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Nähe und Distanzantinomie im pädagogischen Alltag

Szenenbeispiel aus „Die Klasse“ von Laurent Cantet

von Jana Bentz (Autor)

Hausarbeit 2013 18 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Antinomien nach Werner Helsper
2.1 Definition des Begriffs Antinomie
2.2 Differenzierung der Antinomien

3. Nähe- und Distanzantinomie
3.1 Definition des Begriffs Nähe
3.2 Definition des Begriffs Distanz
3.3 Schwierigkeiten bei der schulischen Anwendung
3.4 Begründung der Notwendigkeit von beiden Seiten

4. Filmbeispiel „Die Klasse“
4.1 Begründung der Szenenauswahl
4.2 Szenenbeschreibung
4.3 Szenenanalyse im Hinblick auf den Umgang mit der Nähe-Distanz-Antinomie

5. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

„Die neueren (sexuellen) Gewaltskandale der katholischen Kirche, der reformpädagogischen Odenwaldschule sowie zahlreicher Sportvereine sind begleitet von einer Forderung, dass Pädagoginnen/Pädagogen […] besser in die Lage versetzt werden sollen, eine >> richtige Nähe << oder die >> richtige Distanz << zu den Kindern einzunehmen“ (Dörr 2010, S. 20). Diese Fälle von sexuellem Missbrauch oder Belästigung, die gerade in den letzten Jahren zahlreich an deutschen Institutionen bekannt wurden, weisen darauf hin, dass es für Lehrer oft schwierig ist, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Nähe und Distanz zu den Schülern herzustellen. Seit an meiner ehemaligen Schule, die von einem katholischen Orden geleitet wird, mehrere Missbrauchsfälle durch Patres aus den achtziger Jahren aufgedeckt wurden, die meiner Schule sehr geschadet haben, achte ich persönlich in meinen Schulpraktika immer besonders darauf, wie die Lehrer mit unterschiedlichen Schülern und unterschiedlichen Klassen auch in schwierigen Situationen umgehen. Hierbei bin ich selbst auch schon ab und zu Zeugin von Unterrichtssituationen geworden, in denen Lehrer zu viel Distanz geschaffen haben, die sich später negativ auf das Unterrichtsklima auswirkte oder zu viel Nähe zeigten, was ihrer Autorität geschadet hat. Jedoch konnte man in anderen Situationen wiederum erkennen, dass eine gewisse Distanz oder Nähe für den Erfolg des Lernprozesses förderlich war.

Studien wie das Programm zur internationalen Schülerbewertung (PISA) oder die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) haben aktuell außerdem gezeigt, dass die großen Unterschiede zwischen den schulischen Leistungen der einzelnen Bundesländer und Städte nicht nur abhängig von der sozialen Herkunft der Schüler sind. Stattdessen weisen sie auch auf eine bedeutende Rolle des Lehrers hin, der die Ergebnisse durch seinen Umgang mit den Schülern und der Stoffvermittlung beeinflusst (vgl. Beck/Zlatkin-Troitschanskaia 2010, S.2). Gerade auch deshalb sind passende Umgangsformen mit den Lernenden sehr wichtig, wobei der Pädagoge in der täglichen Arbeit abermals mit der Nähe-Distanz-Problematik konfrontiert wird.

Die genannten Beispiele eröffnen die These, dass Nähe und Distanz eine prekäre antinomische Notwendigkeit sind, der man im pädagogischen Alltag begegnet. Auf den ersten Blick widersprechen sich diese beiden Begriffe. Jedoch ist es wichtig, dass beide Seiten im Lehrerhandeln dargestellt statt ignoriert werden, auch wenn dies oft mit Schwierigkeiten verbunden ist. Das Ziel dieser Arbeit ist es, genau das zu beweisen.

