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Der Falklandkrieg 1982 - ein Krieg um Anerkennung? Eine neue Perspektive auf Großbritanniens Engagement.

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 27 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Westeuropa

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Falkland 1982: Krieg einer ehemaligen Großmacht um Anerkennung in der Staatenwelt?

2 Vorschub: Die Anerkennungstheorie als theoretischer Hintergrund

3 Nichtanerkennung als Kriegsursache: Thomas Lindemanns theoretischer Ansatz
3.1 Lindemanns Hauptargument und die Abgrenzung zu gängigen Kriegsursachentheorien
3.2 Die vier Hypothesen
3.2.1 Hypothese 1: Krieg um Prestige
3.2.2 Hypothese 2: Krieg aus Antipathie
3.2.3 Hypothese 3: Krieg um die universelle Würde eines Staates
3.2.4 Hypothese 4: Krieg um die partikulare Würde eines Staates

4 Lindemann auf dem Prüfstand: Nichtanerkennung als kriegsauslösendes Moment im Falklandkrieg?
4.1 Der Falklandkrieg: Grundlagen
4.2 Prüfung der vier Hypothesen
4.2.1 Hypothese 1: Krieg um Prestige
4.2.2 Hypothese 2: Krieg aus Antipathie
4.2.3 Hypothese 3: Krieg um die universelle Würde eines Staates
4.2.4 Hypothese 4: Krieg um die partikulare Würde eines Staates
4.3 Plausibilisierung der vier Hypothesen

5 Fazit und kritische Abwägung: Nichtanerkennung oder doch Macht-/Profitstreben?

Literaturverzeichnis

Anhang

Erklärung der wissenschaftlichen Redlichkeit

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Die vier Hypothesen im Überblick

Abbildung 2: Nichtanerkennung als kriegsauslösendes Moment im Falklandkrieg

1 Falkland 1982: Krieg einer ehemaligen Großmacht um Anerkennung in der Staatenwelt?

Was der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges einst jovial mit dem „Streit zweier Glatzköpfe um einen Kamm“ (Petersen 2012: 1) gleichsetzte und dem Journalisten Hannes Stein als „Gipfel der Absurdität“ (Stein 2012) anmutete, beschäftigt die Weltpolitik auch dreißig Jahre nach dem Ereignis noch immer. Es handelt sich um den Falklandkrieg zwischen Argentinien und Großbritannien, der 1982 der britischen Premierministerin Margaret Thatcher einen Popularitätsschub verschaffte und Argentiniens Militärjunta das Ende und so dem Land den Weg zur Demokratie bereitete.[1]

Als Argentinien am 2. April 1982 nach nahezu zwei Jahrzehnten erfolglosen Verhandlungen um den territorialen Status die Inselgruppe vor der Landesküste besetzte, rechnete es wohl eher nicht mit einem britischen Gegenschlag gewaltigen Ausmaßes: Im Nachhinein wurde bekannt, dass britische Schiffe teils sogar mit Atomwaffen ausgestattet waren (vgl. Spiegel 2012). Die argentinische Kapitulation im Juni 1982 beendete schließlich einen mehrwöchigen Krieg mit 655 argentinischen und 253 britischen toten Soldaten[2] – von den Verwundeten ganz zu schweigen. Auch einige Falkländer, nach Gesetz und mehrheitlich britische Staatsbürger, wurden Opfer des Kräftemessens der beiden Staaten.

