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« W ou le souvenir d’enfance » von Georges Perec und « Rue des boutiques obscures » von Patrick Modiano. Ein Literaturvergleich

Hausarbeit 2012 15 Seiten

Romanistik - Französisch - Literatur

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die Autoren Georges Perec und Patrick Modiano im Profil

3. W ou le souvenir d’enfance – ein Überblick

4. Rue des boutiques obscures – ein Überblick

5. Der Vergleich beider Werke
a. Das Erleben der Besetzungszeit
b. Die Romane als Autobiographie
c. Die Suche nach der eigenen Identität

6. Fazit

7. Bibliographie

1. Einleitung

In der folgenden Hausarbeit soll es um einen literarischen Vergleich gehen. Verglichen wird Georges Perecs Werk „W ou le souvenir d’enfance“ mit „Rue des boutiques obscures“ von Patrick Modiano. Um zunächst einen Überblick zu bekommen, werden beide Autoren vorgestellt und kurze Anmerkungen gemacht, was verbindende Elemente zwischen ihnen sein könnten; danach werden die eben erwähnten Werke kurz inhaltlich vorgestellt. Im Anschluss werden beide Bücher dahingehend analysiert wie die Hauptfiguren die Zeit der Besetzung von Paris während des Zweiten Weltkrieges erlebt haben; es soll außerdem näher betrachtet werden, inwiefern die beiden Romane Autobiographien darstellen und schließlich wird der Weg beider Romanfiguren auf der Suche nach ihrer Identität beleuchtet werden.

2. Die Autoren Georges Perec und Patrick Modiano im Profil

In diesem Kapitel soll es kurz um das Leben und Wirken beider Autoren, deren Werke später verglichen werden, gehen. Georges Perec wurde am 7. März 1936 als Kind polnisch jüdischer Eltern in Paris geboren. Früh verlor er beide Elternteile im 2. Weltkrieg; sein Vater wurde an der Front von deutschen Soldaten erschossen und seine Mutter wurde nach Auschwitz deportiert. Er selbst wurde zuvor von seiner Mutter aus Paris weg in die zone libre geschickt, um bei Verwandten des Vaters unterzukommen. Die Zeit bis zum Kriegsende hat Perec in Villard-de-Lans in diversen Internaten verbracht; danach kehrte er mit seiner Tante nach Paris zurück und wurde von dieser adoptiert.

Nach seinem Abitur studierte er zunächst Geschichte und Soziologie, was er aber bald wieder aufgab. Er heiratete 1960. Durch seine Arbeit als documentaliste [1] in einem Labor hatte er relativ freie Zeiteinteilung, die er nutzte um sich dem Schreiben zu widmen. So erschien 1965 sein erster Roman „Les choses“, der ihn bekannt machte. Insgesamt verfasste er eine Vielzahl an Werken. „Perec wollte das gesamte Spektrum der zeitgenössischen Literatur abdecken. Keines seiner Bücher gleicht daher dem anderen.“[2] 1967 wurde er Teil der Gruppe OULIPO[3] um Raymond Queneau. Perec war begeistert von den formalen Herausforderungen, die dieser literarische Kreis setzte; so schrieb er beispielsweise einen Roman ohne den Buchstaben E zu verwenden: „La disparition“ bzw. später umgekehrt nur mit dem Buchstaben E: „Les revenentes“. Perec sagte selbst über seine Mitgliedschaft in OULIPO: „[...] je me considère vraiment comme un produit de l’Oulipo. C’est à dire que mon existence d’écrivain dépend à quatre-vingt-dix-sept pour cent du fait que j’ai connu l’Oulipo à une époque tout à fait charnière de ma formation, de mon travail d’écriture.“[4] „W ou le souvenir d’enfance“, von dem im nächsten Kapitel die Rede sein wird, erschien 1975 und gilt als eines seiner erfolgreichsten Werke neben „La vie mode d’emploi“, welches ihm den Prix Medicis brachte. Wie erwähnt war sein literarisches Schaffen breit gefächert; außer Romanen verfasste er auch Gedichte, Theaterstücke, Drehbücher und sogar Kreuzworträtsel. 1982 starb er an Lungenkrebs. Was es für ihn bedeutete zu schreiben, formulierte er folgendermaßen: „l’écriture est le souvenir de leur mort et l’affirmation de ma vie“[5] [leur = de ses parents].

Am 30. Juli 1945 kam Patrick Modiano in Boulogne-Billancourt zur Welt. Sein Vater war Italiener, seine Mutter Flämin. Beide lernten sich im besetzten Paris kennen, wo Modiano auch seine Kindheit verbrachte. Sein älterer Bruder Rudy starb 1957 im Alter von 10 Jahren an einer Krankheit. Zur Bewältigung seiner Trauer widmete Modiano ihm seine ersten acht Werke (darunter auch „Rue des boutiques obscures“). Mittlerweile ist Modiano verheiratet und hat zwei Töchter.

