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Die Entwicklung vom expressionistischen zum epischen Theater: „Die Maschinenstürmer“ von Ernst Toller und „Mutter Courage und ihre Kinder“ von Bertolt Brecht

Facharbeit (Schule) 2008 27 Seiten

Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Der Revolutionär Bertolt Brecht

2 Das expressionistische Theater
2.1 Erläuterung
2.2 Ernst Toller: Die Maschinenstürmer
2.2.1 Zusammenfassung des Stückes
2.2.2 Die Figuren und ihre Symbolik
2.2.3 Darstellung
2.2.4 Ziele des Verfassers und deren Umsetzung

3. Das epische Theater
3.1. Unterschiede zwischen dem klassischen und dem epischen Theater
3.2 Verfremdungseffekte
3.3 Bertolt Brecht: Mutter Courage und ihre Kinde
3.3.1 Zusammenfassung des Stückes
3.3.2 Die Figuren und ihre Symbolik
3.3.3 Darstellung
3.3.4 Ziele des Verfassers und deren Umsetzung

4. Vergleich der beiden Dramen

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur

1 Der Revolutionär Bertolt Brecht

„ Abgesehen von Kafka und Thomas Mann war Brecht wohl der Jahrhundertdichter. In meinem ganzen Leben habe ich keinen bedeutenderen Schriftsteller kennen gelernt.“[1]

So äußerte sich der einflussreiche Literaturkritiker und Leiter der „literarischen Quartetts“ Marcel Reich-Ranicki über den deutschen Schriftsteller und Dramaturgen Bertolt Brecht. Mit dieser hohen Meinung ist Reich-Ranicki nicht alleine. Mit jährlich über 300.000 verkauften Exemplaren seiner Werke, die in über 50 Sprachen erschienen sind, gehört der am 14. August 1956 in Berlin verstorbene Autor ohne Zweifel zu den größten deutschen Schriftstellern. Eine Statistik des Bühnenvereins ergab, dass Brecht nach Shakespeare und den Gebrüdern Grimm in deutschsprachigen Theatern am meisten gespielt wird.[2] In der Saison 2005/06 erreichte sein Stück „Die Dreigroschenoper“ mit 199.308 Zuschauern sogar die höchste Besucherzahl in Deutschland.[3]

Einen großen Teil seines Bekanntheitsgrades hat Brecht der Tatsache zu verdanken, dass er als Begründer des epischen Theaters gilt. Diese, vom traditionellen Theater erheblich abweichende Dramenform, bescherte Brecht den Status eines Revolutionärs, da er scheinbar mit allen bisher dagewesenen Traditionen des Illusionstheaters bricht, um seinem Publikum nicht nur Unterhaltung zu bieten, sondern vielmehr durch Distanzierung und Verfremdung zum kritischen Nachdenken anzuregen. Sein Ziel war den Menschen sehender zu machen und ihn so zum Besseren zu verändern.

Doch auch im Expressionismus war der Wille des Künstlers bereits die Menschen zu ändern, und besonders das Drama sollte zur „weltverändernden Tat aufreizen.“[4] Brecht war also nicht der erste, der durch seine Darstellungsweise versucht hatte bei seinem Publikum einen Wandel zu erreichen.

Durch einen Vergleich des expressionistischen Stückes Die Maschinenstürmer von Ernst Toller, mit Mutter Courage und ihre Kinder, eines der wichtigsten Werke von Bertolt Brecht, soll gezeigt werden, ob einige von Brecht verwendete Mittel bereits in der expressionistischen Darstellungsform zu finden sind.

