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Sowjetische Vergangenheitsbewältigung. Umschreibung der Geschichte der UdSSR?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 19 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Sowjetische Umschreibungen eigener Geschichte
2.1 Geschichte als Propagandamittel
2.2 Josef Stalin im Mittelpunkt der sowjetischen Nachschlagebücher
2.2.1 GSE 1947 – Lobgesang für den „Völkervater“
2.2.2 GSE 1957 – gemäßigte Kritik und Erklärung des Stalinkultes
2.2.3 GSE 1978 – erweiterte Kritik an Stalin
2.2.4 GSE 1987 – kurz und bündig, aber nichts Neues
2.3 Nichtangriffspakt 1939 und seine Folgen
2.3.1 Was war tatsächlich der Molotov-Ribbentropp-Pakt?
2.3.2 Okkupation Ost-Polens zum `Schutze der Völker
2.3.3 Massenmord in Katyn
2.4 Sowjetafghanischer Krieg 1979-89 (`erschaffene´ Legitimation)

3. Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Geschichte der Sowjetunion (1917-1991) gehört zum Teil zur Geschichte Russlands. Unter jedem sowjetischen Staatssekretär wurde die Geschichte der UdSSR neu umgeschrieben. Dabei wurden neue, vorher unbekannte Tatsachen, Analysen und Charakteristiken der vorigen Staatsführer dargestellt. Die sowjetische Vergangenheit wurde immer wieder neu bewertet und bewältigt. Über die Ziele der wahrhaftigen historischen Verarbeitung schreibt A. Maximowitsch hinsichtlich des stalinschen Terrors:

„Mitunter wird gefragt, was es denn bringt, in der Vergangenheit zu wühlen und längst aufgedeckte Verbrechen noch einmal anzuprangern. Aber wir müssen endlich erkennen, wie sich ein solcher Apparat herausbilden konnte…, damit sich die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen“.[1]

War die Geschichte der Sowjetunion eine falsche Geschichte, eine Reihe von Umschreibungen nach den Wünschen des jeweiligen Staatsführers oder doch ein mühsamer Weg zur Wahrheit? Das Hauptziel der vorliegenden Hausarbeit besteht darin, die sowjetische Geschichtsschreibung aus unterschiedlichen Zeitperioden an einzelnen konkreten Beispielen zu analysieren, um die oben gestellte Frage zu beantworten.

Das erste Kapitel wird der Einführung zum Thema gewidmet: die Geschichte wird als ein Werkzeug der Propaganda im Dienste des Totalitarismus betrachtet. Die Akteure und die Ziele der ideologisch beeinträchtigten Vergangenheitsbewältigung werden festgestellt.

Das zweite Kapitel befasst sich mit den Darstellungen der Person Iosif Stalin in den vier sowjetischen Enzyklopädien, die 1947, 1957, 1977 und 1987 herausgegeben wurden. Die Kritik und Lob werden in den drei unterschiedlichen Charakteristiken in der Epoche des Stalinismus, der Chruschtschews `Tauwetter´ und der `Perestrojka´ Gorbatschews verglichen.

Im dritten Kapitel werden die sowjetischen und modernen Darstellungen des Molotov-Ribbentropp-Paktes, die Okkupation Ost-Polens durch die Rote Armee am 17.09.1939 und die Tragödie in Katyn analysiert.

Das vierte Kapitel beschreibt die sowjetische Geschichtsschreibung über den Krieg in Afghanistan 1979-89. Der Schwerpunkt ist der Kriegsbeginn, dessen Ereignisse von der sowjetischen Geschichtsschreibung eigensinnig und manipulativ dargestellt wurden.

2. Sowjetische Umschreibungen eigener Geschichte

2.1 Geschichte als Propagandamittel

Die Thematik der sowjetischen Vergangenheit ist für das heutige Russland genau so aktuell wie für Deutschland die Verarbeitung der Nazi-Zeit. Die Geschichte, die von sowjetischen Historikern geschrieben wurde, hält heutzutage keiner Kritik stand. Die Vorteile der Propagandageschichte für das sowjetische Regime waren klar und deutlich: Die Erziehung der Volksmassen im Sinne des Sozialismus, Beseitigung der Gewissensbisse über manche peinliche, historische Seiten und Schutz der ideologieträchtigen Gegenwart durch die etwas `verbesserte´ Vergangenheit.