Die zeitgenössische wissenschaftliche Literatur ist sich uneinig darüber, welches Ziel Großbritannien, Premierministerin Margaret Thatcher an der Spitze, mit dem von Militärexperten als waghalsig eingeschätzten Einsatz zu erreichen suchte. Auf der einen Seite ist, wie im Fall des argentinischen Staatspräsidenten Galtieri, von Ablenkung von Problemen im Inneren die Rede, auf der anderen Seite wird aber auch die geostrategische Lage der Falklandinseln in Betracht gezogen. Zwar sind diese öde, windig und von mehr Schafen als Menschen besiedelt, jedoch auch nah der rohstoffreichen Antarktis sowie des Schifffahrtswegs am Kap Horn gelegen. Zudem könnte ihr Besitz, als einer der wenigen damals noch vorhandenen Puzzlestücke des ehemaligen britischen Empires, welches nach dem Zweiten Weltkrieg vom Verfall begriffen war, vielleicht doch ein Zeichen von Macht oder auch Prestige gewesen sein. In den 1990er Jahren wurden große Ölvorkommen rund um die Inseln entdeckt, und schenkt man britischen Geheimdienstinformationen Glauben, so könnte es sein, dass Thatcher von diesen schon Anfang der 1980er Jahre gewusst hatte. Insgesamt werden in der Literatur so Motive aufgeführt, die Machterhalt, Machtausweitung und Machtdemonstration nahelegen oder die (damit zusammenhängende) Komponente der wirtschaftlichen Ressourcen mit einbringen. Damit sind die Motive Großbritanniens zwar kontrovers, jedoch auch klar umrahmt. Entweder liegt die Ursache des britischen Militäreinsatzes getreu des Akteursmodells des homo politicus in machtpolitischen Beweggründen nach Innen oder Außen (und auch das Prestigemotiv fällt hierunter) oder getreu des Modells des homo oeconomicus in wirtschaftlichen Beweggründen. Hinter den gängigen Konfliktursachenansätzen zum britischen Engagement liegen so die Denkansätze des (Neo-) Realismus bzw. des (Neo-) Liberalismus. Diese Erklärungsansätze greifen aber zu kurz, beschäftigt man sich mit der Theorie der Anerkennung, welche, geprägt von Axel Honneth, in der Politischen Philosophie der vergangenen Jahre eine mehr und mehr bedeutende Rolle gespielt hat. Hat nicht nur das Individuum einen tiefgründigen Wunsch vom sozialen Umfeld anerkannt zu werden (vgl. Honneth 2012; Ringmar; 2012; Wolf 2012), so hat dies auch der Staat, und zwar von der Staatengemeinschaft. Zwar ist durchaus Skepsis darüber angebracht, Staaten als Verbindungen von Menschen zu betrachten und ihnen somit menschliche Desiderate und Verhaltensweisen zuzusprechen. Dies wäre methodologisch zu kurz gefasst. Jedoch ist auch für kollektive Akteure auf der internationalen Ebene Anerkennung zumindest ein wichtiges Phänomen, folgt man den oben genannten Autoren. Nichtanerkennung könne dementsprechend auch bei staatlichen Akteuren kognitive Dissonanz herbeiführen und so, neben anderen Faktoren, eine Ursache für einen Kriegseinsatz ein, folgt man der Argumentation Thomas Lindemanns (2012). Seinem Ansatz liegt der homo symbolicus zu Grunde. Kollektive Akteure wie Staaten seien nicht nur aus Macht- oder Bereicherungswünschen kriegsbereit, sondern auch um des positiven Selbstbilds willens. Demzufolge könne auf eine öffentliche Demütigung ein Kriegseinsatz folgen, auch wenn dazu gewiss noch andere Faktoren und Motive eine Rolle spielen.

Lindemanns Theorem soll in dieser Arbeit auf die Probe gestellt werden. Dies soll anhand des britischen Militäreinsatzes im Falklandkrieg geschehen, da die Motive dieses Engagements, wie soeben dargelegt, selbst 30 Jahre danach höchst umstritten sind und eine tiefgründige Beschäftigung mit ihnen vor dem Hintergrund eines Anerkennungsansatzes bisher noch nicht erfolgt ist. Damit ist die Forschungslücke klar definiert.

Der Fokus liegt auf dem britischen Militäreinsatz, und nicht auf dem argentinischen, da ein Fokus auf beide Staaten den Rahmen dieser Arbeit überschreiten würde. Nichtsdestotrotz wäre es gleichwohl angebracht, die argentinische Invasion vor dem Hintergrund des (Nicht-) Anerkennungstheorems zu untersuchen.

Der Arbeit wird die These zu Grunde gelegt, dass Großbritannien die argentinische Invasion als Nichtanerkennung interpretiert hat und daher die Inselgruppe mit Waffengewalt zurückerobert hat. Jedoch fallen auch andere Motive ins Gewicht, die auf britisches Machtinteresse verweisen.