2 Das expressionistische Theater

2.1 Erläuterung

Die kulturelle sowie geistige Bewegung des Expressionismus nahm etwa 1910 ihren Anfang und dauerte bis ca. 1924 an. Sie kann als Reaktion auf die damalige politische und vor allem wirtschaftliche Situation gedeutet werden, mit welcher viele Künstler unzufrieden waren. Sie befürchteten eine chaotische Entwicklung der Menschheit, da eine immer größer werdende Abhängigkeit von u. a. Wissenschaft, Technik und Industrie bestand. Um dies zu bekämpfen, sollte die Kunst dazu beitragen den Menschen zu ändern. Das Drama spielte im Expressionismus eine besondere Rolle, da die Ideen der Veränderung und Steigerung besonders effekt- und damit eindrucksvoll dargestellt werden kann. Typische Themen sind Angst, Tod, Wahnsinn, Melancholie oder Krieg. Nach dem ersten Weltkrieg werden auch der Kampf gegen die Technik und Hass auf die Zivilisation zum Thema. Die Spielweise ist sehr emotional und ausdrucksstark. Um den Zuschauer zur Veränderung zu appellieren soll er möglichst stark beeindruckt werden, z. B. durch die Verwendung von Drehscheiben, Hebe- und Senkbühnen, besonderen Einsatz der neuesten Lichttechnik, abstraktem Bühnenbild, Tanz oder Pantomime.[5]

Der Bühnenraum selbst sollte jedoch möglichst neutral und auf das wichtigste beschränkt sein. Die Beleuchtung erfährt dabei eine besondere Bedeutung, da schnelle Wechsel des Schauplatzes durch die Veränderung des Lichts vollzogen werden können.[6]

2.2 Ernst Toller: Die Maschinenstürmer

2.2.1 Zusammenfassung des Stückes

1820 in England: Das britische Oberhaus hält eine Sitzung ab, in welcher eine Bill zum Schutze neu installierter Maschinen gegen aufständische Arbeiter verabschiedet wird. Sollte ein Arbeiter versuchen eine Maschine zu zerstören, droht im der Tod. Der Menschenfreund Lord Byron warnt die Machthaber vor der Stärke der unterdrückten Klassen, wird aber von seinen Mitstreitern nicht ernst genommen.

Zur selben Zeit im englischen Nottingham: Ure, der Fabrikbesitzer der örtlichen Weberei lässt eine Maschine in seiner Fabrik aufstellen. Die ohnehin schon in großer Armut lebenden Arbeiter fürchten um ihre Stelle und führen unter ihrem Anführer John Wible einen Streik durch. Um die Ernsthaftigkeit ihrer Absicht zu unterstreichen werden unter der Leitung Wibles symbolisch drei Strohpuppen am Galgen erhängt, um zu demonstrieren wie es möglichen Streikbrechern ergehen wird. Als Jimmy Cobbett nach einer langen Reise wieder in seine Heimatstadt zurückgekehrt, erfährt dass die Weber vorhaben die Maschine zu zerstören. Eindringlich will er vor dieser Tat warnen, da er erkannt hat, dass die Arbeiter keine Chance gegen die Revolution der Technik haben. Er kündigt sich bei dem Weber Ned Lud für die Gewerktagung bei John Wible am selben Abend an, um dort zu den Arbeitern zu sprechen. Als er nach den langen Jahren der Wanderschaft wieder in sein Elternhaus zurückkehrt, erfährt er dass sein älterer Bruder Henry nun Geschäftsführer in Ures Fabrik ist. Henry, der durch den aufständischen Bruder nun um seine Stelle bangt verleugnet Jimmy, und auch dessen Mutter bittet ihn zu gehen. Jimmy, der nun keine Unterkunft hat, wohnt daraufhin bei einem Bettler, mit dem er kurz davor Freundschaft geschlossen hat.