Man sieht in der sowjetischen Vaterlandsgeschichte eine Distanzierung des folgenden Parteisekretärs zu seinem Vorgänger, die die XX. Sitzung der KPdSU im Jahr 1956 ins Leben gerufen hat. Der Begriff `Stalinismus´ sollte den grauenhaften Terror und Fehler Stalins brandmarken. Das `Tauwetter Chruschtschews´ definiert das `Abtauen´ des harten und grausamen sozialistischen Regimes, wobei der Begriff `ewige Stagnation´ die einigermaßen ruhige und bewegungslose Jahre der Brezhnew- Ära kennzeichnet. Die Gorbatschews `Umbau´ markiert seine Versuche, die sowjetische Gesellschaft und Wirtschaft auf die demokratische Art und Weise umzugestalten. Die Etikettierung der Geschichtsperiode war die einfachste Methode, um die Regierungszeiten jeweiligen Parteiführers sowie die Vor- oder Nachteile der Regierungszeiten des ehemaligen Sowjetführers zu erklären.

Die Gorbatschews `Perestrojka´ legte den Grundstein für die unwiderrufliche Auflösung der propagandistischen Geschichte. Die Sozialwissenschaftler Burlazkij und Butenko traten für eine Vergangenheitsbewältigung in den Gesellschaftswissenschaften ein.[2] Auf dem fünften Schriftstellerkongress (1985) verurteilte junger Künstler Jewgenij Jewtuschenko die offizielle Geschichtsschreibung und ihre Handbücher, wo bedeutende Namen (L. Berija, N. Ezhov, G.Jagoda usw.) und Ereignisse nicht existieren würden:

„Nicht nur die Gründe für das plötzliche Verschwinden führender Politiker der kommunistischen Partei werden hier nicht erwähnt, sondern manchmal nicht einmal ihr Todesdatum, so als lebten sie einfach im Ruhestand“.[3]

Die Kritik Jewtuschenkos stellt eine der Lücken der sowjetischen Geschichtsschreibung dar. Die Unterschlagung und das Hervorheben einzelner historischer Personen und Episoden nach den politischen Richtlinien jeweiliger Sowjetregierung hatte die Geschichte der UdSSR eine längere Zeit beeinflusst und verleugnet.

Die historische Entwicklung des Sowjetstaates wird aber trotzdem nicht als eine kontinuierliche Gerade sondern als eine Zick-Zack-Linie betrachtet.[4] So versuchte er in seinem Interview mit der französischen Zeitung L´Humanité am 4. Februar 1986 den Begriff `Stalinismus´ als einen von kommunistischen Gegnern erschaffenen Begriff für die Anschwärzung der Sowjetunion und des Sozialismus darzustellen.[5] Auch die Demokratie anstrebenden Handlungen Gorbatschows wurden eine bestimmte Zeit von den reaktionären Entwicklungen geprägt. Die historische Literatur seiner Epoche muss daher nicht ohne Skepsis analysiert werden.

Man kann daraus schließen, dass die sowjetische historische Entwicklung im Allgemeinen einen langsamen, und nicht immer den kürzesten Weg zur Wahrheit einschlug. Die Parteipolitik jeweiligen Generalsekretärs beeinflusste die Gesellschaftswissenschaften so sehr, dass die Vergangenheitsbewältigung in der Sowjetunion nur in den zulässigen Kritikrahmen möglich war.

2.2 Josef Stalin im Mittelpunkt der sowjetischen Nachschlagebücher

2.2.1 GSE 1947 – Lobgesang für den „Völkervater“;

Ein klassisches Beispiel für ein Propagandaschriftwerk bietet die `Grosse sowjetische Enzyklopädie´ (GSE) aus dem Jahrgang 1947. Das offizielle Lexikon umfasst den ausführlichen Lebenslauf Stalins bis zu 30er Jahren des XX. Jahrhunderts. Die besondere Aufmerksamkeit wird seinem parteilichen Werdegang sowie seiner Teilnahme an den politischen Ereignissen 1905-1920 geschenkt.[6] Die moderneren Kriegsjahre waren noch nicht bearbeitet. Das Werk konzentriert sich auf den Geschehnissen der Revolutionen 1905 und 1917, sowie des darauf kommenden Bürgerkrieges.