Um eben diesen Widerspruch und die Unerlässlichkeit beider Pole darzustellen, wird im Folgenden zuerst das allgemeine Grundkonzept der Antinomien von Werner Helsper dargestellt. Hierbei wird zunächst der Begriff Antinomie erläutert, bevor dann kurz auf Helspers Differenzierung in verschiedene Ebenen eingegangen wird. Da ich mich in dieser Arbeit vor allen Dingen auf die Nähe-Distanz-Problematik beziehen möchte, werde ich aus Relevanzgründen bei dieser Erläuterung nur die Nähe-Distanz-Antinomie von Helsper zu einer Ebene zuordnen. Im zweiten Teil dieser Arbeit wird dann genauer auf diese Problematik eingegangen, indem anfangs die beiden Begriffe Nähe und Distanz geklärt werden und darauffolgend gezeigt wird, warum Pädagogen ihre Umsetzung im schulischen Kontext oft schwer fällt. Anschließend weise ich auf die Notwendigkeit von sowohl Nähe als auch Distanz im Umgang mit den Schülern hin. Im dritten Teil meiner Arbeit werde ich die vorherige Theorie auf ein Beispiel aus dem Film „ Die Klasse“ von Laurent Cantet anwenden und den Umgang mit der Nähe-Distanz-Antinomie in dieser Szene näher erläutern, nachdem zuvor kurz der Situationshintergrund erläutert wird. Im Schlussteil werden letztendlich die wichtigsten Erkenntnisse der Arbeit zusammengefasst und bewertet, um einen Blick auf die zukünftigen Entwicklungen zu wagen.

2. Die Antinomien nach Werner Helsper

Professor Doktor Werner Helsper ist aktuell Professor für Schulforschung und Allgemeine Didaktik an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg. Zwar gibt es einige bedeutende Erziehungswissenschaftler, die sich bereits vor Helsper mit den pädagogischen Antinomien befasst haben, jedoch eignen sich seine besonders für den folgenden Betracht, da er diese „zahlreichen Vorarbeiten“ (Helsper 2000, S.143) sowohl verknüpft als auch weiter ausarbeitet. Außerdem sind seine Publikationen in diesem Bereich so bekannt und akzeptiert, dass Helsper 2009 „Mitglied der Expertenkommission der DGfE [Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft] ‚Nähe und Distanz in pädagogischen Beziehungen‘“ (Kurzbiographie von Prof. Dr. Helsper) wurde. Aus diesen Gründen wird im Folgenden oft Bezug auf seine Einschätzungen und Definitionen genommen.

2.1 Definition des Begriffs Antinomie

Bevor mit der theoretischen Analyse der These begonnen wird, ist es wichtig, die bedeutenden Begriffe zu klären. Daher wird im Folgenden zuerst einmal erläutert, was man unter einer Antinomie versteht.

Helsper beschreibt die Antinomien als „widersprüchliche Anforderungen, in deren Spannung pädagogisches Handeln […] hervorgebracht wird“ (Helsper 2004, S.55). Sie sind also vermeintliche Antonyme, die sich in der Beziehung zwischen Personen sowohl im familiären Kreis als auch in der Schule entwickeln (vgl. Helsper 2009, S.53). Im Umgang mit diesen Antinomien können Probleme entstehen, da beide Anforderungen meistens von Bedeutung sind, sodass man immer wieder dazwischen balancieren muss, statt sich auf eine zu beschränken (vgl. Helsper 2004, S.61). Dabei fällt es im Alltag oft schwer, das richtige Maß zwischen beiden Seiten zu finden, da viele Individuen mit unterschiedlichen Interessenlagen und Gefühlen aufeinandertreffen. Warum dies insbesondere auch bei Pädagogen in der Schule der Fall ist, wird in Kapitel 3.4 näher erläutert, weshalb hier nicht genauer darauf eingegangen wird. Doch zuerst soll nun dargestellt werden, nach welchen Kriterien Helsper die Gliederung der Antinomien in unterschiedliche Stufen vollzieht.

2.2 Differenzierung der Antinomien

Nachdem der Begriff der Antinomien nun erklärt ist, wird nun dargestellt, wie Werner Helsper diese in verschiedene Untergruppen einteilt. Allerdings wird an dieser Stelle aus Platz- und Relevanzgründen für die Fragestellung dieser Arbeit nicht detailliert darauf eingegangen und auf weitere Antinomienbeispiele verzichtet (siehe auch Helsper 2000, S.144-158).