In seinen Romanen wird meist von Kindheits- oder Jugenderinnerungen erzählt. Der erste Roman „La place de l’étoile“ erschien 1968. Er erhielt diverse Preise für seine Werke, zum Beispiel den Prix Concourt für „Rue des boutiques obscures“; sein sechster Roman, der 1978 erschien. Über eben diese Auszeichnung sagte der Autor: „Le prix Goncourt, c’est un peu comme l’élection de Miss France. Sans avenir. “[6] 1996 erhielt er den Grand Prix nationales des Lettres für sein Gesamtwerk. Wie für Perec spielt Raymond Queneau eine große Rolle in Modianos Schreiben. Er nutzt verschiedene Stile und Genres in seinen Werken, wie Briefwechsel, Polizeiberichte usw., was eine gewisse Dynamik erzeugt. „Ses personnages hantent souvent les pavés de la capitale, de nuit la plupart du temps, suivant un itinéraire minutieusement tracé par l’écrivain“[7]. Heute gilt Modiano als einer der ‘talentiertesten Autoren seiner Generation’[8].

Beide Autoren verbindet ihre Zugehörigkeit zum Judentum, dass sie einen geliebten Menschen verloren haben (bei Perec die Mutter, bei Modiano der Bruder) und dass Queneau ein Vorbild für sie war. Außerdem fällt auf, dass Perec 1973 ein Werk mit dem Titel „La boutique obscure“ herausbrachte, das sich auf die Via delle Botteghe Oscure in Rom bezieht. 5 Jahre später erschien Modianos Roman „Rue des boutiques obscures“. Auch die Bemerkung aus Modianos Werk „De si braves garçons“: „L’esprit particulier à notre école où le sport primait tout“[9], erinnert an Perecs „W ou le souvenir d’enfance“.

3. W ou le souvenir d’enfance – ein Überblick

„W ou le souvenir d’enfance“ ist so aufgebaut, dass imaginäre und autobiographische Kapitel jeweils alternieren (reckte und kursiv). Außerdem ist es durch Auslassungspunkte in zwei Teile geteilt. Dies wird schon auf dem Rückumschlag des Werkes preisgegeben: „Il y a dans ce livre deux textes simplement alternés […]L’un de ces textes appartient tout entier à l’imaginaire: c’est un roman d’aventures [...] un fantasme enfantin évoquant une cité régie par l’idéal olympique. L’autre texte est une autobiographie: le récit fragmentaire d’une vie d’enfant pendant la guerre [...]“[10].

Der erste Teil des kursiven Textes bildet eine Art Abenteuerroman eines gewissen Gaspard Winckler, der zweite Teil die Beschreibung der Insel W. Gaspard Winckler ist ein Waisenkind, in einer Adoptivfamilie groß geworden, später aus der Armee desertiert, bekommt daraufhin falsche Papiere. Eines Tages erhält er einen Brief von einem Herrn, der ihn treffen möchte. Dieser sagt ihm er trägt den Namen eines anderen, eines Jungen der bei einer Weltumsegelung verschollen blieb. Der erwachsene Gaspard macht es sich sodann zur Aufgabe den Jungen zu suchen. Hier endet die Geschichte, denn im Folgenden wird vom Erzähler die Insel W beschrieben. Das Leben auf W scheint zunächst perfekt, verkehrt sich später aber ins Gegenteil. Dargestellt wird eine in sich geschlossene Gesellschaft, ein olympisches Volk bestehend aus Athleten, Preisen, Wettkämpfen usw. Alles scheint perfekt organisiert. Der eigentliche Horror, der schon von Anfang an vorhanden ist, ist für den Leser zunächst nicht sichtbar. Nach einem zunächst harmlosen Anfang wird die Beschreibung des Lebens auf W immer drastischer; die Gewalt nimmt zu. So verkehrt sich das zunächst als vollkommen dargestellte System ins Gegenteil: die so genannten maîtres bleiben unerkannt, das Publikum ist grausam und die Sportler haben nie Sicherheit durch die Willkür der Regeln. Weitere Indikatoren der Grausamkeiten sind, dass die Sportler keine Namen haben, sich diese durch Wettkämpfe verdienen müssen, die Verlierer kein Essen bekommen, die Kindererziehung grotesk ist u.v.m. Am Ende kann das Leben auf W mit dem in einem Konzentrationslager gleichgesetzt werden.

[...]


[1] Dangy, Isabelle: Études sur Georges Perec «W ou le souvenir d’enfance», S. 5.

[2] Overbeck, Renate: Georges Perec: das Leben Gebrauchsanweisung ; der Roman als Puzzle, S. 9.

[3] Ouvroir de Littérature potentielle

[4] Miller, Anita: Georges Perec: zwischen Anamnese und Struktur, S. 28.

[5] http://www.teheran.ir/spip.php?article279

[6] http://www.parisarte.org/inspiration/litterature/modiano/patrick_modiano__rue_des_boutiques_obscures.pdf

[7] Ebd.

[8] http://www.evene.fr/celebre/biographie/patrick-modiano-3231.php

[9] http://pagesperso-orange.fr/reseau-modiano/perecgeorges.htm

[10] Perec, Georges: W ou le souvenir d’enfance. Rückumschlag

Details

Seiten
15
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656423706
ISBN (Buch)
9783656424345
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v213940
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1,0
Schlagworte
georges perec patrick modiano literaturvergleich

Autor

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Titel: « W ou le souvenir d’enfance » von Georges Perec und « Rue des boutiques obscures » von Patrick Modiano. Ein Literaturvergleich