„Lenin und Stalin führten die Partei und die Arbeiterklasse zur sozialistischen Revolution und zum Waffenwiderstand. Stalin ist der nächste Gleichgesinnte Lenins. Er leitet unmittelbar die Vorbereitung zum Aufstand.“[7]

Stalin wird mindestens auf die gleiche Stufe mit Lenin gesetzt. Dabei wird die Bedeutung seiner Rolle in dem Aufstand übertrieben. Ferner spielt die Beschreibung der einzelnen Episoden mit der Teilnahme Stalins am Bürgerkrieg 1918-1921eine große Rolle:

„Am 6. Juni 1918 kam Stalin nach Zarizyn (Stalingrad) an. Die Stadt war wichtig für die Lebensmittelversorgung der Front und der Hauptstadt. Nachdem Stalin die Lebensmitteltransporte in die hungernden sowjetischen Städte verschickt hatte, beschäftigte er sich mit der Verteidigung Zarizyns. Die Voraussicht und der eiserne Willen Stalins ermöglichten der Roten Armee die Stadt gegen die Verschwörer und Konterrevolutionäre zu verteidigen.“[8]

Seine Rolle als Kommandeur und Verteidiger wird hervorgehoben, wobei kein einziges Wort seinem `opportunistischen´ Vorgesetzten, dem damaligen sowjetischen Volkskommissar für Marine- und Heereswesen Leo Trotzkij gewidmet ist. Man findet in der Kriegsbeschreibung manche dramatisierende Momente:

„Der General Denikin startet seine Offensive vom Süden der Sowjetrepublik. Der Feldmarschall der Revolution (Stalin – Dmitry Kouzin) spürt in den Einheiten der Roten Armee vor Ort eine Hilflosigkeit und keine strategische Initiative. Er erfindet einen genialen Plan . Sieg.[9]

Die Beschreibung Stalins in der GSE 1947 wird als äußerst propagandistisch dargestellt. Die übertriebenen und ausgeschmückten Passagen unterstreichen die persönlichen Eigenschaften Stalins, was nicht zuletzt zu seinem Personenkult beitragen sollte.

2.2.2 GSE 1957 – gemäßigte Kritik und Erklärung des Stalinkultes

Die zu den Chruschtschews Regierungszeit erfolgte Ausgabe aus dem Jahr 1957 bietet eine etwas sachlichere und auszugsweise kritische Darstellung der Biografie Stalins. Zum einen werden in der GSE 1957 die Meinungsverschiedenheiten Stalin und Lenins zur Bodenaufteilung veröffentlicht:

„Bei der Besprechung der Agrarfrage auf der IV. Sitzung der KP(B) verteidigte Stalin die Positionen der Bolschewiken, obwohl er im Vergleich zu der leninschen Idee der Nationalisation eine falsche Vorstellung zur Aufteilung des Bodens unter den Bauern hatte.“[10]

Obwohl es in dieser kritischen Bemerkung nur die kleine Meinungsverschiedenheit zwischen den beiden Marxisten geht, wird sie von den Verfassern der GSE 1957 als `nicht richtig´ beurteilt. Die Kritik an Stalin wird in der nationalen Frage fortgesetzt:

„Zur Frage der Gründung der Sowjetunion hatte Stalin mit seinem `Autonomieprojekt´ zuerst eine falsche Position belegt. Lenin kritisierte seine Fehler in der nationalen Politik und seine Akzeptanz des zarenrussischen Chovinismus.“ [11]

[...]


[1] Maximovitsch A.: Dossier über Berija. In: Nekrassow V.F. (Hrsg.): Berija Berlin 1992, S. 182.

[2] Vgl. Meissner, Boris: Die Sowjetunion im Umbruch. Stuttgart 1988, S. 263.

[3] Vgl. Meissner, S. 262.

[4] Vgl. Meissner, Boris: Die Sowjetunion im Umbruch. Stuttgart 1988, S. 263.

[5] Vgl. ibidem, S. 264.

[6] Vgl. Bolschaja Sowetskaja Enziklopedija. Bd. 52, Moskau 1947, S. 160-165.

[7] BSE, S. 162.

[8] Ibidem, S. 163.

[9] Ibidem.

[10] Bolschaja Sowetskaja Enziklopedija. Bd. 40, Moskau 1957, S. 287.

[11] Ibidem, S. 288.

Details

Seiten
19
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656426141
ISBN (Buch)
9783656438755
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v214245
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Fachbereich Geschichte
Note
2,0
Schlagworte
Neueste Geschichte UdSSR Umschreibung Manipulation Vergangenheitsbewältigung

Autor

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