Im Hause John Wibles lässt sich das Elend der Arbeiter gut erkennen. Sein Sohn Teddy ist so schwach dass er kaum laufen kann, sein Schwiegervater, ein mittlerweile geisteskranker, alter Greis, macht Gott für das Elend auf der Welt verantwortlich und sucht ihn, um ihn zu töten. Wibles Frau Mary muss sich Henry Cobbett hingeben um so wenigstens ein bisschen Geld zu beschaffen. Später treffen sich die Arbeiter bei Wible um die Zerstörung der Maschine zu planen. Nachdem Jimmy zu ihnen gesprochen hat, gelingt es ihm sie zu überzeugen nicht gegen die Maschine zu kämpfen, sondern sich lieber die Maschine untertan zu machen. Als ihn die Arbeiter sogar zu ihrem Führer ernennen, plant der neidische John Wible eine Intrige gegen ihn. Er vereinbart ein Treffen mit Ure, wo er kurz davor noch mit Henry über seinen Plan Jimmy loszuwerden spricht: „Die Maschine doch zerstören… ihn unauffällig wissen lassen, dass wir es tun… und dann dabei… dann muß [sic] er Nottingham verlassen….“[7] Ure selbst beschreibt er Jimmy als „ein(en) fremdländischer Agitator“[8], dessen Namen keiner kenne und dass dieser die Arbeiter dazu aufgehetzt habe die Maschine zu zerstören. Ure glaubt ihm und bittet ihn um Information, sollte sich etwas ergeben. Wible hat erreicht was er wollte. Er überzeugt Jimmy davon dass die Arbeiter sich am nächsten Abend vor dem Fabriktor versammeln, um Streikbrecher am Eintritt zu hindern. Daraufhin hetzt er die anderen Weber gegen Jimmy auf, indem er behauptet dass die Maschine, welche die Arbeiter weniger als ein von Menschen erbautes Werkstück, sondern vielmehr als böses Lebewesen oder Dämon sehen, hätte ihn gekauft. Durch Zufall wird seine Hetzerei durch die Arbeiterweiber unterstützt, die wütend durch die Untat ihrer Männer sind, denn durch die Maschine sollen nur noch Frauen und Kinder in der Fabrik arbeiten, die meisten Männer würden entlassen. John Wible vereinbart hinter dem Rücken Jimmys mit den anderen Arbeitern noch am selben Abend die Zerstörung der Maschine in der Fabrik. Der weitsichtige Bettler berichtet Jimmy von dem Vorhaben der Arbeiter die Maschine in der Nacht zu zerstören. Ebenso warnt er ihn aber vor dem erscheinen in der Fabrik. Jimmy, der seinen Leuten noch immer vertraut eilt dennoch zur Weberei. Die wütenden Arbeiter stürmen die Fabrik, doch anstelle der Streikbrecher finden sie nur Frauen und Kinder an den Webstühlen. Als sie die Maschine erblicken führt Wible die Hetzerei weiter. Mit den Worten „Henry Cobbett heißt der Schurke, der uns verriet und Ures Sklave wurde. Jimmy Cobbett ist sein Bruder!“[9] überzeugt er die Arbeiter letztendlich von der angeblichen Falschheit Jimmys. Als Ned Lud auf die Maschine einschlägt setzt er diese in Gang, worauf die Arbeiter noch mehr vom Eigenleben der Maschine überzeugt sind. Die Situation eskaliert, ein Arbeiter wird von der Maschine erfasst und getötet, ein anderer Arbeiter, Albert[10], wird wahnsinnig und hat eine Vision, in welcher die Maschine lebt. Als Jimmy in der Fabrik eintrifft stürzen sich die Weber auf ihn und bringen ihn um. Erst als der Bettler erscheint um Jimmy zu retten begreifen sie durch seine Worte dass sie, blind durch die Anstiftung Wibles, falsches Getan haben. Erschwerend kommt hinzu, dass Wible selbst sich vor dem Mord gedrückt hat und daraufhin floh. Kurz darauf werden sie verhaftet. Der alte Reaper betritt die inzwischen leere Fabrikhalle und erblickt Jimmy. Er hält ihn für Gottes Sohn und meint ihn erschossen zu haben. Nach anfänglichem Jubel beweint er seinen Tod und begreift was die anderen nicht verstanden haben: „man muß [sic] einander helfen und gut sein.“[11]

2.2.2 Die Figuren und ihre Symbolik

Der Protagonist Jimmy Cobbett ist ein kluger, freundlicher aber naiver Menschenfreund. Jimmy ist der einzige Arbeiter, der die Maschine als das sieht was sie wirklich ist: kein böses Lebewesen sondern ein von Menschen geschaffener Gegenstand aus „Eisen, Schrauben, Drähten, Holz“.[12] Obwohl er in der Lage ist zu erkennen, dass die Zerstörung der Maschine sinnlos und der technologische Fortschritt unaufhaltsam ist, sieht er nicht die Gefahr, die von seinen eigenen Kameraden ausgeht, und vor der ihn der Bettler vergebens versucht zu warnen. Für ihn können die Weber kein Unrecht tun: „Arbeitsmänner halten ihr Wort“,[13] er ist sich seiner Leute sicher und besiegelt, die Warnungen des Bettlers in den Wind schlagend, so sein eigenes Schicksal.