In einem ersten Schritt (2) wird die Anerkennungstheorie skizziert, um den theoretischen Hintergrund besser verstehen zu können. Hierzu sei angemerkt, dass dies bewusst als ein kurzer Vorschub gehalten wird und der Fokus auf grundlegenden wissenschaftlichen Entwicklungen bzw. Debatten der Politischen Philosophie liegt. Vernachlässigt werden Aspekte der Anerkennung aus der Psychologie oder auch der Soziologie. Dies aufzunehmen würde den Rahmen der vorliegenden Arbeit überschreiten, wäre zudem aber auch nicht ganz angemessen, da Lindemanns Theorem hauptsächlich auf Erkenntnissen der Politischen Philosophie basiert.

In einem zweiten Schritt wird das Theorem Lindemanns mit dessen Hauptargument und vier untergeordneten Hypothesen dargelegt (3). Dies erfolgt vollkommen wertfrei, um die Neutralität zu bewahren, die für die Anwendung auf den Falklandkrieg notwendig ist.

In einem dritten Schritt wird ein kurzer Abriss des Konfliktgegenstandes gegeben (4.1), um darauffolgend Lindemanns Hypothesen an dieser Empirie abprüfen zu können (4.2).

Neben Darstellungen des Krieges (Calvert 1982; Gibran 2008), wird insbesondere auf Analysen der Regierungstätigkeit von Margaret Thatcher zurückgegriffen, da diese die britischen Motive zu einer hohen Wahrscheinlichkeit am besten aufzeigen können (Evans 1997; Reitan 2003; Riddell 1985), verglichen mit gewöhnlichen Schriften über den Krieg.

Schließlich wird ein Fazit (5) gezogen, welches die Befunde zusammenfasst und so konstatiert, ob die eingangs formulierte Hypothese plausibilisiert werden konnte oder nicht. Dabei kann auch eventuelle Kritik an Lindemanns Theorem deutlich werden.

2 Vorschub: Die Anerkennungstheorie als theoretischer Hintergrund

Generell ist es in der Politischen Philosophie unumstritten, dass Individuen ein gewichtiges Bedürfnis danach haben, von anderen Gesellschaftsmitgliedern anerkannt zu werden. Nur dadurch sind sie imstande, die für sich essentiellen Identitäten zu generieren. Anerkennungsprozesse sind stets soziale: Identitätsbildung bedarf immer eines signifikanten Anderen (vgl. Honneth 1995). Als erste Vertreter der Philosophie setzten sich J.G. Fichte und G.W.F. Hegel mit dem Individuum als anerkennungsorientierten Wesen auseinander. Ging es bei Fichte noch um die gegenseitige Anerkennung des Rechtsstatus, so weitete Hegel das Konstrukt auf die soziale Sphäre aus. Der Mensch als gemeinschaftsorientiertes Wesen sei permanent um Anerkennung als gleichberechtigtes Gesellschaftsmitglied bemüht. Konstruiert sich Gesellschaft bei Fichte durch einen Vertrag und damit von außen, ist für den Fichte-Rezipienten Hegel die Komponente der gegenseitigen Anerkennung notwendige Bedingung für Gemeinschaft (vgl. Kaletta 2008: 12). Damit ist der „Kampf um Anerkennung“ Motor menschlicher Handlung (vgl. Ringmar 2012: 10). Der Sozialphilosoph A. Honneth knüpfte mit seiner Anerkennungstheorie wiederum an Hegel an. Für Honneth ist gegenseitige Anerkennung Voraussetzung für eine moralische Gesellschaft, welche Anerkennungsverhältnisse bedarf, die es allen Mitgliedern ermöglicht, intakte Identitäten aufzubauen (vgl. Kaletta 2008: 12). Bei Honneth existieren drei verschiedene Anerkennungsdimensionen: Liebe als emotionale Anerkennung, Recht als moralische Anerkennung und Solidarität als Anerkennung individueller Leistungen/Besonderheiten (vgl. Honneth 1995: 92 ff.). Diese Theorie wurde seitdem kritisiert und ausgebaut, sei es beispielsweise durch N. Fraser (2003) mit dem ökonomischen Aspekt der Umverteilung, derer eine gerechte Gesellschaft bedürfe, oder sei es C. Taylor mit seiner „Politik der Anerkennung“ (1992), welche den Fokus auf die Notwendigkeit der Anerkennung kultureller Gemeinschaften und ihrer speziellen Bedürfnisse legt. In letzter Zeit wurde die Debatte dahin gehend ausgeweitet, Anerkennung auch als staatliches Bedürfnis zu betrachten. Der „Kampf um Anerkennung“ in den Internationalen Beziehungen avancierte zu einem wichtigen Forschungsfeld (vgl. Honneth 2012; Wolf 2012). Für Lindemann stellt Nichtanerkennung, wie auf den folgenden Seiten dargelegt wird, sogar einen Kriegsgrund für Staaten dar (2012).

