den Kern ihres Wesens und ihre Identität tangieren und somit zutiefst emotionalisiert sind, scheinen ungelöst geblieben zu sein und tauchen solange erneut im Bewusstsein der Menschen auf, bis sie in einer lebenserforderlich konformen und zuträglichen Weise im Lichte unabdingbarer menschlicher Integrität gelöst werden.

Sie sind Symptomatiken eines gesellschaftlichen Organismus, ebenso wie die Nazipartei eine Symptomatik für den emergenten Faschismus und die Gräuel des Weltkrieges war. Damals wie heute äußert sich der Gesundheitsstatus des gesamtgesellschaftlichen Organismus und sendet Signale, die gedeutet und diagnostiziert werden müssen, damit der soziale Körper nicht zum Patienten wird, dessen Zustand sich gegebenenfalls verschlechtert. Und wenn ein Glied in einem Gesamtorganismus leidet, so leiden die anderen mit, sei es im geistigen, physischen oder sozialen Körper. Deshalb ist die korrekte Diagnose des sozialen Status der Gesundheit national und auch international von Bedeutung, da die Menschheit einen übergeordneten interdependenten sozialen Organismus verkörpert, den wir im globalen Zeitalter immer mehr erkennen.

Die organische Metapher bedeutet vor allem Interdependenz und daher gemeinschaftliche Verantwortung. Damals, wie heute ging und geht es um die Durchsetzung nationaler Interessen gegen fremdkulturelle im inter- und nunmehr, aufgrund der Präsenz des Fremdkulturellen im Inland, auch im intrakulturellen Bereich, in intrakulturell diversen Sprachen wirtschaftlicher oder politischer Prägung. Werden diese Symptome nicht erkannt, so können sie von Leadern und Ideologien instrumentalisiert werden und eskalierende Konfliktkreisläufe einleiten, wofür wir nun genügend geschichtliche, politische und kulturelle Evidenz haben.

Statt die Symptome zu ignorieren oder zu verdammen, sollte man sich daher um deren korrekte Deutung und Diagnose im Lichte der Geschichte bemühen. Das dritte Reich, die NSU und die AFD sind insofern ähnlich gelagerte kulturelle Phänomene, als dass sie einen interkulturellen Interessenkonflikt signalisieren. Das zweite Jahrtausend endete mit dieser interkulturellen Konfliktsymptomatik und der Beginn des 3. Jahrtausends wirft mit seinem Beginn im Zeichen dieser Konfliktsymptomatik, gleich einer Ouvertüre oder den ersten Takten oder Zeilen eines Kunstwerkes, ein Licht und in diesem Fall einen dieses verdunkelnden Schatten auf das was der Menschheit und Deutschland in der kommenden Zeit blühen könnte, insbesondere wenn die kulturellen Antagonismen durch die Politik durch noch freizügigere Einwanderung und Entgrenzung durch anarchische Supranationalisierung historisch astigmatisch und daher unverantwortlich im Interesse von Lobbys und Machtanmaßungen gefördert statt mit Augenmaß gesteuert und integriert werden.

Den drei genannten Phänomenen des Nazismus, der NSU und der AFD scheinen dieselben Werte nationaler Selbstbehauptung in diversen Bereichen, den politischen, wirtschaftlichen und kulturellen, zugrundezuliegen und diese Werte bestimmen entsprechende Einstellungen und Verhaltensweisen in diversen Graden und Formen, vom impliziteren zu expliziteren. Es sind kontextuell diverse Ausdrucksformen derselben nationalen Werte, Einstelligen und Denkmuster.

Die gegenwartsgeschichtlichen scheinen auf eine Frage der Teilhabe am nationalen Sozialprodukt hinauszulaufen, im Falle der AFD im Hinblick auf Europa und im Falle der NSU im Hinblick auf intrakulturelle Verteilungsfragen und Machtfragen in Zusammenhang mit der Immigration. Dies würde weiterhin auf einen wirtschaftlichen Determinismus hindeuten, der kulturell bedingt und verstärkt wird.