Jimmys Weisheit und seine Freundlichkeit werden ihm zum Verhängnis: Wible gelingt es die Arbeiter von Jimmys Falschheit zu überzeugen, weil sie sich nicht mit Jimmy identifizieren können. Sie verstehen ihn nicht richtig, da er für seine Zeit, vor allem in den Arbeiterkreisen, geistig zu weit fortgeschritten ist. Er weiß dass die Arbeiter sich verändern, und eine fest zusammenhaltende Gemeinschaft bilden müssen: „Brüder! Bündet euch! […] Einet euch im Bund der Schaffenden“.[14] Die Arbeiter können seinem Plan jedoch nicht richtig folgen, da Jimmys vorhaben ihre gegenwärtige Lage vorerst nicht verbessert.[15]

Der Arbeiterführer John Wible ist der genaue Gegensatz zu Jimmy. Er ist weder freundlich noch hilfsbereit, sondern stets auf seinen Vorteil bedacht. Das Geld, das seine Frau durch die Prostitution bei Henry Cobbett erwarb, verspielt er. Als Jimmy die Arbeiter kurzzeitig von seinem Vorhaben überzeugt ist er neidisch und plant sofort eine Intrige gegen ihn, in welcher er den Mord an Jimmy bereits vorgesehen hat. Als es schließlich so weit ist, lässt er die Arbeiter den Mord für ihn begehen, da er kein Blut sehen kann, kurz darauf flüchtet er um einer Festnahme zu entgehen.

[...]


[1] Reich-Ranicki, Marcel: Lauter schwierige Patienten. Gespräche mit Peter Voß über Schriftsteller

des 20. Jhdts. 1. Auflage. List-Verlag 2002. S.: 12.

[2] Vgl.: Roeder, Philip: „Ist das Glas halb voll oder halb leer?“

URL: http://www.buchmarkt.de/index.php?mod=news&page=22761, Stand 09.08.07.

[3] Vgl.: o. A.: “Wer spielte Was 2005/2006?”

URL: http://www.buehnenverein.de/presse/statistik_werwas.php, Stand: 30.07.07.

[4] Simhandl, Peter: „Expressionistisches Theater.“ In: Brauneck, Manfred; Schneilin Gerhard:

Theater Lexikon, Begriffe und Epochen/Bühnen und Ensembles. 1. Auflage. Reinbek bei Hamburg:

Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH 1986. S.: 327.

[5] Vgl.: o. A.: „Expressionismus.“

URL: http://www.lehrer.uni-karlsruhe.de/~za874/homepage/expressionismus.htm

Stand: 05.08.07

[6] Vgl.: Simhandl, Peter: „Expressionistisches Theater.“ In: Theaterlexikon, S.: 329.

[7] Toller, Ernst: Die Maschinenstürmer, Ein Drama aus der Zeit der Ludditenbewegung in England in fünf

Akten und einem Vorspiel. Leipzig: E. P. Tal & Co. Verlag 1922. S. 48.

[8] Ebd. . S.: 50.

[9] Ebd.. S.: 105.

[10] In der hier besprochenen 2. Fassung, in der 1. Fassung war es der Ingenieur anstatt Albert.

[11] Toller, Ernst, Die Maschinenstürmer. S.: 119.

[12] Ebd.. S.: 42.

[13] Ebd. . S.: 93.

[14] Ebd.. S.: 43 f.

[15] Vgl.: Reimers, Kirsten: Das Bewältigen des Wirklichen. Untersuchungen zum dramatischen Schaffen

Ernst Tollers zwischen den Weltkriegen. Würzburg: Verlag Königshausen & Neumann GmbH 2000.

S.:82, 85.

Details

Seiten
27
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656426929
ISBN (Buch)
9783656433972
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v214156
Institution / Hochschule
Staatliche Berufliche Oberschule Fachoberschule / Berufsoberschule Kaufbeuren
Note
2,0
Schlagworte
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