3 Nichtanerkennung als Kriegsursache: Thomas Lindemanns theoretischer Ansatz

3.1 Lindemanns Hauptargument und die Abgrenzung zu gängigen Kriegsursachentheorien

Thomas Lindemanns Ansatz ist ein Kriegsursachentheorem, welches in die soeben skizzierte Anerkennungstheorie einzuordnen ist. Auf der Suche nach der Erklärung zwischenstaatlicher Kriege wendet er sich von gängigen Ursachentheorien ab, welche entweder auf dem homo politicus als machtorientierten oder dem homo oeconomicus als profitorientierten Akteur beruhen. Lindemann widersetzt sich dementsprechend (neo-) realistischen und (neo-) liberalen Erklärungsmodellen und setzt seinem Ansatz den homo symbolicus voraus. Dieses Akteursmodell beinhaltet das Streben nach einem positiven Selbstbild aus emotionalen oder auch instrumentellen Gründen. Lindemann betont die Wichtigkeit dieser symbolischen Komponente mit Verweis auf Studien aus der Philosophie, Sozialpsychologie, Soziologie und der Politikwissenschaft. Er bezieht sich insbesondere direkt auf Axel Honneths Anerkennungstheorie und übernimmt dessen Befunde für die hohe Bedeutung der Anerkennung innerhalb sozialer Beziehungen (1-2). Die Relevanz von Anerkennung und ihrer Komponenten sieht er in gängigen Kriegsursachentheorien vernachlässigt:[3]

„Whilst in everyday disputes it is accepted that issues of prestige, honour and image matter, in studies of origins of war these concerns are nearly ignored”(2).

Für Lindemann hat Krieg auch einen symbolischen Aspekt und kann so Mittel dazu sein, das Selbstbild eines Akteurs zu bewahren oder zu verbessern, ohne unbedingt Ausdruck von Machtstreben oder Profitgier zu sein. Nicht nur Individuen, sondern eben auch Staaten streben nach Anerkennung, so der Autor, und folgert daraus sein Hauptargument: Nichtanerkennung könne genauso eine Erklärung für kriegerisches Handeln darstellen wie andere Variablen. Attacken gegen das Selbstbild eines Akteurs, obgleich real oder imaginär, seien in der Lage physische Gewalt auszulösen. Nichtanerkennung sei durchaus identifizierbar und auch quantitativ bestimmbar, ob durch die Analyse der Selbstdarstellung von Großmächten beispielsweise hinsichtlich ihrer Regierungsarchitektur oder durch Prüfung der Zahl der Großmächte, die von internationalen Entscheidungsinstitutionen ausgeschlossen sind (2-3).

[...]


[1] In Argentinien werden die von den Briten Falklands genannten Inseln mit Islas Malvinas bezeichnet. Die Autorin dieser Arbeit verwendet „Falklandinseln“, dies jedoch ohne eine Wertung vornehmen zu wollen. Es ist die im Deutschen gängige Bezeichnung.

[2] Aus Gründen der besseren Lesbarkeit und Platz wird hier durchgängig das generische Maskulinum verwendet, welches jedoch alle sozialen Geschlechter und Geschlechtsidentitäten einschließt.

[3] Das folgende Kapitel basiert auf Lindemanns Werk „causes of war“ (2012). Zur lesbareren Darstellung und Übersichtlichkeit wird in den Quellenangaben nur die Seitenzahl angegeben.

Details

Seiten
27
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656425823
ISBN (Buch)
9783656436997
Dateigröße
662 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v214051
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
krieg anerkennung eine perspektive großbritanniens engagement falklandkrieg

Autor

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