Die Zeit übergreifende Botschaft des sozialen Organismus bringt sein Bedürfnis nach unangefochtener gesamtkultureller Identität und Integrität zum Ausdruck, bei deren Kompromittierung seine geistig-physischen, sozialen Funktion gestört werden und das Leben außerhalb der Margen der unabdingbar erforderlichen Normalität verläuft. Und dieser sozialorganische Befund muss in die Politikgestaltung einfließen, so schwierig dies im Zeitalter der Globalisierung und Supranationalisierung auch sein mag. Werden diese sozialorganischen Bedürfnisse von den etablierten Parteien ignoriert, so freuen sich die für deren Ablösung in den Startlöchern stehenden politischen Alternativoptionen. Denn dann ist deren historische Stunde abermals angebrochen, was immer für konträre historische Evidenz auch vorhanden sein mag. Das tiefer gründende Motiv überflügelt die rationale Analyse.

Irgendwann in der Geschichte der Deutschen muss es ein Ereignis gegeben haben, das ihn strukturell verändert und ein derartige Koordinaten- und Achsenverschiebung seines Wesens auslöste, die als Urknall seiner Problematik und deren Ur-Ursache zu bezeichnen sind und die ihn Generation um Generation zu bedingen scheinen. Seiher arbeitet er an der Wiederfindung seines verlorengegangenen Paradieses und sucht seine Integrität auf allen möglichen und unmöglichen Wegen des Guten und Großen, wie auch des Bösen, bis hin zur mehr oder weniger anmaßenden faustischen Suche nach dem Absoluten, wiederzugewinnen und geht dabei sogar über Leichen, eigene und der anderer Völker gleichermaßen.

Wenn dieser Urknall des Problems identifizierbar ist, so ist er, zusammen mit seiner zeitübergreifenden, übergeordneten strukturell-funktionellen Umprogrammierung revidierbar und transzendierbar. Da der diagnostizierte Sachverhalt, wie alles Menschliche, sowohl Gutes, als auch Schlechtes zutage fördert, gilt es, nach der biblischen Maßgabe, nicht das Schlechte zusammen mit dem zweifellos Guten auszumerzen – man denke nur an die wissenschaftlich-künstlerischen Leistungen, um seinem Los durch Erhebung in die Höhen des Seins zu entrinnen. Es kann als Flucht vor seiner eigenen Malaise im Bewusstsein und der Erinnerung an seine verlorengegangene kulturelle Unschuld paradiesischer Freiheit gedeutet werden, ohne die frühere Vergangenheit verklären zu wollen, da der Mensch ja an einem generellen Leid durch die Bedingtheit und Begrenztheit seines Lebens in Zeit, Raum und Bewusstsein laboriert, die ihn immer wieder mit seinem menschlichen Los des Finiten und Bedingten, bei gleichzeitiger Bewusstheit einer möglichen Freiheit höherer Ordnung, konfrontieren. In diesem Spannungsfeld bewegt sich sein Leben und seine Artefakte, die aber alle dennoch insgesamt als Luftgespinst und Eitelkeit im Meer der Zeit verwehen. Gleich einem Grashalm wird er in vollem Wachstum abgeschnitten.

Angesichts dieser Tatsache ist die einzige Hoffnung des Menschen die alleinige Erlösung durch die unvergleichliche und unverfälschte christliche Botschaft, ohne die der Mensch sich weder hier noch dort voll realisieren kann. Und wenn diese erlösende Botschaft nicht angemessen rezipiert werden kann oder verfälscht wird, dann entsteht eine strukturelle Malaise im Menschen, da er sein Wesen weder horizontal noch vertikal angemessen integrieren und seine integrale Einheit in Gott und somit sein seine Begrenzungen transzendierendes Glück finden kann. Mangels dieser immanenten-transzendenten Gesamtidentität und Integrität jagt er dann kompensatorischen Pseudolösungen nach, die aber von einer unvollständigen Prämisse ausgehen und daher keine dauerhaften Lösungen herbeiführen können.