Insgesamt unterteilt er die Antinomien in „vier Ebenen“ (Helsper 2000, S.144). Die Antinomien der ersten Ebene zeichnen sich dadurch aus, dass sie für das pädagogische Handeln „konstitutiv[ ] und nicht aufhebbar[ ]“ (Helsper 2004, S.67) sind. Diese Ebene spaltet Helsper nun in zwei Gruppen auf: in die „stellvertretende, vermittelnde Lebenspraxis für die Bildung einer anderen Lebenspraxis“ und die „widerstreitende Vermittlung von zugleich nahen und zugleich distanzierten Handlungsformen“ (Helsper 2002, S.75). Unter letzterem versteht Helsper Antinomien, die von dem jeweiligen Akteur erwarten, dass er einerseits seiner Rolle angepasst handelt, aber dabei auch das Verhalten anderer Rollen integrieren muss. Zu dieser Gruppe gehört auch die Nähe-Distanz-Antinomie, die in dieser Arbeit von besonderer Wichtigkeit ist. In ihr muss der Lehrer, wie von der Schule vorgegeben, eigentlich eher distanziert handeln. Jedoch erfordern einige Situationen und Probleme, dass er Nähe zeigt, wie es eigentlich in einer Familie oder einem Freundeskreis der Fall ist. So kommt es zu der Schwierigkeit dieser Antinomie, die in dieser Arbeit behandelt wird.

Auf der zweiten Ebene siedelt Helsper die „Widersprüche des Lehrerhandelns“ (ebd., S.67) an. Diese Widersprüche entstehen als Folge des festgelegten Aufbaus des Bildungswesens und den rollenkonformen Vorgaben, die die Lehrer in der Schule befolgen müssen.

Die dritte Ebene besteht aus den „Handlungsdilemmata“ (ebd., S.68). Mit diesem Begriff benennt Werner Helsper das Phänomen, dass sich das Lehrerhandeln mit den konstitutiven Antinomien verheddern kann.

Auf Helspers vierter Ebene findet man die „Modernisierungsantinomien“ (ebd., S.68). Diese strahlen auf die Lehrerarbeit aus und geben ihr einen Rahmen. Außerdem steigern diese Antinomien die „Ausgestaltung und Bewährung“ (ebd., S.76) der Antinomien des pädagogischen Handelns.

3. Nähe- und Distanzantinomie

Nachdem nun die wichtigsten Grundbegriffe zu den Antinomien erläutert wurden, wird in diesem Kapitel genauer auf die Nähe- und Distanzantinomie eingegangen. Sowohl Nähe als auch Distanz werden jeweils vom Körper der beteiligten Individuen empfunden. Dieser reagiert nach Margret Dörr als „Zensor […], der uns eine […] Auskunft über unsere gefühlten – angenehmen und/oder unangenehmen – Abstände zu anderen Menschen […] geben kann“ (Dörr 2010, S.21). Was genau in der Bildungswissenschaft unter Nähe und Distanz verstanden wird, gilt es im folgenden Teil zu klären.

3.1 Definition des Begriffs Nähe

Helsper definiert Nähe als eine Beziehung zwischen zwei Individuen, die nicht nur oberflächlich, sondern durch Emotionalität, gegenseitiges Verständnis und das Aufeinandereingehen geprägt ist: „Nähe [ist] der Ausgriff auf die ganze Person und das innere Wesen“ (Helsper 2004, S.53). Nähe stellt für ihn also in dieser Antinomie nichts Räumliches, sondern etwas körperlich Empfundenes dar (vgl. ebd., S.76). Während der eine sie vielleicht eher als „Anerkennung“ (ebd., S.52) und Wertschätzung positiv ansieht, kann der andere sie als „zudringlich“ (Dörr 2010, S.21) und unangenehm empfinden. Da alle Menschen Gefühlsäußerungen anders wahrnehmen, zeichnet sich also bereits nach dieser Definition eine Komplikation heraus, die im Umgang mit Nähe entstehen kann. Dabei stellt sich im Zusammenhang mit der Nähe-Distanz-Antinomie die Frage, ob es bei der Distanz auch zu solchen Schwierigkeiten kommen kann.

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Details

Seiten
18
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656427247
ISBN (Buch)
9783656437758
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v214416
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,3
Schlagworte
Antinomie Werner Helsper Schule Pädagogik Nähe Distanz Widerspruch Nähe Distanz

Autor

  • Jana Bentz (Autor)

    8 Titel veröffentlicht

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Titel: Nähe und Distanzantinomie im pädagogischen Alltag