Die Urknall und die Koordinaten- und Achsenverschiebung im deutschen Wesen ist aufgrund dieser unabdingbaren komplementären eschatologischen Dimension seines Leben wahrscheinlich mit der seine Integrität beschneidenden Reformation eingetreten, in der einerseits eine Abkopplung von seiner strukturell erforderlichen eschatologischen Dimension und andererseits eine polare Achsenverschiebung der männlich-weiblichen strukturellen Polarität eingetreten ist. Diese kulturell bedingte fundamentale Wesensveränderung hat seine normalen biologischen Prozesse und Programme überlagert und sie zu seinem Leidwesen verdrängt. Seitdem sind die beiden Programme im Wesen der Deutschen in Konflikt und dieser Konflikt wird Generation um Generation externalisiert und erzeugt eine kulturspezifische Form deutschen Leids, an der nicht nur Deutschland, sondern auch die interdependente Welt krankt. Daher ist eine Retour ad integrum des deutschen Wesens sein Panaceum. Ich habe diese Verflechtungen, insbesondere die Replizierung der Abkopplung von der komplementären, die menschliche Ganzheit mitkonstituierenden Transzendenz in den kulturhistorisch eskalierenden Folgephänomenen wie des Marxismus und Hitlerismus anderweitig beschrieben und möchte es damit bewenden lassen. Die moderneren Symptomatiken sind Teil der historischen Verkettung der ursächlichen Problematik, die hier identifiziert wurde.

Die konstruktive Revision der ursächlichen Problemgenese hätte in der Möglichkeit der Revitalisierung der romanisch-germanische kulturelle Inkompatibilitäten überbrückenden originären geistig-kulturellen deutsch-römischen Achse, in der historischen Persönlichkeit des deutschen Jahrtausendpapstes bestanden. Doch diese Gnade des Schicksals wurde bislang weder erkannt noch angenommen, sondern sogar mehr oder weniger explizit, in der Gestalt einer Rom in die Schranken weisenden Anmaßung durch eine kommunistisch, reformatorisch sozialisierte Kanzlerin, die westlich-demokratische, authentisch christliche Werte erst spät im Leben im Learning by Doing Modus erworben hat und daher auch die katholisch-orthodoxe europäische Welt bisweilen mit Schrecken heimsucht.

Die Reintegration in das originäre deutsche Kulturskript und die Normalisierung des physisch-geistigen Terrains sind aber eine reale Möglichkeit, wenn auch nicht evident in der gegenwärtigen politischen Konstellation, die sich als konservativ-christlich ausgebend, Etikettenschwindel im Zeichen ihrer Machagenden betreibt. Doch die politischen Alternativoptionen sind auch nicht frei von der beschriebenen deutschen „kulturellen Erbschuld“. Es wäre daher nicht überraschend, wenn die gegenwärtigen Legislaturperioden mit ursächlich für beschriebene Symptomatiken im sozialen Organismen wären. Wurde hier eventuell sogar ein Bock zum deutschen Gärtner gemacht? Wie auch immer, jenseits von Polemik kann die Erkenntnis dieser deutschen soziokulturellen Biographie eine Inspiration für die soziopolitische Reflektion im Hinblick auf die Reintegration Deutschlands und der Deutschen in ihr originäres, unverfälschtes kulturelles Skript mitbewirken.

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Details

Seiten
31
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656427803
ISBN (Buch)
9783656567004
Dateigröße
606 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v214434
Note
Schlagworte
deutsche Politikanalyse Leitmotiv der deutschen Geschichte NSDAP/NSU/AFD im gesamtkulturellen Kontext politische Ursachenforschung/Deutschland deutsche politische Kultur/Analyse deutsche Politik/Kulturgeschichte/roter Faden

Autor

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Titel: Eine kulturgeschichtliche Diagnostik des deutschen sozialen Organismus